El Salvador – San Salvador

07.-13.05.2015
 
Aus El Salvador kamen in letzter Zeit eher negative Berichte über den wieder ansteigenden Level der Gewalt. El Salvador und Honduras stehen ganz oben in der Liste der Länder mit den höchsten Mordraten. Verantwortlich dafür werden die beiden rivalisierenden Gangs Mara Salvatrucha 13 und Barrio 18 gemacht. Dementsprechend haben wir ein etwas mulmiges Gefühl, als wir uns am Morgen auf den Weg zur Grenze machen.
 
Auf unserer Fahrt von Antigua nach El Salvador wird es immer wärmer und die Landschaft immer grüner. Stephan übersieht einen Topes und überfährt diesen mit hoher Geschwindigkeit. Später entdecken wir die Beule in der Felge. Am Grenzübergang reihen sich kilometerlange Schlangen von LKWs. Bei der langsamen Zollabfertigung, wie wir sie später erleben, müssen diese wahrscheinlich mehrere Tage dort anstehen.
Die Ausreise von Personen und Bikes aus Guatemala geht recht schnell. Auch die Personeneinreise nach El Salvador ist mit einem Blick in den Pass erledigt. Auf Grund des C4-Abkommens der Länder Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua bekommen wir nicht einmal einen Stempel. Dafür erfordert das Einführen der Motorräder umso mehr Geduld. Was da so lange dauert ist uns unklar, denn außer uns warten nur wenige Truckfahrer, die von einem anderen Beamten bedient werden. Die Frau in dem unterkühlten Raum braucht Ewigkeiten um die Daten der Fahrzeugscheine in den PC aufzunehmen und die Papiere für die Bikes auszustellen. Für die vier Motorräder dauert der Prozess circa 3 Stunden. Als endlich alles erledigt ist, düsen wir schnell weiter bevor es dunkel wird, denn am Abend wollen wir gemeinsam mit Joey und Daniel deren Kontakt am Playa El Tunco treffen. Mit Einbruch der Dunkelheit und nach einer kurvenreichen Fahrt an der Küste erreichen wir endlich unser Ziel.
 
Gabriel, ein 21 jähriger El Salvadorianer und begeisterter Motorradfahrer, wartet schon auf uns. Nach dem Einchecken in ein kleines Hostel schlägt er vor, zu dem Haus seines Kumpels, welches an einem privatem Strand liegt, zu fahren. Dort gäbe es einen Pool und wir könnten uns es dort gemütlich machen. Wir sind nicht ganz so angetan von der Idee, da wir uns wieder in der Hitze in die Motorradklamotten quälen müssen und eine Heimfahrt im Dunkeln auf uns wartet. Aus den angesagten 5 Meilen Entfernung werden plötzlich mehr als 15, welche mit einer steilen Strecke über Kopfsteinpflaster enden. Der Pool ist leider doch nicht zu benutzen und so sitzen wir hinterm Haus und lauschen den Geschichten von Gabriel. Er hat eine Menge zu erzählen und wir wissen nicht so ganz wie viel jugendliche Übertreibung in seinen Geschichten steckt.
Wir treten die Rückfahrt in der Dunkelheit an. Eine Situation die wir in diesem Land in jedem Fall vermeiden wollten. Gabriel meinte jedoch die Straße sei durch Schutzgeld gesichert, welches die Politiker hier an die Banden zahlen, um den Tourismus zu erhalten.
 
Den nächsten Tag bleiben wir in dem kleinen Surfer Örtchen El Tunco. Es ist so heiß, dass wir uns kaum in der Lage fühlen aktiv etwas zu tun. Der Strand lädt nicht zum Baden gehen ein, den er ist flächendeckend übersät mit kindskopfgroßen Steinen, die vor einigen Tagen von der Flut angespült wurden. Daher ist hier kaum was los, normalerweise sollen sich die Besucher hier gegenseitig auf die Füße treten. So vergeht der Tag recht ereignislos. Wir schlendern vorbei an den Kleidershops, schreiben Blogeinträge und warten auf Gabriel, der am Abend wieder vorbeikommen wollte. Diesmal lassen wir uns nicht auf abenteuerliche Nachtfahrten ein, sondern gehen im Ort etwas essen.
Zum Schlafen ist es viel zu heiß, zumal wir in dem schmalen Bett kaum der Körperwärme des anderen entgehen können. Aufgrund der Hitze lassen wir uns vom Ventilator beföhnen, was wir am nächsten Tag prompt mit Halsschmerzen und in den Tagen später mit einer Erkältung bezahlen.
 
