In den Anden Ecuadors

04.-19.11.2015
 
Von den Tsáchilas aus fahren wir direkt zur Laguna Quilatoa, einem Kratersee eines inaktiven Vulkanes und finden uns plötzlich auf mehr als 3800m Höhe wieder. Der Höhenanstieg von mehr als 3000 Metern innerhalb eines Tages ist keine gute Idee, das wissen wir. Wir hoffen dass unsere Körper noch etwas durch die Zeit in Quito angepasst sind. Jede Bewegung am Kraterrand ist anstrengend und bald merken wir die Folgen der Höhe im Kopf. Der lilafarbene Sonnenuntergang und die aus der Ferne erklingende Musik einer Panflöte lassen uns jedoch die Kopfschmerzen etwas vergessen.
 
In der Umgebung der Lagune fühlen wir uns wie in ein anderes Land versetzt. Gerade noch aus dem Regenwald gekommen, befinden wir uns jetzt in der Bergwelt der Anden und treffen hier auf ein ganz anderes Volk. Die Menschen tragen sehr traditionelle, meist farbenfrohe Kleidung. Auf den Feldern sehen wir die Einheimischen mit einfachsten Mitteln arbeiten und Esel dienen ihnen zum Transport von Waren und Stroh.
Die Weiterfahrt durch die kurvigen Andenstraßen führt uns zu dem Örtchen Banos, welches nahe des aktiven Vulkanes Tungurahua liegt. Gelegentlich speit er Feuer, was den Ort spürbar zu einer Touristenhochburg macht. Da derzeit keine Aktivitäten vom Vulkan zu erwarten sind, legen wir eine Verschnaufpause ein und machen mal wieder zwei Wartungs- / Reparatur- und Schreibtage.
 
Am übernächsten Morgen haben wir es kurz nach der Abfahrt von unserem Camp im Wald, erstmals seit dem Vorfall in Alaska, wieder mit einer Reifenpanne zu tun. Zum Glück ist es nur das Vorderrad. Der vordere Reifen lässt sich deutlich einfacher von der Felge ziehen und montieren, als der des Hinterrades. Auch das nervige Wiedereinfädeln des Hinterrades in Kette und Abstandsbuchsen entfällt. Dennoch sind wir alles andere als erfreut, die soeben gesattelten Maschinen gleich wieder entpacken zu dürfen. Der Schlauch hat ein Loch, der Reifen zeigt jedoch keinerlei Einstich oder Beschädigung. Wir flicken den Schlauch und bekommen währenddessen Besuch: Ein Bauer treibt seine Viehherde direkt an uns vorbei. Esel, Schweine, Lamas, Ziegen, Schafe, Kühe – eine bunte Karawane. Der Bauer bleibt noch auf einen kurzen Plausch stehen und macht sich dann mit seiner kleinen Herde wieder auf den Weg.
 
Der Chimborazo zieht uns magisch an. Von weitem erblicken wir den schneebedeckten Berg und wir fühlen uns ein wenig an Alaska erinnert, doch die Agaven im Vordergrund holen uns wieder zurück nach Ecuador. Genau genommen blicken wir hier auf den höchsten Berg unserer Erde. Er übertrifft den Mount Everest um 2 Kilometer, wenn man vom Erdmittelpunkt aus misst und nicht vom Meeresniveau. Die Erde ist eben doch keine Kugel und ein Ort nahe dem Äquator ist weiter vom Erdmittelpunkt entfernt, als ein Ort der nahe einer der Pole liegt, wenngleich beide Orte die gleiche Höhe gemessen am Meeresniveau haben. Bleiben wir bei der für uns gewohnten Vermessung der Welt, ist der Chimborazo 6310 Meter hoch. Wir fahren so weit es möglich ist hinauf, überqueren dabei die Schneegrenze und enden auf 4850 Metern Höhe. Damit ist für uns beide und wahrscheinlich auch die Motorräder eine neue Höhenmarke erreicht. Es ist eisig kalt hier oben und der Wind tut sein übriges. Da ein Übernachtungsplatz in dem Refugio umgerechnet fast 30€ pro Person kosten würde, wollen wir uns lieber einen eigenen Campingplatz suchen. Dazu müssen wir allerdings wieder etwas an Höhe verlieren, damit die Nacht nicht allzu kalt wird und uns nicht die Höhenkrankheit ereilt. Wir finden abseits, nachdem wir einem steinigen und zum Teil sehr steilen Pfad folgen, auf circa 3500 Metern Höhe einen geeigneten Platz hinter einem verlassenen Häuschen, welches mal als Kommunikations- oder Wetterhäuschen gedient haben könnte, oder vielleicht auch noch dient.
 
Es ist nebelig, und durch die hohe Luftfeuchte und den Wind sehr kalt. Unter den Bedingungen und durch die Erschwernis durch die Höhe, dauert es eine Weile, bis wir unser Lager aufgeschlagen haben und endlich ein warmes Essen zubereitet haben. In einem kleinen Laden aus einem der Dörfer, die wir zuvor durchfahren haben, konnten wir eine Zwiebel, Möhren und Nudeln einkaufen. Daraus ließ sich ein einigermaßen genießbarer Nudelsalat zubereiten.
Als sich der Nebel zwischenzeitlich etwas lichtet, sehen wir eine kleine Herde Vicunas durch die Einöde ziehen. Bald wird es dunkel und etwas enttäuscht darüber, dass wir den Berg nicht mehr sehen konnten, legen wir uns mit allen warmen Sachen die wir haben ins Zelt. Wir schauen auf dem Laptop einen Film und nachdem dieser zu Ende ist, wagen wir nochmal einen Blick nach draußen: Oh Shit – es ist plötzlich sternenklare Nacht, der Chimborazo zeigt sich in seiner ganzen Pracht und nun müssen wir auch noch raus in die Kälte, um Fotos zu machen. Warum muss man diese Schönheiten auch immer gleich fotografieren? Etwas gequält holen wir das Stativ raus und begeben uns in die nächtliche Kälte. Die Stille, der Sternenhimmel und der majestätische Berg sind wahrlich beeindruckend. Die beißende Kälte treibt uns bald wieder ins Zelt und es wird gefühlt die bisher kälteste Nacht der Reise.
 
Nachdem unser Vorhaben den „El Altar“, eine Gipfelgruppe der Anden zu besuchen, wegen zu hohem logistischen Aufwand gescheitert ist, wird die Stadt Alausi unser nächster Anlaufpunkt. Sie ist bekannt für die Teufelsnase, den Teil einer Zugstrecke, die mit einmaligen Spitzkehren eine besonders steile Felswand erklimmt. Wir nehmen uns dort ein Zimmer und erledigen mal wieder allen möglichen organisatorischen Kram. Eine unserer Beschäftigungen ist es dabei, mehrere Päckchen mit US-Dollar-Notenscheinen in den Motorrädern zu verbauen. Diese brauchen wir später für Argentinien, wo ein US-Dollar doppelt soviel Wert hat, wie der Argentinische Peso. Dort auf einheimische Währung vom Geldautomaten angewiesen zu sein ist keine gute Idee.
 
Am Nachmittag des zweiten Tages in Alausi vernehmen wir von der Straße laute Musik. Als wir nach draußen blicken trauen wir unseren Augen kaum. Eine große Menschenmasse drängt sich auf der Straße. Unzählige indigene Gruppen, die sich alle in ihrer traditionellen Kleidung unterscheiden, haben sich versammelt und folgen einer Kundgebung. Wir stürzen uns alsbald ins Getümmel und bewundern die verschiedenen Trachten. Es sind hauptsächlich Frauen, die sich hier versammelt haben. Kleine Kinder mit vor Kälte rosa gefärbten Bäckchen werden von ihren Müttern auf dem Rücken getragen und alte Frauen mit sehr markanten Gesichtern kreuzen ebenso unsere Wege, wie kichernde junge Mädchen. Zum anderen bemerken wir aber auch den zum Teil unangenehmen Geruch, den einige hinter sich herziehen. Von verschieden Quellen wurde uns bereits vorher berichtet, dass sich die indigenen Frauen zur Verrichtung ihrer schnellen Notdurft an den Straßenrand setzen und der Rock dabei vor Blicken schützen soll. Der Vorteil fürs Auge ist hier der Nachteil für die Nase.
 
Kurz hinter der Stadt Cuenca holt uns die Reifenpanne wieder ein. Mein Vorderrad wird immer schwammiger und ich bin gezwungen am Rande der Hauptstraße stehen zu bleiben. Die Gegend hier sieht nicht allzu vertrauenserweckend aus, aber was soll man machen. Glücklicherweise finden wir etwas Hilfe bei Marco, dem Betreiber eines kleinen Cafés. Er bietet uns Hilfe mit seinem Kompressor an. Schnell ist die Ursache der erneuten Panne gefunden: Der Flicken hat sich gelöst, trotzdem wir ihn so sorgfältig angebracht haben. Ärgerlich, aber bald geht es wieder weiter. Eigentlich hatten wir schon lange Hunger und durch diese Panne hat sich die ersehnte Nahrungsaufnahme weiter verzögert. Hungrig wie die Löwen halten wir an einer Raststätte und schauen was es gibt. Etwas enttäuscht begutachten wir das Menü: Hühnerbeinsuppe und als Hauptgericht trockener Reis und Hühnchen. Da Hunger der beste Koch ist, bekommen wir es irgendwie runter.
 
So langsam geht unsere Zeit in Ecuador zu Ende. Einen letzten größeren Zwischenstopp planen wir in Loja, wo Paul, der Cousin von Andrés wohnt, unserem Freund aus Santo Domingo, den wir in Mindo kennengelernt hatten. Zufällig findet an diesem Wochenende ein „Motoencuentro“, also ein Bikertreffen in Loja statt. Dort treffen wir auch Paul und mal wieder auf viele neue Gesichter. Am Samstag findet eine große Ausfahrt zu einer auf einer Anhöhe gelegenen Windkraftanlage statt. Im dazugehörigen Gebäude findet sogar ein kleiner Vortrag statt, an dem den Bikern einige Eckdaten der neuen Anlage präsentiert werden. Nach diesem Bildungsprogramm geht es zurück in die Stadt, wo es ein großes Fest mit Essen und Musik gibt. Die Musik ist allerdings so extrem laut, das wir es nicht lange aushalten und frühzeitig verabschieden, um nicht taub zu werden. Typisch Lateinamerika. Ich hatte ohnehin schon
Magenkrämpfe, die nun immer schlimmer werden. Den Rest des Tages verbringen wir daher im Zimmer. Die Hühnerbeinsuppe ist für mich die Hauptverdächtige der möglichen Ursachen.
 
Wir machen uns auf den Weg nach Peru. Aufgrund der Ansage von starken Regenfällen und der Meldung unserer beiden kanadischen Freunde, dass sie wegen schlammiger Piste umkehren mussten, haben wir die Idee über Vilcabamba zu fahren verworfen und uns doch für den einfacheren Weg über Macara entschieden. Letztendlich war das gut so, denn kurz vor der Grenze nach Peru treffen wir auf zwei andere Motorradreisende, mit denen wir noch viel Zeit verbringen werden: Die beiden Kolumbianer Manuel und Mateo. An einer Tankstelle kommen wir mit den beiden ins Gespräch. Sie reisen mit einer 250er Ténéré und einer 200er Pulsar, haben zweckentfremdete Kleidung, die sie als Motorradschutzkleidung nutzen und reisen mit niedrigstem Budget. Nach einem ersten Beschnuppern ist schnell vereinbart, dass wir bis zur Grenze gemeinsam fahren und dort erstmal Abendbrot essen. Auch wenn wir bisher immer bemüht waren, möglichst viel Kontakt mit den Einheimischen zu haben und Touristenabsteigen zu vermeiden, bringen uns die beiden noch näher ans Geschehen. Sie haben mit ihrer Muttersprache ganz klar einen Vorteil und wissen genau wie sie mit den Leuten hier reden und verhandeln können. Und verhandeln tun sie wirklich um jeden Cent. Da bleibt auch kein Geld für Unterkünfte und wenn wir uns schon für sparsam halten: die beiden suchen solange, bis sie eine möglichst kostenfreie Unterkunft gefunden haben. Am Ende des Tages landen wir also in einer Polizeistation. Gern überlässt man uns einen der wenigen Räume des Quartiers, in denen wir unser Zelt aufschlagen dürfen. Im Hof stehen jede Menge beschlagnahmter Motorräder und einige erschreckend kaltverformte Unfallfahrzeuge. Natürlich gibt es in der Zelle im Hof auch einen Häftling und ein wenig Drama, als seine Verwandten vorbeischauen. Argwöhnisch beäugt er uns und wir beäugen ihn ebenso argwöhnisch, denn auf dem Weg zum Bad müssen wir immer an seiner Zelle vorbei.
 
Bei Anbruch der Dunkelheit kümmern wir uns etwas entnervt um den erneuten Platten. Gerade so bin ich nämlich auf die Polizeistation gerollt, bevor die Luft mal wieder raus war. Was ist denn da los, warum hält der sch…ß Flicken nicht, sind wir zu doof oder ist der Kleber schlecht?
Hoffentlich hält es diesmal, denn morgen geht es nach Peru und der Nordwesten des Landes ist nicht gerade der sicherste Teil.
 
Der Grenzübergang am Morgen ist wie immer in Lateinamerika von längerem Warten sowie Hin- und Herlaufen geprägt, aber letztendlich klappt alles reibungslos. Nun sind wir mit zwei Kolumbianern in Peru unterwegs.
 


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Tsáchilas

28.10.-04.11.2015
 
Wir reisen nach Santo Domingo de los Colorados, westlich von Quito. „Colorados“ bedeutet „Gefärbte“ und bezieht sich auf den dort ansässigen indigenen Stamm der Tsáchilas. Es ist ein Stamm der bereits in der Zeit vor den Inkas existierte. Traditionell färben sich die Männer mit den Samen der Achiotefrucht die Haare knallrot und bringen sie in eine feststehende Form. Damit wollten sie sich früher gegen Gelbfieber und andere Krankheiten schützen, welche die spanischen Eroberer ins Land gebracht haben.
 
Als wir vor einiger Zeit in Mindo waren, hatten wir Andrés kennengelernt, einen Motorradfahrer und Fotografen aus Santo Domingo. Er hatte uns dazu eingeladen ihn besuchen zu kommen und er könne uns mit den Tsáchilas bekannt machen. Da sich Joey für indigene Volksgruppen interessiert, nehmen wir auch sie und Daniel mit. Zunächst treffen wir uns bei Andrés, er stellt uns seiner Familie vor und zeigt uns sein Fotostudio. Dann geleitet er uns gemeinsam mit seinem ebenfalls zweiradfahrendem Kumpel „El Gringo Loco“ zur Indianer Community. Wir sind etwas besorgt, dass es sich vielleicht doch um eine Touristenfalle handeln könnte, da Andrés meinte, eine Gruppe von Argentiniern sei auch schon dort.
 
Santo Domingo ist keine besonders schöne Stadt, besonders wenn einem klar wird, dass bis vor wenigen Jahren noch Regenwald stand, wo sich nun Betonklötze aneinanderreihen. Warum erschafft sich der Mensch eine so hässliche Umgebung, wo die Grundlage doch so genial schön war?
 
Die Community der Tsáchilas befindet sich am äußersten Rand der Stadt. Nicht alle Indigenen wollen sich der westlichen Zivilisation anpassen und wie ein „moderner“ Mensch ein Stadtleben führen. Die Tsáchilas hatten zwar in der Vergangenheit mal ein Gebiet für sich zugesichert bekommen. Die Stadt hat sich dennoch auf ihr Gebiet ausgebreitet und verdrängt die Indigenen rücksichtslos immer mehr aus ihrem ursprünglichen Lebensraum. Sie befinden sich in einem ständigen Kampf um ihren jahrhundertelangen Lebensraum und ihre Kultur, drohen sie doch komplett verdrängt zu werden.
 
In der Community werden wir von Budy, dem Sohn eines Schamanen begrüßt. Die Community besteht aus mehreren Hütten in denen momentan sechs Argentinier wohnen. Wir dürfen unsere Zelte unter einem Pavillon mit Strohdach aufstellen und machen uns zunächst mit der Umgebung vertraut. Es wird schnell dunkel und Budy lädt uns zu einer Reinigungszeremonie in der Schamanenhütte ein.
In Kerzenlicht und Rauch wedelt er den Körper jeden einzelnen von uns mit Blättern ab. Ich kann nicht sagen, dass ich mich danach anders gefühlt hätte. Aber es gibt einem zu denken, denn offensichtlich geht es den Indigenen dabei anders. Was ist ihr Geheimnis und stimmt vielleicht mit uns irgendwas nicht?
 
Am nächsten Morgen führt uns Budy über das Gelände, zeigt uns die Pflanzen in der Umgebung und die angrenzende Kakaoplantage. An einer nahegelegenen Wasserstelle soll einmal eine kleine Fischzucht entstehen. Es gibt eine Aufenthaltshütte, die zwar überdacht, aber nach allen Seiten hin offen ist. Sie hat eine Feuerstelle, einen großen langen Tisch und eine „Küche“ mit Gasherd. Es ist der zentrale Treffpunkt, für alle, die in einer Community leben. Einige Hühner laufen frei herum. Der natürliche Boden wird auch im Außengelände regelmäßig sehr reinlich gefegt. Nur wenn es regnet verwandelt sich der Untergrund in eine matschige Angelegenheit.
 
Das Projekt dieses Tages ist der Bau des Grundgerüsts für eine „Cabana“, eine Hütte. Sie ist für die Vollmondzeremonie zur Einnahme von Ayahuasca gedacht. Gemeinsam mit den Tsachilas und den Argentiniern befreien wir zunächst die Baumstämme von ihrer Rinde. Dann erfolgt das Aufstellen der Stämme als Eckpfeiler und die Querverbindungen mit dicken Bambusrohren. Zur Pause gibt es frische Papaya.
Nachdem das Gerüst steht ist Zeit für eine Dusche. Die Tsáchilas waschen sich normalerweise im Fluss. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, sich in einem kleinen Badezimmer vom Nachbarn mit dem Wasser aus einem Eimer selbst zu übergießen.
 
Später bekommen wir indianische Bemalung. Als Farbe dient das helle Fleisch einer Frucht namens Huito, welches beim Kontakt auf der Haut durch Oxidation dunkelblau bis schwarz wird. Die typische Bemalung sind Streifen die horizontal um Beine, Oberkörper oder Arme, aber auch im Gesicht gezogen werden. Jeder Streifen hat eine andere Bedeutung. Die Bemalung ist permanent, dringt jedoch nur durch die obere Hautschicht, welche sich innerhalb weniger Tage bzw. Wochen erneuert, womit die Farbe wieder verschwindet. Nach Ansicht der Indianer verbleibt die Farbe bei Menschen, die eine hohe innere Energie haben besonders lange. Stephan und Daniel weigern sich und bekommen nur wenige Striche auf die Arme. Joey hat schneller Streifen im Gesicht als sie protestieren kann und so lasse auch ich mich anmalen, damit sie damit nicht alleine ist.
 
Am Abend finden die Vorbereitungen für die Ayahuasca Zeremonie der Argentinier statt.
Ayahuasca ist ein Pflanzensud, bei dessen Einnahme psychedelische Wirkungen entstehen. Es ist also eine Droge, die als hauptsächlichen Bestandteil eine bestimme Liane und weitere pflanzliche Zutaten hat. Bereits bei unserer Kanutour durch den ecuadorianischen Regenwald hatten wir diese Liane gezeigt bekommen. Verholzt und völlig unscheinbar schwang sie sich um einen Baum. Wie die Urvölker wohl die Wirkung des gekochten Pflanzensaftes in Kombination mit anderen Stoffen herausgefunden haben?
Mehrere Amazonasvölker in Brasilien, Kolumbien, Venezuela, Peru und Ecuador nutzen diese Droge, um sich für Zeremonien in Trance versetzen zu lassen. Ein seit geraumer Zeit einsetzender Drogentourismus führte zu Massenveranstaltungen oder Ein-Tages Erlebnissen, welche die Beteiligten westlicher Zivilisationen, zumeist ohne jegliche Vorerfahrung, völlig unzureichend auf den Trip vorbereiteten. Im schlimmsten Fall können bei der Einnahme irreparable Psychosen hervorgerufen werden oder bei einer Überdosis der Tod eintreten. Bei den Tsáchilas hat man noch die Möglichkeit, lange darauf vorbereitet zu werden und an einer natürlichen Zeremonie in familiärem Umfeld teilzunehmen. Wir hatten unsere Teilnahme schon ausgeschlossen, allein schon weil wir nicht diese Vorbereitungszeit hatten, die auch eine spezielle Diät mit sich bringt. Es wäre sicher ein interessantes Erlebnis gewesen, aber ohne längere Auseinandersetzung mit dem Thema wollten wir nichts überstürzen. An einem Teil der Zeremonien, die sich über mehrere Tage erstrecken dürfen wir dennoch beiwohnen.
Mehrere Bananenblätter werden auf dem Boden ausgebreitet, auf denen wir dann im Kerzenschein in einer Runde Platz nehmen. Für einige Zeit sollen wir im Schneidersitz mit den Händen über den Knien ruhend ruhig dasitzen und meditieren. Das ruhige, gerade Sitzen wird erstaunlich schnell anstrengend. Anschließend bereiten wir Lianenteile vor. Sie werden gereinigt und dann auf einem Baumstamm, von uns allen abwechselnd, nebst Singsang von Budy mit einem Stößel zerquetscht. Die Extrakte werden dann später viele Stunden lang gekocht.
 
Wir hatten das Mittagessen mehr oder weniger ausfallen lassen, da es hieß, am frühen Abend wird gemeinsam Pizza gemacht. Unter den Argentiniern ist ein Koch, der seine Kunst hervorragend versteht, nur leider dauert es fast bis Mitternacht, bis wir endlich die Pizza genießen können. Am Lagerfeuer lassen wir den Abend mit etwas Gitarrenmusik ausklingen.
 
Im Taschenlampenlicht entdecken wir eine Straße von Blattschneiderameisen. Tausende Ameisen mit verhältnismäßig großen Blattstücken wandern durch die Community. Wir verfolgen sie um zu schauen wo sie ihre Beute hinbringen. Zig Meter weiter weg werden wir fündig. Weitere Straßen kommen aus anderen Richtungen hinzu. Wir finden keinen „Ameisenhaufen“ sondern sehen viele kleine Löcher, in denen sie reihenweise verschwinden. Unter uns muss sich ein riesiges System aus kleinen Gängen und Höhlen befinden. Blattschneiderameisen züchten in einem komplexen Ablauf Pilze, um sich davon zu ernähren. Dafür benötigen sie die Blätter, aus denen sie ein Substrat herstellen, auf dem sich der Pilz ausbreiten kann.
 
Wir fragten Budy ob er uns zu anderen Communities führen kann, in denen Tsáchilas leben.
Budy zieht sich also zu unserer Überraschung einen Helm über sein rotes Haar. Wir hätten vermutet, dass er ohne Helm fahren will, um seine Frisur nicht zu zerstören. Dann hätten wir ihn nicht auf dem Motorrad mitgenommen. Am nächsten Tag ist jedoch ein Tsáchila-Fest und da müsse er sowieso die Haare neu machen. So schwingt er sich mit Helm auf Stephans Rücksitz und es geht los. Der Weg führt uns durch die Stadt, zu einem anderen Randgebiet. Der letzte Abschnitt ist nicht asphaltiert und steinig. Wie auch in anderen Gebieten Lateinamerikas kommen uns hier Menschen auf dem Motorrad ohne Helm und in Flipflops mit relativ hoher Geschwindigkeit entgegengebraust.
 
