666 teuflisch gute Tage

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Stahlratte

17.-20.07.2015
 
Ein neuer Kontinent wartet auf uns. Der Urwald zwischen Panama und Kolumbien ist für Motorradfahrer nahezu undurchdringlich, da es nicht einmal eine Schotterpiste hindurch gibt. Dessen Durchquerung mit dem Motorrad ist zwar schon Leuten geglückt, doch gleicht dieses Unterfangen eher einer extremen Expedition, auf der man sich auf die Begegnung mit bewaffneten Guerillas einstellen müsste. Vor zweieinhalb Monaten, in San Salvador, hatten wir bereits unsere Mitfahrt auf dem Segelboot gebucht. Nun sind wir soweit, um Zentralamerika zu verlassen und machen uns auf den Weg zum Ankerplatz der Stahlratte.
 
Wir quälen uns durch den Stau in Panama City. Die letzten 35 km fahren wir über die bisher beste Achterbahnstraße, die wir je gefahren sind. Die mittlerweile fast vollständig asphaltierte Straße durch den Regenwald, ist zum Teil so steil, das man diese Abschnitte nur mit einem Allradfahrzeug oder eben einem Motorrad bewältigen kann. Auf dem Bike hoffen wir nur, das wir bei der Steigung nicht wegen Gegenverkehr anhalten müssen.
 
Am Eingang des Reservates der Kuna-Indianer müssen wir die Kuna Tax (Steuer) bezahlen: stolze $23 werden pro Person verlangt. Dann endlich, nach weiterer Fahrt durch den Dschungel, erreichen wir das Meer und da liegt sie, die Stahlratte.
Sie ist ein mehr als 100 Jahre altes Segelboot und wird noch als „echtes Piratenschiff“ anerkannt. 1903 wurde der Zweimaster in einer holländischen Werft erbaut. Der Rumpf besteht aus genietetem Stahl, ist 38,5m lang, 6,6m breit und hat 2,8m Tiefgang. Betrieben wird die Stahlratte heute vom Verein zur Förderung der Segelschifffahrt, hat ihren Heimathafen in Bremerhaven und derzeit einen deutschen Kapitän namens Ludwig (genannt Lulu). Das Schiff hat schon viel von der Welt gesehen. Derzeit konzentrieren sich die Törns auf die Karibik mit Überfahrten zwischen Panama und Cartagena, Kuba, Jamaika und Belize. Kurze Zeit vor unserem Trip gab es einen Schaden am Zylinder, der jedoch in Kuba vorübergehend behoben werden konnte. Wir freuen uns schon seit dem Tag der Buchung auf dieses Abenteuer.
 
Wir sind die ersten der 12 Biker die mitfahren und warten am Steg auf die anderen. Les und Catharine, die beiden Kanadier, die wir bei Cancun zum ersten Mal getroffen hatten (NoAgendaWorldTour), begrüßen wir als erstes. Mit Mitte 50 und Mitte 60 sind sie auf eine Motorradweltreise aufgebrochen, Respekt! Bis auf Joey und Daniel, die auch mitfahren, kennen wir die anderen noch nicht. Es kommen noch Ben, Eli und Patrick aus den USA, Thomas mit seinem Elektrobike aus Polen, sowie Matt und Heather aus Australien und Kanada hinzu. Den beiden sind wir sogar schon einmal kurz in El Salvador über den Weg gelaufen, damals ohne Motorräder. Sie sind beide leidenschaftliche Surfer und transportieren ihre Surfboards seitlich am Motorrad. Das ist natürlich ein Hingucker und wir rätseln schon wie gut man damit fahren kann. Matt hat zusätzlich noch einen Anhänger hinten dran, um die Neoprenanzüge und weitere Ausrüstung zu transportieren. Es ist interessant zu sehen, wie andere Leute reisen und was es für verrückte Ideen gibt.
 
Nun aber zum Boarding: es gibt weder eine schöne Anlegestelle am Ufer noch eine Rampe an Board, um mit den Bikes auf das Schiff fahren zu können. Die Stahlratte legt also seitlich am Steg an und jedes Motorrad wird mit einem Seilzug von der Stahlratte an Deck gehoben. Das geht mit vereinten Kräften überraschend schnell und bald stehen neun Bikes sicher an Board. Es fehlen noch Joey und Daniel sowie Thomas mit dem Elektrobike. Wir machen uns langsam Sorgen um unsere Freunde, als sie mit fast zwei Stunden Verspätung doch noch ankommen. Gerade heute wurden sie von einer Polizeikontrolle aufgehalten.
 
Damit wir der 3-köpfigen Crew beim Verzurren und Abdecken nicht im Weg rumstehen, werden alle Passagiere mit einem Motorboot auf eine der nahegelegenen Kuna Inseln gefahren. Das ist Teil des ersten Tages und normalerweise hätte genug Zeit sein sollen, um diese kleine Karibikinsel zu erkunden und baden zu gehen. Leider wurden wir erst gegen 16:30 auf die Insel gebracht, sodass wir fast nichts mehr von dem Aufenthalt dort hatten. Dazu kam, dass sich die Kuna den Aufenthalt auf ihrer Insel, die scheinbar als Touristenauffangstation gedacht ist, teuer bezahlen lassen. Wir hatten also keine andere Wahl, als zähneknirschend die $30 pro Person hinzulegen. Das war mit Abstand die teuerste Übernachtung unserer ganzen bisherigen Reise. Auf der kleinen Insel gibt es nichts außer dieser Unterkunft und eine Landebahn. In weiter Entfernung liegen die Inseln, auf denen die Einheimischen tatsächlich wohnen. Wir denken uns unseren Teil und vermuten, dass die Stahlratte diesen Deal eingehen muss, um sich die Anlegestelle im Kunagebiet zu erhalten. Einen Aufenthalt auf einer „Indianerinsel“ haben wir uns jedenfalls anders vorgestellt. Später erfahren wir von Lulu, dem Kapitän des Schiffs, dass man weltweit, nur noch an den Inseln der Kuna ankern kann und die Inseln dann auch betreten darf. Überall anders müsse man Hafengebühren zahlen oder darf an Privatstränden gar nicht erst anlegen. Ein solcher Trip mit der Stahlratte, der einen Aufenthalt auf den San Blas Inseln mit BBQ am Strand beinhaltet, sei nirgends mehr möglich. Daher sei seiner Meinung nach auch die hohe Kuna Tax gerechtfertigt.
 
Am nächsten Morgen werden wir erst gegen Mittag wieder von der Insel abgeholt und zurück zur Stahlratte gebracht. An Deck gibt es ein leckeres Frühstück und dann heißt es Anker los. Es ist nur ganz schwacher Wellengang vorhanden, aber wir denken uns bald, dass die Überfahrt auf offener See heiter werden kann. Mir wird von dem bisschen Schaukeln schon fast übel. Nach circa zwei Stunden erreichen wir die San Blas Inseln, vor denen wir für die nächsten zwei Nächte ankern werden. Es sind mehrere kleine Inseln mit Kokospalmen und feinem Sandstrand im türkisblauen Meer, wie man sie aus Werbefotos kennt. Wir legen direkt die Badesachen an und gehen eine Runde schnorcheln, wobei wir Seesterne und Seeigel zu sehen bekommen. Am frühen Abend gibt es auf der Insel ein BBQ: Auf dem Rost über dem Feuer grillen wir uns Spieße mit Banane, Fleisch, Zwiebeln, Tofu und Paprika. Dazu gibt es Salat mit Brotfrucht. Noch lange sitzen wir alle am Lagerfeuer und tauschen Geschichten aus aller Welt aus. Zum Schlafen gehen wir wieder aufs Schiff und werden noch Zeuge eines schönen Naturschauspiels: das Schiff wird von mehreren Rochen umkreist. Im Taschenlampenlicht leuchten sie gelblich-weiß und wir beobachten, wie diese majestätischen Gestalten durchs Wasser schweben. Gelegentlich springt sogar eines dieser beeindruckenden Tiere aus dem Wasser.
 
Die Kuna Indianer
Die San Blas Inseln sind mit Kokospalmen bepflanzt. Eigentlich sind es Kokospalmen-Plantagen, die von den Kuna angelegt worden sind. Früher waren die Inseln mit Mangroven bedeckt, welche die Indianer abgeholzt haben. Die Inseln sind nicht dauerhaft bewohnt, doch kommen die Familien abwechselnd für jeweils 3 Monate zur Ernte auf die Inseln. Die geernteten Kokosnüsse dürfen sie dann verkaufen. Mit Einbäumen fahren sie auf dem Meer von einer Insel zur anderen. Auf unsere Frage hin, wie die Kuna sich mit Trinkwasser versorgen, erzählt uns Lulu, dass sie nur durch das Trinken von Kokosnusswasser und das Essen von Früchten und gekochten Gerichten Flüssigkeit aufnehmen. Er erzählt uns weiterhin, dass die Kuna ein sehr friedvolles Völkchen sind. Sogar mit ihren eigenen Straftätern seien sie sehr geduldig und versuchen diese mit Worten anstatt mit harten Strafen zu belehren. Wenn der Geduldsfaden jedoch reißt, folgt die Verbannung aus dem Stamm. Bei Untreue gibt es allerdings doch eine Strafe: der Betrüger muss einen Tag an einem öffentlichen Platz auf einem Ministuhl sitzend ausharren, ohne umzufallen. Die Kuna dürfen sich zwar mit Fremden verheiraten, doch müssen sie dann den Stamm verlassen, da eine Integration des Nicht-Kuna in den Stamm nicht möglich ist.
 
Ein Unwetter am nächsten Morgen hindert uns daran wieder schnorcheln zu gehen. Dafür sichten wir Delphine und schauen uns geschützt auf dem Boot das Blitzlichtgewitter an. Drei Kuna-Frauen in farbenfroher traditioneller Kleidung kommen an Board und verkaufen ihren Schmuck. Leider sind sie etwas fotoscheu. Wir wollen mit dem Schnorcheln warten bis sie wieder abreisen, um Fotos machen zu können, wenn sie mit ihrem Einbaum abfahren. Am Ende steigen sie leider ins Motorboot und ziehen den Einbaum hinter sich her.
 
LuLu filetiert inzwischen an Deck den bestimmt 1 Meter langen Fisch fürs Abendbrot, den die Kuna vorbeigebracht haben. Die Crew hat in der Zeit das Swing-Rope klargemacht, ein langes Seil, an dem wir uns von der Reling ins Wasser schwingen können. Diese akrobatische Übung kostet doch etwas Überwindung, denn es sieht vom Absprungort am Bug aus, als würde man in die Seite vom Boot knallen, bevor man unten ankommt. Es macht jedoch großen Spaß, auch wenn man ab und an etwas unsanft im Wasser landet. Später fährt uns Juan, eines der Crew-Mitglieder, in kleinen Gruppen hinaus zu einer Mini-Insel, auf der genau eine Palme steht. Um diese Insel herum zieht sich ein Riff, das wir nun erkunden wollen. Gemeinsam mit Joey mache ich mich in Schnorchelausrüstung auf den Weg. Die Korallen sind zwar wenig farbintensiv, aber sie haben sehr interessante Formen. Es tummeln sich einige bunte Fische um uns herum und wir sehen einen Aal und eine Muräne, der wir lieber nicht den Finger hinhalten. Es herrscht guter Wellengang und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von der Insel wegtreiben lassen oder unsanft aufs Riff gedrückt werden.
Am Abend gibt es an Deck ein ausgezeichnetes Dinner mit gebackenen Kartoffeln, paniertem Fisch und Hummer in Sauce. Nach einem schönen Abend an Board, bewundern wir wieder die Rochen, die uns umkreisen.
 
Nun wird es ernst. Gegen 5:30 Uhr heißt es Anker los und wir beginnen die circa 30 Stunden dauernde Überfahrt auf offener See nach Cartagena. Von weitem sehen wir schon die dunkle Wolkenfront und recht bald befinden wir uns in einen Sturm. Bei dem Regen und Wind können wir nicht mehr an Deck bleiben, und gehen unten ans offene Heckfenster. Es dauert nicht lange bis die Seekrankheit einsetzt. Wir haben keine Anti-Seekrankheit Tabletten genommen und müssen uns abwechselnd übergeben, als wäre es ansteckend. Für uns fühlt es sich an wie extrem starker Seegang. Halb über dem Heckfenster hängend, blicken wir auf die Wellenberge, die sich hinter uns aufbäumen. Aus dem Wellental heraus können wir nicht mehr über den Wellenberg hinausschauen und sehen keinen Horizont mehr. Wiederum auf dem Wellenberg sitzend, blicken wir in die Tiefe. Die Wellenberge und -täler von nah und fern ergeben ein einzigartiges Muster, eine riesige wabernde Masse, die fast nicht begreifbar ist. Um uns herum ist nur Wasser, soweit das Auge reicht. Auf einer Seegang-Skala von 1 bis 10 wäre es laut Lulu immer noch eine 1, was wir für etwas untertrieben halten. Seine Crew gibt dem Seegang immerhin eine 3. Wie fühlt sich dann wohl „Seegang 10“ an oder allein schon diese Fahrt auf einem kleineren Segelboot?
 
Nachdem wir um die Wette gekotzt haben, versuchen wir es damit uns unter Deck hinzulegen und die Augen zu zumachen. Das funktioniert sogar einigermaßen. Ich entscheide mich dann doch eine dieser Anti-Seekrankheits-Tabletten zu nehmen, damit es später auch im Stand besser geht, doch nach 2 Minuten kommt sie wieder raus. Das ist das übliche Problem, wenn man sie nicht schon mehrere Stunden vor Abfahrt genommen hat. Sie bleiben nicht lange genug drin um ihre Wirkung zu entfalten. Nachdem ich einige Zeit geschlummert habe, ruft uns Daniel ans Deck: Delphine! Etwas widerwillig quälen wir uns aus unserer Koje, haben wir doch gerade einen Zustand erreicht, indem uns nicht dauerhaft schlecht ist. Entgehen lassen können wir uns es aber auch nicht und als wir schließlich am Bug stehen, sind wir überwältigt. Unter uns am Bug fliegen die Delphine nur so durchs Wasser. Man sieht kaum ihre Schwimmbewegung, sie scheinen wie Torpedos mühelos durchs Wasser zu schießen. Es ist ein unglaublicher Anblick. Der Kapitän erklärt uns später, dass die Delphine beim Schwimmen vor dem Bug leichter Nahrung fangen können. Die Fische können aufgrund der veränderten Lichtverhältnisse ihre Jäger nicht mehr rechtzeitig erkennen und sind somit leichte Beute.
 
Zum Abendessen gibt es sehr leckere Pasta mit zwei verschieden Saucen, von der wir leider nicht viel runter bekommen. Für den Notfall in der Nacht mache ich mich an Board auf die Suche nach Müllbeuteln. Von dem Herumgetorkel wird mir wieder schlecht und die Pasta verschwindet im nächtlichen Ozean. Beim Herüberlehnen über den Rand erblicke ich unter mir das Funkeln von Leuchtbakterien. Wer hat schon den Luxus sich in ein solch glitzerndes Spektakel übergeben zu dürfen? Nachdem ich fertig bin, bewundere ich noch einige Zeit dieses Naturschauspiel, welches man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Die Nacht können wir ohne weitere Zwischenfälle durchschlafen und erwachen morgens, als wir uns auf spiegelglatter See befinden. Die Seekrankheit ist wie weggeblasen, was zum Zuschlagen beim ausgiebigen Frühstücksangebot verleitet. Später gibt es wieder etwas mehr Wellen und ich bereue das ausgiebige Frühstück schon fast wieder, aber es geht alles gut.
 
Land in Sicht: zum ersten Mal erblicken wir Kolumbien. Wir fahren zwischen zwei alten spanischen Festungen hindurch in eine Bucht und bewegen uns immer weiter auf Cartagena zu. Die letzte Stunde verbringe ich im Bugnetz und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Die Skyline Cartagenas überrascht zunächst, hätten wir nicht mit einer solch modernen Stadt gerechnet. Im Hafen vor Anker liegend, warten wir auf die „Immigration Officer“ um unsere Einreisestempel in die Pässe zu erhalten. Zunächst kommt jedoch die Armada Nacional und durchsucht unser Gepäck. Die Bikes bleiben noch für eine Nacht an Board. Wir verlassen das Schiff nur mit den nötigsten Klamotten und suchen ein Hostel auf.
 
Am nächsten Morgen sind wir um 6:15 Uhr am Hafen um die Bikes abzuladen und das restliche Gepäck zu holen. Je vier Bikes werden auf ein schwimmendes Ponton geladen, welches dann zum Ufer gefahren wird. Die kurze Fahrt mit den Bikes zum Zoll ist quasi illegal, da wir noch keine Einfuhrerlaubnis fürs Fahrzeug haben. Diese bekommen wir allerdings nur, wenn wir das Fahrzeug dem Zoll vorführen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Einheimischer leitet uns auf der Suche nach dem Eingangstor zum Zoll fehl und so drehen wir eine illegale Extrarunde durch den morgendlichen Berufsverkehr im Einbahnstraßensystem. Nun warten zwölf Bikes auf ihre Abfertigung. Die Stahlratte hat einen Agenten organisiert, da der Einfuhrprozess in Kolumbien nicht trivial ist. Dieser kommt zwei Stunden zu spät, sodass wir zusätzliche Wartezeit in Kauf nehmen müssen, da nun viele andere Fahrzeuge vor uns dran sind. Erst um 14:30 könnten wir unsere Papiere abholen, was für den heutigen Tag zu spät ist, um eine Versicherung für das Motorrad abzuschließen. Die Zwischenzeit nutzen wir, um das Gepäck vom Schiff zu holen.
 