Gabriel lädt uns alle vier nach San Salvador in das Haus seiner Familie ein. Zuvor wollen wir allerdings noch unsere Hinterradreifen wechseln, da wir in Guatemala erfolglos waren. Wir hatten bereits vor einiger Zeit mit der Werkstatt Kontakt aufgenommen, die auch HEIDENAU Reifen vertreibt. Mit den voll beladenen Bikes fahren wir vor und tatsächlich, wie versprochen haben sie zwei der gewünschten Reifen vorrätig. Da die Mechaniker die Reifen nicht von der Felge bekommen, fahren sie mit unseren beiden Hinterrädern auf ihren Motorroller geschnallt zu einer befreundeten Werkstatt. Die Idee gefällt uns zunächst nicht so ganz, denn was ist, wenn die Räder abhandenkommen? Am Ende geht alles gut und mein Hinterrad ist nun auch wieder mit einem extra dicken Schlauch ausgestattet. Für das Zentrieren von Stepahns Vorderradfelge machen wir einen Termin für Montag, da dies heute leider nicht mehr möglich ist. Froh über den geglückten Reifenwechsel kann die Fahrt nun weiter gehen.
 
Gabriel führt uns zu einem Vulkan nahe der Stadt an dessen Kraterrand wir beinahe mit den Motorrädern ran fahren können. Der Vulkan ist nicht mehr aktiv, dennoch ist der Blick in den riesigen Schlund beeindruckend. Als ein Gewitter herannaht, werden wir etwas nervös, da wir den steilen und kaputten Kopfsteinpflasterweg hinuntermüssen, der im Regen glatt wird wie Schmierseife. Die Sorge war nicht unbegründet, denn prompt rutscht Stephan mit seinem Hinterrad weg und stürzt. Zum Glück ist nichts weiter passiert und die Fahrt geht weiter. Der Regen wird immer stärker, sodass wir bald komplett durchnässt sind und sich die Fahrt zu Gabriels Haus wie eine Ewigkeit anfühlt. Schon wieder fahren wir im Dunkeln, diesmal auch noch durch die von Gewalt gebeutelte Hauptstadt San Salvador. Wir trösten uns damit, dass bei dem Wolkenguss nicht einmal die Bandenmitglieder auf die Straße gehen.
 
Das Haus von Gabriels Familie ist etwas ungewöhnlich. Von der Straße gelangt man durch ein Schiebetor in eine große Halle. Unten befinden sich mehrere kleine Räume und ein großer Kühlraum für Käse. Das riecht man auch. Über zwei Treppen kann man am Rand der Halle hinaufsteigen und gelangt so zu Küche, Wohn- und Schlafzimmern. Alle paar Minuten springt ein Kühlaggregat an und sorgt für einen solchen Krach, dass man kaum sein eigenes Wort versteht.
Fünf völlig durchnässte Biker haben in der Halle zumindest die Gelegenheit die nassen Sachen abzulegen und abzutropfen. Gabriel besorgt für uns alle Abendbrot: Pupusas, das Nationalgericht El Salvadors. Es sind Fladen aus Mais- oder Mehlteig, die mit verschiedenen Zutaten wie Käse, Fleisch oder Gemüse gebacken beziehungsweise frittiert werden. Das war ein sehr leckeres Abendessen für umgerechnet 1,50€ pro Person.
Unser Schlafraum findet sich unten in der Halle gleich neben der Eingangstür für den Käseraum. Die Nächte dort kann ich kaum schlafen, denn mich quälen die Hitze, die Moskitos und die unbequeme Liegeposition auf dem Bett, da es so klein und unförmig ist, dass wir immer in der Mitte zusammen rutschen. Nicht zu vergessen der Gedanke an die Kakerlaken, die hier ab und an die Wände hochkrabbeln und das Kühlaggregat, welches alle 20 Minuten anspringt. Nach zwei dieser schlaflosen Nächte entschließe ich mich dazu, unser Zelt in einem der größeren ungenutzten Räume aufzustellen und komme so endlich wieder zu Schlaf.
 
