Ecuador – Mitad del Mundo – Bis zur Mitte der Welt

25.09.-12.10.2015
 
Nach zwei Wochen Fahrpause sind wir nun wieder auf der Straße unterwegs. Das Schöne beim Fahren von weiten Strecken ohne viel Verkehr und durch wenig besiedelte Gegenden ist, dass man seine Gedanken schweifen lassen kann. Man fühlt sich einig mit sich und der Umgebung, gleichzeitig als Beobachter und Erlebender. Man kann einfach nur den Moment genießen oder verarbeitet Dinge, die in der letzten Zeit passiert sind. Oftmals schießen uns auch neue Ideen in den Kopf. Besonders unter dem Einfluss von neuen Eindrücken bei gleichzeitiger Gedankenfreiheit scheint das menschliche Gehirn kreativ zu sein und ist offen dafür inspiriert zu werden.
 
Von unserem Freund Jorge aus Cali (Kolumbien), haben wir den Tipp bekommen nach Mindo zu fahren. Dort könnten wir auf einer Lodge als Gegenleistung für eine Unterkunft arbeiten. Im Vorfeld haben wir also die „Pura Vida Climb Lodge“ kontaktiert und man hat uns gesagt wir können gerne vorbeikommen. Auf der Fahrt von Mompiche nach Mindo kommen wir in Regen und so dichten Nebel, dass wir mit Warnblinker fahren. Leider kommen viele Einheimische nicht einmal auf die Idee, das normale Licht anzumachen, vom Nebelscheinwerfer ganz zu schweigen. So können wir nur hoffen, dass wir von den anderen gesehen werden. Man weiß bei solchem Nebel auch nie so recht ob man mit Visier offen oder geschlossen fahren soll. Lässt man es oben, wird es kalt im Gesicht und man muss die Augen ständig zukneifen. Lässt man es geschlossen bildet sich eine undurchsichtige Tröpfchenschicht die man durch Wegwischen nur verschmiert.
 
Endlich in Mindo angekommen, treffen wir zunächst auf unseren Reisefreund Ingo, der schon in einem Hostel eingecheckt hat. Wir machen uns zunächst auf die Suche nach der „Pura Vida Climb Lodge“. Camilo ist der Inhaber der Lodge und selbst begeisterter Motorradfahrer. Er nimmt uns herzlich auf und stellt uns mehrere Optionen zur Auswahl, wie wir die Arbeitstage und Unterkunft gestalten. Wir entscheiden uns für die kleine Gartenhütte als Unterkunft und werden dafür halbtags unsere Arbeitskräfte zur Verfügung stellen. Da wir noch auf Joey und Daniel warten, die noch in Kolumbien sind und mit denen wir eine Tour durch den Amazonas machen wollen, haben wir noch circa eine Woche Zeit.
 