Wir besuchen einen Häuptling und Medizinmann. Wir haben keine Fotos gemacht, da uns das irgendwie komisch vorkam. Wir haben uns in Spanisch, so gut wie wir es konnten, mit ihm über den Konflikt von traditioneller und moderner Medizin unterhalten. Dabei unterstützte uns Joey auch beim Übersetzen. Viele vor allem ältere Tsáchilas, lehnen moderne Behandlung ab und wollen ausschließlich auf natürliche, traditionelle Weise geheilt werden. Was den Tsáchilas Sorgen bereitet, ist das langsame Aussterben ihrer Kultur. Die Jugend möchte nicht ausschließlich, oder sogar gar nicht mehr die Sprache der Tsáchilas sprechen. Heute beherrschen nur noch 30% der Indigenen die Sprache ihrer Vorahnen. Die Jungen wollen sich die Haare nicht mehr rot färben, es gilt als lästig oder „uncool“. Der Häuptling erzählt uns, dass bereits einige junge Leute die Community verlassen haben und in die Stadt gezogen sind. Sie wollen die „Dinge des Westens“ haben, so leben wie „sie“. So wie die Tsáchilas von außen verdrängt werden, scheinen sie auch innerlich zu zerfallen.
Viele Touristen aus anderen Ländern, dem Westen, haben auch seine Community besucht. Daniel fragt den Häuptling, was er für einen Eindruck von den Menschen aus „dem Westen“ hat. Er musste etwas nachdenken und versuchte seine Antwort nett zu formulieren: Er hat das Gefühl, dass die Menschen „disconnectado“ sind, also nicht mehr wissen wo sie herkommen, keine Verbindung mehr zu ihrem Ursprung, zur Natur haben. Sie rennen und rennen ständig hinter irgendwas hinterher, wüssten gar nicht hinter was eigentlich.
Wir müssen zugeben, das er damit nicht Unrecht hat.
 
Budy führt uns anschließend zu einem deutschen Freund von ihm, der vor einigen Jahren nach Santo Domingo ausgewandert ist, da seine Frau aus Ecuador kommt. Er ist natürlich froh, mal wieder mit ein paar Deutschen zu sprechen, doch wir wollten eigentlich noch mehr vom Leben der Indianer erfahren, als hier mit einem Landsmann Lebensgeschichten auszutauschen. Auch wenn er sehr freundlich war, sind wir doch froh, als wir uns mit Budy wieder auf den Weg machen und zu einer weiteren Community fahren.
Wir finden uns vor dem Haus des „Gouverneurs“ wieder. Prompt werden wir von einem stark angetrunkenen Indigenen begrüßt. Es drängt sich der Gedanke auf, dass Alkohol auch hier ein Problem sein könnte, so wie bei vielen Urvölkern, die den Stoff selbst in kleinen Mengen nicht gut vertragen.
Wir laufen einen Weg an einer Plantage entlang. Wir denken zunächst es sind Bananenstauden, doch ist es eine artverwandte Pflanze, deren Namen wir nicht kennen, aus denen sich Textilfasern gewinnen lassen. Wir erreichen einen Hof, auf dem uns genau dieser Prozess mit scheinbar uralten Maschinen gezeigt wird. Extra für uns werfen sie die Maschinerie an, um uns zu demonstrieren wie aus den noch saftigen Strängen der Blätter trockener, reißfester Faden gewonnen wird.
Im Anschluss zeigt uns Budy noch den Platz, an dem Morgen das große Tsáchila-Fest stattfinden soll. Dort würden sich alle Tsáchilas der Umgebung treffen, traditionelle Tänze gezeigt und es würde traditionelles Essen geben. Wir sind herzlich dazu eingeladen und freuen uns darauf.
 
Zurück am Lager stellen wir fest, dass wir zum dritten Mal auf dieser Reise durch diebische Hunde um unser Brot gebracht wurden. Bis auf den letzten Krümel haben sie es verspeist, am Ende haben wahrscheinlich noch die Hühner geholfen. Nicht zu fassen, dass uns das schon wieder passiert ist. Das morgige Frühstück fällt entsprechend kleiner aus.
 
Die Vorbereitungen für das Fest laufen. Maro, der Bruder Budys hofft auf dem Fest eine Frau zu finden. Er ist 26 Jahre alt und seine Familie ist besorgt, da er bereits „spät dran“ ist. Sein Problem ist, dass er nur eine Tsáchila zur Frau nehmen will bzw. kann und davon gibt es in seinem Alter nicht viele. Das Fest ist seine große Hoffnung. Er bastelt gekonnt an einer schmuckvollen Halskette, die er aus Samen verschiedener Farben auffädelt. Wir helfen ihm beim Durchstechen der Samen.
 
Heute ist Vollmond, die Nacht der finalen Ayahuasca Zermonie. Die Stimmung unter den Argentiniern ist eine Mischung aus Vorfreude und Angst vor dem Ungewissen. Heute dürfen wir nicht dabei sein, ist es doch ein sehr, sehr persönliches Erlebnis jedes Einzelnen. Wer möchte schon gerne von außen beobachtet werden, während er die „Kontrolle“ über sich verliert und in fremde Welten abtaucht? Nach und nach stolpern die Argentinier an unseren Zelten vorbei. Wir hören wie sie sich irgendwo im Wald übergeben, eine typische Reaktion nach der Einnahme. Dann bekommen wir nicht mehr viel mit. Am nächsten Morgen erfahren wir, das alles gut gegangen ist und sich alle gut fühlen. Genauer fragen wir nicht nach, denn was für eine Antwort können wir schon bekommen? Es wird sicher keiner seine tiefsten Ängste oder Freuden dieses Trips mit uns teilen, ist es doch zu persönlich. Alles in allem scheint es ihnen jedoch gut getan zu haben. Besonders eine der Mädels sticht heraus, war sie uns gegenüber vor der Einnahme eher etwas abgeneigt aufgetreten. Nun umarmte sie uns plötzlich und war voller Begeisterung über unsere Reise. Vielleicht war sie vorher nur angespannt, oder dieses Zeug hat es wirklich in sich…
 
Am Vormittag des Festtages zeigt uns Budy die Herstellung von Kakao. Den Prozess kennen wir ja bereits aus Mompiche, doch sind wir gerne wieder mit dabei. Bohnen rösten, schälen und mit Gewürzen vermengt malen…. Am Ende wird die Masse in Blockfrom gebracht und in Bananenblätter eingewickelt, welche mit Naturfasern zu kleinen Päckchen geschnürt werden. Die fertige Schokolade ist wieder recht herb und bitter. Am besten genießt man sie gemeinsam mit etwas Süßem.
 
Dann laufen die Vorbereitungen für das Fest. Budy und Maro müssen sich ihre Haare färben. Die Achiotefrucht wächst an mehreren Sträuchern direkt auf dem Gelände. Sie wird aufgebrochen und im Inneren finden sich viele kleine rot-orangene Perlen. Aus unzähligen Früchten werden diese gesammelt und zu einem Haufen zusammengetragen. Dann wird alles mit den Händen zu einer farbigen Masse zermatscht. Diesen Brei streichen sich die Tsáchila immer und immer wieder durch die Haare, bis diese völlig durchtränkt sind. Anschließend werden die Haare mit Händen und einem Kamm in Form gebracht, bis eine perfekte Haube entsteht, die wie aus einem Stück gemacht scheint. Die traditionelle Kleidung besteht für die Männer aus einem horizontal blau-weiß gestreiften Rock. Der Oberkörper ist frei und mit den schwarzen Strichen und weiteren Formen bemalt. Die Halskette aus Naturmaterialien vervollständigt die Tracht.
 
Am frühen Abend brechen wir auf zur Festwiese. Als wir ankommen sind wir enttäuscht. Die Wiese ist menschenleer. Lediglich auf der Bühne findet eine kleine Vorführung statt, mit jedoch sehr wenigen Zuschauern. Wir erblicken kaum einen Tsáchila. Alles scheint umsonst. Es sollte das größte Fest der Einheimischen sein, doch die Realität zeigt etwas anderes. Wir schauen uns noch den Rest der Vorführungen an, die leider auch schon fast vorbei sind. Sind wir nun zu spät oder zu früh? Hat vor uns bereits die große Party stattgefunden oder kommen erst am Abend alle hinzu? Wir sind betrübt, denn dies zeigt wie ernst es um die Kultur der Tsáchila steht, wenn bei einem Volksfest schon die eigenen Leute nicht da sind. Wir bleiben noch etwas und brechen dann nach Einbruch der Dunkelheit auf. Nette Leute nehmen uns auf der Ladefläche eines Pickup mit, sodass wir nicht die ganze Strecke laufen müssen. Später am Abend brechen die Argentinier zum Fest auf, doch auch sie berichten am Folgetag von nur wenigen Gästen.
 
Joey und Daniel brechen auf, wir werden später wieder auf die beiden treffen, vielleicht in Peru.
Wir bleiben noch zwei Tage, da wir noch Reparatur- und Wartungsaufgaben an Ausrüstung und Motorrädern zu erledigen haben und außerdem Andrés den Fotografen aus Santo Domingo nochmal treffen wollen. In der Werkstatt von „El Gringo Loco“, einem Freund von Andrés, den wir bei der Anreise schon kennengelernt hatten, hilft uns der Vater bei der Reparatur des Kofferschlosses. Dieses ist uns nämlich einige Tage zuvor in seine Einzelteile zerfallen. Er schafft es durch geschickte Platzierung zweier kleiner Schrauben den Mechanismus wieder herzustellen. Auch das Lenkerklappern an Stephans Motorrad können wir vorerst abstellen. In der Werkstatt kleben einige Aufkleber anderer Motorradreisender. Da wir auch Reisende sind, lehnt der Vater das Geld, welches wir ihm geben wollen ab. Wir können ihm gar nicht genug danken. Im Anschluss treffen wir uns bei Andrés. In einer Wäscherei im Stadtviertel können wir unsere Wäsche abgeben, aber leider erst am nächsten tag wieder abholen. Wir müssen also nochmal durch die Stadt fahren, aber was bleibt uns anderes übrig: uns gehen die Sachen aus und was einmal im Dreckwäschebeutel war, holt man nur im äußersten Notfall wieder raus.
 
Im Indianerlager nähen wir mal wieder einige Stellen am Zelt und führen kleinere Reparaturen an verschiedenen Ausrüstungsgegenständen durch. Dann bereiten wir alles für die Abreise am nächsten Tag vor. Zu unserem Entsetzen fehlt eine der vier Kofferstangen, mit denen die Koffer jeweils am Halter am Motorrad befestigt werden. Ohne das Ding ist keine Abfahrt möglich. Wir durchsuchen mehrmals unseren Kram, fragen in der Community herum und verdächtigen schon die Hühner des Diebstahls. Der letzte Ort, der uns noch in den Sinn kommt ist Andrés‘ Grundstück. Bei ihm hatten wir am Morgen den Koffer mit dem reparierten Schloss stehen lassen als wir in der Wäscherei waren. Wir hatten allerdings zwei der Stangen dabei gehabt, aber zur Rückfahrt nur eine Stange für den einen Koffer gebraucht. Es war uns nicht aufgefallen, dass sein Neffe mit einem dieser Stangen gespielt und nicht wieder zurückgelegt hatte.
 
Wieder bei Andrés in der Stadt, finden wir erleichtert die Stange. Dummerweise hat der Bengel sie auch noch kaputt gemacht, da er scheinbar das physikalische Gesetz der Hebelwirkung damit testen wollte. Naja, wer kann schon einem unwissenden Kind böse sein, etwas ärgerlich war es trotzdem. Wieder hilft uns „Gringo Loco“, der jemanden kennt, der uns das schweißen konnte. Den Nachmittag verbringen wir mit Andrés in einer originellen Cocktailbar und fahren noch eine kleine gemeinsame Ausfahrt auf einen Aussichtspunkt am Rande der Stadt. Es ist bereits dunkel und die Stadt leuchtet zu unseren Füßen.
Wieder zurück in der Community finden wir Budy und Maro betrunken vor. Sie streiten zwar ab, dass sie betrunken sind, aus unserer Sicht sind sie jedoch hackedicht. Es wird trotzdem noch ein schöner Abend, denn Andrés und Gringo Loco hatten uns noch begleitet, sodass wir unseren letzten Abend hier mit allen gemeinsam verbringen.
 
Auch wenn der Aufenthalt bei den Indianern nicht ganz so ursprünglich war, wie wir uns das zunächst vorgestellt hatten, war es eine sehr interessante Zeit, mit einigen Einblicken in die Kultur dieses kleinen Volkes, von dem wir vorher noch nie gehört hatten.
 
Budy war dabei einer der besonderen Menschen, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben. Er erschien uns wie ein Mensch, der das Wort Vorurteil nicht kennt und jeden brüderlich bei sich aufnimmt. Er war nie achtlos oder gar ungehalten. Er war immer ruhig und besonnen, kümmerte sich um das Wohl aller, versuchte jeden mit einzubeziehen. Ist er vielleicht einer von jenen, die ihre innere Ruhe gefunden haben? Wir hoffen für ihn dass er noch lange weiter so in der Community leben kann, denn wir spüren, dass ihn ein Leben in der Stadt unglücklich machen würde.
 
Maro und Budy schenkten uns zum Abschied die beiden Halsketten, die er und sein Bruder für das Fest gefertigt hatten. Für das nächste Jahr müssten sie ohnehin neue machen. Mit zwei Schokoladenpäckchen im Gepäck, als Stärkung für die weitere Reise, ließen wir Budy und seine Community schweren Herzens hinter uns.
 


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Guagua Pichincha

19.-27.10.2015
 
Zurück in Quito kümmern wir uns zunächst um die Motorräder. Seit Mexiko schleppen wir nun schon die schweren Ersatzketten und Zahnräder mit uns herum. Wir hatten sie damals schon mit den Stoßdämpfern kommen lassen, denn wir dachten das Ritzel wäre bald am Ende. Doch so schnell ging es dann doch nicht und wir wollten nicht das Material verschwenden und zu zeitig wechseln. Jetzt, wo wir wissen, dass wir mehr als die Hälfte der Strecke hinter uns haben und das Ritzel wirklich nicht mehr gut aussieht, entschließen wir uns für den Wechsel.
 
Dafür brauchen wir nur noch einen Arbeitsplatz und fragen bei dem KTM Händler GAS MOTO nach. Die Jungs dort hatten uns vor einiger Zeit mit dem abgebrochenen Spiegel geholfen und damals schon gesagt, dass wir jederzeit wiederkommen könnten wenn wir Hilfe brauchen. Da sie circa eine Stunde Fahrzeit außerhalb der Stadt liegen, rufe ich zunächst dort an, um in Spanisch zu erklären wer wir sind und was wir wollen. Sie haben mich sogar verstanden… alles klar, wir dürfen vorbeikommen. Am nächsten Tag packen wir alle Ersatzteile zusammen und fahren zu GAS MOTO nach Cumbaya. Sie haben dort Platz für uns in einer Ecke im Hinterhof unter einem Pavillon. Einer der Mechaniker heißt Christian, ein Deutscher. Er hilft uns aus, als zum Beispiel bei unserem Kettenietgerät gleich bei der ersten Anwendung der Dorn abbricht. Ärgerlich wenn ein 50€ teures Werkzeug nicht einmal seinen ersten Job macht. Schließlich war es auch für eine Notfallreparatur gedacht, falls uns in einer abgelegenen Region mal die Kette reißt. Immerhin haben wir nun eine weitere Gewichtseinsparung zu verbuchen. Des Weiteren erneuern wir die Bremsflüssigkeit und führen kleinere Wartungsarbeiten durch.
Mit der neuen Kette und den Zahnrädern sollten wir nun bis nach Patagonien und darüber hinaus kommen. Endlich sind wir auch die schweren Ersatzteile los und haben wieder mehr Luft in unseren Koffern.
 
Eines muss man noch getan haben, wenn man in Quito ist: mit dem Teleferico (Seilbahn) am Stadtrand hinauf fahren. Von dort oben ergibt sich ein atemberaubender Blick über die im Tal gelegene Stadt. In der Ferne erheben sich die Vulkane Cotopaxi, Cayamba und Antisana aus den Wolken. Hinter uns können wir den Guagua Pichincha erahnen, jener Vulkankrater, den wir mit Ingo und Mauro hinaufgefahren sind. Daniel und Joey wollten dort auch noch unbedingt hin und so ergibt es sich, dass wir in Kürze erneut nach Lloa aufbrechen.
 
Diesmal sollte der Besuch des Kraters eine Tagestour von Quito aus werden. Nach schneller Fahrt durch die Stadt geht es weiter bergauf bis wir wieder Lloa passieren. Das letzte Stück ist dieses Mal deutlich weniger sandig, da es in den letzten Tagen geregnet hat. Wieder erreichen wir die 4550 Meter hoch gelegene Schutzhütte, von der an es eigentlich nur zu Fuß weiter geht. Nicht für Daniel. Er ist fest davon überzeugt, dass wir die Bikes auch das letzte Stück, bis hin zum Kraterrand hinaufbekommen. Nach einigen Wegerkundungen und Diskussionen fangen wir an. Daniels 1200 GS zuerst. Wenn es mit dem schwersten Bike klappt, dann klappte es mit den anderen auch. Die schwierigste Stelle ist ein circa 15-20 Meter langer Pfad mit hoher Steigung, viel Sand, Geröll und einigen Felsbrocken an denen wir vorbei müssen. Für eine 250er Motocross Maschine sicherlich ein Kinderspiel. Für unsere 200kg-Geräte nicht ganz so einfach.
 
Wir erinnern uns, dass auf 4550 Metern Höhe die Luft sehr dünn ist und jeder Schritt, bereits ohne etwas tragen oder ziehen zu müssen sehr anstrengend ist. Hier haben wir nun vier Bekloppte, die ihre schweren Motorräder dort hinauf manövrieren, nur um dort oben vielleicht ein schönes Foto machen zu können, falls die Wolken es erlauben. Daniel hält das Motorrad und versucht mit etwas Gas zu unterstützen, wir anderen ziehen das Bike mit Spanngurten oder versuchen zu schieben. Das ganze vier mal. Im Nachhinein fragen wir uns, wie wir das überhaupt geschafft haben. In einer Gruppe gibt es wohl so etwas wie gegenseitige Motivation. Keiner will zuerst aufgeben, also zieht jeder durch.
 
Das restliche Stück können wir wieder fahren. Auf 4650 Metern angekommen, müssen wir uns alle zunächst eine Weile ausruhen. Doch lange kann man nicht herumliegen, denn der Wind hier oben ist unangenehm kalt. Leider will sich der Wolkennebel nicht verziehen, sodass wir nun zwar hier oben sind, aber keine Sicht haben. Die Anreise hat eine ganze Weile gedauert und so ist es nun schon nach dem Mittag, jener Zeit in der die Wolken kommen. War das nun alles umsonst? Die nächste verrückte Idee steht im Raum: Lassen wir doch die Motorräder über Nacht hier oben. Da es zu kalt wird und wir weder Schlafsäcke noch ausreichend Wasser und Essen dabei haben, müssten wir selbst zurück in die Stadt. Wir treffen auf zwei einheimische Wanderer und kommen mit ihnen ins Gespräch. Sie sind mit ihrem Pickup bis zur Schutzhütte gekommen und hätten Platz auf der Ladefläche für uns. Hm, sollen wir wirklich die Motorräder hier oben stehen lassen? Dass jemand hier heute noch hinaufkommt und vier Motorräder klaut ist äußerst unwahrscheinlich. Gleich in der Früh würden wir wieder herkommen und könnten die klaren Morgenstunden nutzen. Gesagt getan, so machen wir es. Wir finden für alle Bikes einen Platz an den Felsen oder am Hang, wo sie sicher stehen können. Mit etwas merkwürdigem Gefühl setzten wir uns in voller Motorradmontur auf die Ladefläche des Pickups und zuckeln zurück nach Quito. Da wir nicht angeschnallt sind und der Fahrtwind sehr kalt ist, schadet es auch nicht, dabei den Helm anzuhaben. Für die anderen Verkehrsteilnehmer ist es sicherlich ein lustiger Anblick. Was in Deutschland unmöglich wäre, regt jedoch hier in Ecuador kein besonders großes Aufsehen. Unsere beiden Fahrer laden wir anschließend in Quito zu einem Abendessen beim Inder ein.
 
Am nächsten Morgen starten wir um 4:30 Uhr und nehmen ein Taxi bis nach Lloa, weiter kommt man mit einem Zweiradantrieb nicht. Die Unsicherheit an dem ganzen Unternehmen bestand darin, dass wir nicht wussten ob wir morgens um sechs in einer kleinen Stadt wie Lloa jemanden finden würden, der uns die restlichen 16 Kilometer bis zur Schutzhütte hinaufbringt. Nach einer Viertelstunde finden wir einen Bauern mit einem 4×4 Fahrzeug. Oben ist es wieder zugezogen, sodass wir uns erstmal in der Schutzhütte verkriechen. So früh am Morgen ist es hier so richtig schön kalt. Auch in der Hütte sehen wir unseren eigenen Atem.
 
Nach circa 2 Stunden ziehen die Wolken auf und wir laufen nach oben. Jeder Schritt fällt schwer, wie haben wir gestern nochmal die Bikes hier hinaufbekommen?
Auf der Rim eröffnet sich uns nun Stück für Stück die Fernsicht. Zum ersten Mal können wir in den erloschenen Krater hineinschauen, die Mühe hat sich gelohnt. Wir rangieren die Bikes umher, machen einige Fotos und brechen dann für den Rückweg auf. Diesmal sitzen wir wieder wie gewohnt auf dem Motorradsitz.
Zurück in Quito beginnen wir an diesem Tag noch mit Packen, damit wir am nächsten Morgen weiter ziehen können.
 


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Cuyabeno

14. – 17.10 2015
 
Auf der Landkarte betrachtet nimmt das Amazonasbecken einen beachtlichen Teil des südamerikanischen Kontinents ein. Glücklicherweise gibt es noch kein ausgebautes Straßennetz, welches dieses einzigartige Gebiet durchzieht. Wir hatten lange überlegt, ob wir mit dem Motorrad so weit wie es eben geht ins Amazonasbecken hineinfahren und uns vor Ort einen Guide suchen, oder ob wir uns einer dieser Touren anschließen, die zum Beispiel von Quito aus angeboten werden. Die Reise in das Amazonasgebiet wollen wir gemeinsam mit Joey machen. Daniel will lieber in Quito bleiben und arbeiten, da er früher schon mal im Amazonas unterwegs war. Die angenehm kühle Luft in Quito will er nicht mehr gegen Hitze und die Moskitos tauschen. Auch damit er nicht so lange auf uns warten muss, entscheiden wir uns letztendlich für eine gebuchte Tour. In einem Reisebüro in Quito werden wir fündig und buchen eine mehrtägige Kanutour im Cuyabeno Reservat.
 
In schweißtreibender Hitze sind wir schon genug Motorrad gefahren, also haben wir auch nichts dagegen, uns mal in einem klimatisierten Bus die circa 300 Kilometer bis vor die Tore des Cuyabeno Reservats fahren zu lassen. Der Nachtbus fährt um 21:30 Uhr vom Quitumbe Bus Terminal ab. Zunächst lassen wir über kurvige Bergstraßen die Anden hinter uns. Als es am morgen hell wird, befinden wir uns bereits in den Tropen. Dichter Wald mit verhangenen Bäumen wechselt sich ab mit den Nutzflächen der Einheimischen. Die satten Grüntöne werden noch von den Nebelschwaden verborgen. Ein Anblick, so wie man ihn sich von einer Regenwaldregion vorstellt. Die Vorfreude auf die nächsten Tage wächst.
 
Während der Fahrt passieren wir allerdings auch einige Anlagen, die auf die Förderung von Öl zurückzuführen sind. Eine ganze Zeit lang taucht neben uns auf der Straße immer wieder eine Pipeline auf. Ein wenig Recherche vor der Tour über die Region, hat leider schon den traurigen Teil der Geschichte des Reservats offenbart. Schon kurz nach der Gründung des Cuyabeno Nationalparks wurde im Schutzgebiet und der umliegenden Region nach Öl gebohrt. Seit 1964 hat der amerikanische Ölkonzern Texaco (in 2001 von Chevron gekauft) zum Teil gemeinsam mit dem staatlichen Unternehmen Petroecuador circa 5,3 Milliarden Liter Öl gefördert.
In dieser Zeit gab es sowohl etliche Katastrophen in denen Millionen Liter von Öl durch Lecks ausgelaufen sind und den Lebensraum von Flora, Fauna und indigenen Völkern verseucht haben. Zusätzlich wird behauptet, dass große Mengen von schwer belastetem Abwasser wissentlich in das Flusssystem eingeleitet wurden und hunderte Müllhalden mit hochgiftigen Schadstoffen entstanden sind. Chevron wurde vom ecuadorianischen Staat zu mehreren Milliarden Dollar Strafe aufgrund von Umweltverschmutzung verurteilt. Der Konzern zog allerdings mit einer Gegenklage vor Gericht. Er sei nicht verantwortlich, da der Schaden zu Zeiten von Texaco entstand und dieser damals bereits 40 Millionen Dollar zur Entschädigung gezahlt hat. Für alles weitere sei Petroecuador verantwortlich, also der ecuadorianische Staat selbst.
 