Moskitos in Kombination mit Hitze können einen in den Wahnsinn treiben. In langen Sachen ist es wegen der Hitze kaum auszuhalten, in kurzen Sachen wird man ständig gepiesackt. Dabei reden wir nicht von zwei drei Mückenstichen. Wurde man innerhalb kurzer Zeit von mehreren dieser Mini-Biester gestochen, juckt es plötzlich am ganzen Körper und man möchte am liebsten in einen kalten Pool springen. An still sitzen und arbeiten am Computer ist jedenfalls nicht mehr zu denken und wir wissen eigentlich gar nicht so richtig wo hin mit uns. Abhilfe schaffen nur die Ventilatoren, die einen kühlen Wind erzeugen und gleichzeitig die Moskitos vertreiben. Lange können wir in dem Wind aber auch nicht sitzen, da wir uns dann wieder erkälten.
 
Wir wollen uns die Hauptstadt anschauen. Gabriels Familie rät uns davon ab zu Fuß zu gehen, denn es sei zu gefährlich. Also fährt uns unser Gastgeber bis ins Zentrum. Er ermahnt uns die Fensterscheiben oben lassen. Viele der Autos in Zentralamerika haben getönte Fensterscheiben. Selbst die Windschutzscheibe und die vorderen Seitenfenster sind stark getönt, was bei uns undenkbar wäre. Neben dem Sonnenschutz ist der Vorteil, dass niemand von außen sehen kann, wer oder wie viele Leute im Auto sitzen, was hier einen Sicherheitsaspekt darstellt.
Wir laufen eine Weile im Zentrum herum, fühlen uns alle aber nicht sonderlich wohl. Des Öfteren sehen wir mit Maschinengewehren bewaffnetes Personal von Polizei oder privaten Sicherheitsdiensten. Stacheldrahtzaun und Gitter vor den Fenstern scheinen in dieser Stadt allgegenwärtig. Überdurchschnittlich viele Betrunkene liegen auf der Straße. Die großen Kameras hatten wir gar nicht erst mitgenommen, und so machen wir ein paar Schnappschüsse mit unserer kleinen „Opfer-Kamera“. Auf dem Rückweg geht ein aufdringlicher Mann auf mich und Joey zu und besteht darauf uns die Hand zu schütteln, um uns zum internationalen Frauentag zu gratulieren. Es ist vielleicht dem Wissen um die vielen Gewalttaten die hier passieren geschuldet, dass wir bei solchen Geschehnissen sehr misstrauisch sind. Dennoch vertrauen wir lieber unserem Gefühl und gehen zurück zum Auto.
 
Wir fahren an Wohnvierteln oder besser gesagt Ghettos vorbei, in denen laut Gabriel viele Bandenmitglieder wohnen. Die mehrgeschossigen Wohnhäuser stehen so eng beieinander, dass sich die Leute der gegenüberliegenden Balkone die Hand schütteln könnten. Wir sehen zumindest keine Tätowierten und somit bleibt es bei dem was sich unsere Fantasie ausmalt. 500 Meter nachdem wir diese Häuser passiert haben, qualmt es aus der Motorhaube von Gabriels Auto. Der Motor geht aus und wir bleiben auf der Kreuzung liegen. Mehrere Startversuche schlagen fehl. Kein guter Ort, kein guter Zeitpunkt. Das wäre schon ein Grund nervös zu werden, denn zu Fuß zu gehen oder gar per Bus weiter zu fahren ist in dieser Gegend keine gute Idee. Nach einiger Zeit springt der Wagen zum Glück wieder an und wir schaffen es bis zum Plaza El Mundo Salvador zu tuckeln. Dort geht der Motor ein zweites Mal aus und wir schieben das Auto auf einen bewachten Parkplatz. Wir fahren mit dem Bus nach Hause und verzichten für diesen Tag auf weitere Ausflüge in die Stadt.
 