Nun heißt es endgültig Abschied zu nehmen von der Stahlratte und ihrer Crew. Etwas wehmütig blicken wir zurück. Es war ein sehr schönes Abenteuer und hätte gerne noch etwas länger andauern können. Kaum war die Seekrankheit überstanden, war es schon wieder vorbei. Auch schweißt das enge Zusammenleben an Board zusammen, ob man will oder nicht. Mit den meisten haben wir uns gut verstanden und neue Bekanntschaften geschlossen.
Insgesamt war es immer entspannt und locker. Der Kapitän und die Crew (Juan aus Spanien und Christina aus Deutschland) waren sehr hilfsbereit und haben für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das Essen übertraf alles, was wir seit langem in Zentralamerika bekommen haben. Das ist vielleicht auch keine Kunst, aber sagen wir es war einfach gut und sehr zufriedenstellend.
 
Wäre die Fähre noch gefahren, hätten wir aus Kostengründen diese genommen. Die Stahlratte hat uns das Dreifache gekostet, war aber letztendlich ein unvergessliches und einzigartiges Erlebnis. Das Freiheitsgefühl auf See welches man plötzlich empfinden kann, ist unglaublich. Gleichzeitig fühlt man sich der Naturgewalt völlig ausgeliefert. Das Meer ist so riesig, dass man es kaum begreifen kann. Wenn man in alle Richtungen nur noch Wasser sieht, fühlt es sich plötzlich so an, als könnte man sich auf einem anderen Planeten befinden. Sind wir gerade wirklich noch in der realen Welt? Diese, von oben manchmal so bedrohlich wirkende Masse, beherbergt unter ihrer Oberfläche doch so viel Leben und so viel Schönheit.
Die Meeresbewohner, die man nur aus dem Film oder Aquarien kennt, in echt zu sehen, war sehr ergreifend. Besonders die Rochen und Delphine wirken majestätisch und das Meeresfunkeln fast schon magisch. Solche Erlebnisse führen wieder zu dem Bewusstsein, dass es für uns wichtigere Dinge gibt, als die Auswahl der passenden Ledersitzbezüge zum Edelholzarmaturenbrett.
 


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Kuba Teil III – zurück in Havanna

05.-08.07.2015
 
Wieder zurück in Havanna wollen wir die Zeit nutzen um noch mehr Eindrücke dieser lebhaften Stadt aufzusaugen. Ein Muss für jeden Havanna Besuch ist der Plaza de la Revolución José Martí. Dessen Fläche ist so riesig, dass dort mehr als eine Million Menschen Platz finden können. In der Umgebung finden sich viele Regierungsgebäude und Ministerien. Das Innenministerium trägt das bekannte hausgroße Bildnis von „Che“, während am Informationsministerium Camilo Cienfuegos in gleicher Größe zu sehen ist. Das Areal des Denkmalturmes von Jose Marti, einem kubanischen Schriftsteller und Nationalhelden, dürfen wir zur der Zeit nicht betreten, obwohl es normalerweise öffentlicher Raum ist. Als wir östlich um den Platz herum gehen wollen und dabei noch unsere Kameras in der Hand haben, machen uns Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass wir hier nicht mehr fotografieren dürfen. Später ist uns dann klar warum, wir stehen dem Verteidigungsministerium gegenüber.
 
Weiter die Straße hinunter kommen wir an einem großen Plakat vorbei, welches die Aufschrift „Bloqueo el Genicidio mas largo de la historia“ trägt. Das bedeutet so viel wie „Stoppt den längsten Völkermord der Geschichte“. Damit appelliert die kubanische Regierung hauptsächlich an die USA, die seit 1959 bestehende Handelsblockade aufzuheben. Seit dem Jahr ist Kuba im Im- und Export stark eingegrenzt, hat sich aber auch zusätzlich selbst Limitierungen geschaffen, indem zum Beispiel keine Waren eingeführt werden dürfen, die zu mehr als 10% in den USA gefertigten Teilen bestehen. Handelsbeziehungen werden verstärkt zu Ländern mit ähnlicher Ideologie gepflegt, wie zum Beispiel Venezuela, der VR China, Nordkorea, Vietnam und damals auch der DDR.
 
Während in den zentralamerikanischen Ländern die Läden voll von Plastikwaren, billigen Elektrogeräten und vielem unnötigem Krimskrams sind, findet sich in Kuba, nur wenige hundert Kilometer entfernt, nichts dergleichen. Aufgrund des Mangels bestimmter Waren und Ersatzteile sind die Menschen auf Improvisationen angewiesen. Im Großen und im Kleinen kann man das beobachten, zum Beispiel wenn wieder ein Obsthändler seinen Wagen auf Kugellagern anstelle von bereiften Rädern durch die Gegend schiebt, Toilettenpapierrollen als Lockenwickler herhalten oder ein Besenstiel die Motorhaube offen hält.
 
Ein interessantes Erlebnis war der Besuch des Eiscafes Coppelia. Hier macht sich besonders das Zweiwährungssystem Kubas bemerkbar. Eine riesige Schlange Einheimischer wartet vor dem Park, indem sich die Eisdiele befindet, um nach und nach hereingerufen zu werden. Sie können nur mit dem nationalen Pesos (CUP) bezahlen. Wir, die glücklichen Touristen, sind in Besitz der Touristenwährung Pesos Convertibles (CUC), welche im Jahr 2004 eingeführt wurde und dürfen direkt ohne anstehen zu müssen am Nachbarstand unsere Eiswaffel kaufen. Für uns ist es zwar mit einem Preis von einem CUC, was einem US Dollar entspricht, immer noch günstig, doch mit der nationalen Währung hätten wir einen Bruchteil bezahlt. Dieses Zweiwährungssystem spaltet die Gesellschaft. Für einen CUC bekommt man je nach Kurs 20-25 nationale Pesos. Alle staatlich ausgezahlten Gehälter (also fast alle) werden in der Nationalwährung CUP ausgezahlt. Die kubanischen Bürger haben in der Regel keinen Zugang zur Touristenwährung. Glück hat, wer im Tourismussektor arbeitet oder wer Verwandtschaft in den USA hat, sogenannte Exil-Kubaner, von denen viele in Florida leben. Im Gegensatz zu den staatlichen Kaufhäusern und Lebensmittelläden, in denen es fast nichts gibt, haben wir inzwischen auch Läden gesehen, in denen es westliche Markenartikel (z.B. Adidas Sportsachen) oder auch Elektrogeräte gibt. Doch in diesen Läden kann man nur mit CUC, bezahlen, das heißt für den Großteil der Bevölkerung sind diese Dinge unerreichbar. Das Eis jedenfalls schmeckt laut Stephan genauso wie zu DDR-Zeiten, was ihm auch schon bei den Nudeln mit Tomatensauce aufgefallen ist, von denen wir uns hier auf der Insel hauptsächlich ernährt haben. Von dem sonst für Einheimische gültigen Preisen profitieren wir beim Kinobesuch, den wir uns an einem Abend gönnen: 10 Cent kostet der Eintritt, sogar auch für uns.
 
Viele Kubaner die uns auf der Straße sehen, sprechen uns direkt auf eine kleine Geldspende an. Manchmal endeten sogar anfangs eigentlich ganz nette Gespräche mit der Bitte um Geld. Mehrmals ist es auch vorgekommen, dass uns Mütter ihre Babys oder Kleinkinder unter die Nase hielten und erwarteten, dass wir Geld für Saft und Süßigkeiten geben. Ein paar Mal kann man etwas geben, aber auf Dauer geht das nicht. Es ist andererseits verständlich, dass die Leute fragen, denn es ist für sie das einfachste Mittel um an Geld zu kommen.
Trotz der nicht zu übersehenden Armut ist die Kriminalitätsrate in Kuba sehr gering. Im Gegensatz zu Zentralamerika können wir uns auf der Insel relativ sorglos bewegen, auch nachts mit umgehängter Kamera. Es gibt kaum Stacheldrahtzaun und die Wohnungstüren, wenn vorhanden, stehen oftmals offen. Auch sehen wir kein bewaffnetes Sicherheitspersonal vor Banken oder Kaufhäusern. Dies mag mehrere Gründe haben: der Bildungsstand ist hoch und von den Einheimischen gibt es nicht viel zu klauen. Wenn man Touristen beklaut, dürfte der Verkauf, zum Beispiel einer Kamera, die es auf dem kubanischen Markt nicht gibt, schwer werden. Für die eigene Nutzung wäre Diebesgut viel zu auffällig, zum lohnenden Verkauf finden sich im Inland keine Abnehmer und das Zeug ins Ausland zu bekommen dürfte auch schwer werden. Auch die mentale Einstellung der Kubaner spielt sicherlich eine große Rolle. Im Land hat sich noch nicht die in der westlichen Welt geförderte Habgier so sehr ausgebreitet. Mit der derzeitigen Annäherung an die USA und Europa und der vermehrten Einfuhr von Waren wird auch hier, wie in anderen Ländern, wo viel Armut anzutreffen ist, die Kriminalitätsrate steigen. Das ist leider menschlich.
 
Ein ähnliches Reizthema wie das ungerechte Währungssystem dürfte für die Kubaner der schlechte Internetzugang sein. Selbst für die Touristen wird es schwer, wenn man nicht in einem der teureren Hotels untergekommen ist. In Vinales hatten wir uns mal erkundigt und die Kosten lagen bei circa 8 CUC pro Stunde. Das war es uns dann nicht Wert. Für die Kubaner ist es problematischer, denn sie haben keinen Zugang zu unabhängigen Informationen über Geschehnisse im In- und Ausland. Die nationalen Print- und TV-Medien sind natürlich der Partei verpflichtet. Wir hatten gehört, dass in Kuba USB-Sticks im Umlauf sein sollen, auf denen aktuelle Informationen und Webseiten aus aller Welt abgespeichert sind, die von Leuten mit Internetzugang zusammengetragen wurden. Rings um Kuba herum findet sich zwar ein Netz von Unterseekabeln, an die Kuba aufgrund des Embargos allerdings bisher nicht angeschlossen werden durfte. Erst in 2013 wurde daher eine eigene Unterseeleitung nach Venezuela fertiggestellt, was die verfügbare Bandbreite gegenüber dem Satelliten-Internet schon deutlich erhöhte. An der Ausweitung der inländischen Kommunikations- Infrastruktur wird momentan gearbeitet, sodass sich die Lage schon verbessert und immer mehr Menschen Zugang zu Information bekommen. Inwieweit Webinhalte von der Regierung zensiert werden, können wir nicht beurteilen.
Ein positiver Effekt des nicht dauerhaft zur Verfügung stehenden Internets war jedoch zu beobachten: in Kuba haben wir kaum Smartphone-Zombies gesehen, wie wir sie aus Europa, den USA und inzwischen auch verstärkt aus Lateinamerika kennen. Die Menschen hier reden noch miteinander, anstatt Nachrichten an entfernte Freunde zu schicken, obwohl sie gerade mit physikalisch Anwesenden am Tisch sitzen.
 
In Havanna ist es spannend abends im Dunkeln durch die Wohnviertel zu laufen. Viele Fenster und Türen stehen offen, sodass man in die erleuchteten Wohnstuben blicken kann. Die Einrichtungen sind spärlich und die Möbel erinnern oftmals an DDR Zeiten. Als wir durch eine dunklere Straße gehen, winkt uns jemand zu sich herüber. Wir erwarten schon, dass er uns nach einem kurzen Gespräch nach Geld fragt. Doch darauf „warten wir vergeblich“. Der Mann heißt Thomas, ist zwischen 55 und 60 Jahren alt und er ist Musiker. Er möchte uns ein paar seiner Lieder vorspielen und mit uns zusammen singen. Nachdem wir unsere Schüchternheit was das Singen im öffentlichen Raum betrifft überwunden haben, stimmen wir zu seiner Gitarrenmusik ein. Thomas ist total begeistert und stimmt immer weitere Lieder an. So verbringen wir einen schönen Abend auf der Straße vor seiner Wohnungstür. Er bittet uns darum einen Brief mitzunehmen, der an eine Freundin von ihm aus Deutschland adressiert ist. Vorherige Post ist nicht angekommen und die Chance ist höher, wenn wir es aus Panama City absenden. Auch möchte er, dass wir ihm Fotos vom heutigen Abend aus Deutschland zukommen lassen. Später überlegen wir uns, dass es wohl besser ist, wenn wir hier die Fotos ausdrucken lassen und ihm vorbeibringen.
 
Also machen wir uns am nächsten Morgen auf die Suche nach einem Fotoladen, der uns einige Fotos ausdrucken kann. In der Nähe des Habana Libre Hotels findet sich eine höhere Dichte solcher Läden. Einziges Problem: im Laden kann man unsere RAW-Dateien von der Speicherkarte nicht lesen. Nach einiger Suche finden wir endlich jemanden, der uns die Dateien konvertieren kann. Wir gehen mit den Fotos zu der Straße, die wir uns gemerkt haben und schauen ob wir Thomas wiederfinden können. Die Haustür ist zu, doch eine Nachbarin bemerkt, dass wir ihn suchen und ruft mehrmals laut seinen Namen durch die Straße. Tatsächlich, er ist doch da. Er freut sich sehr uns wiederzusehen. Diesmal betreten wir seine Wohnung oder besser gesagt Kammer. Wir sind leicht über deren Zustand schockiert. Die Bude ist ranzig. Die Wände sind grau-braun vor Dreck und auf dem Boden steht nicht-identifizierbares Gerümpel. In einer Ecke hockt eine zerzauste Katze die gerade irgendwas vom Boden leckt. Die Kleidung des Kubaners sieht aus, als wäre sie mehrere Monate nicht gewaschen worden. Es müffelt im Raum so sehr, dass uns in der heißen stickigen Luft fast schlecht wird, zumal wir gerade riesigen Hunger haben. Thomas scheint gerade dabei zu sein Mittagessen zu kochen. Irgendwie muss er Stephan den Hunger angesehen haben und fragt ihn ob er nicht gekochte Zwiebeln essen möchte. Ich muss mir das Lachen verkneifen, denn Zwiebeln sind nicht gerade Stephans Leibspeise und so wie es hier aussieht, mag ich mir nicht vorstellen unter welchen hygienischen Bedingungen die Speise zubereitet und gereicht wird. Stephan kann es gerade so dankend ablehnen. Wir verbringen noch etwas Zeit mit Thomas und singen gemeinsam einige der Lieder vom gestrigen Abend. Die Lebensfreude, die Thomas trotz seiner Lebensumstände ausstrahlt ist unbeschreiblich und sehr inspirierend. Wir sind froh, dass wir ihn getroffen haben. Dann heißt es nochmal Abschied nehmen und wir bekommen eine dicke Umarmung von unserem neu gewonnen Freund.
 
Es ist unser letzter von 12 Tagen auf Kuba und wir gehen in unsere Unterkunft um unsere Sachen zu packen. Gegenüber von Alejandros Haus feiert sein Nachbar auf der Straße gerade seinen 50. Geburtstag. Wir hatten ihn schon öfter in den letzten Tagen gesehen und immer gegenseitig sehr freundlich gegrüßt. Die Partygesellschaft feiert ausgelassen und Alexis, das Geburtstagskind winkt uns zu sich herüber und lädt uns zur Party ein. Gleich wird uns ein Becher mit Wodka gereicht und dazu gibt es Fleisch-Eintopf aus einem großen Eimer, der direkt auf der Straße gekocht wird. Alexis ist sehr herzlich und freut sich über unsere Anwesenheit. Auch seine Gäste fragen uns regelrecht über unsere Reise aus. Sie bieten uns ihre Hilfe an und Alexis lädt uns zu einer Tour zum Strand mit seinem Gespann am nächsten Morgen ein. So sehr wir uns über diese Einladung freuen, ärgern wir uns dass wir am nächsten Tag zeitig abreisen müssen und dass wir diesen netten Haufen nicht schon eher kennengelernt haben. Auch er ist etwas traurig, dass wir sein Angebot nicht annehmen können und bietet uns an gleich eine Runde um den Block zu drehen. Dafür haben wir noch Zeit und knattern mit ihm durch die Straßen. Das sollte das letzte Highlight unseres Aufenthaltes auf Kuba gewesen sein.
 
Morgens um vier klingelt der Wecker. Schon halb sechs sind wir am Flughafen und stellen uns am Schalter an, um einzuchecken. Der Mitarbeiter der Copa Airline fragt uns nach unserer „final destination“, unserem Endziel. Für uns ist das in dem Fall Panama City, denn vor dort aus fahren wir mit dem Motorrad weiter. Nein, das geht aber nicht, die Einreisebestimmungen von Panama verlangen, dass man ein Weiterflugticket aus Panama heraus braucht. Das haben wir natürlich nicht, denn wir sind ja in Panama über Land mit dem Motorrad eingereist und dort brauchte man auch kein Rückflugticket vorweisen. Wir versuchen dem Airline-Mitarbeiter unsere Situation zu erklären. Wir zeigen ihm die Passstempel von uns und von den Motorrädern. Er fragt uns wie wir denn Panama verlassen würden. Wir sagen mit einem Boot nach Kolumbien. Und wie verlassen wir Kolumbien? Über Land nach Ecuador. Als wir bei dieser stumpfsinnigen Diskussion endlich in Argentinien angekommen sind, erklärt er uns, dass wir irgendwie nachweisen müssen dass wir Amerika (!) verlassen. Das ginge ja nur mit einem Flugticket. Wir sind innerlich schon auf hundertachtzig. Wie soll man dem Typen klarmachen, dass wir solange im Voraus noch kein Rückflugticket haben können, abgesehen davon, dass wir dies mit der Verschiffung der Bikes abstimmen müssen und es insgesamt ein größerer logistischer Aufwand ist. Er schickt uns zu seiner Chefin, die genauso auf stur schaltet. Im Computersystem könne man diese erforderliche Eingabe nicht umgehen und daher können wir nicht nach Panama fliegen, solange wir kein Weiterflugticket haben. Uff. Jetzt eben mit dem lahmen Internet hier auf die Schnelle irgendein Ticket kaufen, das nicht billig sein wird und für uns völlig nutzlos ist, kommt für uns nicht in Frage. Andererseits können wir hier nicht hängen bleiben, denn wir haben ja die Überfahrt mit der Stahlratte, dem Segelschiff von Panama nach Kolumbien gebucht, welches in einer Woche ablegt. Wir bleiben also auch stur, blockieren den Schalter und reden weiterhin auf den armen Mitarbeiter ein (er kann ja auch nichts für das System und die Bestimmungen von Panama). Wir versuchen zu argumentieren, dass die Immigration von Panama ja erst am Flughafen in Panama City ist und man uns doch bitte zumindest von der Insel runter lassen soll. Mit den Grenzbeamten könnten wir uns schließlich dann vor Ort auseinander setzten. Die Vorgesetzte erbarmt sich nun, die Immigration in Panama anzurufen und dort nachzufragen, ob das so ginge. Schließlich checken sie uns doch ein, mit dem Hinweis, dass wir uns darauf gefasst machen sollen, in Panama am Flughafen ein Ticket kaufen müssen. Zutiefst erleichtert steigen wir in den Flieger. Vor der Reise nach Kuba hatte ich mir Gedanken gemacht, ob wir ohne weiteres aus Panama ausreisen können, obwohl unsere Motorräder noch im Land sind. Da hätte es unter Umständen Probleme mit dem Zoll geben können. An solch ein Problem bei der Rückreise haben wir im Traum nicht gedacht. Man kann sich eben nicht auf alles vorbereiten. Für die Airlines ist unsere Situation auch zu selten, als dass sie im System vorgesehen wäre.
 