Hugo, unser Guide empfängt uns am Nationalparkeingang und gibt uns eine kleine Einweisung, in der er uns nicht viel mehr sagt, als wir eh schon wissen. Keinen Müll in den Wald werfen und sich ruhig verhalten, damit man die Tiere nicht verscheucht. Außerdem erklärt er uns „Flora bewegt sich nicht, Fauna schon…“. Mit dieser neuen Erkenntnis begeben wir uns auf die 20-minütige Bootsfahrt zu unserer Lodge, der Cuyabeno-Lodge. Vor uns liegen 4 Tage „Amazonas-Abenteuer“, auch wenn wir uns nur in einem Nebenfluss x-ter Ordnung des eigentlichen Amazonasstromes befinden. Wir sind auf dem Rio Aguas Negras, welcher in den Rio Aguarico mündet. Dieser wiederum fließt in den Rio Napo, ein großer Zustrom des Amazonas. Es würde also einige Tage dauern, bis wir auf dem großen Fluss wären. Die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt hier ist jedoch nicht weniger spannend.
 
In der Lodge gibt es zunächst Frühstück. Von den umliegenden Bäumen hängen Vogelnester aus den Baumkronen herab. Die Vogelstimmen sorgen für eine entsprechende Atmosphäre. Die Lodge besteht aus mehreren offenen Holzhütten, die auf Stelzen gebaut sind und jeweils über einen Steg mit dem Hauptsteg verbunden sind. Momentan ist hier Trockenzeit und daher steht das Wasser des angrenzenden Flusses tief. In der Regenzeit ist man auf die Nutzung der Stege angewiesen, da dann das Wasser einige Meter höher steht.
Wir machen einen mehrstündigen Jungle Walk mit dem Guide Daniel. Es ist leider nicht so wie in einer der Fernsehdokumentationen, in denen man ständig Tiere sieht. So wie sich die Filmemacher stunden- oder tagelang auf die Lauer legen, um die eine Aufnahme zu machen, müssen wir auch Geduld mitbringen und zunächst unser Auge schulen. Die meisten Tiere, die hier leben, sind Meister der Tarnung. Wir laufen wahrscheinlich an unzähligen Insekten und Reptilien vorbei. Unser Guide zeigt uns einen winzigen Frosch, der sich perfekt an die braune Farbe und Form des am Boden liegenden Laubes angepasst hat. Nach und nach entdecken wir einige Spinnen, Käfer und verschiedenste Insekten, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Nach dem Mittag und einer Ruhepause brechen wir zu einer 3-stündigen Nachtwanderung auf. Aufgrund der Nähe zum Äquator wird es schon kurz nach 18 Uhr dunkel. Im Schutz der Dunkelheit und der größten Hitze des Tages entgehend, werden nun die meisten Tiere aktiv. Bald fängt es an zu regnen. Im Schein der Taschenlampen entdecken wir eine Mantis (Gottesanbeterin), verschiedene große und kleine Spinnen, eine Echse, eine Maus, einen großen Frosch und eine kleine Baumschlange. Nachts im Wald auf Entdeckungstour zu gehen und nach Tieren zu suchen kann sehr spannend sein, da jedes Mal die Freude groß ist, wenn wir wieder ein anderes Tier in seiner natürlichen Umgebung entdecken. Mit der Geräuschkulisse des Dschungels finden wir in der Lodge ruhigen und entspannten Schlaf, nachdem wir vor dem zu Bett gehen nochmal das Dach nach großen Spinnen abgesucht haben.
 
Am nächsten Tag soll unsere Tour mit dem Kanu beginnen. Leider dauern die Vorbereitungen länger als geplant und wir können erst nach 13 Uhr starten. Wir ärgern uns ein wenig über die verlorene Zeit, die wir schon längst auf dem Fluss hätten verbringen können. Zu sechst sitzen wir im Boot: Hugo, der für die nächsten drei Tage unser Guide sein wird, sein Gehilfe Cleve, Jonas, ein weiterer Deutscher, der die Tour gebucht hat und wir drei. Der hintere Teil vom Boot ist mit Campingausrüstung, Wasserkanistern, Essen, Küchengerät und Gas für den Kocher vollgepackt.
Nun heißt es paddeln. Ab nun reisen wir ohne Motor, damit wir langsam und lautlos über den Fluss gleiten können. Nach circa 30 Minuten Paddeln werden wir von einem Motorboot eingeholt. Der „Muchacho“ bringt uns den Kocher nach, von dem unser Guide noch gar nicht wusste, dass er ihn vergessen hat.
An diesem ersten Tag sehen wir kaum Tiere. Hauptsächlich begegnen uns die „Morphos“, große blaue, Schmetterlinge.
 
Es wird Zeit das Lager aufzuschlagen. Da das Flussufer natürlicherweise stark bewachsen ist, gibt es nur an wenigen Stellen entlang des Flusses kleine Campingmöglichkeiten für Kleingruppen wie uns. Mitten im Urwald befindet sich eine kleine Lichtung, die schon jemand mit schwarzer Folie zum Regenschutz überspannt hat. Zunächst entladen wir das Boot und bilden dazu am matschigen Ufer eine Kette, um nach und nach die schweren Kisten mit Essen, Wasser, Gas und Ausrüstung ins Camp zu bringen. Danach erfolgt die Einrichtung: Aufbau von Zelten und Küche. Hugo kocht uns mit seinem Gehilfen ein warmes Abendmahl: Reis, Kartoffeln mit Fleisch und Brokkoli.
Schon ist es stockdunkel und im Schein von Kerzenlicht erzählt uns Hugo vom Leben eines Tourguides. Er macht das nun schon einige Jahre in Zusammenarbeit mit der Lodge und dennoch gibt es immer wieder Probleme. Zum Beispiel sollte er nach unserer Tour eigentlich frei haben und zu seiner Familie rückkehren. Heute Morgen bekam er die Nachricht, dass er gleich im Anschluss an uns wieder eine Gruppe für mehrere Tage bekommt. Ablehnen kann er sich nicht leisten, dann wäre er früher oder später seinen Job los.
Einige der geführten Reisen beinhalten den Besuch eines Schamanen. Im Prospekt steht natürlich „echter“ Schamane,… in Wirklichkeit seien es laut Hugo speziell für diese touristischen Zwecke angestellte Leute. Sie haben keine nennenswerten Vorkenntnisse in Pflanzenkunde, geschweige denn kennen sie sich in Heilkunde aus, waren also nie in ihrem Leben Schamane, sind allenfalls mit einem verwandt. Wir schätzen die Offenheit Hugos. Doch bemerken auch wir auf der weiteren Reise über den Fluss, dass er uns nur wenige tiefergehende Fragen zur Tier- und Pflanzenwelt dieses Ökosystems hier beantworten kann. Nun heißt es aber erstmal schlafen, vielmehr können wir in der Dunkelheit hier eh nicht mehr machen. Zur Notdurft sucht sich jeder irgendwo im Wald ein Plätzchen. Mehr oder weniger in absoluter Dunkelheit dazuhocken und nicht zu wissen was sich gerade unter oder über einem bewegt macht die Sache spannend.
 
Zelte, Isomatten und Schlafsäcke bekommen wir vom Veranstalter gestellt. Aufgrund der hohen Luftfeuchte in der Region riecht das Zeug etwas muffig. Wir fragen uns gar nicht erst, wie viele Jahre das Zeug schon im Einsatz ist. Die Isomatten erfüllen ausschließlich den Zweck der Isolation, bezüglich der Härte hätten wir auch direkt auf dem Boden schlafen können. Am Ende des Tages sind wir jedoch so müde, dass es uns das alles egal ist. Die Geräusche des nächtlichen Regenwalds, welche die ansonsten absolute Stille durchdringen begleiten uns in den Schlaf.
 
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen gleiten wir wieder den Fluss hinunter. Wir sichten eine große Gruppe kleiner Affen über uns in den hohen Baumwipfeln. Mehrmals sehen wir einen großen Fisch, der sich im Wasser vor uns wälzt. Er verschwindet genauso schnell wie er aufgetaucht ist. Es könnte sich um den großen Amazonasfisch Arapaima handeln, der bis zu 2 Meter lang wird. Die große Hoffnung die wir während der Paddeltour haben, ist natürlich einer der gigantischen Anakondas zu sichten. Leider ist es auch hier nicht wie im Film, dass irgendwann eines der Tiere plötzlich auf dem Wasser auftaucht, dann solange neben dem Boot herschwimmt bis wir uns satt gesehen haben, um uns anschließend den finalen Showdown zu bieten in dem es nach langem Kampf ein Wasserschwein erlegt. Nein, wir gleiten Stundenlang übers Wasser, die Augen angestrengt Ufer und Wasseroberfläche absuchend und sehen nichts. Vielversprechende Gestalten enttarnen sich beim Herannahen als Wurzeln oder Äste. Keine monströse Anakonda, keine Kaimane, Flussdelfine, nicht einmal eine Schildkröte erblicken wir. Wir geben die Hoffnung natürlich nie auf und werden zumindest mit einem kleinen Exemplar einer Anakonda belohnt: Sie liegt versteckt zwischen Ästen an einer Uferböschung. Sie ist braun mit schwarzen und gelben Punkten, vielleicht 3 Meter lang und damit verhältnismäßig klein. Da ist sie also, die gefürchtete Königin des Dschungels. Bewegungslos liegt sie da, bis sie uns vielleicht doch bemerkt hat und sich langsam ins Dickicht zurückzieht.
 
Wir paddeln weiter und machen Bekanntschaft mit einem Begleiter des Regenwaldes, auf den man sich hier verlassen kann: Regen. Sehr starker Regen. Es schüttet sprichwörtlich wie aus Eimern. Wir haben uns dicke Ponchos übergeworfen, mit denen das Paddeln sehr beschwerlich wird. Es gibt nichts wo wir uns unterstellen könnten. Wir können nichts tun als weiter zu paddeln und auf das Ende des Regens zu warten. In kurzem Takt schöpfen wir literweise Wasser aus dem Boot. Das Wasser hat sich inzwischen auch schon den Weg unter den Poncho gesucht, sodass es mit der Zeit recht kühl wird. Frieren im Regenwald, wer hätte das gedacht. Eigentlich sollten wir heute zu einer Lagune paddeln, doch das lassen wir auf Grund der Umstände aus. So paddeln wir solange flussabwärts, bis wir zu einem Steg einer Lodge kommen, die sich gerade im Aufbau befindet. Hugo meint das wäre ein guter Platz zum Kochen, da es dort eine kleine überdachte Stelle gibt. Wir schleppen also alles was wir benötigen, die glitschige Holztreppe hinauf und können unter dem kleinen Dach etwas durchatmen. Wir kochen Nudeln. Diese werden mit Tomaten, Zwiebeln und Thunfisch vermengt. Das sieht auf den ersten Blick nicht so lecker aus, doch es schmeckt überraschend hervorragend. Vielleicht liegt es auch an der Situation und der Tatsache, dass es draußen immer besser schmeckt und die Wärme des Essens gut tut.
Es regnet nun nicht mehr ganz so stark und wir machen uns wieder auf den Weg zu unserem Tagesziel: einer Community der Siona Indianer. Man nimmt uns freundlich aber mit Diskretion auf. Die Indianer hier leben mehr oder weniger vom Tourismus und das spürt man entsprechend. Das ist zwar schade, aber sehr gut nachvollziehbar. Wenn mehrmals wöchentlich irgendwelche Fremde dein Heimatdorf besuchen, dann hat das irgendwann nichts mehr mit interessanten Begegnungen unter Völkern zu tun. Das größte Interesse besteht dann darin, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Gegenzug stellen sich die Indianer selbst und ihre Familie zur Schau. Dennoch bekommen wir so einen kleinen Eindruck über ihre Lebensart.
Sie gestatten uns in der Gästehütte unsere Zelte aufzuschlagen und wir hängen unsere nassen Sachen nahe an das Feuer, welches die Kinder in einer Ecke der Hütte schüren. Selbst in der Nähe des Feuers trocknen unsere Sachen aufgrund der hohen Luftfeuchte nur schwer.
Unter Joeys Sitz taucht ein kleiner Skorpion auf. Bekanntermaßen sind die kleinen die giftigsten. Hugo meinte normalerweise kommen sie nicht in die Hütten, da sie dort keine Ruhe finden. Dieser hier fand es wohl in der Nähe des Feuers gemütlich warm.
 
Nach dem Abendessen sitzen wir noch eine Weile beisammen, bevor sich dann jeder ein sein Zelt zurückzieht. Dafür geht es morgens immer zeitig raus. Diesmal steht Yucabrot backen auf dem Plan. Am Anfang steht die Ernte des Grundnahrungsmittels. Dazu ziehen wir mit einer älteren Einheimischen los und besorgen aus dem umgrenzenden Gebiet Yuca (auch als Maniok bekannt). Ohne viele Worte zeigt sie uns, wie sie die stärkehaltigen Wurzeln aus der Erde holt und anschließend mit gekonnten Machetenschlägen schält. Zurück in der Hütte werden die Wurzeln per Hand geraspelt. Nebenbei wird schon das Feuer vorbereitet. Nachdem alle Wurzeln geraspelt sind, muss die Flüssigkeit aus der Masse gepresst werden. Dazu wird das Yuca in eine große geflochtene Matte gewickelt. Dieses wird dann senkrecht aufgehangen und am unteren Ende mithilfe eines Holzstabes, eingedreht. Dabei wird der Saft aus dem Yucca gepresst und läuft aus der Matte in einen Auffangbehälter. Dieser Vorgang ist harte Arbeit, denn es wird bis zum Letzten Tropfen gepresst, ähnlich wie beim Auswringen feuchter Wäsche. Das so entstandene Yuca-Mehl wird im Anschluss auf runde flache Platten verteilt, die bereits über dem Feuer positioniert sind. So wird ein dünner weißer Fladen gebacken. Yucabrot ist hier ein sehr wichtiges Nahrungsmittel. Wir dürfen es backfrisch kosten und sind erstaunt von dem guten Geschmack. Es ist ein reines Naturprodukt ohne jegliche weitere Zutaten hergestellt, nicht einmal Salz wurde beigemengt. Der Yuca-Saft wird von den Indianern ebenfalls weiterverwertet, im einfachsten Fall zum Trinken. Der alten Frau sieht man die Anstrengung, welche die Herstellung des Brotes mit sich bringt an. Währen der ganzen Prozedur hat sie nicht gesprochen und wir haben ihre auch keine Fragen gestellt.
 
Heute sind wir nicht mehr all zu lange auf dem Fluss unterwegs, da wir durch das Auslassen der Lagune schon weiter vorgedrungen waren als geplant. Nach weniger als zwei Stunden paddeln, erreichen wir unser letztes Ziel. Wir biegen ab auf einen kleineren Seitenarm in dem das Wasser zu stehen scheint. Plötzlich finden wir uns in einem Weiher voller kleiner toter Fische, die an der Wasseroberfläche treiben. Eine möglich Erklärung dafür ist, dass dieser Bereich während der Trockenzeit, in der wir uns gerade befinden, vom restlichen Wasser abgeschnitten war und die Tiere im schlammigen sauerstoffarmen Gewässer erstickt sind. Der Regen vom Vortag hat laut Hugo den Wasserspiegel wieder steigen lassen.
Diesmal beziehen wir ein verlassenes, alleinstehendes Haus, mindestens 200 Meter vom Ufer entfernt, sodass es eine Weile dauert, bis wir alles vom Boot geladen haben. Das Haus könnte man auch als Ruine bezeichnen. Es ist ein für hier typisches Holzhaus auf Stelzen und hat zwei Etagen. Ein Teil des Hauses ist abgebrannt. Im Obergeschoss finden wir Platz für unsere Zelte in einem Teil, der nicht mit altem Unrat verstellt ist. An der hinteren Wand fehlen Bretter, sodass wir zum Teil Blick direkt in den angrenzenden Wald haben. Circa eineinhalb Meter hinter unserem Zelt entdecken wir eine Spinne. Sie hat einen ungefähr 4 Zentimeter langen glatten und bunt gemusterten Leib. Da ist noch eine, und noch eine, und noch eine,… es ist ein großer Verbund aus dutzenden Tieren, die hier mehrere ineinander greifende Netze gebaut haben, und auf Beute, hauptsächlich Schmetterlinge und Falter warten. Nach etwas Recherche habe ich die Vermutung, dass es sich hier um eine Art der Nephila Spinnen (auch Seidenspinnen genannt) handeln könnte. Wenn sie giftig wären hätte uns Hugo schon gewarnt, also lassen wir sie dort hängen und begutachten sie eine Weile. Sie werden sich wohl hauptsächlich in ihrem Netz aufhalten und nicht bis zum Zelt verirren.
Draußen im Umfeld entdecken wir noch weitere und größere Exemplare. Eine bearbeitet gerade einen frisch gefangen Schmetterling. Sie lähmt ihr Opfer, spinnt es ein und wird ihm etwas zur leichteren Verdauung injizieren.
 
In dem Haus finden wir etwas, dass aussieht wie ein aus Holz geschnitztes Tier. Hugo erklärt uns das ist das alte Haus eines richtigen Schamanen, der vor 5 Jahren gestorben ist. Aha, hoffen wir mal dass er nur von guten Geistern umgeben war.
Wir haben nun etwas Freizeit. Mit der Kamera begebe ich mich auf Erkundungstour und der Weg führt mich wieder an den Weiher. Zu meiner Überraschung treffe ich dort, neben Joey, die dort am Ufer sitzt, auf zwei kleine Indianermädchen. Sie waten barfuß durchs Wasser und fangen mit den Händen einige größere Fische, die bisher überlebt haben, aber schon stark geschwächt sind. Leichte Beute. Die beiden sind neugierig und kommen auf uns zu, zeigen uns lächelnd ihre Beute. Sie sprechen auch etwas Spanisch. Dann verschwinden sie wieder entlang eines Pfades im Wald. Auf dem Rückweg zum Haus sehe ich im Augenwinkel eine Bewegung. Es scheint ein größeres Tier zu sein. Bei genauem Hinsehen ist es einer der Fische. Die Mädchen hatten scheinbar so viele gefangen, dass sie nicht alle mit nach Hause nehmen konnten und haben einige davon entfernt des Wassers abgelegt, um sie später zu holen. Dieser Fisch hat sich nun schon ein gutes Stück von den anderen entfernt und rollt sich zuckend, versteckt im Laub, den Abhang hinunter. Ich lege ihn wieder zu den anderen. Hoffentlich sind die beiden rechtzeitig zurück, bevor ihre Beute wieder abhaut.
Am Nachmittag unternehmen wir mit Hugo noch eine Tour durch den Wald. Nach vielleicht einer Stunde fängt es so stark an zu regnen, dass wir umkehren müssen. Hugo, Stephan und ich hatten unsere Ponchos nicht mitgenommen. Stephan bekommt Joeys Poncho, muss aber dafür zwei Kamerarucksäcke zum Schutz darunter tragen. Hugo schnappt sich die drei einzigen großen Blätter vom Wegesrand und Joey und ich denken zunächst, dass er uns jeweils eines geben würde. Er formiert sich jedoch alle drei als Regenschirm über seinen Kopf und rennt damit an uns vorbei. Arsch. Wir machen uns nun selbst auf die Suche nach großem Blattwerk, doch bis wir das beisammen haben sind wir eh schon durchnässt.
Kleine Rinnsale, die wir auf dem Hinweg noch mit normalem Schritt überstiegen haben, müssen wir nun schon durchwaten. Klatschnass, sprichwörtlich bis auf die Haut, kommen wir im Schamanenhaus an. Eine Feuerstelle gibt es hier nicht, also heißt es so gut es geht abtrocknen und die weniger feuchten Sachen vom Vortag anziehen. Der letzte Abend unserer Tour wird im Erdgeschoss bei Kerzenschein dennoch recht gemütlich.
 
Am Samstagmorgen packen wir unsere Sachen zusammen und warten am Ufer auf das Boot von der Lodge. Da wir in den letzten Tagen flussabwärts gepaddelt sind, bräuchten wir flussaufwärts ein Vielfaches der Zeit, um zur Lodge zurückzukommen. Daher ist es so vorgesehen, dass man am Ende der Tour von einem Motorboot abgeholt wird, das Paddelboot im Schlepptau. Gegen 9 Uhr sollte der Kollege kommen. Um Elf ist immer noch keiner da. Langsam wird auch Hugo nervös. Nach und nach erfahren wir, dass uns ein „neuer“ Kollege abholen sollte und unser letzter Stopp hier nicht abgesprochen war. Genial. Hugo schickt Cleve mit dem Paddelboot zum Hauptarm, um vielleicht den Kollegen von der Cuyabeno Lodge abzufangen. In der Zwischenzeit treffen wir nochmal auf die Indianermädchen, die diesmal noch ihren kleineren Bruder dabei haben. Sie zeigen uns einige Früchte aus dem Wald.
 
Zufällig kommt später ein Siona Indianer in den Weiher gefahren. Hugo erklärt ihm unsere Situation. Es folgen Verhandlungen. Der Einheimische könne uns für 80 USD mitnehmen. Hugo handelt ihn zumindest auf 50 USD runter. Eine Gallone Benzin kostet hier um die 5 USD, daher der hohe Preis. Hugo hat natürlich kein Geld dabei, sodass wir alle zusammenlegen und hoffen, dass wir das Geld auch wieder bekommen. Der Indianer bringt uns bis zur Siona Community zurück. Dort stellt sich heraus, dass unser Abholer uns hier erwartet hatte und auch nur die entsprechende Menge Benzin dabei hatte. Bei den Einheimischen ist es hier äußerst schwierig Benzin zu kaufen. Sie wollen natürlich ihre Vorräte nicht schwinden sehen. Nach einigem hin und her sollen wir in ein anderes Boot steigen und einer der Indianer erklärt sich bereit, uns zurück zur Lodge zu fahren. Hugo kann ihn wenigstens davon überzeugen, noch einen Abstecher zur Lagune zu machen, die wir auf dem Hinweg wegen dem starken Regen verpasst hatten. Es hat sich gelohnt. Es ist so, wie man sich die breiteren Teile des Amazonas vorstellt. Große Bäume ragen direkt aus dem Wasser. Eine dunkle Wolkenfront bahnt sich am Horizont an. Wir könnten hier viel mehr Zeit verbringen, doch es liegen noch einige Stunden Fahrt vor uns und am Abend fährt unser Bus zurück nach Quito. Der Fluss hat nun einen 1,50m höheren Wasserstand als auf unserer Hinreise. Daher sieht er auch viel anders aus. Wir sehen noch ein Faultier und etwas größere Affen mit flauschigen Schwänzen. Am frühen Abend erreichen wir die Lodge. Wir schaffen es noch zu Duschen, etwas zu essen und dann werden wir auch schon wieder zum Bus gebracht. Innerhalb von zwei Stunden fahren wir mit dem Bus nach Lago Agrio und besorgen uns dort Bustickets für die Fahrt über Nacht zurück nach Quito. In den frühen Morgenstunden kommen wir in Quito an, gönnen uns ein Taxi und liegen um 5:20 wieder in unserem eigenen Zelt.
 
Viel zu schnell ist das Abenteuer Amazonas wieder vorbei und es hat Lust auf mehr gemacht. Leider haben wir weniger Tiere als erwartet gesehen und am zweiten und letzten Tag wurde viel Zeit verplempert. Unser Guide war zwar nett, hat sich neben den organisatorischen Dingen, für die er nicht immer was konnte, einige Schnitzer erlaubt und uns nicht wirklich etwas über den Lebensraum Regenwald erklären können. Daher waren wir uns am Ende uneinig darüber, wieviel Trinkgeld wir nun geben sollten / müssten. Der Trip hat sich dennoch mehr als gelohnt. Wir würden das Paddeln, auch wenn es anstrengender ist, jeder Zeit einem Befahren mit dem Motorboot, so wie es die meisten Touristen hier machen, vorziehen. Zum Einen ist man langsamer und zum Anderen auch leiser unterwegs. Die Atmosphäre des Flusses und Waldes kann man so viel besser auf sich wirken lassen. Aus dem Motorboot hätten wir wahrscheinlich nicht einmal die Anakonda gesehen. Eines Tages werden wir uns hoffentlich nochmal in den Amazonas verirren.
 