Schlechte Neuigkeiten
 
Wir haben die Nachricht bekommen, dass die Fähre, mit welcher wir das Darien Gap überwinden wollten, ihren Dienst eingestellt hat. Das sind schlechte Neuigkeiten, denn nun stehen wir wieder vor der Frage: wie kommen wir von Panama nach Kolumbien? Die beiden Länder sind zwar durch Land verbunden, doch es fehlen circa 80km Straße durch den dichten Urwald. Zusätzlich gibt es in dem Gebiet Probleme mit Guerillas (FARC). Es gibt keinen regelmäßigen Schiffsverkehr, so bleiben uns nur die Optionen Luftfracht, Containerverschiffung oder eines dieser Segelboote zu suchen, um unsere Bikes nach Südamerika zu bekommen. Dies macht die Sache deutlich unentspannter, da alle Optionen teuer sind und / oder lange Vorausplanung benötigen. Die Fährtickets hätten wir einfach vor Ort gekauft und am nächsten Tag wäre es losgegangen. Nun müssten wir uns in Panama ein Segel-Boot suchen welches auch Motorräder mitnehmen kann und will. Das ist aus der Ferne nicht so einfach, aber vor Ort wollen wir auch nicht erst anfangen zu suchen, denn dies kann Wartezeiten von mehreren Wochen bedeuten. Wir durchforsten also das Internet und fragen verschiedene Boote an. Zwei davon sind in der Zwischenzeit gesunken (sehr ermutigend) und von einem anderen Kapitän haben wir erfahren dass kaum noch jemand Motorräder mitnimmt, da sich die Zollabfertigung in Kolumbien verschärft hat. So bleibt unser letzter Hoffnungsschimmer die Stahlratte. Die Überfahrt mit diesem hundert Jahre altem Segelschiff ist auf Grund der Größe des Schiffes, der langjährigen Erfahrung mit der Mitnahme von Bikes und der inklusive Karibikkreuzfahrt die sinnvollste Option für uns. Preislich liegt der Trip dreifach über dem der Fähre, aber immer noch unterhalb der uns noch verbleibenden Optionen. Kurzerhand buchen wir unsere Mitfahrt auf der Stahlratte, denn die Nachricht mit dem Wegfallen der Fähre spricht sich unter den Motorradreisenden schnell herum und wir wollen nicht riskieren, dass wir keinen Platz mehr bekommen. Nachteil: wir sind nun terminlich gebunden und der erste Termin in der nahen Zukunft ist der 17. Juli… wir müssen also die Zeit in Zentralamerika absitzen und so wird unsere ursprüngliche Reisezeitplanung vollends über den Haufen geworfen. Das Gute dabei ist, dass wir unsere Freunde Joey und Daniel bei der Überfahrt wieder sehen werden, da sie ebenfalls gebucht haben.
Nun trennen sich aber zunächst unsere Wege und die beiden fahren weiter, während wir noch zwei Tage länger bei Gabriel in San Salvador bleiben um ein paar Dinge zu erledigen. Nach fast 2 Monaten gemeinsamen Reisen fällt der Abschied schon etwas schwer.
 
Wir wollen Stephans Vorderradfelge zentrieren lassen um sein kleines Andenken an die guatemaltekischen Topes (geschwindigkeitsreduzierende Buckel auf der Straße) loszuwerden. Zum Bringen und Abholen müssen wir jeweils quer durch ganz San Salvador fahren, wovon wir nicht sonderlich begeistert sind. Bevor wir aber von neuem jemanden suchen müssen, der Speichen zentrieren kann und da wir noch den Weg durch Südamerika vor uns haben, lassen wir es lieber gleich machen und quälen uns mit den Bikes durch den Verkehr.
 