Ein letztes Mal sehen wir den Karibikstaat von oben, der zugleich bunt und voller Leben als auch grau und dem Zerfall nicht fern ist. Der Besuch Kubas war definitiv ein Highlight unserer bisherigen Reise. In den derzeitigen Tagen findet eine Annäherung von Kuba und den USA statt. Nur wenige Tage nach unserem Besuch wird erstmals seit langer Zeit die US-Botschaft auf Kuba wieder eröffnet, welches ein großer Schritt in Richtung Lockerung des Embargos oder vielleicht sogar seiner Aufhebung ist. Ergo wird sich in naher Zukunft voraussichtlich viel im Land ändern. Wir hoffen sehr zu Gunsten der Bevölkerung aber nicht zum Leid seines Charmes und seiner Lebensfreude.
 


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Kuba Teil II – Pinar del Rio

01.-04.07.2015
 
Am fünften Tag holen wir unser Mietauto ab, welches wir vorher bereits im Internet gebucht haben. Nachdem uns die Autovermieter fast 3 Stunden auf das Auto haben warten lassen, kann es endlich losgehen. Als wir kurze Zeit vor einem Laden parken, um Wasser für die nächsten Tage einzukaufen, verlangt Frau plötzlich einen Dollar für das Parken von uns, obwohl hier weder gebührenpflichtiges Parken ist noch Parkverbot besteht. Wir ignorieren das und fahren weiter. Leider passiert es immer wieder, dass Menschen denken sie können Geld von uns verlangen, weil wir Ausländer sind.
Über die fast leere Autobahn fahren wir rund 200 Kilometer nach Pinar del Rio, einer Provinz im Westen der Insel. Einige der Schlaglöcher sind brutal und wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht mit den Rädern erwischen, denn diese sind auf Kuba von der Autoversicherung ausgeschlossen. Aus gutem Grund, wenn man den Zustand der Straßen sieht. Mitten auf der Autobahn werden wir plötzlich von einem Soldaten über den Mittelstreifen auf die Gegenspur gelotst. Das auf der Gegenspur niemand steht um dem dortigen Verkehr zu signalisieren, dass deren Überholspur nun von unserer Fahrtrichtung genutzt wird, gibt uns etwas zu denken. Ursache für die Umleitung ist ein Militärkonvoi, an dem man nicht zu nahe vorbeifahren darf, obwohl genug Platz in unserer Fahrtrichtung gewesen wäre.
 
Pinar del Rio ist bekannt für die außergewöhnliche Landschaft aus Karstbergen und den Anbau von Tabak. Wir schauen nicht schlecht als wir die ersten Bauern sehen, die ihre Felder noch mit dem Ochsenpflug bearbeiten. Unsere Unterkunft in der Kleinstadt Vinales hat uns Alejandro empfohlen. Es ist ebenfalls ein Casa Particular, genannt Casa del Maestro (das Haus des Lehrers). Die Familie empfängt uns freundlich, was uns etwas gespielt vorkommt und wir merken schnell, dass es hier ums Geschäft geht. Gleich nach dem Einchecken kommt ein Tourguide und wirbt für eine geführte Tour durch den Nationalpark. Alleine könne man den Park nicht besuchen. Wir lehnen dankend ab, denn das können wir nicht so ganz glauben. Die Familie überredet uns dazu hier im Haus zu essen, da das Essen in der Stadt nicht gut wäre. Da ich mich wegen einer Erkältung und Gliederschmerzen nicht so gut fühle, lassen wir uns darauf ein. Die Omi kocht uns ein reichhaltiges Abendessen, welches sie sich zwar gut bezahlen lässt, uns aber nach den Spaghetti-Tagen in Havanna auch gut tut. Im Anschluss wurde uns das Wasser teuer zusätzlich berechnet. Man hatte es uns zusammen mit dem Essen auf den Tisch gestellt ohne zu sagen dass es extra kostet und wir dachten daher es ist im Preis inklusive. Wasser hätten wir selbst dabei gehabt, zu einem Viertel vom Preis. Die Tatsache, dass man bei jeder Kleinigkeit vorher nach dem Preis fragen muss, weil man sonst abgezogen wird, nervt uns langsam. Das war schon in Zentralamerika so. Muss man denn immer vom Schlechten ausgehen? Wir wollen nicht jedes Mal fragen müssen, da wir uns dann fühlen als würden wir direkt eine schlechte Absicht unterstellen. Aber leider geht es nicht anders und wir vergessen es dennoch ab und an.
 
Das Gästezimmer ist quasi ein Zimmer in dem kleinen Haus, in dem die vierköpfige Familie wohnt. Kommen wir aus unserem Zimmer heraus, stehen wir direkt in der Küche. Im Gartenhäuschen sind noch weitere Gäste aus Tschechien untergebracht. Auf unserer bisherigen Reise haben wir noch nie tschechische Reisende wahrgenommen, hier auf Kuba treffen wir gleich mehrmals welche. Vinales ist ein beschauliches Städtchen, welches vom Tourismus lebt. Die vorderen Hausfassaden sind fast alle verputzt und frisch in verschiedenen Farben gestrichen. Doch schon an den Seitenwänden kommt die unverputzte Mauer zum Vorschein und wie die Hinterhöfe aussehen, können wir uns denken.
 
Trotz der ernüchternden Aussage dieses Nationalpark Guides, dass man nicht alleine in den Park kommen könnte, starten wir am nächsten Tag mit unserem gemieteten Geely CK auf unsere eigene Entdeckungstour. Zunächst wollen wir eine Tabakfarm aufsuchen ohne eine geführte Tour buchen zu müssen. Auf einem Feldweg biegen wir einfach ab und fragen uns durch. Tatsächlich landen wir bei einem Tabakbauern, der uns nach etwas Wartezeit in seiner Trockenhütte zeigt, wie man eine Zigarre aus den getrockneten Tabakblättern dreht. Währenddessen erzählt er uns einige interessante Dinge über den Tabakanbau. So zum Beispiel müssen die Bauern mindestens 90% der getrockneten Tabakblätter an den Staat abgeben und machen dadurch selbst kaum Gewinn. Die Blätter enthalten nur 2% des Nikotins der gesamten Pflanze, der Rest befindet sich im Stängel. Im Gegensatz zu Zigaretten, beinhalten Zigarren bewusst nur einen geringen Anteil des Giftstoffes, denn keine Zigarre soll süchtig machen. Der Bauer liefert die Blätter aus denen im staatlichen Betrieb später die weltberühmten Montechristo Zigarren manuell hergestellt werden. Diese kosten bis zu $25 pro Stück. Er ist etwas enttäuscht, dass wir ihm nicht die 14er Packung für umgerechnet $40 abkaufen wollen. Für seine Vorführung geben wir ihm ein Trinkgeld, worauf er uns eine einzelne Zigarre zum Mitnehmen gibt.
 
Wir fahren weiter durch die Provinz und sind von den Karstfelsen, die vereinzelt aus der Landschaft stechen, beeindruckt. Über den schlechten Zustand der Landstraßen, deren Oberfläche zum Teil zerrissen oder mit riesigen Schlaglöchern übersät ist, sind wir schockiert. Zum Teil fehlt der Belag komplett und wir fahren auf Schotterpiste. Wir fahren bis zur Nordküste und landen so in der Kleinstadt Puerto Esperanza. Zur Mittagszeit erscheint es uns wie ein verlassener Ort und wir fühlen uns wie an einem Sonntagvormittag in Brandenburg. Direkt nach unserer Ankunft spricht uns ein Kubaner an und lädt uns zu einem Mango-Saft in seinem Casa Particular ein, was wir nach etwas Zögern annehmen. Wir fühlen uns dort wohl und entscheiden in zwei Tagen hierhin umzuziehen, da wir hier günstigere und weniger frequentierte Touren über Land in einer der typischen Pferdekutsche machen können. Puerto Esperanza ist kein typischer Touristenort und wir erhoffen uns hier authentischere Einblicke.
 
Auf dem Rückweg nach Vinales fahren wir am Eingang des Nationalparks vorbei und beschließen hier morgen wandern zu gehen. Ein Bauer pflügt mit seinen zwei Ochsen ein Feld. Was für uns inmitten dieser außergewöhnlichen Landschaft in der Abendsonne romantisch aussieht, ist für ihn körperlich harte und schweißtreibende Arbeit. Beim Wenden des Pflugs muss der Mann immer wieder das schwere Gerät aus der Erde heben, um die Ochsen zu unterstützen. Mit lauten Sprachbefehlen versucht er die beiden Arbeitstiere zu lenken und anzutreiben. Über einen Holzbalken sind sie am Kopf hinter den Hörnern mit einem leichten Winkel nach innen verbunden, was es ihnen unmöglich macht, einfach davon zu stürmen. Wir wechseln einige Worte mit dem Bauern und er erlaubt uns Fotos zu machen.
 
Am nächsten Morgen kehren wir zurück und fahren mit dem Skoda ein Stück weiter auf einem unbefestigtem Kutscherpfad, wobei wir uns nicht ganz sicher sind ob das erlaubt ist. Wir parken an einem kleinen See und laufen zu Fuß weiter. Von einem Aussichtspunkt auf einem Hügel überblicken wir weite Teile der umliegenden Landschaft, wie wir sie vergleichbar noch nicht gesehen haben. Mit Hilfe des Smartphones versuchen wir den Weg zum Höhleneingang der „Grotten von Vinales“ zu finden. Auf dem Weg begegnen uns mehrere Bauern mit ihren Ochsengespannen, die sie zu ihren Feldern führen beziehungsweise vom Feld zurückbringen. Ein kleiner Junge treibt ebenfalls selbstständig von seinem Pferd aus ein Gespann vor sich her. Weiter hinten sehen wir dann die Felder auf denen mehrere Bauern mit ihren Pflügen unterwegs sind. Es gibt auch Traktoren im Land, doch die können sich die einfachen Bauern nicht leisten.
 
Nach einigem Umherirren vorbei an einer Tabakfarm, einigen Bananenbäumen und querfeldein über Kuhwiesen und Felder, finden wir an der langen Wand eines Karstberges etwas was nach Höhleneingang aussieht. Tatsächlich stehen vor der Höhle zwei Guides, die Höhlenbesichtigungen anbieten. Sie sind gerade mit zwei Besuchern zurück gekommen und in leichter Aufregung, da ein Besucher in den Höhlen verloren gegangen ist. Die Höhlen sind weitverzweigt und es ist nicht schwer sich in der Dunkelheit zu verlieren. Nach einer halben Stunde haben sie schließlich den Ausreißer gefunden und wir können für circa zwei Dollar mit einem Guide die Grotte begehen. Wir bekommen jeder eine Grubenlampe und stoßen auf äußerst rutschigem Untergrund circa 250 Meter in das Höhleninnere vor. Interessante Konstrukte aus Kalkstein, gigantische Stalaktiten und ein unterirdischer See erwarten uns dort, eine skurrile Landschaft die Lust auf mehr macht. Kein Wunder, dass manche Besucher sich hier verlieren, denn die Versuchung hier Abstecher zu unternehmen ist groß. Das unterirdische System führt mehrere Kilometer weiter im Valle de Ancon wieder ans Tageslicht. Nach dieser angenehmen Abkühlung in dieser anderen Welt wandern wir in der Nachmittagshitze zurück zum Auto. Wir kommen vorbei an vielen Schweinen, die überall verteilt an schattigen Plätzen angeleint sind und ein Schläfchen halten.
 
Mit dem Auto wollen wir nun ins Valle de Ancon fahren. Dabei passieren wir eine große Felswand, nahe den Höhlen von San Miguel, die beeindruckender nicht sein kann. Wie sonst nur im Höhleninneren zu sehen, sind an dieser Steilwand Stalaktiten zu hunderten offenliegend zu sehen, als wäre eine alte Höhle auseinander gebrochen. Im Valle de Ancon machen wir eine kleine Rundwanderung und ein freundlicher Bauer lässt mich kurz auf seinem Transportschlitten mitfahren. Später stoßen wir auf einen großen verlassenen Schulkomplex. Als wir dort umherlaufen, werden wir von einem anderen Bauern sehr unfreundlich weggeschickt, als gäbe es hier etwas zu verbergen.
 
An unserem letzten vollen Tag auf dem Lande fahren wir früh morgens wie geplant nach Puerto Esperanza um vor der Mittagshitze die Kutschfahrt machen zu können. Der Kutscher sollte um 9 Uhr kommen, um 10 Uhr war er dann endlich da. Wir fahren bzw. holpern also mit Louis, unserem Kutscher, auf der einachsigen Kutsche mit einem vorgespannten Pferd durch das Land der Bauern. Diese Gefährte sind hier auf dem Land sehr gängig und werden auch in den Kleinstädten als Transportmittel genutzt. Louis plaudert etwas aus dem Nähkästchen und erzählt uns über Land und Leute. Die Menschen hier hätten Angst vor der Regierung und der Polizei. Wer sich regierungskritisch äußert läuft Gefahr eingesperrt zu werden oder wird anderweitig unterdrückt. Das Problem sei, man wisse nie mit wem man über kritische Themen reden kann, denn um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, gehen Leute petzen.
 
Wir wussten vorher schon, dass jeder Kubaner monatlich eine Nahrungsmittelration vom Staat bekommt. Louis erzählt uns, dass dies zum Überleben niemals reiche. Die Ration beinhaltet unter wenigen anderen Dingen 2kg Reis, 300g Hühnerfleisch und 1,5kg Zucker. Damit kommt man nicht über den Monat, und sonstige Lebensmittel sind für die geringen Einkommen der Bauern sehr teuer. Die Bauern müssten fasst ihre gesamte Ernte beim Staat abgeben und haben so selbst kaum Erträge. Sie helfen sich gegenseitig wo sie können, der Zusammenhalt sei groß. Versucht jedoch jemand mehr Geld zu machen als die anderen, ist er außen vor. Mit „Touristen in Kutschen umherfahren“ lässt sich zum Beispiel etwas hinzuverdienen, doch benötigt man dazu die Genehmigung einer Behörde. Die Einnahmen werden genau dokumentiert und der Guide bekommt weniger als 50% davon. Bekommen die Einwohner mit, dass jemand ohne Erlaubnis Touristen in ihrer Gegend umherfährt, wird derjenige angeschwärzt. Es ist also ein zweischneidiges Schwert aus Nachbarschaftshilfe und Solidarität einerseits, die zum Teil aus der Not heraus entstehen und auf der anderen Seite Verrat und Missgunst untereinander, sobald jemand mehr besitzt als andere. Es ist auch kein Wunder, dass sich in Kuba vieles über Tauschgeschäfte mit Naturalien regeln lässt und damit auch nicht unwesentlich Beamtenbestechung stattfindet. Die Einkommen sind so gering, dass die Menschen keine andere Wahl haben. Ärzte zum Beispiel verdienen einen staatlich regulierten Lohn von umgerechnet $15 bis $20 im Monat (!), obwohl die kubanischen Mediziner im internationalen Vergleich sehr gut ausgebildet sind. Zum Vergleich: Eine Taxifahrt im Oldtimer kostet für einen Ausländer circa $25 pro Stunde. Bei diesem unverhältnismäßig geringen Lohn, der auch Lehrer und andere qualifizierte Fachkräfte betrifft, ist es kein Wunder, dass Akademiker Taxifahrer werden. Die täglichen Trinkgelder im Tourismusbereich können schon ein monatliches kubanisches Gehalt übersteigen. Wie gut das für die wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung eines Landes ist, kann man sich denken. Ein weiterer Effekt von stattlich regulierten Löhnen konnten wir selbst auch in Havanna schon spüren: warum soll man sich anstrengen, wenn man nicht mehr für seine Leistung bekommen kann? Ob der Verkäufer nun zwei oder hundert Flaschen Wasser am Tag verkauft, ist ihm egal, er bekommt so oder so das gleiche Gehalt. Dies bremst einerseits innovative Geschäftsideen aus und führt zu Dienst nach Vorschrift. Andererseits beugt die Gleichstellung Aller einer Unzufriedenheit vor, die viele Menschen in unserer Kultur haben, wenn sie sehen was der Nachbar besitzt. Die Gleichstellung bringt aber auch eine gewisse Gelassenheit mit sich, die das Alltagsleben deutlich entspannter erscheinen lässt.
 