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Ecuador – Mitad del Mundo – Bis zur Mitte der Welt

25.09.-12.10.2015
 
Nach zwei Wochen Fahrpause sind wir nun wieder auf der Straße unterwegs. Das Schöne beim Fahren von weiten Strecken ohne viel Verkehr und durch wenig besiedelte Gegenden ist, dass man seine Gedanken schweifen lassen kann. Man fühlt sich einig mit sich und der Umgebung, gleichzeitig als Beobachter und Erlebender. Man kann einfach nur den Moment genießen oder verarbeitet Dinge, die in der letzten Zeit passiert sind. Oftmals schießen uns auch neue Ideen in den Kopf. Besonders unter dem Einfluss von neuen Eindrücken bei gleichzeitiger Gedankenfreiheit scheint das menschliche Gehirn kreativ zu sein und ist offen dafür inspiriert zu werden.
 
Von unserem Freund Jorge aus Cali (Kolumbien), haben wir den Tipp bekommen nach Mindo zu fahren. Dort könnten wir auf einer Lodge als Gegenleistung für eine Unterkunft arbeiten. Im Vorfeld haben wir also die „Pura Vida Climb Lodge“ kontaktiert und man hat uns gesagt wir können gerne vorbeikommen. Auf der Fahrt von Mompiche nach Mindo kommen wir in Regen und so dichten Nebel, dass wir mit Warnblinker fahren. Leider kommen viele Einheimische nicht einmal auf die Idee, das normale Licht anzumachen, vom Nebelscheinwerfer ganz zu schweigen. So können wir nur hoffen, dass wir von den anderen gesehen werden. Man weiß bei solchem Nebel auch nie so recht ob man mit Visier offen oder geschlossen fahren soll. Lässt man es oben, wird es kalt im Gesicht und man muss die Augen ständig zukneifen. Lässt man es geschlossen bildet sich eine undurchsichtige Tröpfchenschicht die man durch Wegwischen nur verschmiert.
 
Endlich in Mindo angekommen, treffen wir zunächst auf unseren Reisefreund Ingo, der schon in einem Hostel eingecheckt hat. Wir machen uns zunächst auf die Suche nach der „Pura Vida Climb Lodge“. Camilo ist der Inhaber der Lodge und selbst begeisterter Motorradfahrer. Er nimmt uns herzlich auf und stellt uns mehrere Optionen zur Auswahl, wie wir die Arbeitstage und Unterkunft gestalten. Wir entscheiden uns für die kleine Gartenhütte als Unterkunft und werden dafür halbtags unsere Arbeitskräfte zur Verfügung stellen. Da wir noch auf Joey und Daniel warten, die noch in Kolumbien sind und mit denen wir eine Tour durch den Amazonas machen wollen, haben wir noch circa eine Woche Zeit.
 
Der nächste Tag ist ein Samstag und wir werden sofort in die Geschehnisse eingebunden. Die Lodge ist ein größeres Gelände mit Garten, Kletterturm, Lagerfeuerstellen sowie vereinzelten Unterkünften und Möglichkeiten zum Zelten. Camilo, der Inhaber hat sich darauf spezialisiert, Gruppen zu empfangen, die hier Erlebnistage verbringen. Es gibt Angebote sowohl für Kinder als auch für Erwachsene im Rahmen von Team Building-Seminaren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Kletteraktivitäten. An diesem Wochenende findet ein Vater-Sohn-Event statt. Circa 18 Väter aus der Hauptstadt Quito kommen gemeinsam mit ihren Söhnen und wollen beschäftigt und verköstigt werden. Wir kamen scheinbar zur rechten Zeit an, denn Camilo fehlten tatsächlich zwei Leute, um das alles zu bewerkstelligen. Startzeit ist um 9:30 Uhr angegeben. Um 11 Uhr sind dann endlich alle Gäste da. Selbst der Verlust von wertvoller Zeit, für die sie im Rahmen des Events bezahlt haben, scheint die Ecuadorianer nicht zum pünktlich sein zu motivieren. Damit es alle rechtzeitig zum Mittagessen zurück schaffen, geht es auch schon sofort los zum ersten Programmpunkt: Eine Wanderung durch den tropischen Wald mit Kletterpassagen über Felsen und Baumstämme. Wir sind die Teambetreuer und sollen die Gruppe zusammenhalten. Wir merken sofort dass wir es mit Stadtkindern zu tun haben. Einige sind mehr besorgt um ihre Schuhe und Kleidung als dass sie Spaß am Klettern hätten. Auch ist es interessant zu sehen, wie die Jungs, deren Väter nicht sofort helfend eingreifen, deutlich besser vorankommen, als diejenigen, denen jeder Schritt versucht wird möglichst leicht zu machen. Am Ende kommt ein langer steiler und glitschiger Felsen, den alle hinauf und wieder hinunter müssen. Während einige Jungs ohne großes Zögern zu klettern beginnen, stehen anderen vor Angst schon fast die Tränen in den Augen. Das waren die mit den coolsten Schuhen, es ist also überall gleich auf der Welt ;-) Beim Aufbau der Zelte sind einige Väter dankbar über unsere Mithilfe. Einige haben zum ersten Mal in ihrem Leben ein Zelt aufbauen müssen und waren in dem Gewirr aus Schnüren und Stangen entsprechend verzweifelt.
 
Zum Mittagessen helfen wir beim Catering, bevor es nachmittags zum Watertubing in einem nahegelegenen Wildwasserfluss geht. Sechs Schläuche sind dabei um einen weiteren Schlauch in der Mitte zu einem Ring zusammengebunden. Bis zu sechs Leute können in den Zwischenräumen Platz nehmen. Ein Guide manövriert uns so den Fluss hinunter. Bei der wilden Abfahrt werden wir von oben bis unten durchnässt. Mehrmals donnern wir gegen größere Felsen und quetschen uns durch strömungsstarke Engpässe. Die Schläuche fangen alles ab und verformen sich gegeneinander so, dass wir durch jedes Hindernis auf das wir zurasen durchkommen, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Unter vollem Körpereinsatz zerrt der Guide halb im Wasser stehend an den vollbesetzten Gummiringen, wenn wir doch mal irgendwo festhängen. Die Guides tragen weder Helme noch Schwimmwesten, haben Jeans an und tragen dünne Schuhe. Sie sind äußerst geschickt, doch einen Fehler dürfen sie sich nicht erlauben, wenn sie sich dabei nicht verletzen wollen. Solange alle „im Boot“ bleiben, ist es jedenfalls ein Riesenspaß.
 
Nach dieser Aktion sind alle Beteiligten müde und wir werden alle auf der Ladefläche von Pickups zurück zur Lodge gebracht. Wieder eine Sache die in Deutschland ohne Strafanzeige nicht möglich wäre. Zurück bei der Lodge helfen wir beim Catering für das Abendessen und fallen nach dem Lagerfeuer gegen 22 Uhr todmüde ins Bett. Am nächsten Morgen geht es weiter mit Klettern am Kletterturm. Da in der Küche eine Person fehlt, lass ich mich dazu breit schlagen dort auszuhelfen, während Stephan am Kletterturm hilft. Nach dem Mittagessen warten Berge von Abwasch auf uns. Am Nachmittag reisen die Eventteilnehmer ab und wir sind noch etwas mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Wir sind froh dass wir Camilo und seinem kleinen Team helfen konnten.
In der Woche werden keine weiteren Gäste erwartet und so widmen wir uns in den nächsten Tagen typischen Gartenarbeiten mit der Machete, wie zum Beispiel Hecken schneiden und Bananenbäume von vergammelten Blättern befreien. Das Arbeiten mit der Machete macht irgendwie Spaß, besonders wenn sie frisch geschärft ist. Damit lässt sich die Hecke gut bearbeiten und durch die Bananenblätter geht sie wie Butter.
 
Zum Mittagessen fahren wir mit den Motorrädern in die Stadt und probieren einen Quinoa-Burger. Quinoa ist eine Körnerfrucht, die besonders von den Inka in der Andenregion als Grundnahrungsmittel genutzt wird. Die hirsegroßen Samen mit brauner bis weißer Färbung haben einen hohem Eiweiß- und Mineralstoffgehalt. Der Restaurantbetreiber experimentiert gerade mit Rezepten und bittet uns um unsere Meinung nachdem er uns zwei Varianten seiner Burger Bratlinge zum Verkosten gibt. Es schmeckt nicht schlecht, Stephan bevorzugt jedoch weiterhin ein saftiges Stück Fleisch im Brötchen. Für mich wäre es eine gelungene Alternative, wenn man auch noch an die positive gesundheitliche Wirkung von Quinoa glaubt. Viel lieber ist mir allerdings, dass er uns zum Probieren seiner selbst kreierten Eissorten einlädt. Die sind unglaublich gut, besonders die Ingwer-Maracuja-Chili-Variante und wir müssen in den nächsten Tagen noch einige Male hier vorbeikommen. Im Gegensatz zu den meisten Essensangeboten im Land, macht sich hier jemand mal Gedanken, die über die typischen einfallslosen Reis-mit-Hühnchen Gerichte hinausgehen.
 
Nach einem weiteren Tag im Garten gehen wir Ingo besuchen, der sich zwei Kilometer weiter ein Hostel genommen hat. Dort verbringen wir den Abend im Jacuzzi, eine wahre Wohltat nachdem wir den ganzen Tag die Machete geschwungen haben.
 
Bei Mindo gibt es ein Mariposario (Mariposa ist das spanische Wort für Schmetterling). Hier in den tropischen Regionen haben wir schon öfter mal die großen blauen Schmetterlinge gesehen, die aber schon wieder verschwunden sind, sobald man sie erblickt hat. Vielleicht treffen wir sie hier aus der Nähe an. Vor dem Betreten des Hauses halten uns zunächst die vielen Kolibiris auf, die um eine Nektarstation schwirren und ganz aus der Nähe zu betrachten sind, während sie den süßen Stoff aufsaugen.
 
Das Schmetterlingshaus versteht sich nicht nur als Besucherattraktion sondern auch als Aufzucht- und Forschungseinrichtung für die beliebten Insekten. In mehreren Stationen können wir die vier Stadien des Lebenszyklus eines Schmetterlings live betrachten: Ei, Raupe, Puppe und Falter. Die Eier haben skurrile Formen und Farben, zum Teil glänzen sie golden.
Besonders spannend ist jedoch die „Geburt“ eines Falters, wenn er sich aus der Puppe herauswindet und sich seine Flügel entfalten. Die Metamorphose von der Raupe zum Falter ist sehr komplex und grenzt an ein kleines Wunder.
 
In dem großen Raum fliegen hauptsächlich große Bananenfalter umher. Wenn man sich etwas süßen Bananensaft auf die Finger streicht, kann man sie aufnehmen oder sie kommen von sich aus angeflogen und lassen sich auf Kleidung und Rucksäcken nieder. Auch dem blauen Schmetterling begegnen wir hier, der es uns aber immer noch schwer macht, ihn auf Fotos abzulichten.
 
In Mindo lernen wir noch den Motorradreisenden Mauro kennen. Ingo hat ihn in Kolumbien kennengelernt und nun ist er zufällig in der Nähe. Mauro ist halb Italiener, halb Äthiopier und nutzt seinen Überschussurlaub um mit seiner KTM 990 Adventure Südamerika zu bereisen. Er arbeitet als Logistikmanager beim Internationalen Roten Kreuz (IRC). Die Hauptaufgabe des IRC ist, die Einhaltung von Menschenrechten in Kriegsgebieten zu kontrollieren. Die Institution hilft bei der Freilassung von Geiseln und unterstützt bei humanitären Katastrophen, Flüchtlingskrisen und überwacht die Einhaltung von Bedingungen für Kriegsgefangene. Mauro hat daher viele interessante Geschichten zu erzählen. Mit ihm und Ingo verbringen wir die nächsten Tage. Gemeinsam brechen wir auf nach Lloa, einer Kleinstadt nahe Quito. Unser Ziel ist ein nahegelegener Vulkankrater zu dem man hinauffahren kann. Ingo war vor einigen Tagen schon mal dort und will uns diesen Ort zeigen. Während wir uns in einem „Comedor“ (Straßenrestaurant) mal wieder Reis und Huhn zuführen, können wir aus der Ferne beobachten wie sich eine kleine Menschentraube um die Motorräder bildet. Eltern setzen ihre Kinder auf den Sitz um Fotos zu machen. Als wir später unten ankommen müssen auch wir als Fotomotiv herhalten. Die meisten fragen freundlich und dann machen wir gerne Fotos mit ihnen. Doch es gibt immer wieder Leute die denken, dass wir dazu verpflichtet sind, neben den Motorrädern zu posieren und in die Kamera zu schauen. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass Leute versucht haben, uns mit Handzeichen zu verstehen zu geben, wir sollen uns doch dort oder da hinstellen, ohne sonst ein Wort mit uns zu wechseln. Auf solche Begegnungen haben wir wenig Lust. Genauso wenig wie darauf, wenn uns Leute mit „wieviel kostet das Motorrad?“ ansprechen, ohne vorher wenigstens „Hallo“ zu sagen.
 
Wir schlagen unser Lager auf der Wiese im Hinterhof einer Hacienda auf und machen uns am nächsten Morgen ohne Gepäck auf den Weg zum Krater. 16 Kilometer geht es eine sandige Dreckstraße hinauf. Fahren im Sand ist nicht gerade unsere Lieblingsbeschäftigung. Aber im Endeffekt ist es ein gutes Training, um unser fahrerisches Können zu verbessern. Besonders die letzten Kilometer haben es in sich, da es zum Teil sehr steil in engen Kurven bergauf geht. Circa 100 Meter vor Erreichen des Zieles erwischt es mich dann doch. Ich bleibe im tiefen Sandloch stecken und das Motorrad fällt auf die Seite während ich abspringe. Dabei bricht leider der rechte Rückspiegel ab. So ein Mist. Fast sturzfrei geschafft und dann so etwas. Auf 4550 Metern angekommen kann ich mich nicht lange ärgern, denn hier oben bleibt einem fast die Luft weg. Die letzten 200 Meter bis zum Krater müssen wir zu Fuss weiter. Bei dem Anstieg in der Höhe ist jeder Schritt wohlüberlegt und der Weg erscheint mir ewig lang. Endlich sind wir auf 4650 Metern Höhe angekommen und mein Körper hat keine Lust mehr auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Leider ist hier oben alles voller Nebel und wir können nicht in den Krater hineinschauen. Für uns hat es sich dennoch gelohnt, denn ab und an haben wir durch die Wolkendecke einen schönen Blick auf Quito und das Umland. Außerdem ist es für uns ein neuer Höhenrekord, wir haben unsere Fahrtechnik deutlich verbessert und die Angst vor dem Sand etwas eingedämmt. Die Abfahrt wird mindestens genauso spannend, denn das Vorderrad lässt sich auf einer sandigen Bergab-Kurve nicht sonderlich gut manövrieren.
 
Zum frühen Nachmittag sind wir wieder im Dorf und finden am Marktplatz noch Gelegenheit zu einem Almuerzo (Mittagessen). Den Nachmittag verbringen wir mit kleineren Wartungsarbeiten und organisatorischen Dingen. Am Abend gehen wir zum Einkauf ins Dorf. Ein Kleinbus muss sich unbedingt noch schnell an uns vorbeiquetschen und erwischt dabei mit dem Seitenspiegel Mauros Schulter. Wie blöd kann man eigentlich sein, zum Glück ist nichts weiter passiert. Die Fahrweise nach dem Prinzip „vielleicht klappt es ja noch“, oder „wenn ich die Augen zumache komme ich vorbei“ ist hier leider weit verbreitet. Die Einkaufslädchen hier geben leider nicht mehr viele Zutaten zum Kochen für 4 Personen her und im Straßenverkauf gibt es auch nichts mehr. Zu allem Überfluss ist heute Sonntag und es darf kein Alkohol, also auch kein Bier verkauft werden. Eine Verkäuferin erbarmt sich und verkauft uns vier Flaschen, mit der Auflage, dass wir sie gut im Rucksack verstecken und das Leergut wieder zurückbringen. Wir finden noch eine alte Paprika und etwas Schinken und können uns so aus unseren restlichen Beständen noch ein Gericht mit Reis kochen, was uns alle einigermaßen satt macht. Nach einem Lagerfeuer verbringen wir eine recht kalte Nacht im Zelt. Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege, da Mauro mit einem strafferen Zeitplan gen Süden fahren muss. Es ist mal wieder ein schwieriger Abschied, haben wir doch einige schöne und interessante Tage miteinander verbracht.
 
Zum Glück haben wir ja noch Ingo, mit dem wir nun nach Papallacta zu den Thermalquellen fahren. Auf dem Weg dort hin müssen wir Quito durchqueren und nutzen die Gelegenheit schon mal nach Ersatz oder Reparatur für den abgebrochenen Spiegel zu schauen. Ingo hatte, als wir noch in Mindo die Machete geschwungen haben, bei dem Händler „Gasmoto“ nahe Quito seine Tenere wieder fit gemacht. Wir fahren dort vorbei, um zu schauen ob man uns dort auch in diesem Fall weiterhelfen kann, sie haben schließlich auch Teneres in ihrem Bestand. Zunächst prüfen wir im Onlinesystem, ob es Original Ersatzspiegel in Ecuador gibt, eine Überprüfung mit vorhersehbarem unbrauchbarem Ergebnis: Es sind zwar Teile im Land verfügbar, aber bei einem Preis von 60 USD keine Option für uns. Der freundliche Servicemitarbeiter hat andere Ideen. In der Nähe gibt es einen Ersatzteilshop, der vorwiegend chinesische Produkte verkauft. Kurzerhand nimmt er mich auf seiner KTM Adventure mit und wir düsen durch die Stadt. Bei besagtem Shop gibt es tatsächlich einen möglichen Ersatzspiegel aus China für circa 7 USD, der zumindest die Funktion erfüllen würde. Damit gibt sich der Gasmoto-Mitarbeiter aber noch nicht zufrieden. Er fährt mit mir weiter zu einem Mechaniker, der mit Fiberglas arbeitet und den Spiegel für 3 USD reparieren würde. Ich entscheide mich für diese Version. Wir fahren zurück zum Händler und gehen Mittagessen. Der Mitarbeiter holt danach den Spiegel wieder ab und sagt er will kein Geld dafür haben. Wir versuchen natürlich ihm trotzdem etwas dafür zu geben, doch er will es nicht annehmen. Unendlich dankbar für diese große Hilfe fahren wir weiter nach Papallacta.
 
Nach etwas Recherche vor Ort stellen wir fest, dass die Preise der Unterkünfte ganz schön happig sind und entscheiden uns dafür doch schon am nächsten Morgen weiter zu fahren. Der Plan war eigentlich am nächsten Tag mit Joey und Daniel hierhin zurück zu kommen, nachdem wir sie an der „Mitte der Erde“ einsammelt haben. Immerhin können wir einen Abend lang den unterkunftseigenen, vom Thermalwasser beheizten Pool nutzen und bringen unseren Kreislauf bis an die Belastungsgrenze. Nach 2 Stunden im Warmwasserbad sind wir jedenfalls wieder porentief rein und schlafen später wie Babys. Bei der „Mitad del Mundo“, also am Äquator, treffen wir wie verabredet Joey und Daniel wieder. Die Wiedersehensfreude ist groß und es gibt viel zu erzählen. Das letzte Mal, als wir uns alle fünf gesehen haben war in Guatemala. Am Äquatordenkmal „Mitad del Mundo“ (Mitte der Welt) machen wir einige Fotos und Daniel bringt gleich seine Drohne zum Einsatz, mit der er ein paar Aufnahmen mit uns und den Bikes auf der Äquatorlinie von oben macht. Da Papallacta zu teuer war, entscheiden wir uns nach einigen Überlegungen dazu, noch ein paar gemeinsame Tage in Mindo zu verbringen, bevor sich Ingo wieder auf den Rückweg nach Kolumbien macht. Er hat sich dazu entschieden seine Motorradreise nach mehr als vier Jahren zu beenden und doch nicht nach Ushuaia hinunter zu fahren. Wieder zurück in Mindo schlagen wir diesmal unsere Zelte auf der Nachbarwiese vom Jacuzzi auf. Mithilfe eines warmen Whirlpools lässt sich der traurige Abschied wenigstens gebührend feiern. Wir versuchen noch einige Male Ingo zur Weiterfahrt zu überreden, doch letztendlich hat er, wenn auch schweren Herzens, seine Entscheidung bereits getroffen. Er will sich erstmal auf berufliche Projekte konzentrieren und wird wahrscheinlich nach Südostasien gehen.
 
Wieder zurück in Mindo machen wir eine Großräumaktion unseres Ausrüstungsbestandes. Unsere Koffer sind eigentlich viel zu groß und wir haben zu viel Zeug dabei, was das Rangieren und Fahren im Gelände unnötig schwer macht. Mit der Hilfe von Daniel, der schon einige Motorradreisekilometer mehr als wir auf dem Buckel hat, sortieren wir nach dem Motto „was wir nicht brauchen, um aus der Wüste heraus und zurück in die Zivilisation zu kommen, brauchen wir nicht“, unser überflüssiges Gepäck aus. Als wir alles auf eine Plane legen, bemerken wir, dass wir zwei Zangen zu viel haben, den Wasserfilter brauchen wir hier in Amerika eigentlich auch nicht wirklich und anstelle der Ersatz-Zeltstangenhülsen kann man behelfsmäßig für ein paar Nächte auch etwas anderes nehmen. Im Prinzip geht es darum nur das mitzunehmen, was man täglich braucht oder um sich aus einer Notsituation zu retten. Das ist allerdings gar nicht so einfach abzugrenzen, denn man könnte theoretisch auch mit einem Messer und einem Feuerstein auskommen, um zumindest ein paar Tage zu überleben. Kamera und Laptop mit allen dazu nötigen Ladegeräten, Akkus und Speichermedien sind auch nicht überlebensnotwenig, aber weglassen wollen wir das natürlich nicht. Auch bei Werkzeugen ist es schwer abzuschätzen was man bei einer Reparatur benötigt, da es immer vom Schadensfall abhängt. Es ist auch besser 3 Paar Socken zu haben und vielleicht noch ein Paar extrawarme für kalte Nächte im Schlafsack, da wir nicht jeden zweiten Tag Wäsche waschen können. Etwaige Geschenke von Einheimischen können wir auch nicht entsorgen. Nach einigen Überlegungen haben wir dennoch 3-4 Kilo aussortieren können und wertvollere Dinge wie den Wasserfilter nach Hause geschickt oder brauchbare Gegenstände verschenkt. Dazu gehen wir nochmal Camilo in der Pura Vida Climb Lodge besuchen, um zu fragen ob er die Sachen gebrauchen kann. Dort findet gerade ein kleines Bikertreffen statt und wir lernen Andrés kennen, der uns dazu einlädt ihn in seiner Heimatstadt Santo Domingo zu besuchen, wo wir auch den dort noch lebenden Indianerstamm der Tsachilas besuchen könnten. Mehr dazu in einem späteren Beitrag.
 
Wir verabschieden uns schweren Herzens von Ingo, der nun wieder gen Norden fährt und machen uns gemeinsam mit Joey und Daniel auf den Weg nach Quito. Dort wollen wir eine Tour in das Amazonasbecken organisieren, da wir mit den Motorrädern nicht in den Wald beziehungsweise das Flusssystem hineinkommen. Wir finden mitten in der Hauptstadt durch einen Tipp anderer Reisender eine Möglichkeit zum Zelten im „Hostal Zentrum“, welches einem Deutschen gehört. Neben der vielbefahrenen Straße ist es zwar nicht der schönste Ort zum Zelten, aber dafür preisgünstig, praktisch und sauber. Übrigens bricht beim Aufbau eine der Zeltstangen, gerade einen Tag nachdem wir die Ersatzhülsen, 100km von hier, abgegeben haben. Es gibt manchmal komische Zufälle. Hier auf dem Hinterhof-Zeltplatz können wir unsere Bikes und das Zelt stehen lassen, während wir auf „Kurzurlaub“ in den Amazonas gehen. In einem örtlichen Reisebüro finden wir auch gleich das passende Angebot: eine 5-Tagestour mit 3 Tagen paddeln auf dem Rio Agua Rico. Zwei Tage später sitzen wir abends um 19:30Uhr mit Joey im Bus und fahren über Nacht bis hinter Nueva Loja (Lago Agrio) zum Cuyabeno Reservat.
 