Der nächste Tag ist ein Samstag und wir werden sofort in die Geschehnisse eingebunden. Die Lodge ist ein größeres Gelände mit Garten, Kletterturm, Lagerfeuerstellen sowie vereinzelten Unterkünften und Möglichkeiten zum Zelten. Camilo, der Inhaber hat sich darauf spezialisiert, Gruppen zu empfangen, die hier Erlebnistage verbringen. Es gibt Angebote sowohl für Kinder als auch für Erwachsene im Rahmen von Team Building-Seminaren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Kletteraktivitäten. An diesem Wochenende findet ein Vater-Sohn-Event statt. Circa 18 Väter aus der Hauptstadt Quito kommen gemeinsam mit ihren Söhnen und wollen beschäftigt und verköstigt werden. Wir kamen scheinbar zur rechten Zeit an, denn Camilo fehlten tatsächlich zwei Leute, um das alles zu bewerkstelligen. Startzeit ist um 9:30 Uhr angegeben. Um 11 Uhr sind dann endlich alle Gäste da. Selbst der Verlust von wertvoller Zeit, für die sie im Rahmen des Events bezahlt haben, scheint die Ecuadorianer nicht zum pünktlich sein zu motivieren. Damit es alle rechtzeitig zum Mittagessen zurück schaffen, geht es auch schon sofort los zum ersten Programmpunkt: Eine Wanderung durch den tropischen Wald mit Kletterpassagen über Felsen und Baumstämme. Wir sind die Teambetreuer und sollen die Gruppe zusammenhalten. Wir merken sofort dass wir es mit Stadtkindern zu tun haben. Einige sind mehr besorgt um ihre Schuhe und Kleidung als dass sie Spaß am Klettern hätten. Auch ist es interessant zu sehen, wie die Jungs, deren Väter nicht sofort helfend eingreifen, deutlich besser vorankommen, als diejenigen, denen jeder Schritt versucht wird möglichst leicht zu machen. Am Ende kommt ein langer steiler und glitschiger Felsen, den alle hinauf und wieder hinunter müssen. Während einige Jungs ohne großes Zögern zu klettern beginnen, stehen anderen vor Angst schon fast die Tränen in den Augen. Das waren die mit den coolsten Schuhen, es ist also überall gleich auf der Welt ;-) Beim Aufbau der Zelte sind einige Väter dankbar über unsere Mithilfe. Einige haben zum ersten Mal in ihrem Leben ein Zelt aufbauen müssen und waren in dem Gewirr aus Schnüren und Stangen entsprechend verzweifelt.
 
Zum Mittagessen helfen wir beim Catering, bevor es nachmittags zum Watertubing in einem nahegelegenen Wildwasserfluss geht. Sechs Schläuche sind dabei um einen weiteren Schlauch in der Mitte zu einem Ring zusammengebunden. Bis zu sechs Leute können in den Zwischenräumen Platz nehmen. Ein Guide manövriert uns so den Fluss hinunter. Bei der wilden Abfahrt werden wir von oben bis unten durchnässt. Mehrmals donnern wir gegen größere Felsen und quetschen uns durch strömungsstarke Engpässe. Die Schläuche fangen alles ab und verformen sich gegeneinander so, dass wir durch jedes Hindernis auf das wir zurasen durchkommen, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Unter vollem Körpereinsatz zerrt der Guide halb im Wasser stehend an den vollbesetzten Gummiringen, wenn wir doch mal irgendwo festhängen. Die Guides tragen weder Helme noch Schwimmwesten, haben Jeans an und tragen dünne Schuhe. Sie sind äußerst geschickt, doch einen Fehler dürfen sie sich nicht erlauben, wenn sie sich dabei nicht verletzen wollen. Solange alle „im Boot“ bleiben, ist es jedenfalls ein Riesenspaß.
 
Nach dieser Aktion sind alle Beteiligten müde und wir werden alle auf der Ladefläche von Pickups zurück zur Lodge gebracht. Wieder eine Sache die in Deutschland ohne Strafanzeige nicht möglich wäre. Zurück bei der Lodge helfen wir beim Catering für das Abendessen und fallen nach dem Lagerfeuer gegen 22 Uhr todmüde ins Bett. Am nächsten Morgen geht es weiter mit Klettern am Kletterturm. Da in der Küche eine Person fehlt, lass ich mich dazu breit schlagen dort auszuhelfen, während Stephan am Kletterturm hilft. Nach dem Mittagessen warten Berge von Abwasch auf uns. Am Nachmittag reisen die Eventteilnehmer ab und wir sind noch etwas mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Wir sind froh dass wir Camilo und seinem kleinen Team helfen konnten.
In der Woche werden keine weiteren Gäste erwartet und so widmen wir uns in den nächsten Tagen typischen Gartenarbeiten mit der Machete, wie zum Beispiel Hecken schneiden und Bananenbäume von vergammelten Blättern befreien. Das Arbeiten mit der Machete macht irgendwie Spaß, besonders wenn sie frisch geschärft ist. Damit lässt sich die Hecke gut bearbeiten und durch die Bananenblätter geht sie wie Butter.
 