Nach Louis Meinung erkennt die Regierung Castros die Sorgen des Volkes nicht und angeblich würden gerne 98 Prozent der Kubaner das Land verlassen. An anderer Stelle hatte man uns erzählt, dass die Leute prinzipiell zufrieden sind, da sie den Wohlstand anderer Länder nicht kennen. Die Landsleute die es aber jemals außerhalb von Kuba geschafft haben, kommen nur ungern zurück. Zumindest erscheinen uns die Kubaner nach außen hin sehr lebensfroh. Das Glücksempfinden einer Nation ist ja bekanntlich schwer messbar. Doch wie aussagekräftig können Zahlen aus Umfragewerten sein, wenn das Verhalten der Menschen nicht damit zusammen passt? Schaut man in die ernsten Gesichter der Menschen in einer x-beliebigen deutschen Großstadt und schaut man in die oftmals strahlenden Gesichter der Kubaner, dann wissen wir auch nicht mehr, wem es nun wirklich besser geht.
 
Am Kehrpunkt unserer Kutschfahrt erklimmen wir ein wackeliges Stahlgerüst, welches einen Aussichtsturm darstellen soll. Der Blick reicht von den grünen Bergen bis zum Meer und ich kann es kaum genießen da ich das Gefühl habe, dass diese Konstruktion jederzeit nachgibt. Auf der Rückfahrt besuchen wir kurz eine ärmlich lebende Tabakbauernfamilie. Im Trockenhaus hängt die Ernte in mehreren Lagen übereinander, von denen auch dieser Bauer fast alles an den Staat abgeben muss. Die tausenden getrockneten Blätter verbreiten einen unbeschreiblichen Duft, den auch wir als Nichtraucher angenehm finden.
 
Ein Unwetter naht und so machen wir uns mit der Kutsche auf den Rückweg nach Puerto Esperanza, was so viel wie „Hafen der Hoffnung“ bedeutet. Dort sehen wir beim Vorbeifahren eine kleine Zigarrenmanufaktur. In Kuba ist es unerwünscht das Innenleben dieser Manufakturen zu fotografieren, selbst nicht bei geführten Touren, was vermutlich an den schlechten Arbeitsbedingungen liegt. Bei unserer späteren Stadterkundungstour kommen wir auch hier nochmal vorbei. Die Tür steht offen, sodass wir einen Blick wagen. Durch den starken Kontrast der grellen Sonne außen und dem stark abgedunkeltem Innenraum, dauert es ein paar Sekunden bis wir überhaupt etwas sehen. Die Kamera hatte ich im Voraus für Aufnahmen im Dunkeln eingestellt und ich mache schnell ein paar Fotos in den Raum. Nach zwei Fotos in die Dunkelheit schreit eine der Arbeiterinnen „Numero Uno, Numero Uno“, was „Nummer Eins“ bedeutet und womit der Chef gemeint ist und zeigt aufgeregt auf uns. Dieser macht uns durch ein grimmiges Gesicht und wilde Handbewegungen deutlich, dass wir verschwinden sollen. Wir gönnen uns daraufhin ein Eis aus der uralten Softeismaschine um die Ecke und setzen unseren Stadtspaziergang fort.
 
So wie in Havanna, sind auch auf dem Land Parteiwerbung, Propagandasprüche und Portraits wichtiger Personen häufig anzutreffen. Die PCC Partido Comunista Cuba (Kommunistische Partei Kubas) ist scheinbar allgegenwärtig und hätte Parteiwerbung gar nicht nötig, denn es gibt keine Wahlalternative. Ebenfalls oft sehen wir die Abkürzung CDR, was Comité Defensa de la Revolucion und auf Deutsch „Komitee zur Verteidigung der Revolution“ bedeutet. Wie der Name schon vermuten lässt, ist dies eine Organisation, die der Staatsregierung untersteht. Mehr als 90% der Kubaner sind „freiwillig“ Mitglied, wodurch der Regierung ein lokales Überwachungsorgan innerhalb der Bevölkerung zur Verfügung steht. Nichtmitglieder müssen mit Ausgrenzung und Repressalien rechnen. Um auch die Jugend zu erreichen, gibt es den kommunistischen Jugendverband UJC – Unión de Jóvenes Comunistas, dessen Logo wir unter anderem an Schuleinrichtungen gesehen haben. Bei ehemaligen DDR-Bürgern werden nun sicherlich Erinnerungen wach.
 
Ebenso häufig sind Portraits von Nationalhelden, Persönlichkeiten die für den Sozialismus und Kommunismus stehen oder anderweitig ins Gesamtkonzept passen, an Hauswände, Mauern und Schilder gemalt. Neben Castro und „Che“ sind das unter anderem Cienfuegos, Marx, Lenin, Gomez oder Jose Marti.
 
Wir verlassen Pinar del Rio und fahren zurück in die Hauptstadt. Wieder sehen wir zahlreiche Menschen, die am Rande der Autobahn stehen und darauf hoffen mitgenommen zu werden. Nur wenige Familien auf dem Land können sich ein Auto leisten und öffentliche Verkehrsmittel sind rar. An Brücken und Abfahrten häufen sich größere Menschenmengen. So ist es für die Menschen hier zum Alltag geworden auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Im Mietwagen ist es uns untersagt Anhalter mitzunehmen und auch Alejandro hatte uns eindrücklich davor gewarnt. Auf den Fahrten über Land haben wir einige Male jemanden mitgenommen, doch die Strecke nach Havanna wollen wir ohne Verzögerungen zurücklegen, um die rechtzeitige Abgabe des Wagens nicht zu gefährden.
Auf der Rückfahrt nach Havanna fällt uns auf, dass die Autobahnspur in deutlich besserem Zustand ist als auf der Hinfahrt und wir kein Schlaglochslalom mehr fahren müssen. Ob es wohl Absicht ist, das die Einfahrt in die Hauptstadt angenehmer ist als die Fahrt aufs Land?
 
Im dritten und letzten Teil über Kuba schildern wir demnächst unsere letzten Tage in Havanna, oder auch „La Habana“, wie es im Spanischen heißt.
 


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Kuba Teil I – La Habana

26.-30.Juni 2015
 
Was wird uns wohl in dem Land erwarten, welches seit mehr als 50 Jahren den Sozialismus lebt und in der Zeit von fast all dem abgeschnitten war, was sich in „unserer“ heutigen westlichen Welt abspielt?
Über die Geschichte Kubas, seine Rolle im Kalten Krieg und über die Hauptfiguren Ernesto „Che“ Guevara und Fidel Castro kann man sich vielerorts informieren. Daher wollen wir diese Themen an dieser Stelle nicht in den Fokus stellen, es würde ohnehin den Rahmen sprengen. Wir konzentrieren uns darauf, was wir im Jahre 2015 in dem Land erleben, welches sich nach Fidels Zeitrechnung im 56. Jahr nach der Revolution befindet. Wie leben die Menschen hier?
 
Schon während der Taxifahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Havanna fühlen wir uns wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Unter anderem prägt die veraltete Autoflotte das Bild. Keines der amerikanischen Fahrzeuge ist jünger als aus dem Jahre der Revolution. Längst nicht alle dieser Oldtimer von Cadillac, Ford, Chrysler & Co sind so schön aufpoliert wie die Touristen-Taxis. Viele der Karren fallen halb auseinander, sind zerbeult oder haben nachmodellierte Teile angebaut. Einen weiteren großen Teil der Flotte bilden Autos und LKW aus osteuropäischen Ländern. Einige Volkswagen Käfer fallen uns noch auf und wir sehen viele MZ-Motorräder, die in Zschopau zu DDR-Zeiten gebaut wurden. Vereinzelt fahren mittlerweile auch moderne Fahrzeuge umher, unter anderem von Hundai, Peugot, Skoda und Kia. Diese Autos sind hier allerdings extrem teuer und nur bestimmten Leuten vorbehalten, die ihrem Land auf besondere Weise dienen, wie zum Beispiel Politiker, Regierungsbeamte, Sportler und Künstler.
 
Unsere Unterkunft ist ein sogenanntes „Casa particular“, eine private Zimmervermietung, die uns von einem Freund empfohlen wurde. Der Taxi Fahrer will uns direkt vor die Haustür fahren, doch wir haben keine genaue Adresse sondern nur einen Koordinaten-Punkt in einer Offline-Naviagations-App auf unserem Smartphone. Der Fahrer wird sichtlich nervös als wir ihm keine genaue Hausnummer geben können und nur den Namen „Casa de Alejandro“ wissen. Wir wollen in der Straße einfach aussteigen und uns selbst auf die Suche machen, doch dies scheint für den Taxifahrer keine Option zu sein, als wäre es für Touristen verboten einfach „irgendwo“ auszusteigen. Nach etwas Umherfragen findet er unseren Gastgeber und gibt uns persönlich dort ab. Alejandro und seine Mutter begrüßen uns herzlich und zeigen uns unser Gästezimmer in ihrem Haus. Danach müssen wir uns gleich mit Passnummer, Namen und Touristenvisum im Gastbuch registrieren. Alejandro muss diese Daten dann einschließlich Kopien von Pass und Visum innerhalb von einem Tag bei einer Behörde melden. In Kuba darf niemand ohne Anmeldung privat Ausländer übernachten lassen, selbst wenn es die eigenen Freunde sind. Ebenso ist es verboten, Ausländer im Privatfahrzeug mitzunehmen. Beherbergen geht zwar im eigenen Haus, doch nur im Rahmen eines angemeldeten Casa Particular, welches mit Steuerabgaben verbunden ist. Wir haben nicht herausgefunden wie hoch diese sind, nur dass sie „hoch“ sind. Die Preise für solch eine Unterkunft beginnen bei $20, meist $25 pro Nacht für ein Doppelzimmer. Es ist die günstigste Art von Unterkunft in Kuba und dennoch für uns eine der teuersten auf unserer Reise. Beim Umherlaufen durch Havanna haben wir später viele solcher Häuser gesehen. Sie sind mit einem speziellen Symbol gekennzeichnet und sind eine schöne Alternative zu den teureren Hotels, da sie mehr Integration in das Alltagsleben bieten. Man kann übrigens auch spontan ein Zimmer finden ohne vorher zu buchen.
Wir fühlen uns jedenfalls wohl bei Alejandro in dem Haus mit den hohen Decken und den altmodischen, dunklen aber edlen Möbeln. Es ist zudem sauber und aufgeräumt. Vor der Haustür auf der Veranda steht ein Schaukelstuhl, indem wir in nächster Zeit Alejandro oder seine Mutter öfters antreffen werden.
 
Die erste Erkundungsrunde unternehmen wir im umliegenden Stadtviertel, welches sich circa 2 Kilometer westlich vom historischen Zentrum, nahe der Universität befindet. Bereits hier in der Straße in welcher Alejandro wohnt, ist die Baufälligkeit der Wohnhäuser auffällig. Auf der Hauptstraße springt uns das Leben dann förmlich entgegen. Menschen sitzen am Straßenrand und unterhalten sich, Straßenhändler verkaufen Obst und Gemüse an ihren Ständen auf Rädern, Leute telefonieren an Wandtelefonen, Kinder spielen Ball und fahren auf Rollbrettern und Rikscha Fahrer werben um Kunden. Die Atmosphäre ist lebendig aber entspannt. Es sind einige Menschen unterwegs aber es wirkt nicht so hektisch wie wir es aus den Städten Zentralamerikas kennen.
 
Oftmals überdacht ein Vorsprung der Häuser die Fußgängerwege, sodass wir den Straßen zwischen Häuserwand und Steinsäulen folgen. Für diese Schattenspender sind wir in der Hitze immer dankbar und auch viele Kubaner nutzen diese um sich vor der starken Sonne zu schützen. In einem kleinen Park findet gerade eine Tanzstunde bzw. -probe statt. Frauen und Männer tanzen gemeinsam in der Abendsonne nach Musik, die vor Ort live von einer Musikgruppe gespielt wird. Hier tummeln sich viele einheimische Zuschauer und wir scheinen die einzigen Touristen zu sein. Wir setzen uns dazu und beobachten eine Weile die rhythmischen Bewegungen der Tänzer. Solch einen lebendigen und friedlichen Park würden wir uns für Deutschland auch mal wünschen.
 
Etwas weiter die Straße hinunter treffen wir auf den Malecon, welcher Uferpromenande und Paradestraße zugleich ist. Die Straße und der Fußweg am Meer sind großzügig angelegt. Viele Menschen tummeln sich hier, sitzen auf der Mauer, flanieren, erzählen, singen und genießen die Abendsonne. Auch hier herrscht eine lebhafte, aber dennoch entspannte Stimmung. Der Malecon ist bei Touristen für Ausfahrten mit einem der blankpolierten amerikanischen Oldtimer(taxis) beliebt, die wir hier entsprechend oft sehen. Weiter weg können wir schon die Kuppel des Kapitolios erkennen, welches dem Anschein nach dem weißen Haus nachempfunden ist. In die andere Richtung blickend sehen wir typische sozialistische Plattenbauten und Denkmäler.
 
Auf der Suche nach Wasser machen wir Bekanntschaft mit dem was uns in nächster Zeit in Kuba erwarten wird: kleine Einkaufsläden, in denen es fast nichts gibt. Wir wurden vorher schon gewarnt, dass wir uns lieber ein paar Müsliriegel und Snacks mit auf die Insel nehmen sollten. Das Angebot der Läden scheint sich tatsächlich auf folgende Dinge zu beschränken: Tomatensauce, Oliven, Nudeln, Maggi-Fertigsuppen, Speiseöl, Fruchtsäfte, diverse Süßigkeiten, Chips, Bier und wenn man Glück hat Brötchen. Gefühlt ein Drittel der Regale steht voll mit Havanna Club Rum verschiedener Altersklassen und Flaschengrößen. Obst und Gemüse gibt es beim fliegenden Straßenhändlern oder auf Märkten zu kaufen. Das Angebot beschränkt sich dabei fast immer auf Bananen, Papaya, Ananas, Mango und Guayabana sowie Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Bohnen, Paprika und Gurken. Uns stellt sich schnell die Frage was die Einheimischen hier täglich essen. Auf der Suche nach Mittag- oder Abendessen in der Stadt, finden wir immer nur die gleichen Dinge: Schinken-Käse Sandwiches (nicht lecker) sowie Pizza und Spaghetti. Für Touristen gibt es durchaus Restaurants mit vielfältigerem Angebot, doch liegen diese deutlich über unserem Budget. So schlagen wir uns die Tage mit immer wieder den gleichen Mahlzeiten durch und versuchen unseren Speiseplan mit Früchten aufzuwerten. In unserer europäischen Gesellschaft kann man sich nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn die Läden fast leer sind und die Auswahl so stark beschränkt ist. Dies bezieht sich nicht nur auf Lebensmittel.
 
Im Zentrum der Landeshauptstadt stoßen wir auf „Einkaufszentren“. Ein Beispiel des Angebotes: Im Erdgeschoss stehen eine Couchgarnitur, einige Plastikwaren wie Eimer und Besen, Toilettenschüsseln, Spitzhacken, Lappen und Schuhsohlen und die Hauptattraktion ist ein riesiges Angebot an Flüssigseife. In der zweiten Etage stehen ein paar Vitrinen mit gebrauchten Ersatzteilen für Fahrräder und Klempner Bedarf. Im Schaufenster des Musikladens um die Ecke ist die Schallplatte „Bad“ von Michael Jackson das Highlight. In den wenigen Bekleidungsgeschäften hängen altbackene Klamotten, die nicht mal mehr meiner Oma gefallen würden. In einem Elektrowarengeschäft stehen in den Regalen vereinzelt Toaster und andere Küchengeräte, hier mal ein Föhn, dort mal ein Radio. Da hat man zumindest keine Entscheidungsschwierigkeiten.
 
Wir unternehmen ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt und können die Kameras dabei kaum aus der Hand lassen. Zu viel ist auf den Straßen los, zu viele Dinge kennen wir in Deutschland nicht mehr. Leute reparieren ihre Autos am Straßenrand, Kinder spielen in großen Gruppen Spiele mit Gummibällen und Murmeln und malen dafür Muster aus Kreidestrichen auf die Straße, Mütter stillen ihre Babys, Körner liegen zum Trocknen aus, Suppentöpfe köcheln, Rikscha-Taxis fahren Menschen und Haushaltsgegenstände umher, Männer spielen auf dem Fußweg Domino, Leute sitzen vor ihren Türen oder auf Bänken und unterhalten sich, zum Teil in sehr angeregten und lautstarken Diskussionen, rollende Händler verkaufen ihre Waren, … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Besonders die Domino-Spiele auf der Straße, bei denen meistens vier Spieler am Tisch sitzen, sind faszinierend anzuschauen. Oftmals sind sie von mehreren weiteren Spielern umringt, die das Spielgeschehen aufmerksam verfolgen und es gibt sogar einen Mitschreiber, der die Punkte zählt und notiert, da manchmal um Geld gespielt wird. Es ist ein Gesellschaftsspiel welches fester Bestandteil der Lebenskultur von Havanna ist. Viele kleine Parks mit Sitzgelegenheiten fördern im Allgemeinen das Zusammentreffen von Menschen, was wir hier als sehr positiv wahrnehmen. Es ist eine ganz andere Stimmung, als wir sie von den bisher bereisten lateinamerikanischen Ländern kennen.
Auch wenn man in die kleinen Lädchen oder oftmals offenstehenden Wohnungen schaut, bietet sich jedes Mal ein interessantes Bild. An den Wänden hängen Fotos der Revolutionsführer, darunter meistens die von Fidel Castro, in jung oder alt. Gegenstände liegen herum, die bei uns aus einem Heimatkundemuseum stammen könnten, hier aber noch in Benutzung sind, wie zum Beispiel alte Obstwaagen, Radios, Schallplattenspieler, Blechkannen, Werkzeuge und Holzkisten. Die Einrichtungen wirken zum Teil verstaubt und manchmal verlassen, weil so wenige Dinge den Raum füllen.
 