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Ecuador – Leben im Bambushaus

09.09.-25.09.2015

Das erste Erlebnis in Ecuador ist nicht so schön: In einer kleinen Stadt hinter der Grenze passiert etwas, worauf ich gerne verzichtet hätte. Wie überall in Lateinamerika gibt es hier viele Hunde die auf den Straßen herum laufen. Schon oft haben wir entsprechende Unfallopfer mehr oder weniger erkenntlich am Wegesrand liegen sehen. Kurz vor mir läuft ein größerer Hund auf die Straße. Ich bremse ab und hupe, er schaut mich noch an, gerät dann in Panik, wechselt zweimal die Richtung bis er schließlich über die Gegenspur rennen will. In dem Moment kommt ein Taxi und rammt den Hund mit circa 40 km/h genau vor meinen Augen in voller Breite. Ich höre einen furchtbaren Knall, ein kurzes Jaulen, und sehe wie der Körper des Hundes an der Stoßstange aufprallt und sich sein Körper verformt. Er ist sofort tot und bleibt am Straßenrand liegen, während das Taxi langsam weiterfährt. Den ganzen Tag kann ich an nichts anderes mehr denken.
 
Von der kolumbianischen Grenze aus fahren wir über die E10 gen Westen. Der Weg führt uns zunächst durch einen Canyon und bergiges Gebiet mit spärlicher Vegetation, bis wir plötzlich durch dichten Regenwald fahren. Die Straße ist bestens asphaltiert und schlängelt sich mit sanften Kurven durch den Wald. Auch der frische Waldgeruch und der wenige Verkehr tragen zu einem schönen Fahrerlebnis bei. Immer wieder kommen wir an kleinen Holzhütten, die wegen den vielen Regenfällen hier oftmals auf Stelzen stehen, vorbei. Sie wirken zum Teil sehr ärmlich was den baulichen Zustand des Hauses angeht. Die Nähe zur Natur, die Ruhe und der Freiraum sind Dinge, die die Bewohner jedoch vermissen könnten, wenn sie in die Stadt ziehen. Die feuchte Hitze ist für uns allerdings erdrückend, umso besser schmeckt der frische Obstsalat den wir am Straßenrand kaufen können. Wir probieren auch verschiedene Riegel aus einer Kokosmasse, die extrem gut schmecken und uns neue Energie bringen.
 
Unser erstes Ziel in Ecuador ist ein Bambushaus in dem kleinen verschlafenen Surfer-Örtchen Mompiche. Wir haben es über „Workaway“ gefunden, einer Plattform für Freiwilligenarbeit. Wir bieten also unsere Arbeitskraft für ein paar Stunden in der Woche an und bekommen dafür die Unterkunft gestellt. Es ist ein Volltreffer. Nancy ist unsere Gastgeberin, von den Dorfbewohnern wird sie „Sirena“ genannt, was auf Deutsch „Meerjungfrau“ bedeutet. Die 60-jährige Kalifornierin hat sich hier in Mompiche ihren Traum erfüllt: Sie hat sich ein Bambushaus nach ihrem eigenen Entwurf bauen lassen und wohnt nun darin. Das Haus ist aufgebaut wie eine Hochzeitstorte: 5 Ebenen bauen immer kleiner werdend aufeinander auf. Bis auf ein Fundament aus Stahlbeton und den Böden aus Holzbrettern, ist die komplette Konstruktion aus Bambusrohren gebaut.
Im Erdgeschoss liegen die restlichen Bambusrohre auf dem Sandboden, neben denen wir unsere Motorräder zum Parken halb im Sand versenken. Die erste Etage ist eine große Fläche, die noch ungenutzt ist und die sie später zur Veranstaltung von Workshops und Tanzstunden nutzen möchte. Darüber findet sich der Wohnbereich mit Küche, Bad und Hängematten. Wir dürfen in die dritte Etage einziehen, welche aus einem Zimmer mit einem Doppelbett besteht. Ganz oben, in der vierten Etage befindet sich die sogenannte „Honeymoon“ Suite – ein circa 15 Quadratmeter großes Zimmer, mit 360 Grad Ausblick, welches Sirena als Schlafzimmer benutzt. Von hier kann sie sowohl über den Regenwald blicken als auch über das Dorf und das Meer. Dies ist ein einzigartiger Wohnort.
 
Das Haus ist ab der ersten Etage nach allen Seiten hin offen, es gibt keine Außenwände, nur ein paar Fensterläden, die man als Regenschutz herunterklappen kann, um das Hausinnere vor Regen zu schützen. Es ist hier im ganzen Jahr in der Gegend immer ausreichend warm, sodass hier niemand frieren muss. Der Begriff „Heizung“ dürfte den Einwohnern hier ein Fremdwort sein. Sowie das Haus selbst, ist auch der Großteil der Inneneinrichtung aus dem Riesengras gefertigt: Innenwände, Betten, Kleinmöbel, Spiegel, Treppen, Regale etc. Türen gibt es nicht. Es ist definitiv ein inspirierender Wohlfühlort. Ein paar kleine Schattenseiten gibt es dennoch: Im Haus gibt es so gut wie keine Privatsphäre. Da es keine Räume mit vier Wänden und Fenstern gibt, gibt es auch keine Schalldämmung. Man bekommt immer mit, was der andere macht. Das Bad befindet sich in einer Nische um die Ecke, jedoch ebenfalls ohne abschließbare Tür. Sobald sich jemand im Haus bewegt, spürt man dies durch Schwingungen. Selbst als wir abends im Bett liegen, spüren wir es, wenn die Katze eine Etage tiefer von der Bank auf den Boden springt. Bei einem Erdbeben hat dies allerdings Vorteile. Die Energie wird durch die Schwingungen abgebaut, Bambushäuser gelten bei richtiger Konstruktion als sehr erdbebensicher.
 
Gleich am ersten Abend hat uns allen der alte Gaskocher einen kleinen Schrecken eingejagt. Wir saßen in gemütlicher Runde, als es plötzlich knallt und blitzt und wir das Gerät in Flammen aufgehen sehen. Ähnlich wie beim Holzhaus ist Feuer ein natürlicher Feind des Bambushauses. Mit Decken versuchen wir es zu ersticken, doch es hört nicht auf. Erst als es jemand schafft die Gasflasche zuzudrehen, können wir das Feuer besiegen. Nun sehen wir auch den geschmolzenen Gasschlauch, der am halb verrosteten Gaskocher klemmt und aus dem die Stichflamme herausgeschossen kam. Das sieht alles wenig vertrauenserweckend aus, vor allem wenn man von deutschen Standards verwöhnt ist. Unserer Gastgeberin wurde vor ein paar Tagen die Gasflasche geklaut. Daher hat sie sich neben einer neuen Gasflasche auch ein neues Ventil und einen Schlauch kaufen müssen. Wir verdächtigen zunächst den Schlauch, doch in dem kleinen Eisenwarenladen des Dorfes stellt sich am nächsten Tag heraus, dass sie ein Ventil für den Industriegebrauch gekauft hatte. Bei dem viel zu hohen Druck hat sich dann der Schlauch verabschiedet. Nachdem wir das Ventil getauscht haben, gab es zumindest während unseres Aufenthaltes keine weiteren Zwischenfälle mehr. Ein großer schwarzbrauner Fleck über dem Herd wird allerdings noch länger an diesen Vorfall erinnern.
 
Wir fragen Sirena wobei wir ihr in den nächsten Tagen helfen können, um uns unsere besondere Unterkunft auch zu verdienen. Sie sagt wir sollen uns erstmal entspannen von der Fahrt mit unseren „Raumschiffen“ und lädt uns zu einer Partie Domino ein. Domino ist ihr Lieblingsspiel, welches sie mit jedem Freiwilligenarbeiter hier spielt. Nun wird uns auch klar, nach welchem Prinzip die Herrenrunden auf Kuba gespielt haben. Während man das einfache Domino aus den eigenen Kindertagen nur als Aneinanderreihen gleicher Augenzahlen kennt, muss man sich bei hiesiger Spielweise mit taktischem Überlegen etwas mehr anstrengen. Das Spiel will ich nun hier nicht erklären, es sei nur gesagt, dass in den nächsten zwei Wochen so einige Runden folgen, da Sirena besonders morgens nach dem Frühstück nach spielwilligen Opfern sucht. Stephan hat sich meistens erbarmt, während ich im Hängesessel ein Buch nach dem anderen verschlungen habe. Manchmal war es dann plötzlich schon mittags. Aber das stört ja auch keinen hier.
 
Eigentlich wollten wir bei dem Projekt lernen, wie man mit Bambus bauen kann, doch derzeit steht kein brauchbares Werkzeug zur Verfügung. Nachdem sich das Kreissägeblatt der alten Maschine beim ersten Verschnitt eines Bambusrohres im Rahmen verkeilt, suchen wir uns lieber Tätigkeiten, bei denen wir keine Gliedmaßen verlieren können. Sirena hat ohnehin eine andere Aufgabe für uns. In naher Zukunft muss der Bambus des ganzen Hauses imprägniert werden. Es wurde leider versäumt vor dem Hausbau die Rohre entsprechend zu behandeln, da alles schnell gehen musste. Die günstigste Variante ist nun die Behandlung mit Diesel. Jawohl, Diesel. Die berühmte andere Seite der Medaille kommt ans Licht. Damit das Mittel gut einziehen kann, muss der Bambus von seiner rauen Oberfläche befreit werden. Mit feiner Stahlwolle bewaffnet, eine Schleifscheibe gibt es leider nicht, machen wir uns ans Werk. Das was wir von der Oberfläche entfernen sind fiese, auf der Haut Juckreiz erzeugende feine Partikel, die auch noch schön in der Kleidung hängen bleiben. Stephan zieht sich einen tiefen Schnitt in den Finger, als er versucht, die gröbere Stahlwollknolle in kleinere Portionen zu zerlegen. Zum ersten Mal kommt nun unser Erste Hilfe Paket zum Einsatz. Mit zwei Pflastern ist das erstmal erledigt und die Wunde heilt zum Glück schnell wieder zu. Ein sauberer Schnitt. Nach der Reinigung kommt jedoch die Belohnung: Der Bambus fühlt sich geschmeidig glatt an und auch optisch merken wir den Unterschied. In den nächsten Tagen schrubben wir also täglich ein paar Stunden das Haus mit Stahlwolle.
 
Mittags verschlägt es uns meistens ins „Kiwis“, einem kleinen Restaurant in dem es jeden Tag ein anderes Mittagsmenü von gesunder Küche mit Suppe, Hauptgericht und Getränk für $3,50 gibt. Typischerweise gibt es in Ecuador Reis mit Hühnchen oder Fisch. Im „Kiwis“ versucht die Köchin jedoch den Speiseplan mit Gemüsegerichten etwas aufzuwerten.
 
Ab und an bekommt Sirena Besuch von Adam. Er ist ein ehemaliger „Flight Officer“ aus Florida und verbringt hier ein paar Monate mit „Housesitting“. Die eigentliche Hauseigentümerin ist längere Zeit verreist, Adam passt auf ihr Haus auf und darf so kostenlos bei ihr wohnen. Auch Pinar und Sophie, die beiden „Zigeuner-Hippie“ Mädchen, wie sie sich selbst in ihrem Reise-Blog nennen, kommen gelegentlich vorbei. Es wird also nie langweilig. Mit Adam und den beiden Mädels unternehmen wir einen Ausflug zum schwarzen Strand. Dieser heißt so, weil der Sand dort nicht wie üblich weiß oder braun ist, sondern tiefschwarz. Der Sand ist extrem fein, sodass er wie Schlamm auf der Haut haftet. Entsprechend sehen wir dann aus.
 
Auf dem Rückweg nach Mompiche kommen wir am Strand an einem kleinen Tierreservat vorbei. Eine Frau nutzt hier ihr Grundstück, um herrenlosen oder ausgestoßenen Haustieren ein zu Hause zu geben. Etliche Hunde und Katzen, die zum Teil sehr verwahrlost aussehen, teilen sich hier den Platz. Die Frau versorgt diese Tiere und lebt dabei selbst sehr einfach. Die Szene erfüllt mich einerseits mit Traurigkeit, andererseits auch mit Ehrfurcht vor solchen Menschen, die sich so um andere Wesen kümmern und dabei selbst zurückstecken.
 
Wir bekommen Besuch von Freunden, die wir unterwegs kennengelernt haben. Da ist zum Beispiel Ingo. Ihn hatten wir bereits in den USA, Guatemala und Kolumbien getroffen. Er ist auch Motorradreisender, kommt aus Potsdam und ist, mit einem längeren Zwischenstopp zum Arbeiten in Australien, schon seit 4 Jahren auf seiner Tenere unterwegs. Einige Tage später kommen uns Les und Catherine besuchen, die beiden Kanadier, die wir schon auf der Stahlratte getroffen haben. Die beiden reisen ebenso langsam wie wir. Trotz ihren Alters (55 & 65), machen sie eine gute Figur auf den beiden Kawasaki KLRs und scheuen sich vor keinem Abenteuer.
 
So verbringen wir einige entspannte Tage in Mompiche, leben im Bambushaus, schrubben Bambusrohre, spielen Domino, lesen Bücher, treffen uns mit unseren Freunden und genießen den Dschungel um uns herum. Bei einem Ausflug sind wir im Dschungel auf Brüllaffen und viele Spinnen getroffen und wissen nun auch wie frische Kokosnüsse schmecken.
 
Bei einer Einheimischen lernen wir, wie man aus Kakaobohnen Schokolade macht. Zunächst rösten wir die frischen Bohnen in einer gusseisernen Pfanne über dem Feuer. Circa eine halbe Stunde lang müssen die Bohnen ständig umgerührt werden, damit sie nicht anbrennen. Dabei müssen wir die Augen zukneifen, da uns der scharfe Rausch des Feuers Tränen in die Augen treibt. Im Anschluss schälen wir die heißen Bohnen per Hand, eine langwierige Arbeit. Es riecht so gut, dass ich doch mal eine kosten muss. Der reine Kakao schmeckt einerseits bitter, doch das Kakaoaroma ist unbeschreiblich gut.
Der letzte Schritt ist das Mahlen der geschälten Bohnen, denen nach Belieben Gewürze wie Vanillestangen oder Zimt beigemengt wird. Das Mahlen erfolgt per Hand mit einer Kakaomühle (das Gerät sieht einem Fleischwolf ähnlich), die mit einer Schraubzwinge am Tisch befestigt wird. Das Gerät ist wahrscheinlich schon Jahrzehnte alt und will nicht mehr so richtig am Tisch klemmen, was die ohnehin schon schweißtreibende Aktion noch erschwert. Doch das Ergebnis lohnt sich. Wir sind erstaunt, was für eine ölige Masse aus den so trocken erscheinenden Bohnen entsteht. Das Ergebnis kann sich sehen und schmecken lassen. Es ist natürlich immer noch purer Kakao und schmeckt im Vergleich zur Tafelschokolade sehr bitter. Doch als Heißgetränk schmeckt es super und unsere Geschmacksnerven haben mal wieder ein ursprüngliches und natürliches Aroma wahrnehmen dürfen.
 
Auf der Hauptstraße des Dorfes befindet sich eine „Open Air“-Möbelwerkstatt. Der Bambus-Handwerker Alejandro baut hier gemeinsam mit seinem argentinischen Praktikanten Betten und Kleinmöbel aus Bambusrohren. Wir verfolgen einige der Arbeitsschritte aus denen die Stücke aus dem Riesengras entstehen. Kreissäge, Stichsäge und Trennschleifer sind wichtige Werkzeuge. Gemessen wird mit dem Metermaßband, angerissen mit Schablone und Bleistift. Das Zusammenfügen der Teile erfolgt nach mehrmaligem Anpassen durch Bearbeitung mit der Stichsäge. Ein deutscher Arbeitsschutzbeauftragter hätte hier seine wahre Freude: spanende Verarbeitung ohne Schutzbrille, die nackten Füße mit Flipflops bekleidet und die Kabel der Elektrowerkzeuge wild durcheinander… Die Produkte jedenfalls können sich sehen lassen: Sie sind einfach aber funktional und sehen ästhetisch aus. Bis auf die verwendeten Schrauben, wächst das Material dazu einfach aus dem Boden.
 
Im Nachbargrundstück von Sirenas Bambushaus wohnt leider ein geistig Verstörter, der stundenlang Musik in Diskothekenlautstärke hört. Die Hütten hier haben weder Fenster noch Türen, das Bambushaus ist ohnehin nach allen Seiten offen, sodass wir die Beschallung ungefiltert ertragen müssen. Leider sogar nachts um eins. Wir fragen Sirena warum sie oder kein anderer der Nachbarn sich beschweren. Scheinbar will niemand Ärger mit diesem Kerl haben und so bleibt uns nichts anderes übrig, als noch ein paar weitere Nächte mit Latino-Mucke in gefühlten 120 Dezibel Lautstärke zum Einschlafen zu hören. In Ecuador gibt es zwar keine Gartenzwerge, aber andere Nachbarschaftsproblemchen.
 
Mompiche lebt von der Fischerei und immer mehr auch vom Tourismus. Einige kleine Cafés, Bars und Hostels sind bereits vorhanden. Es fühlt sich etwas so an, als wäre das Örtchen noch ein Geheimtipp. Sirena meinte jedoch, während der Surfer-Saison ist der Ort schon kaum wiederzuerkennen, da dann abends auch die Nebenstraßen mit partywütigen Urlaubern gefüllt sind. Wir waren glücklicherweise außerhalb der Saison hier. Für uns lag der Charme neben dem tropischen Flair eher in der Einfachheit und Ruhe, aber damit könnte es bald vorbei sein, wenn der Ort ganzjährig gut besucht ist. Man sagt, Mompiche wird in Zukunft zu einem Surfer- und Backpacker-Partyparadies heranwachsen. Für die Einwohner ist dies immer Fluch und Segen zugleich. Mit den Touristen können sie Geld verdienen, allerdings verkaufen sie auch immer ein Stück von sich selbst.
 
Nach zwei Wochen Wohnen im Bambushaus bepacken wir wieder unsere Motorräder und verabschieden uns von Sirena. Wir hatten eine sehr schöne Zeit hier und haben mal wieder eine ganz andere Art zu Leben kennen gelernt.
 


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Stahlratte

17.-20.07.2015
 
Ein neuer Kontinent wartet auf uns. Der Urwald zwischen Panama und Kolumbien ist für Motorradfahrer nahezu undurchdringlich, da es nicht einmal eine Schotterpiste hindurch gibt. Dessen Durchquerung mit dem Motorrad ist zwar schon Leuten geglückt, doch gleicht dieses Unterfangen eher einer extremen Expedition, auf der man sich auf die Begegnung mit bewaffneten Guerillas einstellen müsste. Vor zweieinhalb Monaten, in San Salvador, hatten wir bereits unsere Mitfahrt auf dem Segelboot gebucht. Nun sind wir soweit, um Zentralamerika zu verlassen und machen uns auf den Weg zum Ankerplatz der Stahlratte.
 
Wir quälen uns durch den Stau in Panama City. Die letzten 35 km fahren wir über die bisher beste Achterbahnstraße, die wir je gefahren sind. Die mittlerweile fast vollständig asphaltierte Straße durch den Regenwald, ist zum Teil so steil, das man diese Abschnitte nur mit einem Allradfahrzeug oder eben einem Motorrad bewältigen kann. Auf dem Bike hoffen wir nur, das wir bei der Steigung nicht wegen Gegenverkehr anhalten müssen.
 
Am Eingang des Reservates der Kuna-Indianer müssen wir die Kuna Tax (Steuer) bezahlen: stolze $23 werden pro Person verlangt. Dann endlich, nach weiterer Fahrt durch den Dschungel, erreichen wir das Meer und da liegt sie, die Stahlratte.
Sie ist ein mehr als 100 Jahre altes Segelboot und wird noch als „echtes Piratenschiff“ anerkannt. 1903 wurde der Zweimaster in einer holländischen Werft erbaut. Der Rumpf besteht aus genietetem Stahl, ist 38,5m lang, 6,6m breit und hat 2,8m Tiefgang. Betrieben wird die Stahlratte heute vom Verein zur Förderung der Segelschifffahrt, hat ihren Heimathafen in Bremerhaven und derzeit einen deutschen Kapitän namens Ludwig (genannt Lulu). Das Schiff hat schon viel von der Welt gesehen. Derzeit konzentrieren sich die Törns auf die Karibik mit Überfahrten zwischen Panama und Cartagena, Kuba, Jamaika und Belize. Kurze Zeit vor unserem Trip gab es einen Schaden am Zylinder, der jedoch in Kuba vorübergehend behoben werden konnte. Wir freuen uns schon seit dem Tag der Buchung auf dieses Abenteuer.
 
Wir sind die ersten der 12 Biker die mitfahren und warten am Steg auf die anderen. Les und Catharine, die beiden Kanadier, die wir bei Cancun zum ersten Mal getroffen hatten (NoAgendaWorldTour), begrüßen wir als erstes. Mit Mitte 50 und Mitte 60 sind sie auf eine Motorradweltreise aufgebrochen, Respekt! Bis auf Joey und Daniel, die auch mitfahren, kennen wir die anderen noch nicht. Es kommen noch Ben, Eli und Patrick aus den USA, Thomas mit seinem Elektrobike aus Polen, sowie Matt und Heather aus Australien und Kanada hinzu. Den beiden sind wir sogar schon einmal kurz in El Salvador über den Weg gelaufen, damals ohne Motorräder. Sie sind beide leidenschaftliche Surfer und transportieren ihre Surfboards seitlich am Motorrad. Das ist natürlich ein Hingucker und wir rätseln schon wie gut man damit fahren kann. Matt hat zusätzlich noch einen Anhänger hinten dran, um die Neoprenanzüge und weitere Ausrüstung zu transportieren. Es ist interessant zu sehen, wie andere Leute reisen und was es für verrückte Ideen gibt.
 
Nun aber zum Boarding: es gibt weder eine schöne Anlegestelle am Ufer noch eine Rampe an Board, um mit den Bikes auf das Schiff fahren zu können. Die Stahlratte legt also seitlich am Steg an und jedes Motorrad wird mit einem Seilzug von der Stahlratte an Deck gehoben. Das geht mit vereinten Kräften überraschend schnell und bald stehen neun Bikes sicher an Board. Es fehlen noch Joey und Daniel sowie Thomas mit dem Elektrobike. Wir machen uns langsam Sorgen um unsere Freunde, als sie mit fast zwei Stunden Verspätung doch noch ankommen. Gerade heute wurden sie von einer Polizeikontrolle aufgehalten.
 
Damit wir der 3-köpfigen Crew beim Verzurren und Abdecken nicht im Weg rumstehen, werden alle Passagiere mit einem Motorboot auf eine der nahegelegenen Kuna Inseln gefahren. Das ist Teil des ersten Tages und normalerweise hätte genug Zeit sein sollen, um diese kleine Karibikinsel zu erkunden und baden zu gehen. Leider wurden wir erst gegen 16:30 auf die Insel gebracht, sodass wir fast nichts mehr von dem Aufenthalt dort hatten. Dazu kam, dass sich die Kuna den Aufenthalt auf ihrer Insel, die scheinbar als Touristenauffangstation gedacht ist, teuer bezahlen lassen. Wir hatten also keine andere Wahl, als zähneknirschend die $30 pro Person hinzulegen. Das war mit Abstand die teuerste Übernachtung unserer ganzen bisherigen Reise. Auf der kleinen Insel gibt es nichts außer dieser Unterkunft und eine Landebahn. In weiter Entfernung liegen die Inseln, auf denen die Einheimischen tatsächlich wohnen. Wir denken uns unseren Teil und vermuten, dass die Stahlratte diesen Deal eingehen muss, um sich die Anlegestelle im Kunagebiet zu erhalten. Einen Aufenthalt auf einer „Indianerinsel“ haben wir uns jedenfalls anders vorgestellt. Später erfahren wir von Lulu, dem Kapitän des Schiffs, dass man weltweit, nur noch an den Inseln der Kuna ankern kann und die Inseln dann auch betreten darf. Überall anders müsse man Hafengebühren zahlen oder darf an Privatstränden gar nicht erst anlegen. Ein solcher Trip mit der Stahlratte, der einen Aufenthalt auf den San Blas Inseln mit BBQ am Strand beinhaltet, sei nirgends mehr möglich. Daher sei seiner Meinung nach auch die hohe Kuna Tax gerechtfertigt.
 