Zum Mittagessen fahren wir mit den Motorrädern in die Stadt und probieren einen Quinoa-Burger. Quinoa ist eine Körnerfrucht, die besonders von den Inka in der Andenregion als Grundnahrungsmittel genutzt wird. Die hirsegroßen Samen mit brauner bis weißer Färbung haben einen hohem Eiweiß- und Mineralstoffgehalt. Der Restaurantbetreiber experimentiert gerade mit Rezepten und bittet uns um unsere Meinung nachdem er uns zwei Varianten seiner Burger Bratlinge zum Verkosten gibt. Es schmeckt nicht schlecht, Stephan bevorzugt jedoch weiterhin ein saftiges Stück Fleisch im Brötchen. Für mich wäre es eine gelungene Alternative, wenn man auch noch an die positive gesundheitliche Wirkung von Quinoa glaubt. Viel lieber ist mir allerdings, dass er uns zum Probieren seiner selbst kreierten Eissorten einlädt. Die sind unglaublich gut, besonders die Ingwer-Maracuja-Chili-Variante und wir müssen in den nächsten Tagen noch einige Male hier vorbeikommen. Im Gegensatz zu den meisten Essensangeboten im Land, macht sich hier jemand mal Gedanken, die über die typischen einfallslosen Reis-mit-Hühnchen Gerichte hinausgehen.
 
Nach einem weiteren Tag im Garten gehen wir Ingo besuchen, der sich zwei Kilometer weiter ein Hostel genommen hat. Dort verbringen wir den Abend im Jacuzzi, eine wahre Wohltat nachdem wir den ganzen Tag die Machete geschwungen haben.
 
Bei Mindo gibt es ein Mariposario (Mariposa ist das spanische Wort für Schmetterling). Hier in den tropischen Regionen haben wir schon öfter mal die großen blauen Schmetterlinge gesehen, die aber schon wieder verschwunden sind, sobald man sie erblickt hat. Vielleicht treffen wir sie hier aus der Nähe an. Vor dem Betreten des Hauses halten uns zunächst die vielen Kolibiris auf, die um eine Nektarstation schwirren und ganz aus der Nähe zu betrachten sind, während sie den süßen Stoff aufsaugen.
 
Das Schmetterlingshaus versteht sich nicht nur als Besucherattraktion sondern auch als Aufzucht- und Forschungseinrichtung für die beliebten Insekten. In mehreren Stationen können wir die vier Stadien des Lebenszyklus eines Schmetterlings live betrachten: Ei, Raupe, Puppe und Falter. Die Eier haben skurrile Formen und Farben, zum Teil glänzen sie golden.
Besonders spannend ist jedoch die „Geburt“ eines Falters, wenn er sich aus der Puppe herauswindet und sich seine Flügel entfalten. Die Metamorphose von der Raupe zum Falter ist sehr komplex und grenzt an ein kleines Wunder.
 
In dem großen Raum fliegen hauptsächlich große Bananenfalter umher. Wenn man sich etwas süßen Bananensaft auf die Finger streicht, kann man sie aufnehmen oder sie kommen von sich aus angeflogen und lassen sich auf Kleidung und Rucksäcken nieder. Auch dem blauen Schmetterling begegnen wir hier, der es uns aber immer noch schwer macht, ihn auf Fotos abzulichten.
 