Am nächsten Tag machen wir einen Tagesausflug zum Nationalpark Cerro Verde wo sich der Vulkan Santa Ana befindet und wollen dort eine Wandertour zum Kraterrand machen. Leider verpassen wir um 15 Minuten die geführte Tour, welche um 11 Uhr startet, da wir morgens noch eine Apotheke gesucht haben um einen Hustensaft für Stephan zu finden. Der einzige Wachpolizist vor Ort bietet uns an, uns zwar nicht zum Krater zu führen, aber bis zu Aussichtspunkten auf den Vulkan und den Lago de Coatepeque. Er führt uns durch den Wald und erklärt uns überraschend viel über die dortige Flora und Fauna. Der kleine Ausflug endet an einem verlassenen Hotel. 187 Jahre lang hat der gegenüberliegende Vulkan Izalco kontinuierlich und fast täglich bilderbuchartige Eruptionen von sich gegeben, welche man vom Ort des entstehenden Hotels aus beobachten konnte. Im Jahre 1958, zwei Wochen vor Fertigstellung des großen Komplexes stellte der Vulkan seine Aktivitäten ein und das Hotel wurde nie fertiggestellt, denn die Hauptattraktion ist bis auf ungewisse Zeit verschwunden. Das Hotel steht bis heute gespenstig leer.
 
Unseren letzten Tag in San Salvador verbringen wir mit Internet Recherche. Da wir auf Grund des Termines mit der Stahlratte nun viel Zeit haben, um Panama City zu erreichen, spielen wir mit dem Gedanken die Zeit für einen Abstecher nach Kuba zu nutzen. Für uns wäre es bestimmt ein interessantes Erlebnis, da auf Kuba der Sozialismus noch lebt und es sicherlich einige Parallelen gibt, zu dem Land, in dem wir geboren worden (DDR). Jetzt, wo sich die Beziehungen zwischen den USA und Kuba entspannen, bricht eine neue Ära an, die das Land schnell verändern könnte. Es wäre vielleicht die letzte Gelegenheit, das Land in seinem jetzigen Zustand kennen zu lernen, bevor der erste McDonalds dort einzieht. Noch hadern wir allerdings mit uns, da die Reisekasse dadurch nicht unerheblich belastet würde.
 
Wir verbringen unseren letzten Abend mit Gabriel, den wir in den letzten Tagen ja ein wenig kennengelernt haben. Für sein Alter hat er schon viele schlechte Dinge erlebt, wie zum Beispiel zwei Morde durch Schusswaffen direkt vor seinen Augen. Er träumt von seiner eigenen Weltreise mit dem Motorrad und hat schon viele Ideen zur Umsetzung seines großen Projektes. Entsprechend löcherte er uns mit vielen Fragen, auf die wir zum Teil selbst keine Antwort wissen. Er ist ein unverbesserlicher Optimist und wir sind gespannt welche seiner interessanten Ideen er wirklich mal umsetzen wird.
Im Allgemeinen haben wir uns in der Hauptstadt San Salvador, außerhalb des Hauses von Gabriel, nicht sonderlich wohl gefühlt. Die verschärften Sicherheitsmaßnahmen der Einheimischen wie bewaffnetes Wachpersonal vor Supermärkten, zum Teil doppelte Stacheldrahtrollen über jeder privaten Mauer und auf den meisten Gebäuden, Gitter vor jedem Fenster und menschenleere Straßen nach Einbruch der Dunkelheit, lassen auf ernstzunehmende Gefahren schließen. Als wir mit Gabriel abends zum Essen draußen saßen, führte der Knall der Fehlzündung eines Autos dazu, dass sich die Wirtin aus Angst vor einer möglichen Schießerei schon halb auf den Boden warf. Gabriels Familie empfiehlt uns in ihrem Viertel nicht allein durch die Straßen zu gehen, selbst tagsüber. Also unternehmen wir keine, wie wir es sonst tun würden, Spaziergänge durch die Nachbarschaft und lernen die Stadt nur durch den Blick aus dem Auto oder vom Motorrad aus kennen. Bei den Reifenbuden um die Ecke empfangen wir subjektiv empfunden, argwöhnische oder unfreundliche Blicke. Viele Teile der Stadt wirken im Allgemeinen trostlos und abgeranzt. Im Gegensatz dazu steht auf der anderen Seite der Stadt eine supermoderne Einkaufsmall, zu der wir fahren müssen, damit wir Geld mit der Kreditkarte abheben können.
 