Am nächsten Morgen werden wir erst gegen Mittag wieder von der Insel abgeholt und zurück zur Stahlratte gebracht. An Deck gibt es ein leckeres Frühstück und dann heißt es Anker los. Es ist nur ganz schwacher Wellengang vorhanden, aber wir denken uns bald, dass die Überfahrt auf offener See heiter werden kann. Mir wird von dem bisschen Schaukeln schon fast übel. Nach circa zwei Stunden erreichen wir die San Blas Inseln, vor denen wir für die nächsten zwei Nächte ankern werden. Es sind mehrere kleine Inseln mit Kokospalmen und feinem Sandstrand im türkisblauen Meer, wie man sie aus Werbefotos kennt. Wir legen direkt die Badesachen an und gehen eine Runde schnorcheln, wobei wir Seesterne und Seeigel zu sehen bekommen. Am frühen Abend gibt es auf der Insel ein BBQ: Auf dem Rost über dem Feuer grillen wir uns Spieße mit Banane, Fleisch, Zwiebeln, Tofu und Paprika. Dazu gibt es Salat mit Brotfrucht. Noch lange sitzen wir alle am Lagerfeuer und tauschen Geschichten aus aller Welt aus. Zum Schlafen gehen wir wieder aufs Schiff und werden noch Zeuge eines schönen Naturschauspiels: das Schiff wird von mehreren Rochen umkreist. Im Taschenlampenlicht leuchten sie gelblich-weiß und wir beobachten, wie diese majestätischen Gestalten durchs Wasser schweben. Gelegentlich springt sogar eines dieser beeindruckenden Tiere aus dem Wasser.
 
Die Kuna Indianer
Die San Blas Inseln sind mit Kokospalmen bepflanzt. Eigentlich sind es Kokospalmen-Plantagen, die von den Kuna angelegt worden sind. Früher waren die Inseln mit Mangroven bedeckt, welche die Indianer abgeholzt haben. Die Inseln sind nicht dauerhaft bewohnt, doch kommen die Familien abwechselnd für jeweils 3 Monate zur Ernte auf die Inseln. Die geernteten Kokosnüsse dürfen sie dann verkaufen. Mit Einbäumen fahren sie auf dem Meer von einer Insel zur anderen. Auf unsere Frage hin, wie die Kuna sich mit Trinkwasser versorgen, erzählt uns Lulu, dass sie nur durch das Trinken von Kokosnusswasser und das Essen von Früchten und gekochten Gerichten Flüssigkeit aufnehmen. Er erzählt uns weiterhin, dass die Kuna ein sehr friedvolles Völkchen sind. Sogar mit ihren eigenen Straftätern seien sie sehr geduldig und versuchen diese mit Worten anstatt mit harten Strafen zu belehren. Wenn der Geduldsfaden jedoch reißt, folgt die Verbannung aus dem Stamm. Bei Untreue gibt es allerdings doch eine Strafe: der Betrüger muss einen Tag an einem öffentlichen Platz auf einem Ministuhl sitzend ausharren, ohne umzufallen. Die Kuna dürfen sich zwar mit Fremden verheiraten, doch müssen sie dann den Stamm verlassen, da eine Integration des Nicht-Kuna in den Stamm nicht möglich ist.
 
Ein Unwetter am nächsten Morgen hindert uns daran wieder schnorcheln zu gehen. Dafür sichten wir Delphine und schauen uns geschützt auf dem Boot das Blitzlichtgewitter an. Drei Kuna-Frauen in farbenfroher traditioneller Kleidung kommen an Board und verkaufen ihren Schmuck. Leider sind sie etwas fotoscheu. Wir wollen mit dem Schnorcheln warten bis sie wieder abreisen, um Fotos machen zu können, wenn sie mit ihrem Einbaum abfahren. Am Ende steigen sie leider ins Motorboot und ziehen den Einbaum hinter sich her.
 
LuLu filetiert inzwischen an Deck den bestimmt 1 Meter langen Fisch fürs Abendbrot, den die Kuna vorbeigebracht haben. Die Crew hat in der Zeit das Swing-Rope klargemacht, ein langes Seil, an dem wir uns von der Reling ins Wasser schwingen können. Diese akrobatische Übung kostet doch etwas Überwindung, denn es sieht vom Absprungort am Bug aus, als würde man in die Seite vom Boot knallen, bevor man unten ankommt. Es macht jedoch großen Spaß, auch wenn man ab und an etwas unsanft im Wasser landet. Später fährt uns Juan, eines der Crew-Mitglieder, in kleinen Gruppen hinaus zu einer Mini-Insel, auf der genau eine Palme steht. Um diese Insel herum zieht sich ein Riff, das wir nun erkunden wollen. Gemeinsam mit Joey mache ich mich in Schnorchelausrüstung auf den Weg. Die Korallen sind zwar wenig farbintensiv, aber sie haben sehr interessante Formen. Es tummeln sich einige bunte Fische um uns herum und wir sehen einen Aal und eine Muräne, der wir lieber nicht den Finger hinhalten. Es herrscht guter Wellengang und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von der Insel wegtreiben lassen oder unsanft aufs Riff gedrückt werden.
Am Abend gibt es an Deck ein ausgezeichnetes Dinner mit gebackenen Kartoffeln, paniertem Fisch und Hummer in Sauce. Nach einem schönen Abend an Board, bewundern wir wieder die Rochen, die uns umkreisen.
 
Nun wird es ernst. Gegen 5:30 Uhr heißt es Anker los und wir beginnen die circa 30 Stunden dauernde Überfahrt auf offener See nach Cartagena. Von weitem sehen wir schon die dunkle Wolkenfront und recht bald befinden wir uns in einen Sturm. Bei dem Regen und Wind können wir nicht mehr an Deck bleiben, und gehen unten ans offene Heckfenster. Es dauert nicht lange bis die Seekrankheit einsetzt. Wir haben keine Anti-Seekrankheit Tabletten genommen und müssen uns abwechselnd übergeben, als wäre es ansteckend. Für uns fühlt es sich an wie extrem starker Seegang. Halb über dem Heckfenster hängend, blicken wir auf die Wellenberge, die sich hinter uns aufbäumen. Aus dem Wellental heraus können wir nicht mehr über den Wellenberg hinausschauen und sehen keinen Horizont mehr. Wiederum auf dem Wellenberg sitzend, blicken wir in die Tiefe. Die Wellenberge und -täler von nah und fern ergeben ein einzigartiges Muster, eine riesige wabernde Masse, die fast nicht begreifbar ist. Um uns herum ist nur Wasser, soweit das Auge reicht. Auf einer Seegang-Skala von 1 bis 10 wäre es laut Lulu immer noch eine 1, was wir für etwas untertrieben halten. Seine Crew gibt dem Seegang immerhin eine 3. Wie fühlt sich dann wohl „Seegang 10“ an oder allein schon diese Fahrt auf einem kleineren Segelboot?
 
Nachdem wir um die Wette gekotzt haben, versuchen wir es damit uns unter Deck hinzulegen und die Augen zu zumachen. Das funktioniert sogar einigermaßen. Ich entscheide mich dann doch eine dieser Anti-Seekrankheits-Tabletten zu nehmen, damit es später auch im Stand besser geht, doch nach 2 Minuten kommt sie wieder raus. Das ist das übliche Problem, wenn man sie nicht schon mehrere Stunden vor Abfahrt genommen hat. Sie bleiben nicht lange genug drin um ihre Wirkung zu entfalten. Nachdem ich einige Zeit geschlummert habe, ruft uns Daniel ans Deck: Delphine! Etwas widerwillig quälen wir uns aus unserer Koje, haben wir doch gerade einen Zustand erreicht, indem uns nicht dauerhaft schlecht ist. Entgehen lassen können wir uns es aber auch nicht und als wir schließlich am Bug stehen, sind wir überwältigt. Unter uns am Bug fliegen die Delphine nur so durchs Wasser. Man sieht kaum ihre Schwimmbewegung, sie scheinen wie Torpedos mühelos durchs Wasser zu schießen. Es ist ein unglaublicher Anblick. Der Kapitän erklärt uns später, dass die Delphine beim Schwimmen vor dem Bug leichter Nahrung fangen können. Die Fische können aufgrund der veränderten Lichtverhältnisse ihre Jäger nicht mehr rechtzeitig erkennen und sind somit leichte Beute.
 
Zum Abendessen gibt es sehr leckere Pasta mit zwei verschieden Saucen, von der wir leider nicht viel runter bekommen. Für den Notfall in der Nacht mache ich mich an Board auf die Suche nach Müllbeuteln. Von dem Herumgetorkel wird mir wieder schlecht und die Pasta verschwindet im nächtlichen Ozean. Beim Herüberlehnen über den Rand erblicke ich unter mir das Funkeln von Leuchtbakterien. Wer hat schon den Luxus sich in ein solch glitzerndes Spektakel übergeben zu dürfen? Nachdem ich fertig bin, bewundere ich noch einige Zeit dieses Naturschauspiel, welches man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Die Nacht können wir ohne weitere Zwischenfälle durchschlafen und erwachen morgens, als wir uns auf spiegelglatter See befinden. Die Seekrankheit ist wie weggeblasen, was zum Zuschlagen beim ausgiebigen Frühstücksangebot verleitet. Später gibt es wieder etwas mehr Wellen und ich bereue das ausgiebige Frühstück schon fast wieder, aber es geht alles gut.
 
Land in Sicht: zum ersten Mal erblicken wir Kolumbien. Wir fahren zwischen zwei alten spanischen Festungen hindurch in eine Bucht und bewegen uns immer weiter auf Cartagena zu. Die letzte Stunde verbringe ich im Bugnetz und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Die Skyline Cartagenas überrascht zunächst, hätten wir nicht mit einer solch modernen Stadt gerechnet. Im Hafen vor Anker liegend, warten wir auf die „Immigration Officer“ um unsere Einreisestempel in die Pässe zu erhalten. Zunächst kommt jedoch die Armada Nacional und durchsucht unser Gepäck. Die Bikes bleiben noch für eine Nacht an Board. Wir verlassen das Schiff nur mit den nötigsten Klamotten und suchen ein Hostel auf.
 
Am nächsten Morgen sind wir um 6:15 Uhr am Hafen um die Bikes abzuladen und das restliche Gepäck zu holen. Je vier Bikes werden auf ein schwimmendes Ponton geladen, welches dann zum Ufer gefahren wird. Die kurze Fahrt mit den Bikes zum Zoll ist quasi illegal, da wir noch keine Einfuhrerlaubnis fürs Fahrzeug haben. Diese bekommen wir allerdings nur, wenn wir das Fahrzeug dem Zoll vorführen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Einheimischer leitet uns auf der Suche nach dem Eingangstor zum Zoll fehl und so drehen wir eine illegale Extrarunde durch den morgendlichen Berufsverkehr im Einbahnstraßensystem. Nun warten zwölf Bikes auf ihre Abfertigung. Die Stahlratte hat einen Agenten organisiert, da der Einfuhrprozess in Kolumbien nicht trivial ist. Dieser kommt zwei Stunden zu spät, sodass wir zusätzliche Wartezeit in Kauf nehmen müssen, da nun viele andere Fahrzeuge vor uns dran sind. Erst um 14:30 könnten wir unsere Papiere abholen, was für den heutigen Tag zu spät ist, um eine Versicherung für das Motorrad abzuschließen. Die Zwischenzeit nutzen wir, um das Gepäck vom Schiff zu holen.
 
Nun heißt es endgültig Abschied zu nehmen von der Stahlratte und ihrer Crew. Etwas wehmütig blicken wir zurück. Es war ein sehr schönes Abenteuer und hätte gerne noch etwas länger andauern können. Kaum war die Seekrankheit überstanden, war es schon wieder vorbei. Auch schweißt das enge Zusammenleben an Board zusammen, ob man will oder nicht. Mit den meisten haben wir uns gut verstanden und neue Bekanntschaften geschlossen.
Insgesamt war es immer entspannt und locker. Der Kapitän und die Crew (Juan aus Spanien und Christina aus Deutschland) waren sehr hilfsbereit und haben für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das Essen übertraf alles, was wir seit langem in Zentralamerika bekommen haben. Das ist vielleicht auch keine Kunst, aber sagen wir es war einfach gut und sehr zufriedenstellend.
 
Wäre die Fähre noch gefahren, hätten wir aus Kostengründen diese genommen. Die Stahlratte hat uns das Dreifache gekostet, war aber letztendlich ein unvergessliches und einzigartiges Erlebnis. Das Freiheitsgefühl auf See welches man plötzlich empfinden kann, ist unglaublich. Gleichzeitig fühlt man sich der Naturgewalt völlig ausgeliefert. Das Meer ist so riesig, dass man es kaum begreifen kann. Wenn man in alle Richtungen nur noch Wasser sieht, fühlt es sich plötzlich so an, als könnte man sich auf einem anderen Planeten befinden. Sind wir gerade wirklich noch in der realen Welt? Diese, von oben manchmal so bedrohlich wirkende Masse, beherbergt unter ihrer Oberfläche doch so viel Leben und so viel Schönheit.
Die Meeresbewohner, die man nur aus dem Film oder Aquarien kennt, in echt zu sehen, war sehr ergreifend. Besonders die Rochen und Delphine wirken majestätisch und das Meeresfunkeln fast schon magisch. Solche Erlebnisse führen wieder zu dem Bewusstsein, dass es für uns wichtigere Dinge gibt, als die Auswahl der passenden Ledersitzbezüge zum Edelholzarmaturenbrett.
 


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Kuba Teil III – zurück in Havanna

05.-08.07.2015
 
Wieder zurück in Havanna wollen wir die Zeit nutzen um noch mehr Eindrücke dieser lebhaften Stadt aufzusaugen. Ein Muss für jeden Havanna Besuch ist der Plaza de la Revolución José Martí. Dessen Fläche ist so riesig, dass dort mehr als eine Million Menschen Platz finden können. In der Umgebung finden sich viele Regierungsgebäude und Ministerien. Das Innenministerium trägt das bekannte hausgroße Bildnis von „Che“, während am Informationsministerium Camilo Cienfuegos in gleicher Größe zu sehen ist. Das Areal des Denkmalturmes von Jose Marti, einem kubanischen Schriftsteller und Nationalhelden, dürfen wir zur der Zeit nicht betreten, obwohl es normalerweise öffentlicher Raum ist. Als wir östlich um den Platz herum gehen wollen und dabei noch unsere Kameras in der Hand haben, machen uns Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass wir hier nicht mehr fotografieren dürfen. Später ist uns dann klar warum, wir stehen dem Verteidigungsministerium gegenüber.
 
Weiter die Straße hinunter kommen wir an einem großen Plakat vorbei, welches die Aufschrift „Bloqueo el Genicidio mas largo de la historia“ trägt. Das bedeutet so viel wie „Stoppt den längsten Völkermord der Geschichte“. Damit appelliert die kubanische Regierung hauptsächlich an die USA, die seit 1959 bestehende Handelsblockade aufzuheben. Seit dem Jahr ist Kuba im Im- und Export stark eingegrenzt, hat sich aber auch zusätzlich selbst Limitierungen geschaffen, indem zum Beispiel keine Waren eingeführt werden dürfen, die zu mehr als 10% in den USA gefertigten Teilen bestehen. Handelsbeziehungen werden verstärkt zu Ländern mit ähnlicher Ideologie gepflegt, wie zum Beispiel Venezuela, der VR China, Nordkorea, Vietnam und damals auch der DDR.
 
Während in den zentralamerikanischen Ländern die Läden voll von Plastikwaren, billigen Elektrogeräten und vielem unnötigem Krimskrams sind, findet sich in Kuba, nur wenige hundert Kilometer entfernt, nichts dergleichen. Aufgrund des Mangels bestimmter Waren und Ersatzteile sind die Menschen auf Improvisationen angewiesen. Im Großen und im Kleinen kann man das beobachten, zum Beispiel wenn wieder ein Obsthändler seinen Wagen auf Kugellagern anstelle von bereiften Rädern durch die Gegend schiebt, Toilettenpapierrollen als Lockenwickler herhalten oder ein Besenstiel die Motorhaube offen hält.
 
Ein interessantes Erlebnis war der Besuch des Eiscafes Coppelia. Hier macht sich besonders das Zweiwährungssystem Kubas bemerkbar. Eine riesige Schlange Einheimischer wartet vor dem Park, indem sich die Eisdiele befindet, um nach und nach hereingerufen zu werden. Sie können nur mit dem nationalen Pesos (CUP) bezahlen. Wir, die glücklichen Touristen, sind in Besitz der Touristenwährung Pesos Convertibles (CUC), welche im Jahr 2004 eingeführt wurde und dürfen direkt ohne anstehen zu müssen am Nachbarstand unsere Eiswaffel kaufen. Für uns ist es zwar mit einem Preis von einem CUC, was einem US Dollar entspricht, immer noch günstig, doch mit der nationalen Währung hätten wir einen Bruchteil bezahlt. Dieses Zweiwährungssystem spaltet die Gesellschaft. Für einen CUC bekommt man je nach Kurs 20-25 nationale Pesos. Alle staatlich ausgezahlten Gehälter (also fast alle) werden in der Nationalwährung CUP ausgezahlt. Die kubanischen Bürger haben in der Regel keinen Zugang zur Touristenwährung. Glück hat, wer im Tourismussektor arbeitet oder wer Verwandtschaft in den USA hat, sogenannte Exil-Kubaner, von denen viele in Florida leben. Im Gegensatz zu den staatlichen Kaufhäusern und Lebensmittelläden, in denen es fast nichts gibt, haben wir inzwischen auch Läden gesehen, in denen es westliche Markenartikel (z.B. Adidas Sportsachen) oder auch Elektrogeräte gibt. Doch in diesen Läden kann man nur mit CUC, bezahlen, das heißt für den Großteil der Bevölkerung sind diese Dinge unerreichbar. Das Eis jedenfalls schmeckt laut Stephan genauso wie zu DDR-Zeiten, was ihm auch schon bei den Nudeln mit Tomatensauce aufgefallen ist, von denen wir uns hier auf der Insel hauptsächlich ernährt haben. Von dem sonst für Einheimische gültigen Preisen profitieren wir beim Kinobesuch, den wir uns an einem Abend gönnen: 10 Cent kostet der Eintritt, sogar auch für uns.
 
Viele Kubaner die uns auf der Straße sehen, sprechen uns direkt auf eine kleine Geldspende an. Manchmal endeten sogar anfangs eigentlich ganz nette Gespräche mit der Bitte um Geld. Mehrmals ist es auch vorgekommen, dass uns Mütter ihre Babys oder Kleinkinder unter die Nase hielten und erwarteten, dass wir Geld für Saft und Süßigkeiten geben. Ein paar Mal kann man etwas geben, aber auf Dauer geht das nicht. Es ist andererseits verständlich, dass die Leute fragen, denn es ist für sie das einfachste Mittel um an Geld zu kommen.
Trotz der nicht zu übersehenden Armut ist die Kriminalitätsrate in Kuba sehr gering. Im Gegensatz zu Zentralamerika können wir uns auf der Insel relativ sorglos bewegen, auch nachts mit umgehängter Kamera. Es gibt kaum Stacheldrahtzaun und die Wohnungstüren, wenn vorhanden, stehen oftmals offen. Auch sehen wir kein bewaffnetes Sicherheitspersonal vor Banken oder Kaufhäusern. Dies mag mehrere Gründe haben: der Bildungsstand ist hoch und von den Einheimischen gibt es nicht viel zu klauen. Wenn man Touristen beklaut, dürfte der Verkauf, zum Beispiel einer Kamera, die es auf dem kubanischen Markt nicht gibt, schwer werden. Für die eigene Nutzung wäre Diebesgut viel zu auffällig, zum lohnenden Verkauf finden sich im Inland keine Abnehmer und das Zeug ins Ausland zu bekommen dürfte auch schwer werden. Auch die mentale Einstellung der Kubaner spielt sicherlich eine große Rolle. Im Land hat sich noch nicht die in der westlichen Welt geförderte Habgier so sehr ausgebreitet. Mit der derzeitigen Annäherung an die USA und Europa und der vermehrten Einfuhr von Waren wird auch hier, wie in anderen Ländern, wo viel Armut anzutreffen ist, die Kriminalitätsrate steigen. Das ist leider menschlich.
 
Ein ähnliches Reizthema wie das ungerechte Währungssystem dürfte für die Kubaner der schlechte Internetzugang sein. Selbst für die Touristen wird es schwer, wenn man nicht in einem der teureren Hotels untergekommen ist. In Vinales hatten wir uns mal erkundigt und die Kosten lagen bei circa 8 CUC pro Stunde. Das war es uns dann nicht Wert. Für die Kubaner ist es problematischer, denn sie haben keinen Zugang zu unabhängigen Informationen über Geschehnisse im In- und Ausland. Die nationalen Print- und TV-Medien sind natürlich der Partei verpflichtet. Wir hatten gehört, dass in Kuba USB-Sticks im Umlauf sein sollen, auf denen aktuelle Informationen und Webseiten aus aller Welt abgespeichert sind, die von Leuten mit Internetzugang zusammengetragen wurden. Rings um Kuba herum findet sich zwar ein Netz von Unterseekabeln, an die Kuba aufgrund des Embargos allerdings bisher nicht angeschlossen werden durfte. Erst in 2013 wurde daher eine eigene Unterseeleitung nach Venezuela fertiggestellt, was die verfügbare Bandbreite gegenüber dem Satelliten-Internet schon deutlich erhöhte. An der Ausweitung der inländischen Kommunikations- Infrastruktur wird momentan gearbeitet, sodass sich die Lage schon verbessert und immer mehr Menschen Zugang zu Information bekommen. Inwieweit Webinhalte von der Regierung zensiert werden, können wir nicht beurteilen.
Ein positiver Effekt des nicht dauerhaft zur Verfügung stehenden Internets war jedoch zu beobachten: in Kuba haben wir kaum Smartphone-Zombies gesehen, wie wir sie aus Europa, den USA und inzwischen auch verstärkt aus Lateinamerika kennen. Die Menschen hier reden noch miteinander, anstatt Nachrichten an entfernte Freunde zu schicken, obwohl sie gerade mit physikalisch Anwesenden am Tisch sitzen.
 
In Havanna ist es spannend abends im Dunkeln durch die Wohnviertel zu laufen. Viele Fenster und Türen stehen offen, sodass man in die erleuchteten Wohnstuben blicken kann. Die Einrichtungen sind spärlich und die Möbel erinnern oftmals an DDR Zeiten. Als wir durch eine dunklere Straße gehen, winkt uns jemand zu sich herüber. Wir erwarten schon, dass er uns nach einem kurzen Gespräch nach Geld fragt. Doch darauf „warten wir vergeblich“. Der Mann heißt Thomas, ist zwischen 55 und 60 Jahren alt und er ist Musiker. Er möchte uns ein paar seiner Lieder vorspielen und mit uns zusammen singen. Nachdem wir unsere Schüchternheit was das Singen im öffentlichen Raum betrifft überwunden haben, stimmen wir zu seiner Gitarrenmusik ein. Thomas ist total begeistert und stimmt immer weitere Lieder an. So verbringen wir einen schönen Abend auf der Straße vor seiner Wohnungstür. Er bittet uns darum einen Brief mitzunehmen, der an eine Freundin von ihm aus Deutschland adressiert ist. Vorherige Post ist nicht angekommen und die Chance ist höher, wenn wir es aus Panama City absenden. Auch möchte er, dass wir ihm Fotos vom heutigen Abend aus Deutschland zukommen lassen. Später überlegen wir uns, dass es wohl besser ist, wenn wir hier die Fotos ausdrucken lassen und ihm vorbeibringen.
 