Wir stoßen auf einen Wochenmarkt und beobachten die Kubaner bei ihren Einkäufen. Dutzende Ananas und Bananenstauden sind auf der Straße ausgebreitet, Leute tragen Eierpaletten nach Hause, das Fleisch liegt offen auf dem Stand und wird nach erfolgtem Einkauf direkt im großen Stück in den Stoffbeutel gesteckt. Der Tomatensaucen-Verkäufer wartet bei seiner Dosenpyramide auf Kundschaft, Zwiebeln und Kartoffeln werden direkt vom LKW verkauft, einige Verkäufer haben nur ein oder zwei Produkte im Angebot und all das passiert in praller Sonne zwischen den bröckelnden Fassaden der Gebäude. Es ist ein buntes Treiben und die Menschen nutzen den Marktbesuch gleichzeitig für Gespräche und pflegen soziale Kontakte.
An einem anderen Tag erkunden wir den alten Stadtkern Havannas, in dem sich die meisten Touristen aufhalten. Wir kommen vorbei am Kapitolio, an dem uns ständig jemand eine Taxifahrt mit einem der Oldtimer anbietet, und einigen alten Festungen (Castillos). Nach kurzer Zeit haben wir von dem für den internationalen Tourismus aufgehübschten Stadtteil genug und gehen wieder dorthin, wo sich das viel interessantere Leben der Einheimischen abspielt.
 
Von den ganzen Eindrücken und dem vielen Laufen sind wir abends immer ziemlich fertig. Die Hitze macht uns außerdem zu schaffen. Es ist auch nicht einfach Trinkwasser zu finden. Große 1-Liter Flaschen finden wir selten und sie sind mit umgerechnet circa einem Dollar vergleichsweise teuer. Nach einigen Stunden Umherwandern sind wir jedes Mal froh, wenn wir in unserer Unterkunft die Klimaanlage anmachen und unter die kalte Dusche springen können. Mir macht die Hitze besonders zu schaffen, auch wenn ich von Zentralamerika schon einiges gewöhnt war. Die ständige Wärme macht tatsächlich träge und man hat eigentlich keine Lust sich großartig zu bewegen oder über irgendetwas nachzudenken. Da kann man schon verstehen, das in den Ländern mit diesem Klima die Uhr langsamer tickt und die Menschen lieber entspannt im Schaukelstuhl sitzen als produktiv zu sein.
 
Im alten Präsidentenpalast des ehemaligen Diktators Batista, der von Castro gestürzt wurde, befindet sich das „Museo de la Revolucion“. In diesem Museum wird die aus der Sicht ihrer Anführer erfolgreiche Geschichte der Revolution dargestellt. Die Darstellung ist natürlich recht einseitig und teilweise heroisch. Es gibt weder eine chronologische Aufarbeitung von Geschehnissen und Fakten zum Ablauf der Revolution, noch irgendeine Art gesamtgeschichtliche Betrachtung. Interessant ist es dennoch. Viele Fotos, Zeitungsartikel und Diagramme sind eher zusammenhangslos in den Schaukästen aufgehängt. Einige persönliche Gegenstände von Ernesto „Che“ Guevara und Camilo Cienfuegos, wie Schuhe oder eine Kamera, sind ebenfalls ausgestellt. Auch blutbefleckte Kleidung von Aufständischen können wir betrachten. Über die Invasion der Schweinebucht gab es mehrere akribisch genaue Landkarten mit markierten Positionen der Revolutionäre und ihrer Gegner zu sehen. Ebenso mangelt es nicht an Darstellungen über die Errungenschaften von Fidel Castro und seiner Partei. Plakate mit Parolen sowie Wimpel und Ansteckpins wie man sie aus DDR-Zeiten kennt, sind ebenfalls zu sehen und muten propagandistisch an. Eine Errungenschaft schreibt sich die Partei besonders auf die Fahnen: mit dem Analphabetisierungsprogramm hat man die Analphabetenrate nahezu gegen Null gebracht. Wobei hinzuzufügen ist, dass der Analphabetismus auch vor der Revolution schon vergleichsweise niedrig und der allgemeine Bildungsstandard in Kuba sehr hoch war. Etwas belustigend ist der „Rincon de los Cretinos“ – „die Ecke der Schwachköpfe“. In diesen mannshohen Karikatur-Darstellungen „dankt“ man dem ehemaligen kubanischen Diktator Fulgencio Batista und den Ex-US-Präsidenten R. Reagon, G. Bush Sr. und W. Bush, dass sie die Revolution erst nötig und später den Sozialismus unwiderruflich gemacht haben. Im Außenbereich des Museums kann man altes Kriegsgerät und die „Granma“ besichtigen, jene Yacht, mit der unter anderen die Castro-Brüder und Guevara damals Kuba von Mexiko aus erreichten um die Revolution zu starten. Auch wenn das Museum eher eine Ansammlung von Zeitungsartikeln ist, welche nicht chronologisch und recht einseitig die Geschichte betrachten, ist es einen Besuch allemal wert.
 
Havanna hat für uns gefühlt zwei Parallelwelten: Auf der einen Seite bietet es Motive mit den glänzenden amerikanischen Oldtimern und den spanischen Kolonialbauten im Hintergrund. Jene Motive, für die Touristen aus aller Welt herkommen. Im Kontrast dazu stehen die alten „Russenautos“, welche in Kombination mit den Plattenbauten und zahlreichen sozialistischen Denkmälern sowie Macht-Demonstrationsbauten an Fotos aus der ehemaligen UDSSR erinnern.
Einige der Wohnstraßen in Havannas Innenstadt versprühen einen ganz besonderen Charme. Bunte Hauswände, verzierende Steinmuster, kunstvolle Fenster- und Balkongitter, Blumentöpfe und die lebhaften Szenen tragen ihren Anteil dazu bei. Schade ist, dass der Zerfall der Gebäude der Stadt, besonders von den Wohnhäusern, so stark vorangeschritten ist. Bröckelnde Fassaden, eingestürzte Dächer, absturzgefährdete Balkone, Schuttberge auf den Straßen und auch klaffende Löcher in den Fußwegen sind keine Seltenheit. Die Baufälligkeit ist erschreckend, zumal die „Ruinen“ zum Teil noch bewohnt sind. Hinzu kommen die vielen stinkenden Müllhaufen, die das ärmliche Bild noch verstärken.
 
Interessant für uns persönlich war, dass wir uns manchmal fühlten, als wären wir schon einmal hier gewesen und oftmals fühlten wir uns an unsere eigene Kindheit erinnert. Auch wenn wir noch recht jung waren, als die Mauer 1989 fiel, spüren wir doch gewisse Parallelen zwischen dem Sozialismus heute in Kuba und damals in der DDR. Zum einen mag es an der Optik liegen: so erinnert uns der Baustil manchmal an Dresden und Berlin, seien es die Wohnhäuser, die Villen in den Randbezirken, der Plattenbau oder der Stil der Parks sowie der Außenanlagen. Die Autos und Motorräder aus Zeiten der ehemaligen Sowjetunion tragen ebenfalls dazu bei. Zum anderen sind es alltägliche Aspekte wie Schlange stehen, spärlich ausgestattete Schaufenster, der Geschmack von Essen und Improvisationen. Ich konnte es mir zum Teil selbst nicht erklären, es war als würden Erinnerungen aus dem tiefsten Unterbewusstsein wieder hochkommen.
 
Dies waren unsere ersten Eindrücke, die wir in Havanna gesammelt haben. Im nächsten Beitrag geht es weiter mit einem Besuch auf dem Land, in der Provinz Pinar del Rio.
 


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Panama

16.06. – 25.06.2015

Es ist wieder einmal so weit, es ist Zeit für ein neues Land und unseren zehnten Grenzübergang. Panama wir kommen.
An der Grenze läuft es wie immer. Wir brauchen gute zwei Stunden um unsere Papiere abstempeln und die Teneres mit Pestiziden besprühen zu lassen. Da uns die Hitze in den letzten Wochen zugesetzt hat, sind wir froh, dass wir ein kleines Hostal in Boquete gefunden haben, welches rund 1000m über dem Meeresspiegel liegt und somit für eine Abkühlung sorgt.

Hier treffen wir auch auf Tobi aus Luckenwalde. Er ist in Panama, Nicaragua und anderen Kaffee-Ländern unterwegs um seine leidenschaftliche Verbindung zu Kaffee zu intensivieren. Wenn wir uns mit ihm über Kaffee unterhalten, sprüht das Interesse für dieses Gewächs auch auf uns über. Und dies obwohl wir beide keine „großen“ Kaffeetrinker sind. In seinem Blog „Mit dem Kaffeestrauch per Du“ (http://tobisguterkaffee.blogspot.com) schreibt er über seine hier gemachten Erfahrungen.

Am nächsten Tag lernen wir zwei weitere Deutsche kennen, es sind Stella und Andi (http://travelling.healthyfish.de), die mit dem Rucksack die Welt bereisen und auf der Suche nach seltenen Tieren sind. Ebenso wie mit Tobi verstehen wir uns auf Anhieb sehr gut und können Stunden lang über unsere Reiseeindrücke reden und austauschen.
Neben einer kleinen Wanderung in eine nahegelegene Kaffee-Plantage nutzen wir die verbleibende Zeit um einige Sachen zu reparieren. Der Verschleiß an Reißverschlüssen und anderen Gegenständen macht sich langsam bemerkbar. Nichts ist für die Ewigkeit.

Viele Kilometer wollten wir eigentlich am nächsten Tag zurücklegen, aber eine rund 200km lange Baustelle mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf meistens 30km/h, ist da alles andere als hilfreich. Bei dem Tempo würde man rund 6 Stunden und 40 Minuten für die Strecke brauchen. Zum Glück hält sich so gut wie niemand an die Geschwindigkeitsbegrenzung und so kommen wir noch relativ flott voran. Bei den oftmals verschmutzten Fahrbahnen ist jedoch besondere Vorsicht geboten. Gerade dann wenn wir von einer Spur auf die andere wechseln müssen. Aber als wäre die Baustelle nicht schon genug, schaffen wir es selbst uns gute zwei Stunden unsinnig auszubremsen.
Bei einem Tankstopp betanken wir unsere Teneres selbst, was in Zentral- und Südamerika eher unüblich ist, da es hierfür meist Personal an den Tankstellen gibt. Der Tankwart hier scheint aber schwer beschäftigt und wir haben es eilig, sodass wir das Tanken, wie in Deutschland üblich, selbst in die Hand nehmen. Was sich aber als folge schwerer Fahler herausstellt.

Nachdem ich mit dem Betanken meiner Maschine fertig bin, kommt der Tankwart zu uns herüber und meint es wäre Diesel. Schade, dass ich mein Gesicht in diesem Augenblick nicht sehen konnte. Das ist ein schlechter Scherz. Auf der Zapfsäule steht eindeutig „Regular“, was hier bisher immer für Normalbenzin stand. Wir wissen immer noch nicht ob wir dem Kerl glauben sollen. Warum kommt der erst jetzt zu uns als wir quasi fertig sind und nicht schon eher, wenn er schon registriert, dass wir Diesel in das Motorrad tanken. Kopfschüttelnd stehen wir da und wollen das Ganze nicht wahr haben. Wir schauen ungläubig die Zapfsäule an und fragen uns: „Sind wir so dumm, oder ist das hier bescheiden ausgeschildert?“ Egal eine Lösung muss her! Eine Angestellte ruft einen Mechaniker an der in „ein paar Minuten“ da sein soll. Ich bin mir aber sicher, dass dieser völlig unvorbereitet hier ankommen wird, was heißt, dass er keine Pumpe zum Absaugen des Diesels dabei haben wird. Und so war es dann auch.

Wir schicken den „Mechaniker“ wieder weg und kümmern uns selbst. Zum Glück haben wir einen Schlauch und können den Diesel in einen großen Kanister abfüllen, den wir ein einem Geschäft neben der Tankstelle erstanden haben. Da wir uns aber nicht sicher sind, wie viel Diesel am Boden des Tanks übriggeblieben ist und wir nicht abschätzen können was ein Benzin-Diesel-Gemisch dem Motor oder der Einspritzung antun kann, entscheiden wir uns den kompletten Tank zu demontieren, um auch den verbleibenden Diesel zu entfernen. Das Risiko für einen Defekt ist uns einfach zu groß, zumal in einigen Tagen auch noch ein Flugzeug und später die Überfahrt nach Kolumbien mit der Stahlratte auf uns warten. Nach gut zweieinhalb Stunden können wir beruhigt weiterfahren. Auf der einen Seite sind wir froh, dass dem Bike nichts passiert ist. Auf der anderen Seite ärgern wir uns über die verlorene Zeit und den Aufwand. Aber so lange es bei solchen „Lappalien“ bleibt, sollten wir wohl eher froh sein, dass sie so glimpflich ausgehen. Wir möchten uns gar nicht vorzustellen was passiert wäre, wenn wir beide Bikes vollgetankt hätten und losgefahren wären …

Nach einer Nacht im Hostel machen wir uns nun auf den Weg nach Panama City zu Endy und seiner Familie, die etwas außerhalb der Stadt wohnen und werden dort warmherzig in Empfang genommen. Hier werden wir die nächsten Tage bleiben und die Stadt erkunden. Der eigentliche Plan war es hier zwei bis drei Tage zu bleiben um ein Gefühl für dir Stadt zu bekommen und später ein Hostel in der Nähe des Flughafen zu finden, aber schnell wird uns angeboten hier zu bleiben. Sogar die Bikes können wir während der Zeit in Kuba hier stehen lassen. Das ist für uns eine enorme Erleichterung.

Im Laufe der Zeit lernen wir auch noch einige andere Familienmitglieder, wie Endys Schwester kennen, die gleich um die Ecke wohnt. Bei einer Sightseeing-Tour mit Endy erkunden wir die Stadt, dabei darf der weltbekannte Panamakanal natürlich nicht fehlen. Wir haben Glück und können ohne lange warten zu müssen an den Miraflores-Schleusen die zentimetergenaue Durchfahrt einiger großer Frachter beobachten. Es ist wirklich sehr beeindruckend wie diese Riesen durch die enge Passage durchgeschleust werden.
Panama-Stadt ist ein international bedeutendes Banken-Zentrum. Das sieht man auch an der beeindruckenden Skyline, die man in anderen zentralamerikanischen Ländern nicht annähernd findet. 104 überwiegend internationale Banken haben ihren Sitz in Panama-Stadt oder haben dort eine Niederlassung. In kaum einem anderen Ort der Welt gibt es mehr Bankfilialen. Neben dem modernen Erscheinungsbild, gibt es auch noch einen älteren Stadtteil. Casco Viejo ist das alte Viertel der Stadt mit Kolonialbauten, verschiedenen Kirchen und dem Präsidentenpalast. Auch hier führt uns unser Gastgeber herum und hält viele interessante Informationen zu den Gebäuden und Plätzen für uns bereit.
Nachdem der Versuch meine Kamera in Guatemala reinigen zu lassen nicht klappte, bin ich froh hier endlich einen Canon-Store gefunden zu haben, der dies dann endlich, wenn auch zu einem stolzen Preis, zu meiner Zufriedenheit bewerkstelligen kann. Endlich ist die Zeit der dunklen Punkte im blauen Himmel zu Ende.

Auch die Zeit mit Endy und Marisol neigt sich vorerst dem Ende zu. Morgen geht unser Flug nach Kuba. Von Endy perfekt instruiert finden wir im Wirrwarr der vielen Busse unseren Weg zum Flughafen und starten zu einer Reise in der Reise.

 

Kuba

08.07 – 17.07.2015

Nach dem Stress am Flughafen in Kuba, werden wir in Panama-Stadt nach der Angabe der Adresse unserer Gastgeber ohne weitere Nachfragen durchgewunken und brauchen uns keine Gedanken mehr zu den absurden Vorstellungen/Vorgaben der Fluggesellschaft machen. Puhhh! Man hört ja öfters mal von solchen Storys, aber man zweifelt dann schon ein wenig über so viel Schwachsinn. Bis man eines besseren belehrt wird.

Die verbleibende Zeit in Panama nutzen wir wieder einmal für organisatorische Dinge (Datensicherung, Paket in die Heimat (auf dieses wurden übrigens 38US$ in 30 Cent-Briefmarken geklebt), …) und bereiten uns auf die Überfahrt von Panama nach Kolumbien vor.

Am Wochenende besuchen wir auch die Oma von Endy auf dem Land, weit außerhalb von Panama-Stadt. Marisol und ihre Geschwister treffen sich mit ihrer Mutter fast jedes Wochenende hier und entfliehen so dem Trubel der Stadt. Das Grundstück ist fast wie ein kleiner Bauernhof und wir ernten dort Mangos und Yuca (Maniok), die wir auch gleich zum Mittagessen verputzen.

Nach einem leckeren Frühstück bei Endys Schwester Milena geht unsere Reise weiter und wir machen uns auf den hügeligen Weg zur Atlantikküste Panamas. Denn dort wartet die Stahlratte auf uns.


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Costa Rica

10.-17. Juni 2015
 
Schon beim Grenzübergang kündigte sich an was uns in Costa Rica, der „Schweiz Zentralamerikas“ erwarten würde: viel Regen und hohe Preise. Einige Male laufe ich mit unseren Dokumenten im Regen hin und her, um zu suchen wo wir die Versicherung kaufen können und um die üblichen Kopien zu machen. Nach 3 Stunden ist alles erledigt und wir können endlich ins Land einreisen.
 