Warum ist die Situation hier so angespannt? Die konkurrierenden Banden Barrio 18 und Mara Salvatrucha 13 lassen ein normales Leben in dieser Stadt nicht zu. Die Gewaltbereitschaft dieser Jugendbanden ist extrem hoch. Untereinander ermorden sie sich skrupellos.
Die Bandenkultur hat sich zunächst außerhalb El Salvadors in den USA entwickelt, hauptsächlich in L.A. Bürgerkriegsflüchtlinge aus vielen Lateinamerikanischen Staaten sind in die USA emigriert. Banden wurden zunächst gegründet um sich vor anderen Banden zu schützen. Gründe für den exzessiven Ausbruch der Gewalt waren Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit.
Mitte der 90er Jahre wurde in den USA die „Null Toleranz Strategie“ durchgesetzt. Flüchtlingskinder konnten nach Begehen einfacher Straftaten wie Diebstahl sofort in ihr Heimatland abgeschoben werden. Plötzlich gab es tausende junge EL Salvadorianer, die zurück ins Land strömten und dort keine Familie mehr hatten. Die Gangs formierten sich nun in El Salvador und bieten ihren Mitgliedern Schutz und weitere Annehmlichkeiten. Doch zwei Gangs konkurrieren besonders untereinander und die Hemmschwelle sich gegenseitig umzubringen ist gering. In El Salvador leben circa 40.000 Gangmitglieder, die meisten von ihnen haben als Markenzeichen Tatoos, oftmals am ganzen Körper oder sogar im Gesicht. Wir sind glücklicherweise keinem von denen begegnet. Laut Gabriel hätten wir als Ausländer nicht viel zu befürchten, solange wir die eventuell geforderte „Spende“ bezahlen. Wie hoch diese sein muss und was die Konsequenzen sind, wenn man nicht „spendet“, ist eine andere Frage. Der Großteil der Mitglieder sind Kinder ab circa 7 Jahren und junge Erwachsene im Alter von bis zu 25 Jahren. Die Ältesten sind meistens die Anführer, doch der Nachwuchs geht über Leichen um selbst Anführer zu werden und schaltet Konkurrenz und Bosse hinterrücks aus. Da man aus einer Bande nicht aussteigen kann, ohne ebenfalls sehr wahrscheinlich von den eigenen Leuten umgebracht zu werden, ist die Lebenserwartung eines B18 oder Mara Salvatruchas nicht sonderlich hoch.
 
Gabriel erzählt uns einiges über die Aufnahmeprüfungen, die so gruselig sind, dass wir es kaum glauben können. Zum Beispiel muss sich ein B18 Anwärter, einer 18 Sekunden langen Prügelattacke in der Mitte eines Kreises von anderen Gangmitgliedern unterziehen. Hat er das geschafft, bekommt er einen Mordauftrag. Gelegentlich sind die Opfer Familienmitglieder des Anwärters. Ist der Auftrag erledigt und von einem anderen Mitglied bezeugt, ist man Clubmitglied. Die Banden finden weiterhin großen Zulauf, da sie den Kindern und Jugendlichen mehr bieten können, als die eigene verarmte Familie. Die Banden kontrollieren viele private Geschäfte und Unternehmen, indem sie Schutzgelder einfordern und sich damit finanzieren. Weitere Einnahmequellen sind Waffenhandel, Menschenhandel, Prostitution usw. Die MS 13 hat sich auch in anderen Zentralamerikanischen Ländern und den USA formiert und hat ein großes länderübergreifendes Netzwerk.
Derzeit finden in El Salvador, ein Land mit der doppelten Einwohnerzahl von Berlin (7 Millionen), im Durchschnitt 16 Morde pro Tag statt. Auch wenn wir als Nicht-Gangmitglieder nicht zu den potenziellen Mordopfern gehören, sind diese Zahlen und Geschichten Anlass genug für uns, ständig unsere Umgebung zu scannen und den Empfehlungen der Einheimischen zu folgen.
 


Posted in El Salvador by