In Mindo lernen wir noch den Motorradreisenden Mauro kennen. Ingo hat ihn in Kolumbien kennengelernt und nun ist er zufällig in der Nähe. Mauro ist halb Italiener, halb Äthiopier und nutzt seinen Überschussurlaub um mit seiner KTM 990 Adventure Südamerika zu bereisen. Er arbeitet als Logistikmanager beim Internationalen Roten Kreuz (IRC). Die Hauptaufgabe des IRC ist, die Einhaltung von Menschenrechten in Kriegsgebieten zu kontrollieren. Die Institution hilft bei der Freilassung von Geiseln und unterstützt bei humanitären Katastrophen, Flüchtlingskrisen und überwacht die Einhaltung von Bedingungen für Kriegsgefangene. Mauro hat daher viele interessante Geschichten zu erzählen. Mit ihm und Ingo verbringen wir die nächsten Tage. Gemeinsam brechen wir auf nach Lloa, einer Kleinstadt nahe Quito. Unser Ziel ist ein nahegelegener Vulkankrater zu dem man hinauffahren kann. Ingo war vor einigen Tagen schon mal dort und will uns diesen Ort zeigen. Während wir uns in einem „Comedor“ (Straßenrestaurant) mal wieder Reis und Huhn zuführen, können wir aus der Ferne beobachten wie sich eine kleine Menschentraube um die Motorräder bildet. Eltern setzen ihre Kinder auf den Sitz um Fotos zu machen. Als wir später unten ankommen müssen auch wir als Fotomotiv herhalten. Die meisten fragen freundlich und dann machen wir gerne Fotos mit ihnen. Doch es gibt immer wieder Leute die denken, dass wir dazu verpflichtet sind, neben den Motorrädern zu posieren und in die Kamera zu schauen. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass Leute versucht haben, uns mit Handzeichen zu verstehen zu geben, wir sollen uns doch dort oder da hinstellen, ohne sonst ein Wort mit uns zu wechseln. Auf solche Begegnungen haben wir wenig Lust. Genauso wenig wie darauf, wenn uns Leute mit „wieviel kostet das Motorrad?“ ansprechen, ohne vorher wenigstens „Hallo“ zu sagen.
 
Wir schlagen unser Lager auf der Wiese im Hinterhof einer Hacienda auf und machen uns am nächsten Morgen ohne Gepäck auf den Weg zum Krater. 16 Kilometer geht es eine sandige Dreckstraße hinauf. Fahren im Sand ist nicht gerade unsere Lieblingsbeschäftigung. Aber im Endeffekt ist es ein gutes Training, um unser fahrerisches Können zu verbessern. Besonders die letzten Kilometer haben es in sich, da es zum Teil sehr steil in engen Kurven bergauf geht. Circa 100 Meter vor Erreichen des Zieles erwischt es mich dann doch. Ich bleibe im tiefen Sandloch stecken und das Motorrad fällt auf die Seite während ich abspringe. Dabei bricht leider der rechte Rückspiegel ab. So ein Mist. Fast sturzfrei geschafft und dann so etwas. Auf 4550 Metern angekommen kann ich mich nicht lange ärgern, denn hier oben bleibt einem fast die Luft weg. Die letzten 200 Meter bis zum Krater müssen wir zu Fuss weiter. Bei dem Anstieg in der Höhe ist jeder Schritt wohlüberlegt und der Weg erscheint mir ewig lang. Endlich sind wir auf 4650 Metern Höhe angekommen und mein Körper hat keine Lust mehr auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Leider ist hier oben alles voller Nebel und wir können nicht in den Krater hineinschauen. Für uns hat es sich dennoch gelohnt, denn ab und an haben wir durch die Wolkendecke einen schönen Blick auf Quito und das Umland. Außerdem ist es für uns ein neuer Höhenrekord, wir haben unsere Fahrtechnik deutlich verbessert und die Angst vor dem Sand etwas eingedämmt. Die Abfahrt wird mindestens genauso spannend, denn das Vorderrad lässt sich auf einer sandigen Bergab-Kurve nicht sonderlich gut manövrieren.
 