Also machen wir uns am nächsten Morgen auf die Suche nach einem Fotoladen, der uns einige Fotos ausdrucken kann. In der Nähe des Habana Libre Hotels findet sich eine höhere Dichte solcher Läden. Einziges Problem: im Laden kann man unsere RAW-Dateien von der Speicherkarte nicht lesen. Nach einiger Suche finden wir endlich jemanden, der uns die Dateien konvertieren kann. Wir gehen mit den Fotos zu der Straße, die wir uns gemerkt haben und schauen ob wir Thomas wiederfinden können. Die Haustür ist zu, doch eine Nachbarin bemerkt, dass wir ihn suchen und ruft mehrmals laut seinen Namen durch die Straße. Tatsächlich, er ist doch da. Er freut sich sehr uns wiederzusehen. Diesmal betreten wir seine Wohnung oder besser gesagt Kammer. Wir sind leicht über deren Zustand schockiert. Die Bude ist ranzig. Die Wände sind grau-braun vor Dreck und auf dem Boden steht nicht-identifizierbares Gerümpel. In einer Ecke hockt eine zerzauste Katze die gerade irgendwas vom Boden leckt. Die Kleidung des Kubaners sieht aus, als wäre sie mehrere Monate nicht gewaschen worden. Es müffelt im Raum so sehr, dass uns in der heißen stickigen Luft fast schlecht wird, zumal wir gerade riesigen Hunger haben. Thomas scheint gerade dabei zu sein Mittagessen zu kochen. Irgendwie muss er Stephan den Hunger angesehen haben und fragt ihn ob er nicht gekochte Zwiebeln essen möchte. Ich muss mir das Lachen verkneifen, denn Zwiebeln sind nicht gerade Stephans Leibspeise und so wie es hier aussieht, mag ich mir nicht vorstellen unter welchen hygienischen Bedingungen die Speise zubereitet und gereicht wird. Stephan kann es gerade so dankend ablehnen. Wir verbringen noch etwas Zeit mit Thomas und singen gemeinsam einige der Lieder vom gestrigen Abend. Die Lebensfreude, die Thomas trotz seiner Lebensumstände ausstrahlt ist unbeschreiblich und sehr inspirierend. Wir sind froh, dass wir ihn getroffen haben. Dann heißt es nochmal Abschied nehmen und wir bekommen eine dicke Umarmung von unserem neu gewonnen Freund.
 
Es ist unser letzter von 12 Tagen auf Kuba und wir gehen in unsere Unterkunft um unsere Sachen zu packen. Gegenüber von Alejandros Haus feiert sein Nachbar auf der Straße gerade seinen 50. Geburtstag. Wir hatten ihn schon öfter in den letzten Tagen gesehen und immer gegenseitig sehr freundlich gegrüßt. Die Partygesellschaft feiert ausgelassen und Alexis, das Geburtstagskind winkt uns zu sich herüber und lädt uns zur Party ein. Gleich wird uns ein Becher mit Wodka gereicht und dazu gibt es Fleisch-Eintopf aus einem großen Eimer, der direkt auf der Straße gekocht wird. Alexis ist sehr herzlich und freut sich über unsere Anwesenheit. Auch seine Gäste fragen uns regelrecht über unsere Reise aus. Sie bieten uns ihre Hilfe an und Alexis lädt uns zu einer Tour zum Strand mit seinem Gespann am nächsten Morgen ein. So sehr wir uns über diese Einladung freuen, ärgern wir uns dass wir am nächsten Tag zeitig abreisen müssen und dass wir diesen netten Haufen nicht schon eher kennengelernt haben. Auch er ist etwas traurig, dass wir sein Angebot nicht annehmen können und bietet uns an gleich eine Runde um den Block zu drehen. Dafür haben wir noch Zeit und knattern mit ihm durch die Straßen. Das sollte das letzte Highlight unseres Aufenthaltes auf Kuba gewesen sein.
 
Morgens um vier klingelt der Wecker. Schon halb sechs sind wir am Flughafen und stellen uns am Schalter an, um einzuchecken. Der Mitarbeiter der Copa Airline fragt uns nach unserer „final destination“, unserem Endziel. Für uns ist das in dem Fall Panama City, denn vor dort aus fahren wir mit dem Motorrad weiter. Nein, das geht aber nicht, die Einreisebestimmungen von Panama verlangen, dass man ein Weiterflugticket aus Panama heraus braucht. Das haben wir natürlich nicht, denn wir sind ja in Panama über Land mit dem Motorrad eingereist und dort brauchte man auch kein Rückflugticket vorweisen. Wir versuchen dem Airline-Mitarbeiter unsere Situation zu erklären. Wir zeigen ihm die Passstempel von uns und von den Motorrädern. Er fragt uns wie wir denn Panama verlassen würden. Wir sagen mit einem Boot nach Kolumbien. Und wie verlassen wir Kolumbien? Über Land nach Ecuador. Als wir bei dieser stumpfsinnigen Diskussion endlich in Argentinien angekommen sind, erklärt er uns, dass wir irgendwie nachweisen müssen dass wir Amerika (!) verlassen. Das ginge ja nur mit einem Flugticket. Wir sind innerlich schon auf hundertachtzig. Wie soll man dem Typen klarmachen, dass wir solange im Voraus noch kein Rückflugticket haben können, abgesehen davon, dass wir dies mit der Verschiffung der Bikes abstimmen müssen und es insgesamt ein größerer logistischer Aufwand ist. Er schickt uns zu seiner Chefin, die genauso auf stur schaltet. Im Computersystem könne man diese erforderliche Eingabe nicht umgehen und daher können wir nicht nach Panama fliegen, solange wir kein Weiterflugticket haben. Uff. Jetzt eben mit dem lahmen Internet hier auf die Schnelle irgendein Ticket kaufen, das nicht billig sein wird und für uns völlig nutzlos ist, kommt für uns nicht in Frage. Andererseits können wir hier nicht hängen bleiben, denn wir haben ja die Überfahrt mit der Stahlratte, dem Segelschiff von Panama nach Kolumbien gebucht, welches in einer Woche ablegt. Wir bleiben also auch stur, blockieren den Schalter und reden weiterhin auf den armen Mitarbeiter ein (er kann ja auch nichts für das System und die Bestimmungen von Panama). Wir versuchen zu argumentieren, dass die Immigration von Panama ja erst am Flughafen in Panama City ist und man uns doch bitte zumindest von der Insel runter lassen soll. Mit den Grenzbeamten könnten wir uns schließlich dann vor Ort auseinander setzten. Die Vorgesetzte erbarmt sich nun, die Immigration in Panama anzurufen und dort nachzufragen, ob das so ginge. Schließlich checken sie uns doch ein, mit dem Hinweis, dass wir uns darauf gefasst machen sollen, in Panama am Flughafen ein Ticket kaufen müssen. Zutiefst erleichtert steigen wir in den Flieger. Vor der Reise nach Kuba hatte ich mir Gedanken gemacht, ob wir ohne weiteres aus Panama ausreisen können, obwohl unsere Motorräder noch im Land sind. Da hätte es unter Umständen Probleme mit dem Zoll geben können. An solch ein Problem bei der Rückreise haben wir im Traum nicht gedacht. Man kann sich eben nicht auf alles vorbereiten. Für die Airlines ist unsere Situation auch zu selten, als dass sie im System vorgesehen wäre.
 
Ein letztes Mal sehen wir den Karibikstaat von oben, der zugleich bunt und voller Leben als auch grau und dem Zerfall nicht fern ist. Der Besuch Kubas war definitiv ein Highlight unserer bisherigen Reise. In den derzeitigen Tagen findet eine Annäherung von Kuba und den USA statt. Nur wenige Tage nach unserem Besuch wird erstmals seit langer Zeit die US-Botschaft auf Kuba wieder eröffnet, welches ein großer Schritt in Richtung Lockerung des Embargos oder vielleicht sogar seiner Aufhebung ist. Ergo wird sich in naher Zukunft voraussichtlich viel im Land ändern. Wir hoffen sehr zu Gunsten der Bevölkerung aber nicht zum Leid seines Charmes und seiner Lebensfreude.
 


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Kuba Teil II – Pinar del Rio

01.-04.07.2015
 
Am fünften Tag holen wir unser Mietauto ab, welches wir vorher bereits im Internet gebucht haben. Nachdem uns die Autovermieter fast 3 Stunden auf das Auto haben warten lassen, kann es endlich losgehen. Als wir kurze Zeit vor einem Laden parken, um Wasser für die nächsten Tage einzukaufen, verlangt Frau plötzlich einen Dollar für das Parken von uns, obwohl hier weder gebührenpflichtiges Parken ist noch Parkverbot besteht. Wir ignorieren das und fahren weiter. Leider passiert es immer wieder, dass Menschen denken sie können Geld von uns verlangen, weil wir Ausländer sind.
Über die fast leere Autobahn fahren wir rund 200 Kilometer nach Pinar del Rio, einer Provinz im Westen der Insel. Einige der Schlaglöcher sind brutal und wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht mit den Rädern erwischen, denn diese sind auf Kuba von der Autoversicherung ausgeschlossen. Aus gutem Grund, wenn man den Zustand der Straßen sieht. Mitten auf der Autobahn werden wir plötzlich von einem Soldaten über den Mittelstreifen auf die Gegenspur gelotst. Das auf der Gegenspur niemand steht um dem dortigen Verkehr zu signalisieren, dass deren Überholspur nun von unserer Fahrtrichtung genutzt wird, gibt uns etwas zu denken. Ursache für die Umleitung ist ein Militärkonvoi, an dem man nicht zu nahe vorbeifahren darf, obwohl genug Platz in unserer Fahrtrichtung gewesen wäre.
 
Pinar del Rio ist bekannt für die außergewöhnliche Landschaft aus Karstbergen und den Anbau von Tabak. Wir schauen nicht schlecht als wir die ersten Bauern sehen, die ihre Felder noch mit dem Ochsenpflug bearbeiten. Unsere Unterkunft in der Kleinstadt Vinales hat uns Alejandro empfohlen. Es ist ebenfalls ein Casa Particular, genannt Casa del Maestro (das Haus des Lehrers). Die Familie empfängt uns freundlich, was uns etwas gespielt vorkommt und wir merken schnell, dass es hier ums Geschäft geht. Gleich nach dem Einchecken kommt ein Tourguide und wirbt für eine geführte Tour durch den Nationalpark. Alleine könne man den Park nicht besuchen. Wir lehnen dankend ab, denn das können wir nicht so ganz glauben. Die Familie überredet uns dazu hier im Haus zu essen, da das Essen in der Stadt nicht gut wäre. Da ich mich wegen einer Erkältung und Gliederschmerzen nicht so gut fühle, lassen wir uns darauf ein. Die Omi kocht uns ein reichhaltiges Abendessen, welches sie sich zwar gut bezahlen lässt, uns aber nach den Spaghetti-Tagen in Havanna auch gut tut. Im Anschluss wurde uns das Wasser teuer zusätzlich berechnet. Man hatte es uns zusammen mit dem Essen auf den Tisch gestellt ohne zu sagen dass es extra kostet und wir dachten daher es ist im Preis inklusive. Wasser hätten wir selbst dabei gehabt, zu einem Viertel vom Preis. Die Tatsache, dass man bei jeder Kleinigkeit vorher nach dem Preis fragen muss, weil man sonst abgezogen wird, nervt uns langsam. Das war schon in Zentralamerika so. Muss man denn immer vom Schlechten ausgehen? Wir wollen nicht jedes Mal fragen müssen, da wir uns dann fühlen als würden wir direkt eine schlechte Absicht unterstellen. Aber leider geht es nicht anders und wir vergessen es dennoch ab und an.
 
Das Gästezimmer ist quasi ein Zimmer in dem kleinen Haus, in dem die vierköpfige Familie wohnt. Kommen wir aus unserem Zimmer heraus, stehen wir direkt in der Küche. Im Gartenhäuschen sind noch weitere Gäste aus Tschechien untergebracht. Auf unserer bisherigen Reise haben wir noch nie tschechische Reisende wahrgenommen, hier auf Kuba treffen wir gleich mehrmals welche. Vinales ist ein beschauliches Städtchen, welches vom Tourismus lebt. Die vorderen Hausfassaden sind fast alle verputzt und frisch in verschiedenen Farben gestrichen. Doch schon an den Seitenwänden kommt die unverputzte Mauer zum Vorschein und wie die Hinterhöfe aussehen, können wir uns denken.
 
Trotz der ernüchternden Aussage dieses Nationalpark Guides, dass man nicht alleine in den Park kommen könnte, starten wir am nächsten Tag mit unserem gemieteten Geely CK auf unsere eigene Entdeckungstour. Zunächst wollen wir eine Tabakfarm aufsuchen ohne eine geführte Tour buchen zu müssen. Auf einem Feldweg biegen wir einfach ab und fragen uns durch. Tatsächlich landen wir bei einem Tabakbauern, der uns nach etwas Wartezeit in seiner Trockenhütte zeigt, wie man eine Zigarre aus den getrockneten Tabakblättern dreht. Währenddessen erzählt er uns einige interessante Dinge über den Tabakanbau. So zum Beispiel müssen die Bauern mindestens 90% der getrockneten Tabakblätter an den Staat abgeben und machen dadurch selbst kaum Gewinn. Die Blätter enthalten nur 2% des Nikotins der gesamten Pflanze, der Rest befindet sich im Stängel. Im Gegensatz zu Zigaretten, beinhalten Zigarren bewusst nur einen geringen Anteil des Giftstoffes, denn keine Zigarre soll süchtig machen. Der Bauer liefert die Blätter aus denen im staatlichen Betrieb später die weltberühmten Montechristo Zigarren manuell hergestellt werden. Diese kosten bis zu $25 pro Stück. Er ist etwas enttäuscht, dass wir ihm nicht die 14er Packung für umgerechnet $40 abkaufen wollen. Für seine Vorführung geben wir ihm ein Trinkgeld, worauf er uns eine einzelne Zigarre zum Mitnehmen gibt.
 
Wir fahren weiter durch die Provinz und sind von den Karstfelsen, die vereinzelt aus der Landschaft stechen, beeindruckt. Über den schlechten Zustand der Landstraßen, deren Oberfläche zum Teil zerrissen oder mit riesigen Schlaglöchern übersät ist, sind wir schockiert. Zum Teil fehlt der Belag komplett und wir fahren auf Schotterpiste. Wir fahren bis zur Nordküste und landen so in der Kleinstadt Puerto Esperanza. Zur Mittagszeit erscheint es uns wie ein verlassener Ort und wir fühlen uns wie an einem Sonntagvormittag in Brandenburg. Direkt nach unserer Ankunft spricht uns ein Kubaner an und lädt uns zu einem Mango-Saft in seinem Casa Particular ein, was wir nach etwas Zögern annehmen. Wir fühlen uns dort wohl und entscheiden in zwei Tagen hierhin umzuziehen, da wir hier günstigere und weniger frequentierte Touren über Land in einer der typischen Pferdekutsche machen können. Puerto Esperanza ist kein typischer Touristenort und wir erhoffen uns hier authentischere Einblicke.
 
Auf dem Rückweg nach Vinales fahren wir am Eingang des Nationalparks vorbei und beschließen hier morgen wandern zu gehen. Ein Bauer pflügt mit seinen zwei Ochsen ein Feld. Was für uns inmitten dieser außergewöhnlichen Landschaft in der Abendsonne romantisch aussieht, ist für ihn körperlich harte und schweißtreibende Arbeit. Beim Wenden des Pflugs muss der Mann immer wieder das schwere Gerät aus der Erde heben, um die Ochsen zu unterstützen. Mit lauten Sprachbefehlen versucht er die beiden Arbeitstiere zu lenken und anzutreiben. Über einen Holzbalken sind sie am Kopf hinter den Hörnern mit einem leichten Winkel nach innen verbunden, was es ihnen unmöglich macht, einfach davon zu stürmen. Wir wechseln einige Worte mit dem Bauern und er erlaubt uns Fotos zu machen.
 
Am nächsten Morgen kehren wir zurück und fahren mit dem Skoda ein Stück weiter auf einem unbefestigtem Kutscherpfad, wobei wir uns nicht ganz sicher sind ob das erlaubt ist. Wir parken an einem kleinen See und laufen zu Fuß weiter. Von einem Aussichtspunkt auf einem Hügel überblicken wir weite Teile der umliegenden Landschaft, wie wir sie vergleichbar noch nicht gesehen haben. Mit Hilfe des Smartphones versuchen wir den Weg zum Höhleneingang der „Grotten von Vinales“ zu finden. Auf dem Weg begegnen uns mehrere Bauern mit ihren Ochsengespannen, die sie zu ihren Feldern führen beziehungsweise vom Feld zurückbringen. Ein kleiner Junge treibt ebenfalls selbstständig von seinem Pferd aus ein Gespann vor sich her. Weiter hinten sehen wir dann die Felder auf denen mehrere Bauern mit ihren Pflügen unterwegs sind. Es gibt auch Traktoren im Land, doch die können sich die einfachen Bauern nicht leisten.
 
Nach einigem Umherirren vorbei an einer Tabakfarm, einigen Bananenbäumen und querfeldein über Kuhwiesen und Felder, finden wir an der langen Wand eines Karstberges etwas was nach Höhleneingang aussieht. Tatsächlich stehen vor der Höhle zwei Guides, die Höhlenbesichtigungen anbieten. Sie sind gerade mit zwei Besuchern zurück gekommen und in leichter Aufregung, da ein Besucher in den Höhlen verloren gegangen ist. Die Höhlen sind weitverzweigt und es ist nicht schwer sich in der Dunkelheit zu verlieren. Nach einer halben Stunde haben sie schließlich den Ausreißer gefunden und wir können für circa zwei Dollar mit einem Guide die Grotte begehen. Wir bekommen jeder eine Grubenlampe und stoßen auf äußerst rutschigem Untergrund circa 250 Meter in das Höhleninnere vor. Interessante Konstrukte aus Kalkstein, gigantische Stalaktiten und ein unterirdischer See erwarten uns dort, eine skurrile Landschaft die Lust auf mehr macht. Kein Wunder, dass manche Besucher sich hier verlieren, denn die Versuchung hier Abstecher zu unternehmen ist groß. Das unterirdische System führt mehrere Kilometer weiter im Valle de Ancon wieder ans Tageslicht. Nach dieser angenehmen Abkühlung in dieser anderen Welt wandern wir in der Nachmittagshitze zurück zum Auto. Wir kommen vorbei an vielen Schweinen, die überall verteilt an schattigen Plätzen angeleint sind und ein Schläfchen halten.
 
Mit dem Auto wollen wir nun ins Valle de Ancon fahren. Dabei passieren wir eine große Felswand, nahe den Höhlen von San Miguel, die beeindruckender nicht sein kann. Wie sonst nur im Höhleninneren zu sehen, sind an dieser Steilwand Stalaktiten zu hunderten offenliegend zu sehen, als wäre eine alte Höhle auseinander gebrochen. Im Valle de Ancon machen wir eine kleine Rundwanderung und ein freundlicher Bauer lässt mich kurz auf seinem Transportschlitten mitfahren. Später stoßen wir auf einen großen verlassenen Schulkomplex. Als wir dort umherlaufen, werden wir von einem anderen Bauern sehr unfreundlich weggeschickt, als gäbe es hier etwas zu verbergen.
 
An unserem letzten vollen Tag auf dem Lande fahren wir früh morgens wie geplant nach Puerto Esperanza um vor der Mittagshitze die Kutschfahrt machen zu können. Der Kutscher sollte um 9 Uhr kommen, um 10 Uhr war er dann endlich da. Wir fahren bzw. holpern also mit Louis, unserem Kutscher, auf der einachsigen Kutsche mit einem vorgespannten Pferd durch das Land der Bauern. Diese Gefährte sind hier auf dem Land sehr gängig und werden auch in den Kleinstädten als Transportmittel genutzt. Louis plaudert etwas aus dem Nähkästchen und erzählt uns über Land und Leute. Die Menschen hier hätten Angst vor der Regierung und der Polizei. Wer sich regierungskritisch äußert läuft Gefahr eingesperrt zu werden oder wird anderweitig unterdrückt. Das Problem sei, man wisse nie mit wem man über kritische Themen reden kann, denn um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, gehen Leute petzen.
 
Wir wussten vorher schon, dass jeder Kubaner monatlich eine Nahrungsmittelration vom Staat bekommt. Louis erzählt uns, dass dies zum Überleben niemals reiche. Die Ration beinhaltet unter wenigen anderen Dingen 2kg Reis, 300g Hühnerfleisch und 1,5kg Zucker. Damit kommt man nicht über den Monat, und sonstige Lebensmittel sind für die geringen Einkommen der Bauern sehr teuer. Die Bauern müssten fasst ihre gesamte Ernte beim Staat abgeben und haben so selbst kaum Erträge. Sie helfen sich gegenseitig wo sie können, der Zusammenhalt sei groß. Versucht jedoch jemand mehr Geld zu machen als die anderen, ist er außen vor. Mit „Touristen in Kutschen umherfahren“ lässt sich zum Beispiel etwas hinzuverdienen, doch benötigt man dazu die Genehmigung einer Behörde. Die Einnahmen werden genau dokumentiert und der Guide bekommt weniger als 50% davon. Bekommen die Einwohner mit, dass jemand ohne Erlaubnis Touristen in ihrer Gegend umherfährt, wird derjenige angeschwärzt. Es ist also ein zweischneidiges Schwert aus Nachbarschaftshilfe und Solidarität einerseits, die zum Teil aus der Not heraus entstehen und auf der anderen Seite Verrat und Missgunst untereinander, sobald jemand mehr besitzt als andere. Es ist auch kein Wunder, dass sich in Kuba vieles über Tauschgeschäfte mit Naturalien regeln lässt und damit auch nicht unwesentlich Beamtenbestechung stattfindet. Die Einkommen sind so gering, dass die Menschen keine andere Wahl haben. Ärzte zum Beispiel verdienen einen staatlich regulierten Lohn von umgerechnet $15 bis $20 im Monat (!), obwohl die kubanischen Mediziner im internationalen Vergleich sehr gut ausgebildet sind. Zum Vergleich: Eine Taxifahrt im Oldtimer kostet für einen Ausländer circa $25 pro Stunde. Bei diesem unverhältnismäßig geringen Lohn, der auch Lehrer und andere qualifizierte Fachkräfte betrifft, ist es kein Wunder, dass Akademiker Taxifahrer werden. Die täglichen Trinkgelder im Tourismusbereich können schon ein monatliches kubanisches Gehalt übersteigen. Wie gut das für die wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung eines Landes ist, kann man sich denken. Ein weiterer Effekt von stattlich regulierten Löhnen konnten wir selbst auch in Havanna schon spüren: warum soll man sich anstrengen, wenn man nicht mehr für seine Leistung bekommen kann? Ob der Verkäufer nun zwei oder hundert Flaschen Wasser am Tag verkauft, ist ihm egal, er bekommt so oder so das gleiche Gehalt. Dies bremst einerseits innovative Geschäftsideen aus und führt zu Dienst nach Vorschrift. Andererseits beugt die Gleichstellung Aller einer Unzufriedenheit vor, die viele Menschen in unserer Kultur haben, wenn sie sehen was der Nachbar besitzt. Die Gleichstellung bringt aber auch eine gewisse Gelassenheit mit sich, die das Alltagsleben deutlich entspannter erscheinen lässt.
 
Nach Louis Meinung erkennt die Regierung Castros die Sorgen des Volkes nicht und angeblich würden gerne 98 Prozent der Kubaner das Land verlassen. An anderer Stelle hatte man uns erzählt, dass die Leute prinzipiell zufrieden sind, da sie den Wohlstand anderer Länder nicht kennen. Die Landsleute die es aber jemals außerhalb von Kuba geschafft haben, kommen nur ungern zurück. Zumindest erscheinen uns die Kubaner nach außen hin sehr lebensfroh. Das Glücksempfinden einer Nation ist ja bekanntlich schwer messbar. Doch wie aussagekräftig können Zahlen aus Umfragewerten sein, wenn das Verhalten der Menschen nicht damit zusammen passt? Schaut man in die ernsten Gesichter der Menschen in einer x-beliebigen deutschen Großstadt und schaut man in die oftmals strahlenden Gesichter der Kubaner, dann wissen wir auch nicht mehr, wem es nun wirklich besser geht.
 