Unsere erste Anlaufstelle ist eine von zwei Schweizern geführte Finca, nicht weit hinter der Grenze. Dort können wir unser Zelt unter einem Vordach aufstellen und entkommen so dem Regen. Wir treffen hier zufällig zwei Deutsche wieder, die wir in El Salvador am Strand zum ersten Mal mit ihrem Campingfahrzeug gesehen hatten. Es sind noch zwei andere Deutsche mit eigenem Fahrzeug da und so sitzen wir an unserem ersten Abend in Costa Rica in deutscher Runde und bekommen von unseren Gastherren Schweizer Küche gereicht. Während dieser wohltuenden Stärkung erzählt uns der Schweizer, welcher vor einigen Jahren nach Costa Rica eingewandert ist, über sein Leben hier. Er berichtet vor allem von den Schattenseiten. Es sei schwer, zuverlässiges Personal zu finden und an vertrauensvolle Freundschaften mit Costa Ricanern sei nicht zu denken. Die Mentalitätsunterschiede sind einfach zu groß.
 
Am Morgen schwingt sich eine ganze Affenbande nahe unserem Zelt durch die Bäume. Die Hunde spielen verrückt und würden am liebsten die Bäume hinauf klettern. Es kam wohl schon vor, das ein Affe vom Baum fiel und von den Hunden getötet wurde.
 
Wir hatten von einer deutschen Bäckerei gehört, in der viele Motorradreisende einkehren, da der Besitzer auch begeisterter Motorradfahrer ist. Sie befindet sich am Lago Arenal, nahe des Vulkans Arenal. Auf den letzten 10 Kilometern vor der Bäckerei machen große Werbeschilder auf die German Bakery aufmerksam und lassen unsere Vorfreude auf „richtiges“ Brot weiter ansteigen. Den „Brotzeitteller“ mit Käse und Wurst lassen wir uns richtig schmecken. Im Laden gibt es sogar Ritter Sport Schokolade, doch bei $4 bleibt sie leider im Schrank stehen. Am Seeufer finden wir einen Platz für unser Zelt, seit langem schlagen wir es wieder „wild“ auf. Von weitem sehen wir schon das Unwetter herannahen und mit dem abspannen des Tarps über unseren Unterschlupf fällt auch schon der erste dicke Tropfen des stundenlang anhaltenden Regens. Am Morgen begrüßt uns ein Tausendfüßler, der in meiner Motorradhose herumkrabbelt.
 
Die Fahrt um den Lago Arenal macht auf der kurvenreichen und verkehrsarmen Straße viel Spaß. Der gleichnamige Bilderbuch-Vulkan, der bis vor einigen Jahren noch regelmäßig Lava gespuckt hat, ist derzeit leider nicht aktiv, aber dennoch schön anzusehen, wie er aus dem Dschungel hinausragt. Die Fahrt nach San Jose führt uns weiter über den „Todespass“, eine kurvige Asphaltstraße durch die Berge, die ihrem Namen auf Grund der oft harschen Wetterbedingen hat. Bei dem extrem dichten Nebel ist nur eine sehr langsame Fahrt möglich. An ein Überholen der schleichenden LKWs ist kaum zu denken, zumal auch in diesem Land viele Leute kein Licht am Auto haben oder nicht wissen wie und wann man es benutzt. Später fängt es an derart zu regnen, das wir gezwungen sind anzuhalten.
 
Nahe von San Jose hat uns eine Freundin ein Paket aus der Heimat hinterlegt. In dem Reisebüro holen wir uns also unsere neuen Hosen und Gummibärchen ab, quasi ein „Ostpaket“. Danke dafür nochmal an Leslie. Endlich in der Hauptstadt angekommen, suchen wir den Buchladen, indem der Sohn unserer Servas-Gastgeberin Carmen wohnt. Diese wollten wir besuchen, um unsere Mitgliedschaft für die internationale Austauschorganisation zu verlängern. Nur mit einem gültigen Stempel auf dem Papier können wir potenzielle Gastgeber kontaktieren. Er ruft seine Mutter an, damit sie uns abholt. Carmen kommt zu Fuß, scheinbar hatte sie überlesen dass wir mit den Motorrädern kommen. Es regnet schon wieder und es wird dunkel, eine Entscheidung muss her, ob wir bei ihr unterkommen können oder nicht. Wir hoffen, dass sie uns trotzdem akzeptiert, denn wir sind von der Tagesfahrt ziemlich platt und wie die Unterkunftspreise hier in der Stadt sind, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Mutter und Sohn diskutieren, ob die Bikes in den Vorgarten passen, auf der Straße könnten wir sie aus Sicherheitsgründen unmöglich stehen lassen. Der Sohn ist überzeugt, dass wir die Bikes ins Haus schieben könnten. Carmen nimmt also ein Taxi und wir fahren hinterher. In der Straße, in der sie wohnt, sind alle Häuser und deren Vorgärten mit Gittern abgesichert. Wir sehen auf den ersten Blick, dass wir die Bikes niemals durch die Tür ihres Hauses bekommen würden und selbst wenn es gehen würde, wäre die Wohnstube nicht mehr nutzbar und wir würden sie komplett mit den nassen Bikes einsauen. Carmen organisiert uns in der Garage vom Nachbar eine Unterstellmöglichkeit für die Bikes. Für diese Nachbarschaftshilfe berechnet er allerdings 11 Dollar für zwei Nächte.
 
Carmen ist eine hartgesottene und fidele 81-Jährige die genau weiß was sie will. Bei manchen ihrer Kommentare können wir kaum sagen ob es Ernst oder Spaß ist. Im Grunde ist sie eine herzensgute Frau mit genauen Vorstellungen wie die Dinge zu sein haben. Den nächsten Tag machen wir mit ihr einen Stadtrundgang in der Innenstadt von San Jose. Nachdem wir eine ganze Zeit umhergelaufen sind, gönnen wir uns alle einen Hot Dog und machen uns auf den Rückweg. Als es anfängt zu regnen, flitzt Carmen plötzlich los in Richtung Bus, so wie wir es noch nicht von einer über 80-jährigen gesehen haben. Als wir durch ihr Viertel laufen, schlägt sie spontan, ohne ein Wort zu sagen, eine auf der Mauer liegende Cola Dose mit ihrem Regenschirm auf die Straße. Ich schaue rüber zu Stephan und sehe dass er genauso in sich reinschmunzeln muss wie ich. Streng gläubig schaut sie die Sonntagsmesse im Fernseher, hängt dem Priester an den Lippen und spricht an einigen Stellen mit. Nach zwei Nächten verabschieden wir uns wieder. Da wir nicht viel länger in Costa Rica bleiben wollen, haben wir uns für ein Ziel entschieden: den Mauro Antonio National Park. Der Corcovado Nationalpark wäre eigentlich unser Favorit gewesen, doch mussten wir erfahren, dass man diesen mittlerweile nur im Rahmen teurer Touren besichtigen kann.
 
Bezüglich des Manuel Antonio Parks war uns eigentlich vorher schon klar, dass wir in einer Touristenhochburg landen würden. Wir hatten jedoch auf eine üppige Tierwelt gehofft, eine Erwartungshaltung die sich auch bei einem Tageseintritt von $16 pro Person aufbaut. Die Ausbeute hielt sich allerdings in Grenzen. Wir sehen ein paar kleine Äffchen, Echsen und Waschbären welche die Mülltonnen am Strand plündern. Faultiere und größere Echsen entziehen sich leider unseren Blicken. Damit sich der Parkbesuch wirklich lohnt, hätten wir uns einen Guide nehmen müssen. Die wissen genau, wann sich wo welche Tiere an ihren Stammplätzen aufhalten und haben ihre Fernrohre dabei. Leider kostet solch ein Guide $20 pro Person. Im Grunde hätten wir einen Guide nehmen müssen oder es ganz lassen sollen. So waren wir entsprechend unseren anfangs hohen Erwartungen etwas enttäuscht. Dennoch ist der traumhaft an der Küste liegende Park einen Besuch wert, vor allem wenn man gerne in paradiesischer Umgebung baden geht.
 
Wir sagen schon wieder „Good Bye“ zu Costa Rica. Wir haben das Land nicht wirklich kennengelernt. Es enthält viele Naturschätze, die aber mittlerweile entweder touristisch voll erschlossen und dementsprechend teuer und überlaufen sind, oder sie sind so unzugänglich, das wir nicht hinkommen.
 
Costa Rica ist das erste Land Zentralamerikas, welches es geschafft hat, seine Naturschätze zu verkaufen und international zu vermarkten. Zusätzlich von US-Amerikanern unterwandert, ist nicht mehr viel Ursprüngliches vom Land erhalten geblieben. Es ist das perfekte Reiseland für Urlauber mit viel Geld, welche All-Inklusive Angebote mögen, um entspannt Natur zu erleben ohne ihr ausgesetzt sein zu müssen. Es gibt etliche „Adventure“ Tour Angebote, doch wie wir wissen, sind Abenteuer die man kaufen, meistens keine. Auf der anderen Seite haben wir einen Termin: unseren Flug nach Kuba von Panama City aus. So kommt es, dass wir das Land, welches wir vor Antritt der Reise als eines der Hauptziele Zentralamerikas gesehen haben, nach nur einer Woche wieder verlassen. Das Land hat sicherlich viel zu bieten, nur haben wir hier für uns nicht gefunden, was wir gesucht haben.
 


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Nicaragua II

Dein Freund und Helfer

So schön die Zeit mit Joey und Daniel auch ist, hier trennen sich unsere Wege vorerst wieder. Wir brechen auf nach San Carlos, was gute 350km im Süden liegt. Die Straße ist gut und wir können schnell viele Kilometer hinter uns bringen. Aber dann passiert es uns leider. An einer gut einsehbaren Stelle der Straße werden alle Fahrzeuge durch einen Topes verlangsamt. Leider so langsam, dass wir dazu verleitet werden uns an diesen vorbei zu schleichen und dabei ignorieren wir die doppelt durchgezogene Linie. Quasi beim Überqueren der Linie sehe ich sie schon – die Ordnungshüter. Und sofort wird mir klar, dass wir nun etwas Geld loswerden, denn wie die Aasgeier haben sie nur darauf gewartet ungeduldige Verkehrsteilnehmer ausnehmen zu können. Hätten wir beherzt am Gas gezogen, wären wir vielleicht um alles herumgekommen, aber leider wissen wir nicht wie gut die Polizei hier funktioniert und gehen lieber kein Risiko ein. Ein etwas korpulenterer Polizist „springt“ aus dem Wagen und winkt uns mit großen Dollarzeichen in den Augen zu sich. Das Lächeln der Kollegin ist wie wir schnell merken nicht auf ihre Freundlichkeit zurückzuführen. Womöglich malt sie sich schon aus, in welches Restaurant sie am Wochenende essen geht.
Wir versuchen uns erst mal auf dumm zu stellen und mit so wenig wie möglich Spanisch zu hantieren. Aber die Polizisten sind hartnäckig. Sie wollen den Ausweis und unseren Führerschein. Von mir bekommen sie eine laminierte Kopie des Führerscheins. Diese akzeptiert er aber nicht und will den Echten sehen. Dann gebe ich ihm eben den Internationalen Führerschein, diesen akzeptiert er und macht mir klar, dass er ihn einbehält. Ähnlich verhält es sich bei Ulli, auch ihr Führerschein wird von der Beamtin einbehalten. Leider ist es in ihrem Fall keine Kopie. Nun müssen wir leider etwas anders argumentieren. Die Strafe für das Überfahren der Line soll 500 Cordoba (fast 17 Euro) kosten und da es laut den Beamten an einer besonders gefährlichen Stelle gewesen ist, kommen noch mal 500 Cordoba hinzu. Macht also 2000 (fast 70 Euro) Cordoba für uns zusammen. Das ist aber noch nicht alles. Wir können das Bußgeld nicht einmal Vorort bezahlen und sollen dies im Polizeirevier in Tipitapa erledigen. Nun heißt es Verhandlungsgeschick zeigen. Ulli fragt, ob es nicht eine andere Möglichkeit gäbe, das Bußgeld hier zu bezahlen. „Leider nein“: meint die Polizistin, da sie zufälligerweise derzeit keine Zettel zum Ausstellen der Quittung hier hat. Daraufhin meint Ulli, dass wir keine Quittung brauchen und die Dollarzeichen in den Augen der Polizisten blitzen erneut auf. Sie lassen sich auf den Deal ein und Ulli gibt der Frau 1000 Cordoba. Scheinbar dachte ihr Kollege, dass da auch die 1000 Cordoba von mir mit dabei sind und gibt auch mir den Führerschien zurück. Schnell packen wir alles zusammen und sehen zu, dass wir Land gewinnen bevor es ihnen auffällt und sie den Rest haben wollen. Ist das Glück im Unglück? Ich weiß es nicht. Mir ist klar, dass wir letzten Endes den Fehler begangen haben und für die meisten 68 Euro nicht die Welt sind. Aber auf einer Reise wie dieser macht sich dieser Betrag bemerkbar. Außerdem wollen wir diese korrupten Machenschaften nicht unterstützen und hinzukommt, dass 68 Euro hier einen ganz anderen Stellenwert haben als zu Hause in Deutschland. Ganz zu schweigen davon, dass man die Ressourcen für die Sicherheit im Straßenverkehr an anderer Stelle deutlich sinnvoller einsetzen sollte. In Nicaragua fahren fast alle Motorradfahrer ohne Helm, Babys werden auf dem Motorrad transportiert , Leute sitzen während der Fahrt auf dem Autodach und uns halten sie wegen dem Überfahren einer Linie an?

Mit einem blauen Auge davon gekommen, geht es nun weiter nach San Carlos am Ufer des Nicaraguasees, dort, wo der 200km lange Rio San Juan beginnt, den wir bereisen wollen. Dort angekommen beginnt es zu regnen. Zum Glück nicht zu viel, sodass wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft machen können. Die Preise sind happig und nur selten gibt es die Möglichkeit unsere Bikes für die Zeit während der Bootsfahrt dort stehen zu lassen. Am Ende werden wir aber fündig. Ein kleines Hostel hat Platz für uns und die Bikes und dies zu einem überraschend geringen Preis (10 Euro). Als wir fragen, was es uns kosten wird, die Bikes hier stehen zu lassen, sagt man uns, dass es umsonst ist, aber wir gern freiwillig etwas geben können. Das hört sich klasse an. Wir nehmen das Gepäck ab und rangieren die Teneres die hohe Bordsteinkante hoch durch den engen Eingang und stellen sie in den Innenhof, der an einen Dschungel erinnert. Unser Zimmer für diese Nacht ist dem Preis entsprechend sehr einfach gehalten. Wir hören durch die dünnen Holzwände den Straßenlärm und die Geräusche der anderen Gäste als ob sie selbst im Raum wären. Aber dafür haben wir ja unseren Gehörschutz. Jetzt müssen wir nur aufpassen, dass wir den Wecker am Morgen nicht überhören. Das ist aber kein Problem, da wir eh kaum schlafen können. Vor Aufregung oder Vorfreude?

Bootsfahrt auf dem Rio San Juan

Um 5.45 Uhr stehen wir am Hafenterminal und können einen tollen Sonnenaufgang über dem Fluss miterleben. Das Gebäude ist trotz der frühen Zeit schon voll von Leuten. Sie alle wollen auch mit dem Boot nach San Juan del Norte an der Atlantikküste, denn eine Straße dorthin gibt es nicht. Zwei Boote stehen für diese Fahrt zur Verfügung, ein Schnelles und ein Langsames. Wir haben uns zum einen aus Kostengründen und zum anderen aus Sightseeing-Gründen für die langsame Variante entschieden. Wir hoffen auf der Tour auch etwas von der Flora und Fauna zu Gesicht zu bekommen. Neben uns liegt auch das schnellere Boot. Es schafft die gleiche Strecke in der halben Zeit, also in rund fünfeinhalb Stunden, während wir gute 11 Stunden brauchen werden. Statt der Plastikstühle sitzen die Passagiere in Schalensitzen wie sie im Rennsport verwendet werden. Das sieht schon etwas gemütlicher aus. Aber so unbequem sind unsere Sitze auch nicht und nach einer Dauer von 11 Stunden wird wohl jeder Sitz unbequem. Dann geht es endlich los. Das Boot ist fast voll und wir setzen uns in Bewegung. Links und rechts kommt der Dschungel am Anfang der Fahrt noch etwas näher. Später bleibt die Breite des Flusses lange Zeit gleich. Einige Tiere, wie Krokodile, Schildkröten, Affen und Vögel können wir während der Fahrt sehen. Da hat es sich schon ausgezahlt, dass wir nur halb so schnell unterwegs sind. Immer wieder Steigen neue Passagiere hinzu, sodass irgendwann auch Leute im Gang stehen müssen, da sie keinen Sitzplatz mehr haben. Auf das Dach werden Gepäck und Reissäcke geladen. Das Boot ist völlig überladen und hängt schon deutlich tiefer im Wasser. Hoffen wir, dass es hält. Nach einigen Stunden passieren wir El Castillo, eine alte Festungsanlage die zum Schutz vor Piraten gebaut wurde. Hier müssen wir vorerst aussteigen, da durch einige Stromschnellen die Weiterfahrt erschwert wird. Mit weniger Gewicht und somit auch weniger Tiefgang wird das Boot nun über die Passage manövriert. Dann heißt es wieder einsteigen und plötzlich drängeln sich die Passagiere ins Boot zurück um nun einen der begehrten Sitzplätze abzubekommen. Auch auf einem der unseren Plätzen hat eine andere Person platzgefunden, aber zum Glück stand noch eine Tasche von uns auf einem der Plätze, sodass wir die Situation schnell klären konnten.