Am Kehrpunkt unserer Kutschfahrt erklimmen wir ein wackeliges Stahlgerüst, welches einen Aussichtsturm darstellen soll. Der Blick reicht von den grünen Bergen bis zum Meer und ich kann es kaum genießen da ich das Gefühl habe, dass diese Konstruktion jederzeit nachgibt. Auf der Rückfahrt besuchen wir kurz eine ärmlich lebende Tabakbauernfamilie. Im Trockenhaus hängt die Ernte in mehreren Lagen übereinander, von denen auch dieser Bauer fast alles an den Staat abgeben muss. Die tausenden getrockneten Blätter verbreiten einen unbeschreiblichen Duft, den auch wir als Nichtraucher angenehm finden.
 
Ein Unwetter naht und so machen wir uns mit der Kutsche auf den Rückweg nach Puerto Esperanza, was so viel wie „Hafen der Hoffnung“ bedeutet. Dort sehen wir beim Vorbeifahren eine kleine Zigarrenmanufaktur. In Kuba ist es unerwünscht das Innenleben dieser Manufakturen zu fotografieren, selbst nicht bei geführten Touren, was vermutlich an den schlechten Arbeitsbedingungen liegt. Bei unserer späteren Stadterkundungstour kommen wir auch hier nochmal vorbei. Die Tür steht offen, sodass wir einen Blick wagen. Durch den starken Kontrast der grellen Sonne außen und dem stark abgedunkeltem Innenraum, dauert es ein paar Sekunden bis wir überhaupt etwas sehen. Die Kamera hatte ich im Voraus für Aufnahmen im Dunkeln eingestellt und ich mache schnell ein paar Fotos in den Raum. Nach zwei Fotos in die Dunkelheit schreit eine der Arbeiterinnen „Numero Uno, Numero Uno“, was „Nummer Eins“ bedeutet und womit der Chef gemeint ist und zeigt aufgeregt auf uns. Dieser macht uns durch ein grimmiges Gesicht und wilde Handbewegungen deutlich, dass wir verschwinden sollen. Wir gönnen uns daraufhin ein Eis aus der uralten Softeismaschine um die Ecke und setzen unseren Stadtspaziergang fort.
 
So wie in Havanna, sind auch auf dem Land Parteiwerbung, Propagandasprüche und Portraits wichtiger Personen häufig anzutreffen. Die PCC Partido Comunista Cuba (Kommunistische Partei Kubas) ist scheinbar allgegenwärtig und hätte Parteiwerbung gar nicht nötig, denn es gibt keine Wahlalternative. Ebenfalls oft sehen wir die Abkürzung CDR, was Comité Defensa de la Revolucion und auf Deutsch „Komitee zur Verteidigung der Revolution“ bedeutet. Wie der Name schon vermuten lässt, ist dies eine Organisation, die der Staatsregierung untersteht. Mehr als 90% der Kubaner sind „freiwillig“ Mitglied, wodurch der Regierung ein lokales Überwachungsorgan innerhalb der Bevölkerung zur Verfügung steht. Nichtmitglieder müssen mit Ausgrenzung und Repressalien rechnen. Um auch die Jugend zu erreichen, gibt es den kommunistischen Jugendverband UJC – Unión de Jóvenes Comunistas, dessen Logo wir unter anderem an Schuleinrichtungen gesehen haben. Bei ehemaligen DDR-Bürgern werden nun sicherlich Erinnerungen wach.
 
Ebenso häufig sind Portraits von Nationalhelden, Persönlichkeiten die für den Sozialismus und Kommunismus stehen oder anderweitig ins Gesamtkonzept passen, an Hauswände, Mauern und Schilder gemalt. Neben Castro und „Che“ sind das unter anderem Cienfuegos, Marx, Lenin, Gomez oder Jose Marti.
 
Wir verlassen Pinar del Rio und fahren zurück in die Hauptstadt. Wieder sehen wir zahlreiche Menschen, die am Rande der Autobahn stehen und darauf hoffen mitgenommen zu werden. Nur wenige Familien auf dem Land können sich ein Auto leisten und öffentliche Verkehrsmittel sind rar. An Brücken und Abfahrten häufen sich größere Menschenmengen. So ist es für die Menschen hier zum Alltag geworden auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Im Mietwagen ist es uns untersagt Anhalter mitzunehmen und auch Alejandro hatte uns eindrücklich davor gewarnt. Auf den Fahrten über Land haben wir einige Male jemanden mitgenommen, doch die Strecke nach Havanna wollen wir ohne Verzögerungen zurücklegen, um die rechtzeitige Abgabe des Wagens nicht zu gefährden.
Auf der Rückfahrt nach Havanna fällt uns auf, dass die Autobahnspur in deutlich besserem Zustand ist als auf der Hinfahrt und wir kein Schlaglochslalom mehr fahren müssen. Ob es wohl Absicht ist, das die Einfahrt in die Hauptstadt angenehmer ist als die Fahrt aufs Land?
 
Im dritten und letzten Teil über Kuba schildern wir demnächst unsere letzten Tage in Havanna, oder auch „La Habana“, wie es im Spanischen heißt.
 


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Kuba Teil I – La Habana

26.-30.Juni 2015
 
Was wird uns wohl in dem Land erwarten, welches seit mehr als 50 Jahren den Sozialismus lebt und in der Zeit von fast all dem abgeschnitten war, was sich in „unserer“ heutigen westlichen Welt abspielt?
Über die Geschichte Kubas, seine Rolle im Kalten Krieg und über die Hauptfiguren Ernesto „Che“ Guevara und Fidel Castro kann man sich vielerorts informieren. Daher wollen wir diese Themen an dieser Stelle nicht in den Fokus stellen, es würde ohnehin den Rahmen sprengen. Wir konzentrieren uns darauf, was wir im Jahre 2015 in dem Land erleben, welches sich nach Fidels Zeitrechnung im 56. Jahr nach der Revolution befindet. Wie leben die Menschen hier?
 
Schon während der Taxifahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Havanna fühlen wir uns wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Unter anderem prägt die veraltete Autoflotte das Bild. Keines der amerikanischen Fahrzeuge ist jünger als aus dem Jahre der Revolution. Längst nicht alle dieser Oldtimer von Cadillac, Ford, Chrysler & Co sind so schön aufpoliert wie die Touristen-Taxis. Viele der Karren fallen halb auseinander, sind zerbeult oder haben nachmodellierte Teile angebaut. Einen weiteren großen Teil der Flotte bilden Autos und LKW aus osteuropäischen Ländern. Einige Volkswagen Käfer fallen uns noch auf und wir sehen viele MZ-Motorräder, die in Zschopau zu DDR-Zeiten gebaut wurden. Vereinzelt fahren mittlerweile auch moderne Fahrzeuge umher, unter anderem von Hundai, Peugot, Skoda und Kia. Diese Autos sind hier allerdings extrem teuer und nur bestimmten Leuten vorbehalten, die ihrem Land auf besondere Weise dienen, wie zum Beispiel Politiker, Regierungsbeamte, Sportler und Künstler.
 
Unsere Unterkunft ist ein sogenanntes „Casa particular“, eine private Zimmervermietung, die uns von einem Freund empfohlen wurde. Der Taxi Fahrer will uns direkt vor die Haustür fahren, doch wir haben keine genaue Adresse sondern nur einen Koordinaten-Punkt in einer Offline-Naviagations-App auf unserem Smartphone. Der Fahrer wird sichtlich nervös als wir ihm keine genaue Hausnummer geben können und nur den Namen „Casa de Alejandro“ wissen. Wir wollen in der Straße einfach aussteigen und uns selbst auf die Suche machen, doch dies scheint für den Taxifahrer keine Option zu sein, als wäre es für Touristen verboten einfach „irgendwo“ auszusteigen. Nach etwas Umherfragen findet er unseren Gastgeber und gibt uns persönlich dort ab. Alejandro und seine Mutter begrüßen uns herzlich und zeigen uns unser Gästezimmer in ihrem Haus. Danach müssen wir uns gleich mit Passnummer, Namen und Touristenvisum im Gastbuch registrieren. Alejandro muss diese Daten dann einschließlich Kopien von Pass und Visum innerhalb von einem Tag bei einer Behörde melden. In Kuba darf niemand ohne Anmeldung privat Ausländer übernachten lassen, selbst wenn es die eigenen Freunde sind. Ebenso ist es verboten, Ausländer im Privatfahrzeug mitzunehmen. Beherbergen geht zwar im eigenen Haus, doch nur im Rahmen eines angemeldeten Casa Particular, welches mit Steuerabgaben verbunden ist. Wir haben nicht herausgefunden wie hoch diese sind, nur dass sie „hoch“ sind. Die Preise für solch eine Unterkunft beginnen bei $20, meist $25 pro Nacht für ein Doppelzimmer. Es ist die günstigste Art von Unterkunft in Kuba und dennoch für uns eine der teuersten auf unserer Reise. Beim Umherlaufen durch Havanna haben wir später viele solcher Häuser gesehen. Sie sind mit einem speziellen Symbol gekennzeichnet und sind eine schöne Alternative zu den teureren Hotels, da sie mehr Integration in das Alltagsleben bieten. Man kann übrigens auch spontan ein Zimmer finden ohne vorher zu buchen.
Wir fühlen uns jedenfalls wohl bei Alejandro in dem Haus mit den hohen Decken und den altmodischen, dunklen aber edlen Möbeln. Es ist zudem sauber und aufgeräumt. Vor der Haustür auf der Veranda steht ein Schaukelstuhl, indem wir in nächster Zeit Alejandro oder seine Mutter öfters antreffen werden.
 
Die erste Erkundungsrunde unternehmen wir im umliegenden Stadtviertel, welches sich circa 2 Kilometer westlich vom historischen Zentrum, nahe der Universität befindet. Bereits hier in der Straße in welcher Alejandro wohnt, ist die Baufälligkeit der Wohnhäuser auffällig. Auf der Hauptstraße springt uns das Leben dann förmlich entgegen. Menschen sitzen am Straßenrand und unterhalten sich, Straßenhändler verkaufen Obst und Gemüse an ihren Ständen auf Rädern, Leute telefonieren an Wandtelefonen, Kinder spielen Ball und fahren auf Rollbrettern und Rikscha Fahrer werben um Kunden. Die Atmosphäre ist lebendig aber entspannt. Es sind einige Menschen unterwegs aber es wirkt nicht so hektisch wie wir es aus den Städten Zentralamerikas kennen.
 
Oftmals überdacht ein Vorsprung der Häuser die Fußgängerwege, sodass wir den Straßen zwischen Häuserwand und Steinsäulen folgen. Für diese Schattenspender sind wir in der Hitze immer dankbar und auch viele Kubaner nutzen diese um sich vor der starken Sonne zu schützen. In einem kleinen Park findet gerade eine Tanzstunde bzw. -probe statt. Frauen und Männer tanzen gemeinsam in der Abendsonne nach Musik, die vor Ort live von einer Musikgruppe gespielt wird. Hier tummeln sich viele einheimische Zuschauer und wir scheinen die einzigen Touristen zu sein. Wir setzen uns dazu und beobachten eine Weile die rhythmischen Bewegungen der Tänzer. Solch einen lebendigen und friedlichen Park würden wir uns für Deutschland auch mal wünschen.
 
Etwas weiter die Straße hinunter treffen wir auf den Malecon, welcher Uferpromenande und Paradestraße zugleich ist. Die Straße und der Fußweg am Meer sind großzügig angelegt. Viele Menschen tummeln sich hier, sitzen auf der Mauer, flanieren, erzählen, singen und genießen die Abendsonne. Auch hier herrscht eine lebhafte, aber dennoch entspannte Stimmung. Der Malecon ist bei Touristen für Ausfahrten mit einem der blankpolierten amerikanischen Oldtimer(taxis) beliebt, die wir hier entsprechend oft sehen. Weiter weg können wir schon die Kuppel des Kapitolios erkennen, welches dem Anschein nach dem weißen Haus nachempfunden ist. In die andere Richtung blickend sehen wir typische sozialistische Plattenbauten und Denkmäler.
 
Auf der Suche nach Wasser machen wir Bekanntschaft mit dem was uns in nächster Zeit in Kuba erwarten wird: kleine Einkaufsläden, in denen es fast nichts gibt. Wir wurden vorher schon gewarnt, dass wir uns lieber ein paar Müsliriegel und Snacks mit auf die Insel nehmen sollten. Das Angebot der Läden scheint sich tatsächlich auf folgende Dinge zu beschränken: Tomatensauce, Oliven, Nudeln, Maggi-Fertigsuppen, Speiseöl, Fruchtsäfte, diverse Süßigkeiten, Chips, Bier und wenn man Glück hat Brötchen. Gefühlt ein Drittel der Regale steht voll mit Havanna Club Rum verschiedener Altersklassen und Flaschengrößen. Obst und Gemüse gibt es beim fliegenden Straßenhändlern oder auf Märkten zu kaufen. Das Angebot beschränkt sich dabei fast immer auf Bananen, Papaya, Ananas, Mango und Guayabana sowie Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Bohnen, Paprika und Gurken. Uns stellt sich schnell die Frage was die Einheimischen hier täglich essen. Auf der Suche nach Mittag- oder Abendessen in der Stadt, finden wir immer nur die gleichen Dinge: Schinken-Käse Sandwiches (nicht lecker) sowie Pizza und Spaghetti. Für Touristen gibt es durchaus Restaurants mit vielfältigerem Angebot, doch liegen diese deutlich über unserem Budget. So schlagen wir uns die Tage mit immer wieder den gleichen Mahlzeiten durch und versuchen unseren Speiseplan mit Früchten aufzuwerten. In unserer europäischen Gesellschaft kann man sich nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn die Läden fast leer sind und die Auswahl so stark beschränkt ist. Dies bezieht sich nicht nur auf Lebensmittel.
 
Im Zentrum der Landeshauptstadt stoßen wir auf „Einkaufszentren“. Ein Beispiel des Angebotes: Im Erdgeschoss stehen eine Couchgarnitur, einige Plastikwaren wie Eimer und Besen, Toilettenschüsseln, Spitzhacken, Lappen und Schuhsohlen und die Hauptattraktion ist ein riesiges Angebot an Flüssigseife. In der zweiten Etage stehen ein paar Vitrinen mit gebrauchten Ersatzteilen für Fahrräder und Klempner Bedarf. Im Schaufenster des Musikladens um die Ecke ist die Schallplatte „Bad“ von Michael Jackson das Highlight. In den wenigen Bekleidungsgeschäften hängen altbackene Klamotten, die nicht mal mehr meiner Oma gefallen würden. In einem Elektrowarengeschäft stehen in den Regalen vereinzelt Toaster und andere Küchengeräte, hier mal ein Föhn, dort mal ein Radio. Da hat man zumindest keine Entscheidungsschwierigkeiten.
 
Wir unternehmen ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt und können die Kameras dabei kaum aus der Hand lassen. Zu viel ist auf den Straßen los, zu viele Dinge kennen wir in Deutschland nicht mehr. Leute reparieren ihre Autos am Straßenrand, Kinder spielen in großen Gruppen Spiele mit Gummibällen und Murmeln und malen dafür Muster aus Kreidestrichen auf die Straße, Mütter stillen ihre Babys, Körner liegen zum Trocknen aus, Suppentöpfe köcheln, Rikscha-Taxis fahren Menschen und Haushaltsgegenstände umher, Männer spielen auf dem Fußweg Domino, Leute sitzen vor ihren Türen oder auf Bänken und unterhalten sich, zum Teil in sehr angeregten und lautstarken Diskussionen, rollende Händler verkaufen ihre Waren, … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Besonders die Domino-Spiele auf der Straße, bei denen meistens vier Spieler am Tisch sitzen, sind faszinierend anzuschauen. Oftmals sind sie von mehreren weiteren Spielern umringt, die das Spielgeschehen aufmerksam verfolgen und es gibt sogar einen Mitschreiber, der die Punkte zählt und notiert, da manchmal um Geld gespielt wird. Es ist ein Gesellschaftsspiel welches fester Bestandteil der Lebenskultur von Havanna ist. Viele kleine Parks mit Sitzgelegenheiten fördern im Allgemeinen das Zusammentreffen von Menschen, was wir hier als sehr positiv wahrnehmen. Es ist eine ganz andere Stimmung, als wir sie von den bisher bereisten lateinamerikanischen Ländern kennen.
Auch wenn man in die kleinen Lädchen oder oftmals offenstehenden Wohnungen schaut, bietet sich jedes Mal ein interessantes Bild. An den Wänden hängen Fotos der Revolutionsführer, darunter meistens die von Fidel Castro, in jung oder alt. Gegenstände liegen herum, die bei uns aus einem Heimatkundemuseum stammen könnten, hier aber noch in Benutzung sind, wie zum Beispiel alte Obstwaagen, Radios, Schallplattenspieler, Blechkannen, Werkzeuge und Holzkisten. Die Einrichtungen wirken zum Teil verstaubt und manchmal verlassen, weil so wenige Dinge den Raum füllen.
 
Wir stoßen auf einen Wochenmarkt und beobachten die Kubaner bei ihren Einkäufen. Dutzende Ananas und Bananenstauden sind auf der Straße ausgebreitet, Leute tragen Eierpaletten nach Hause, das Fleisch liegt offen auf dem Stand und wird nach erfolgtem Einkauf direkt im großen Stück in den Stoffbeutel gesteckt. Der Tomatensaucen-Verkäufer wartet bei seiner Dosenpyramide auf Kundschaft, Zwiebeln und Kartoffeln werden direkt vom LKW verkauft, einige Verkäufer haben nur ein oder zwei Produkte im Angebot und all das passiert in praller Sonne zwischen den bröckelnden Fassaden der Gebäude. Es ist ein buntes Treiben und die Menschen nutzen den Marktbesuch gleichzeitig für Gespräche und pflegen soziale Kontakte.
An einem anderen Tag erkunden wir den alten Stadtkern Havannas, in dem sich die meisten Touristen aufhalten. Wir kommen vorbei am Kapitolio, an dem uns ständig jemand eine Taxifahrt mit einem der Oldtimer anbietet, und einigen alten Festungen (Castillos). Nach kurzer Zeit haben wir von dem für den internationalen Tourismus aufgehübschten Stadtteil genug und gehen wieder dorthin, wo sich das viel interessantere Leben der Einheimischen abspielt.
 
Von den ganzen Eindrücken und dem vielen Laufen sind wir abends immer ziemlich fertig. Die Hitze macht uns außerdem zu schaffen. Es ist auch nicht einfach Trinkwasser zu finden. Große 1-Liter Flaschen finden wir selten und sie sind mit umgerechnet circa einem Dollar vergleichsweise teuer. Nach einigen Stunden Umherwandern sind wir jedes Mal froh, wenn wir in unserer Unterkunft die Klimaanlage anmachen und unter die kalte Dusche springen können. Mir macht die Hitze besonders zu schaffen, auch wenn ich von Zentralamerika schon einiges gewöhnt war. Die ständige Wärme macht tatsächlich träge und man hat eigentlich keine Lust sich großartig zu bewegen oder über irgendetwas nachzudenken. Da kann man schon verstehen, das in den Ländern mit diesem Klima die Uhr langsamer tickt und die Menschen lieber entspannt im Schaukelstuhl sitzen als produktiv zu sein.
 
Im alten Präsidentenpalast des ehemaligen Diktators Batista, der von Castro gestürzt wurde, befindet sich das „Museo de la Revolucion“. In diesem Museum wird die aus der Sicht ihrer Anführer erfolgreiche Geschichte der Revolution dargestellt. Die Darstellung ist natürlich recht einseitig und teilweise heroisch. Es gibt weder eine chronologische Aufarbeitung von Geschehnissen und Fakten zum Ablauf der Revolution, noch irgendeine Art gesamtgeschichtliche Betrachtung. Interessant ist es dennoch. Viele Fotos, Zeitungsartikel und Diagramme sind eher zusammenhangslos in den Schaukästen aufgehängt. Einige persönliche Gegenstände von Ernesto „Che“ Guevara und Camilo Cienfuegos, wie Schuhe oder eine Kamera, sind ebenfalls ausgestellt. Auch blutbefleckte Kleidung von Aufständischen können wir betrachten. Über die Invasion der Schweinebucht gab es mehrere akribisch genaue Landkarten mit markierten Positionen der Revolutionäre und ihrer Gegner zu sehen. Ebenso mangelt es nicht an Darstellungen über die Errungenschaften von Fidel Castro und seiner Partei. Plakate mit Parolen sowie Wimpel und Ansteckpins wie man sie aus DDR-Zeiten kennt, sind ebenfalls zu sehen und muten propagandistisch an. Eine Errungenschaft schreibt sich die Partei besonders auf die Fahnen: mit dem Analphabetisierungsprogramm hat man die Analphabetenrate nahezu gegen Null gebracht. Wobei hinzuzufügen ist, dass der Analphabetismus auch vor der Revolution schon vergleichsweise niedrig und der allgemeine Bildungsstandard in Kuba sehr hoch war. Etwas belustigend ist der „Rincon de los Cretinos“ – „die Ecke der Schwachköpfe“. In diesen mannshohen Karikatur-Darstellungen „dankt“ man dem ehemaligen kubanischen Diktator Fulgencio Batista und den Ex-US-Präsidenten R. Reagon, G. Bush Sr. und W. Bush, dass sie die Revolution erst nötig und später den Sozialismus unwiderruflich gemacht haben. Im Außenbereich des Museums kann man altes Kriegsgerät und die „Granma“ besichtigen, jene Yacht, mit der unter anderen die Castro-Brüder und Guevara damals Kuba von Mexiko aus erreichten um die Revolution zu starten. Auch wenn das Museum eher eine Ansammlung von Zeitungsartikeln ist, welche nicht chronologisch und recht einseitig die Geschichte betrachten, ist es einen Besuch allemal wert.
 
Havanna hat für uns gefühlt zwei Parallelwelten: Auf der einen Seite bietet es Motive mit den glänzenden amerikanischen Oldtimern und den spanischen Kolonialbauten im Hintergrund. Jene Motive, für die Touristen aus aller Welt herkommen. Im Kontrast dazu stehen die alten „Russenautos“, welche in Kombination mit den Plattenbauten und zahlreichen sozialistischen Denkmälern sowie Macht-Demonstrationsbauten an Fotos aus der ehemaligen UDSSR erinnern.
Einige der Wohnstraßen in Havannas Innenstadt versprühen einen ganz besonderen Charme. Bunte Hauswände, verzierende Steinmuster, kunstvolle Fenster- und Balkongitter, Blumentöpfe und die lebhaften Szenen tragen ihren Anteil dazu bei. Schade ist, dass der Zerfall der Gebäude der Stadt, besonders von den Wohnhäusern, so stark vorangeschritten ist. Bröckelnde Fassaden, eingestürzte Dächer, absturzgefährdete Balkone, Schuttberge auf den Straßen und auch klaffende Löcher in den Fußwegen sind keine Seltenheit. Die Baufälligkeit ist erschreckend, zumal die „Ruinen“ zum Teil noch bewohnt sind. Hinzu kommen die vielen stinkenden Müllhaufen, die das ärmliche Bild noch verstärken.
 
Interessant für uns persönlich war, dass wir uns manchmal fühlten, als wären wir schon einmal hier gewesen und oftmals fühlten wir uns an unsere eigene Kindheit erinnert. Auch wenn wir noch recht jung waren, als die Mauer 1989 fiel, spüren wir doch gewisse Parallelen zwischen dem Sozialismus heute in Kuba und damals in der DDR. Zum einen mag es an der Optik liegen: so erinnert uns der Baustil manchmal an Dresden und Berlin, seien es die Wohnhäuser, die Villen in den Randbezirken, der Plattenbau oder der Stil der Parks sowie der Außenanlagen. Die Autos und Motorräder aus Zeiten der ehemaligen Sowjetunion tragen ebenfalls dazu bei. Zum anderen sind es alltägliche Aspekte wie Schlange stehen, spärlich ausgestattete Schaufenster, der Geschmack von Essen und Improvisationen. Ich konnte es mir zum Teil selbst nicht erklären, es war als würden Erinnerungen aus dem tiefsten Unterbewusstsein wieder hochkommen.
 
Dies waren unsere ersten Eindrücke, die wir in Havanna gesammelt haben. Im nächsten Beitrag geht es weiter mit einem Besuch auf dem Land, in der Provinz Pinar del Rio.
 


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