Ab und zu werden wir während der Fahrt von Militärs kontrolliert, schließlich ist der Rio San Juan der Grenzfluss zwischen Nicaragua und Costa Rica. Ulli macht ein Foto bei einer dieser Kontrollen, was augenblicklich den Unmut eines Soldaten weckt. Dieser fordert Ulli nun auf das Fotos zu löschen. Ansonsten ist die Fahrt relativ entspannt, sodass man auch mal etwas schlafen kann. Die Dschungel-Landschaft ist auf der Seite Nicaraguas deutlich mehr ausgeprägt und viel natürlicher. Hier reicht der nahezu blickdichte Dschungel bis an das Ufer. Auf der Seite Costa Ricas wurde bereits viel Wald abgeholzt und hat Platz für die Zucht von Rindern gemacht. Vereinzelt steigen wieder Leute ins Boot, die am lehmigen Ufer auf ihre Mitfahrgelegenheit warten. Um 17.30 Uhr kommen wir dann endlich an und können unsere Beine strecken. Ein letzter Check durch das Militär und wir können uns auf die Suche nach einem Hostel machen.
Wir kehren im „El Tucan“ ein und machen uns bevor die Sonne komplett untergeht auf die erste Erkundungstour. Eine etwas breitere Straße bildet scheinbar das Zentrum des Städtchens. Es ist aber keine Straße für Autos, denn die gibt es hier nicht. Man hat den Anschein, dass sich hier das gesamte Leben auf der Straße abspielt. Jung und Alt sind draußen unterwegs und dies obwohl die auffälligen nahezu an jedem Haus befindlichen roten Satellitenschüsseln darauf hindeuten, dass man hier auch Fernsehempfang hat. Die Sonne ist nun bereits untergegangen und wir machen uns auf den Weg zum Hostel. Der kurze Eindruck ist überaus positiv und wir freuen uns schon auf weitere Erkundungen.

Auf schmalen hochgelegten Betonwegen erkunden wir den Rest des überschaubaren Städtchens. Die höhergelegten Wege lassen darauf schließen, dass hier das Wasser gelegentlich etwas höher steht, was wiederum die vielen Moskitos erklärt. Eigentlich wollten wir auch eine Tour mit einem Boot hier in der näheren Umgebung machen, aber die Touren sollen 25 Dollar pro Person kosten. Das ist uns einfach zu viel und so machen wir uns wieder zu Fuß auf den Weg. Es ist schon manchmal erstaunlich wie zwiespältig sich die Wohnsituation hier darstellt. So stehen wir zum Beispiel vor kleinen und windigen Holzhütten in deren Inneren sich aber mittelgroße Flatscreens befinden.

Am Folgetag stehen wir 5 Uhr morgens am Steg und warten auf unser Boot welches uns zurück nach San Carlos bringen soll. Auf der Rückfahrt geht es etwas entspannter zu, sodass noch einige Plätze frei bleiben. Diese füllen sich aber mehr und mehr mit jedem Kilometer den wir zurücklegen. Nach 12 Stunden Bootsfahrt sind wir wieder in der „Zivilisation“. Die Fahrt auf dem Rio San Juan hat uns in eine andere Welt geführt. Die traumhafte Flora auf nicaraguanischer Seite und die Tierwelt am und im Fluss, werden uns noch lange in Erinnerung bleiben. Ebensowenig vergessen werden wir die Einheimischen, die hier am Fluss in fast völliger Abgeschiedenheit, bis zu 200km von der nächsten Straße entfernt, ein komplett anderes Leben führen, als das was wir kennen.

Pechvogel

Nicaragua scheint nicht unser beliebtestes Reiseland zu werden. Leider habe ich nach dem Rangieren der Bikes aus dem engen Innenhof meine neuen Sandalen nur auf die Gepäckboxen gelegt und nicht festgemacht. Dies fällt mir zwar nur wenige hundert Meter nach unserem Start auf, aber das ist schon zu spät. Wir fahren das kurze Stück noch mal zurück, aber von den Sandalen fehlt jede Spur. Da können wir jetzt auch nichts mehr machen und fahren wieder rund 300km in den Norden nach Tipitapa. Dort angekommen wollen wir erst mal unsere Vorräte aufstocken und gehen einkaufen. Ich bliebe bei den Bikes und Ulli geht in den Markt. Während ich warte spreche ich noch mit einem Jungen, der sich für die Bikes interessiert und wenig später mit den beiden Männern vom Wachpersonal. Während ich mit diesen spreche, höre ich nur noch wie die Jacke zu Boden fällt und drehe mich um. Der Junge, welcher eben noch neben mir stand, ist weg und meine Jacke liegt unten. Schnell schwant mir böses. Ich checke die Innentaschen der Jacke und meine Befürchtung wird wahr. Das Portemonnaie ist weg. Ich renne auf die Straße und erwische den Jungen noch, der natürlich ganz unschuldig tut und seine Beute längst an seinen Freund auf dem Fahrrad weitergegeben hat. Was nun? Was ist, wenn ich den Kerl gegen seinen Willen festhalte bis die Polizei kommt? Ohne das Diebesgut habe ich schlechte Karten irgendwas zu beweisen. Dann rufen mich auch schon die Wachmänner zu sich und fragen was passiert sei. Ich glaub ich spinne! Sollen die beiden von alledem nichts mitbekommen haben? Nachdem ich langsam etwas runterkomme und mir die gesamte Situation durch den Kopf gehen lasse, wird mir klar, dass die beidem vom Wachpersonal vermutlich mit dem Dieb unter einer Decke stecken. Sie verwickelten mich in das Gespräch und hätten von der Position direkt vor mir sehen müssen, was hinter mir passiert. Vermutlich taten sie das auch…

Wir rufen die Polizei, aber das war eigentlich nur Zeitverschwendung. Ulli lässt währenddessen die Kreditkarte sperren, die üblicherweise nicht in diesem Portemonnaie ist. Ich hatte sie lediglich für die Fahrt nach San Juan del Norte mit eingepackt. Denn normalerweise ist das ein Fake-Geldbeutel mit alten Karten und nur einer kleinen Menge an Geld, eben für solche Fälle. Zum Glück waren keine Ausweise und Papier dabei.
Wir fahren gemeinsam zur nächstgelegenen Polizeistation, wo wir wohl auch unseren Führerschein abholen hätten sollen und stellen die Bikes vor dem Gebäude ab. Nach einigen Minuten im Gespräch mit diversen Polizisten, sag man uns, dass wir besser die Bikes nach hinten bringen, vorn sei es nicht sicher. Wo sind wir hier? Wir parken die Teneres im Hinterhof uns sehen dabei eine große Gewitterfront auf uns zukommen. Kurz überlegen wir, ob wir nicht einfach losfahren. Aber wir bleiben da. Nachdem alles aufgenommen ist, wird uns schon ein erster Verdächtiger präsentiert. Ich kann leider nicht einmal sagen ob er so aussieht, wie das Kind was mich beklaut hat. Für mich sehen die Gesichter hierzulande zu ähnlich aus. Jetzt können wir die Weiterfahrt endlich im Regen antreten. Und es schüttet wie schon lange nicht mehr. Wir können kaum noch was sehen und stoppen deshalb wieder bei dem Markt um unseren Einkauf fortzusetzen und im Trockenen die Weiterfahrt abzuwarten. Nachdem es endlich etwas aufklart machen wir uns wieder auf dem Weg. Unser für heute geplantes Ziel verwerfen wir, da es ohnehin mit den nassen Klamotten keinen Spaß gemacht hätte zu zelten. Wir fahren also zur „Laguna de Apoyo“ und übernachten dort in einem Dorm (Mehrpersonenschlaafsaal), da alle Unterkünfte relativ teuer sind. Zum Glück haben wir den Raum für uns alleine und können unsere Sachen zum Trocknen ausbreiten.
Alles in Allem bin ich wohl auch dieses Mal mit einem blauen Auge davon gekommen. Schließlich sind „nur“ etwas Geld und die nun gesperrte Visa-Karte weggekommen.

Granada

Am nächsten Tag geht es trotz des netten Hotels und der vielen Freizeitaktivitäten die hier angeboten werden weiter zum Masaya Vulkan Nationalpark. Dort wollen wir eine Nachttour zum Vulkan unternehmen und in der Nähe des Kraters zelten. Da die Tour leider schon ausgebucht ist, entscheiden wir uns weiter nach Granada zu fahren, da dies nur 25km entfernt ist. Außerdem sind Joey und Daniel auch schon dort. Zuvor buchen wir die Tour aber schon mal für die kommende Woche, da wir uns den aktiven Vulkan nicht entgehen lassen wollen.

Dann machen wir uns auf in Hostel „Hamaca“, was so viel wie Hängematte bedeutet. Dieser Name ist zutreffend, da der Innenhof des Hostels mit Hängematten ausgestattet ist. Unsere Bikes finden hier auch noch genügend Platz und so haben wir sie immer gut im Auge. Im Hostel treffen wir auch auf Joey und Daniel. Gemeinsam mit ihren deutschen Freunden, Mona und Jan, die mit einem Toyota Landcruiser die Welt erkunden, gehen wir in ein Deutsches Restaurant essen. Lecker Fleischkäse und Schnitzel gibt es für uns, fast so gut wie zu Hause. Da merken wir erst mal wieder wie sehr wie die heimische Küche vermissen. Aus diesem Grund gehen wir ein paar Tage später noch einmal dorthin zum Essen.

Am Sonntag ist es dann endlich so weit, wir fahren wieder zum Vulkan Masaya für die geplante Nachttour. Bereits die Fahrt zum Krater ist beeindruckend. Auf einem weitläufigen Gebiet sehen wir die Reste längst vergangener Eruptionen. Wir fahren wenige 100m weiter zu einem Parkplatz an dem wir den Rest der Gruppe treffen. Sie sind so freundlich und nehmen uns mit ihrem Bus mit, sodass wir nicht mit unseren Motorrädern fahren müssen und die auf dem Parkplatz stehen lassen können. Eine große Rauchwolke befindet sich direkt neben dem Parkplatz. Es ist schon der Vulkan und am Grund der Wolke sehen wir es rot glühen. Gelegentlich fliegen ein paar grüne Papageien durch die Rauchwolke. Diese scheinen hier in den Wänden des Kraters zu leben. Unser Guide erzählt uns, dass hier früher in der präkolumbischen Zeit häufig kleine Kinder und Jungfrauen geopfert wurden um die verärgerten Götter zu beschwichtigen, da die Eruptionen als Zeichen der Verärgerung gesehen wurden.

Dann geht es auch schon weiter zu einer Höhle mit vielen Fledermäusen die förmlich aus der Höhle schießen als wir zum Eingang kommen. Über dem Eingang liegt eine kleine Schlange die hier auf ihre Beute wartet und bei diesem reichhaltigen Angebot nicht lange hungrig bleibt. Zurück in Granada gönnen wir uns noch einmal die leckere deutsche Küche, so schnell werden wir nicht mehr in den Genuss von Curry Wurst und Co kommen.

Nach den Tagen in Granada wollten wir eigentlich Karin (einen Servas-Kontakt) auf der Insel Ometepe besuchen, da diese aber krank ist, lassen wir die Fahrt auf die Insel aus und verlassen Nicaragua.


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Nicaragua

21.05. – 10.06.

Da wir uns dafür entschieden haben Honduras zu überspringen, müssen wir heute zwei Grenzen bewältigen, um unser nächstes Reiseland zu erreichen.
Dafür, dass wir Honduras eigentlich nur passieren und in rund 200km in Nicaragua sein wollen, kosten uns die Formalitäten gute zweieinhalb Stunden und umgerechnet circa 55 Euro. Der ursprüngliche Plan sah eigentlich einen etwas längeren Aufenthalt als nur ein paar Stunden vor, aber zwei Termine in Panama sorgen dafür, dass wir uns etwas ranhalten müssen. Deshalb beschränkt sich unsere Zeit in Honduras auf lediglich zwei Stunden. Diese haben es aber in sich. Die Straßen scheinen auf den ersten Blick relativ gut zu sein, aber leider tauchen immer wieder große und tiefe Schlaglöcher auf, welche auch den Gegenverkehr zu abenteuerlichen Ausweichmanövern bewegen. Dieser fährt dann unvermittelt auf die Gegenspur, also unsere Seite der Fahrbahn, und verschafft sich den nötigen Platz. Bei diesen Aktionen wird auf Motorradfahrer keine Rücksicht genommen. Dass wir dabei unweigerlich auch in Schlaglöcher gedrängt werden interessiert dabei keinen. Da dies oftmals sehr spontan geschieht, können wir uns nicht immer aussuchen mit welcher Geschwindigkeit wir die Schlaglöcher passieren, was leider auch zu einer Delle in Ullis Vorderrad führt. Zu gern würden wir uns bei den Autofahrern für diese hirnrissigen und gefährlichen Aktionen revanchieren …

Nach vielen weiteren Schlaglöchern erreichen wir die Grenze zu Nicaragua. Obwohl wir die einzigen am Schalter sind und nicht warten müssen, dauert das ganze Prozedere wieder zweieinhalb Stunden. Dies ist auch einer etwas amüsanten Unterbrechung geschuldet, denn im Laufe der Prozedur höre ich plötzlich das Geräusch einer Kettensäge auf uns zukommen. Diese entpuppte sich aber als Gerätschaft zum Versprühen von Insektiziden und sieht ähnlich wie bei den „Geisterjägern“ aus. Ein Mann betritt das Gebäude und macht allen, indem er unter anderem den Motor der Gerätschaft aufheulen lässt, unmissverständlich klar, dass sie hier raus sollen. Das funktioniert auch sehr gut. Dann geht er durch die einzelnen Räume und nebelt diese mit dem Insektizid ein. Bis dann die Arbeit wieder aufgenommen wird vergeht noch viel Zeit. Was dazu der Arbeitsschutz in Deutschland sagen würde? Danach kann es endlich losgehen und das nächste Reiseland wartet darauf erkundet zu werden.
Auf Nicaragua habe ich mich schon eine Weile gefreut, da ich noch zahlreiche Bilder im Kopf habe, die mir eine Freundin schon vor einigen Jahren gezeigt hatte. Damals habe ich nicht im Traum daran gedacht auch mal hier zu sein.

Rancho Esperanza

Unser erstes Ziel führt uns an die Westküste im Norden Nicaraguas zur Rancho Esperanza. Durch die zwei Grenzübergänge und die über 300km die wir zurückgelegt haben, kommen wir erst am Abend an und erleben auf unseren Bikes einen traumhaften Sonnenuntergang entlang der Küste. Es ist wie im Film. Unser Zeltplatz ist eine kleine Community in der Nähe des Strandes mit kleinen Bambushütten und vielen Hängematten. Hier kann man je nach Laune sehr gut entspannen oder jede Menge unternehmen. Wir entscheiden uns für die zweite Option.
Am ersten Tag erkunden wir den Strand und wandern nördlich bis zur Flussmündung an dem das Reservat Estero Padre Ramos beginnt. Auf der Wanderung sehen wir Überreste von Häusern die durch einen Tsunami im Jahre 1992 zerstört wurden. Die zum Teil umgekippten oder in Schräglage befindlichen Häuser sehen etwas gruselig aus und zeigen, welche Kraft Wasser haben kann.

Am Nachmittag wollen wir unsere „Überlebenschancen“ in der Natur etwas erhöhen und lernen von Roberto und Felix, zwei Fischern aus dem Dorf, wie man Krabben fängt. Dafür führen uns die Beiden in den nahegelegenen Mangrovenwald und graben Löcher in den sumpfigen Boden, an den Stellen wo man den Eingang zu der Krabbenbehausung sieht. Dann sind wir an der Reihe und sollen mit unseren Händen in der braunen Pampe nach den Krabben suchen und sie aus ihrem Versteck ziehen. Schon alleine die Vorstellung daran die Hand in ein Erdloch zustecken in dem eine Krabbe sitzt, ist nicht besonders angenehm. Es dann auch noch zu tun, kostet eine ganze Menge Überwindung. Vorsichtig schiebe ich meine Hand durch den Schlamm immer tiefer in Richtung Krabbe. Bis weit über den Ellenbogen stecke ich nun schon in dem Sud und kann nun endlich den Panzer des Krustentieres spüren. Mit einem beherzten Griff umschließe ich sie, sodass die gar nicht erst ihre Zangen benutzen kann. Wenige Sekunden später landet die erste Krabbe in unserem Eimer. Das ist mal eine etwas andere Erfahrung. Dann ist Ulli dran und muss sich ebenfalls erst mal überwinden in den Bau der Krabbe hineinzugreifen. Aber auch sie meistert diese Aufgabe und befördert das Tierchen in den Eimer. Die gefangenen Krabben nehmen die beiden Fischer mit nach Hause und machen sich daraus eine Suppe und wir haben eine neue Lektion aus dem Handbuch „Überleben in der Natur“ gelernt. Dennoch hoffen wir, dass wir auf diese nicht zurückgreifen müssen. Abends bietet eine lange Gewitterfront ein ansehnliches Spektakel und lädt zum Fotografieren der Blitze ein.

Am nächsten Tag stehen wir um 5 Uhr auf und anstatt unter die Erde geht es dieses Mal bergauf. Wir brechen so zeitig auf, damit wir bei unserer Wanderung auf den Vulkan Cosigüina nicht in der Mittagshitze laufen müssen. Dieser ist zwar mit 872m nicht sonderlich hoch, die Wanderung hat es aber bei den hier herrschenden Temperaturen in sich. Außerdem starten wir in Potosi, wo wir unseren Guide treffen, quasi auf Meeresniveau. Normalerweise würden wir es bevorzugen ohne einen Guide zu wandern, zumal dieser auch noch stolze 25 Dollar kostet. Doch ohne einen Guide ist es als Fremder kaum möglich den richtigen Weg zu finden. Drei Stunden dauert der beschwerliche Aufstieg. Wir merken, dass wir schon lange nicht mehr wandern waren, aber viel schlimmer ist die unerbittliche Hitze. Selbst im Schatten gibt es kaum Abkühlung. 2,5 Liter Wasser haben wir pro Person mit. Das ist für unsere Wanderungen nicht gerade typisch, da wir meist mit etwas mehr als einem Liter pro Person auskommen. Aber dank der Empfehlung der Hostel-Mitarbeiter sind wir gut vorbereitet. Sogar ein paar Sandwiches und Bananen lagen für uns am frühen Morgen bereit, die wir nach mühsamen 3 Stunden genüsslich am Kraterrand verzehren. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick über die Gipfelkaldera, welche einen Durchmesser von über 2km hat und rund 500m tief ist. Im Jahre 1835 gab es hier den stärksten Vulkanausbruch in der Geschichte Nicaraguas. Im Umkreis von 150km verdunkelte die Asche das Tageslicht und Teile der Asche wurden sogar im 1.400km entfernten Mexiko gefunden. Von hieraus können wir sogar Honduras und El Salvador sehen. Nach der längeren Pause machen wir uns wieder auf den Weg. Dieses Mal brauchen wir zwar nur 2 Stunden, aber anstrengend ist es trotzdem.
(C) Wiki

Leon

Am Montag bauen wir unser Zelt wieder ab und fahren nach Leon. Leider merke ich erst unterwegs, dass ich meine Sandalen vergessen habe. Kurz vorm Ziel umdrehen oder weiterfahren – das ist hier die Frage. Wir entscheiden uns weiterzufahren und suchen uns ein Hostel in der Stadt. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es zum Shopping. Sonnenbrillen, T-Shirts und natürlich Sandalen nicht vergessen.

Beim Stadtbummel am Dienstag verschlägt es uns zum Revolutionsmuseum, denken wir zumindest. Aber es ist das Museum für Legenden und Traditionen Nicaraguas. Dies ist ein „folgeschwerer“ Irrtum. Statt Informationen zur Geschichte Nicaraguas bekommen wir in diesem ehemaligen Gefängnis quasi Gruselgeschichten erzählt und ebenso gruslige Pappmaschee-Figuren präsentiert. Dieser Museumsbesuch war mehr amüsant als informativ.

Vorbei am aktiven Vulkan Tecali fahren wir in die Stadt Matagalpa. Hier treffen wir uns am folgenden Tag mit Joey und Daniel, die noch einen Abstecher über Honduras gemacht haben. Beim gemeinsamen Spaziergang durch die Stadt fällt unser Blick schnell auf einen Hot Dog Stand bei dem es lecker aussehende Hot Dogs gibt. Bei diesem fallen wir in den kommenden Tagen noch ein bis zweimal ein. Die meiste Zeit hier nutzen wir für das Sortieren unserer Fotos, das Schreiben der Blogtexte und für die Vorbereitung der kommenden Abschnitte. Denn in einigen Tagen wollen wir unser Bikes stehen lassen und uns mit einem Boot auf Erkundungstour begeben. Bevor es aber soweit ist, drehen wir mit Daniel und Joey noch eine Runde und besuchen im Norden das kleine Städtchen Jinotega. Auf dem Rückweg machen wir im Schwarzwald halt. Na ja nicht ganz. Wir kehren in ein Hotel mit Restaurant ein, welches „Selva negra“ also Schwarzwald (schwarzer Wald) heißt. Hier soll es Deutsche Köstlichkeiten geben, die wir uns gern mal genauer ansehen wollen. Wir nehmen also Platz an Ufer eines kleinen Teiches, der ebenso in einer Parkanlage in Deutschland sein könnte. Die saftigen Preise jedoch relativieren den guten Geschmack. Neben diesen Köstlichkeiten ist dieser Ort auch für den Anbau von Kaffee bekannt. Nach dem Genuss der Törtchen und dem Plausch mit anderen Bikern, die gerade eine ähnliche Tour wie wir, nur von Süden nach Norden bestreiten, geht es auch schon wieder zurück.


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Straße des Friedens

14.-21.05.2015
 
Wir verabschieden uns von Gabriel und seiner Familie und fahren los, ohne unser Tagesziel zu kennen. Wir dachten die Region um San Vicente könnte interessant sein, aber nach einem kurzen Abstecher in die kleine Stadt wissen wir nicht, warum wir bleiben sollten und entscheiden uns weiter zu fahren. Vor einigen Tagen hatte ich in einem deutschen Online Zeitungsartikel von Perquin und der Ruta de La Paz (Straße des Friedens) gelesen. In dem Gebiet im Nordosten des Landes kämpfte während des Bürgerkrieges in El Salvador (1980-91) verstärkt die Guerilla der Rebellenarmee FMLN (Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí). Wir machen also das „Museo de la Revolucion“, welches von ehemaligen Guerillas errichtet wurde und betreut wird, zu unserem Tagesziel. Wir kommen noch rechtzeitig an und können das Museum für $1.50 Eintrittsgebühr besichtigen. Zu sehen sind unter anderem Reste eines abgeschossenen Hubschraubers, Bomber, Mörser sowie eine Sammlung von Utensilien und Waffen der Guerillas. Das Museum erklärt leider keine historischen Fakten oder Zusammenhänge. So bleibt es dem Betrachter überlassen, sich aus den vielen Fotos, Plakaten und Zeitungsartikeln ein Bild zu machen. Einige der Plakate und Artikel sind sogar aus Deutschland: („Solidarität mit dem Volke von El Salvador“ usw.).
 
Ein Artikel der ASTA TU Berlin ist besonders ernüchternd: er erklärt, dass in den achtziger Jahren zwei Drittel der Devisenerlöse El Salvadors durch Kaffeeexport erwirtschaftet wurden. Von diesem Geld wurde der Krieg gegen die eigene Bevölkerung finanziert. Einige Länder, wie die Niederlande, hätten aus Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen den Kauf von Kaffee aus El Salvador fast vollständig eingestellt. Nicht so die BRD, welche die Importe zu dieser Zeit sogar erhöht hat. Alle großen deutschen Kaffeeunternehmen, wie Eduscho, Jakobs, Melitta, Tschibo und die Aldi Hausmarke nutzten El Salvadorianischen Kaffee in ihrer Mischung. Der deutsche Kaffee-Konsument hat somit indirekt den Krieg mitfinanziert.
Hintergrund des Bürgerkrieges war die ungleiche Verteilung von Landbesitz: 3% der Bevölkerung besaßen 54% des Landes. 430 000 Familien haben gar keinen Zugang zu Land gehabt. Die wenigen Großgrundbesitzer ließen auf allen verfügbaren fruchtbaren Böden Kaffeeplantagen errichten, weil sich dies besonders im Auslandsgeschäft rentierte. Die vielen Kaffeeplantagen ließen in einem Land, welches ungefähr so groß ist wie Hessen, nur noch wenig Raum für den Anbau von Lebensmitteln. Die Bauern wurden ihrer Lebensgrundlage entzogen und die Nahrungsmittel wurden knapp. Die Forderungen der Bauern nach einer gerechteren Umverteilung des Landes wurden mit unerbittlichen Repressionen beantwortet. Militär, Polizei und Todesschwadronen haben innerhalb von 10 Jahren 70.000 Menschen umgebracht. Die USA finanzierte zum großen Teil das El Salvadorianische Militär und unterstütze es mit Gerätschaft und Militärberatern. Der Staat El Salvador machte somit Schulden bei den USA, die er unmöglich abbezahlen kann und somit befindet sich El Salvador nun nach dem Bürgerkrieg in Abhängigkeit. Gabriel erzählte uns, das El Salvador mit Männern bezahlt, die in die US-Armee eingezogen werden und nun auf anderen Teilen der Welt für die USA kämpfen. Ob das stimmt konnten wir nicht herausfinden, was auch daran liegen mag, dass solche Dinge nicht unbedingt veröffentlicht werden. In folgendem Artikel wird von freiwilligen Söldnern unter anderem aus El Salvador berichtet, die für einen Billiglohn für die USA im Irak und Afghanistan in den Krieg ziehen.
 
http://www.stern.de/politik/ausland/panamericana-billiges-kanonenfutter-fuer-den-irak-3755990.html
 
Dem Museum ist ein altes Guerilla Camp angeschlossen. Im Wald können wir so den typischen Aufbau eines Camps begutachten: mehrere Tunnel, eine Untergrund-Radio-Station, Hängebrücken, eine Kochstelle und vereinzelte Zelte. Die Hospitalstation ist ein Zelt aus Ästen, abgedeckt mit schwarzer Plastikfolie. Die Innenausstattung besteht aus einer Pritsche und einem Infusionsbeutel. Die Infusionen beinhalteten damals Kokoswasser, Salz und Zucker. An zwei Ständen sind Waffen und Munition ausgestellt: alte Bomben, verschiedene Schusswaffen, Patronenmagazine, Granaten usw.. Ein Bombeneinschlagskrater zeugt von der Originalität des Schauplatzes. Eduardo, ein ehemaliger Guerilla Kämpfer führt uns durch die Außenanlage. Im Alter von 8-16 Jahren hat er selbst in dieser Gegend gekämpft. Die Hälfte der Guerilla Krieger waren Kinder und Jugendliche bis 20 Jahren.
 
Nach Absprache dürfen wir unser Zelt für eine Nacht für 2 USD auf dem Gelände hinter dem Museumsgebäude aufschlagen. So bleibt uns noch Zeit zum Mirador aufzusteigen, von dem aus wir einen Blick in die Berge von Honduras werfen können. Zum Abendbrot gibt es im Dorf Pupusas und ein kühles Pilsener auf dem sehr gepflegten Marktplatz, bevor wir uns ins Zelt verkriechen.
 
Am folgenden Tag besuchen wir einen weiteren Schauplatz des grausigen Bürgerkrieges: El Mozote. Vom 11.-13. Dezember 1981 fand in diesem Dorf ein Massaker unvorstellbaren Ausmaßes statt: alle der fast 1000 Dorfbewohner wurden ermordet. Die Gräueltat wurde von einem von der Regierung gesandtem und von US-Soldaten trainiertem Bataillon begangen, weil man fürchtete, dass die Kinder zu späteren Guerilla Kriegern heranwachsen könnten. Die Dorfbewohner sollten sich auf dem Hauptplatz versammeln und anschließend wurden Männer, Frauen und Kinder voneinander getrennt. Als erstes wurden die Männer ermordet, dann die Frauen und Mädchen vergewaltigt und ermordet und zum Schluss wurden die in der Dorfkirche eingesperrten Kinder und Babys getötet. Die Morde wurden mit Schusswaffen und Macheten begangen. Im Anschluss wurden die Gebäude in Brand gesetzt.
 
Heute erinnern Gedenktafeln an jede einzelne Familie mit Namen aller Ermordeten. Die damals circa 40 Jahre alte Rufina Amaya war einzige Überlebende und Zeugin, weil sie sich hinter Bäumen verstecken konnte. Die Frau, welche mit einem Mal ihre Familie und Gemeinschaft in der sie gelebt hat verloren hat und die Tötung ihres Mannes und ihrer vier Kinder von ihrem Versteck aus mit ansehen musste, hat sich noch jahrelang danach für die Angehörigen der Opfer eingesetzt. Eine Straße führt weiter hinter das Dorf wo nach wenigen Kilometern ein Denkmal des Friedens gesetzt wurde. In einem Kreis stehen Statuen von Botschaftern von Frieden und Menschlichkeit: dargestellt sind Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Martin Luther und der Papst. Die grüne Blümchenwiese, die zwitschernden Vögel und der strahlend blaue Himmel lassen den Ort, in dessen unmittelbarer Nähe damals Menschen abgeschlachtet wurden, heute idyllisch erscheinen. Mit schweren Gedanken verlassen wir El Mozote.
 
Wir wissen heute wieder nicht so richtig wo wir eigentlich hinwollen. In mehreren Städtchen halten wir an und überlegen ob wir bleiben oder weiter fahren sollen. So unentschlossen waren wir lange nicht. Schließlich entscheiden wir uns noch zur Laguna de Alegria weiterzufahren. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich dort als etwas schwierig. Das eine Hotel verlangt 16$ pro Person, was deutlich oberhalb unseres Budgets liegt, die andere Hospedaje hat zu und es laufen schon vier Backpacker umher die auch verzweifelt nach einer Unterkunft in dem kleinen Nest suchen. Beim umherfahren im Dorf schaue ich in einen Hinterhof und traue meinen Augen nicht: dort stehen die Bikes von Joey und Daniel. Erfreut über das spontane Wiedersehen tauschen wir uns zunächst etwas gegenseitig aus und die beiden geben uns noch den Hinweis auf eine Mission in der Nebenstraße, wo man auch einen Schlafplatz finden kann. Nachdem uns der Bruder ein Zimmer gezeigt hat und wir uns dort eingerichtet haben, statten wir den beiden auf dem Weg zum Abendbrot auf dem Dorfplatz noch einen Besuch ab. Innerhalb von einer Viertelstunde schaffen es die beiden uns dazu zu überreden, doch nach Kuba zu fliegen. Die beiden waren schon in so vielen Ländern auf allen Kontinenten unterwegs, dass wir ihnen einfach glauben müssen, dass Kuba einzigartig ist. Laut Daniel gibt es nichts Vergleichbares, es sähe dort aus wie im Film und sei mit einer Zeitreise vergleichbar. So setzen wir uns abends ins Kloster und buchen.
 
Die Laguna de Alegria im alten Vulkankrater stellt sich als mikrige Pfütze heraus die immerhin schön grün leuchtet und nach Schwefel riecht. Zum Abendbrot kochen wir gemeinsam mit Joey und Daniel das Gericht, welches sich in bisher allen bereisten Ländern einigermaßen authentisch herrichten ließ: Eier in Senfsoße.
 
Unsere letzte Station in El Salvador ist der Playa de Esteron. Am Strand finden wir einen Campingplatz, wo wir unter einem Strohdach 50 Meter vor dem Meer unser Zelt aufschlagen können. Auf ausgedehnten Strandspaziergängen finden wir Stranddollar (Überreste von Seeigeln mit symmetrisch angeordneter Zeichnung und Schlitzen), verschiedene Krabbenarten, und sogar zwei kleine Schildkröten. Als wir nach dem Abendbrot im Dunkeln zum Zelt zurückkehren, wartet dort eine dicke Überraschung auf uns: eine Monster-Erdkröte sitzt auf dem Zelteingang. Nachdem wir unser Heim zurückerobert haben, legen wir uns schlafen bis wir von Rascheln und Kratzen unterm Zelt geweckt werden. Am nächsten Morgen entdecken wir die Geräuschquelle: eine Krabbe stört sich an unserem Zeltboden, welcher ihren Höhleneingang überdeckt und versucht natürlich sich ihren Eingang wieder frei zu machen. Wenn wir das Zelt verschieben, stehen wir auf dem nächsten Krabbenloch, also hören wir uns die folgenden Nächte weiterhin den Krach der fleißigen Bauarbeiterin an. Es hört sich fast so an als würde sie mit ihren Scheren den Zeltboden bearbeiten.
 
Vom Campingplatz leihen wir uns zwei Kajaks um den Mangrovenwald El Esteron zu erkunden. Dazu müssen wir die Flussmündung überqueren. Da gerade Ebbe ist, ist das kein Problem. Auf dem Fluss treiben immer wieder alte Plastikflaschen, die wir einsammeln und hinten ins Kajak legen, damit wir sie später entsorgen können. Weiter tiefer in den Mangroven stoßen wir auf unzählige weiße Kraniche, die sich in den Bäumen tummeln. Wir würden gerne noch weiter den Fluss hinauf paddeln und uns noch ein wenig die skurrile Wurzellandschaft der Mangroven erkunden, doch müssen wir auch den ganzen Weg zurück paddeln. Auf dem Weg hinein in die Mangroven haben wir die Strömung, die uns unterstützt kaum wahrgenommen, anfangs hatten wir sogar leichte Gegenströmung. Kurz nach unserer Umkehr wurde uns klar, dass der Weg zurück kein Zuckerschlecken wird. Wir müssen mit all unserer Kraft gegen die nun verstärkt mit der Flut hereinkommende Strömung ankämpfen. Um Energie zu sparen, kreuzen wir immer auf die Flussinnenkurve und paddeln möglichst weit am Rand. Ab und an halten wir uns für eine Pause an einem Ast fest, um nicht gleich zurück zu treiben. Als wir endlich um die letzte Flussbiegung kommen, hören und sehen wir das Meer tosen, an der Stelle wo vorher die kleine Flussmündung war. Die Flut drückt nun ernstzunehmende Wellen hinein, die wir durchqueren müssen um zurück zum Strand zu gelangen. Die Wellen branden auf der anderen Seite an eine Felswand, was nicht sonderlich einladend aussieht. Die Alternative wäre, einige Stunden im Kajak auf Ebbe zu warten, da wir hier nirgends festen Boden betreten können. Wir müssen also durch dieses Wasser. Die Strömung ist stark und die Wellen sind zu groß für die kleinen Kajaks. Wir versuchen immer frontal durch die Welle zu stechen und uns bloß nicht seitlich überrollen zu lassen. Doch die Strömung drückt uns immer weiter in Richtung der kleinen Felswand, sodass sich fast Panik breit macht. Jeder ist auf sich gestellt und keiner kann dem anderen sinnvoll helfen. Immer einen Blick nach hinten wo Stephan nun bleibt, bin ich schon fast am rettenden Ufer angelangt, als mich doch noch eine Welle seitlich erfasst und mein Kajak unsanft umdreht. Boot und Paddel konnte ich in dem Gewühl gerade noch greifen, doch die Sonnenbrille ist weggespült. Die kleine Taschenkamera hatte ich zwar im Plastikbeutel verpackt, dennoch ist sie etwas feucht geworden. Später stellt sich heraus dass der Blitz nicht mehr funktioniert. Leider sind auch alle eingesammelten Plastikflaschen weggespült wurden. Das war mal wieder ein kleines Abenteuer, indem wir mit der Gewalt der Natur Bekanntschaft gemacht haben.
 


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