Zum frühen Nachmittag sind wir wieder im Dorf und finden am Marktplatz noch Gelegenheit zu einem Almuerzo (Mittagessen). Den Nachmittag verbringen wir mit kleineren Wartungsarbeiten und organisatorischen Dingen. Am Abend gehen wir zum Einkauf ins Dorf. Ein Kleinbus muss sich unbedingt noch schnell an uns vorbeiquetschen und erwischt dabei mit dem Seitenspiegel Mauros Schulter. Wie blöd kann man eigentlich sein, zum Glück ist nichts weiter passiert. Die Fahrweise nach dem Prinzip „vielleicht klappt es ja noch“, oder „wenn ich die Augen zumache komme ich vorbei“ ist hier leider weit verbreitet. Die Einkaufslädchen hier geben leider nicht mehr viele Zutaten zum Kochen für 4 Personen her und im Straßenverkauf gibt es auch nichts mehr. Zu allem Überfluss ist heute Sonntag und es darf kein Alkohol, also auch kein Bier verkauft werden. Eine Verkäuferin erbarmt sich und verkauft uns vier Flaschen, mit der Auflage, dass wir sie gut im Rucksack verstecken und das Leergut wieder zurückbringen. Wir finden noch eine alte Paprika und etwas Schinken und können uns so aus unseren restlichen Beständen noch ein Gericht mit Reis kochen, was uns alle einigermaßen satt macht. Nach einem Lagerfeuer verbringen wir eine recht kalte Nacht im Zelt. Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege, da Mauro mit einem strafferen Zeitplan gen Süden fahren muss. Es ist mal wieder ein schwieriger Abschied, haben wir doch einige schöne und interessante Tage miteinander verbracht.
 
Zum Glück haben wir ja noch Ingo, mit dem wir nun nach Papallacta zu den Thermalquellen fahren. Auf dem Weg dort hin müssen wir Quito durchqueren und nutzen die Gelegenheit schon mal nach Ersatz oder Reparatur für den abgebrochenen Spiegel zu schauen. Ingo hatte, als wir noch in Mindo die Machete geschwungen haben, bei dem Händler „Gasmoto“ nahe Quito seine Tenere wieder fit gemacht. Wir fahren dort vorbei, um zu schauen ob man uns dort auch in diesem Fall weiterhelfen kann, sie haben schließlich auch Teneres in ihrem Bestand. Zunächst prüfen wir im Onlinesystem, ob es Original Ersatzspiegel in Ecuador gibt, eine Überprüfung mit vorhersehbarem unbrauchbarem Ergebnis: Es sind zwar Teile im Land verfügbar, aber bei einem Preis von 60 USD keine Option für uns. Der freundliche Servicemitarbeiter hat andere Ideen. In der Nähe gibt es einen Ersatzteilshop, der vorwiegend chinesische Produkte verkauft. Kurzerhand nimmt er mich auf seiner KTM Adventure mit und wir düsen durch die Stadt. Bei besagtem Shop gibt es tatsächlich einen möglichen Ersatzspiegel aus China für circa 7 USD, der zumindest die Funktion erfüllen würde. Damit gibt sich der Gasmoto-Mitarbeiter aber noch nicht zufrieden. Er fährt mit mir weiter zu einem Mechaniker, der mit Fiberglas arbeitet und den Spiegel für 3 USD reparieren würde. Ich entscheide mich für diese Version. Wir fahren zurück zum Händler und gehen Mittagessen. Der Mitarbeiter holt danach den Spiegel wieder ab und sagt er will kein Geld dafür haben. Wir versuchen natürlich ihm trotzdem etwas dafür zu geben, doch er will es nicht annehmen. Unendlich dankbar für diese große Hilfe fahren wir weiter nach Papallacta.
 
Nach etwas Recherche vor Ort stellen wir fest, dass die Preise der Unterkünfte ganz schön happig sind und entscheiden uns dafür doch schon am nächsten Morgen weiter zu fahren. Der Plan war eigentlich am nächsten Tag mit Joey und Daniel hierhin zurück zu kommen, nachdem wir sie an der „Mitte der Erde“ einsammelt haben. Immerhin können wir einen Abend lang den unterkunftseigenen, vom Thermalwasser beheizten Pool nutzen und bringen unseren Kreislauf bis an die Belastungsgrenze. Nach 2 Stunden im Warmwasserbad sind wir jedenfalls wieder porentief rein und schlafen später wie Babys. Bei der „Mitad del Mundo“, also am Äquator, treffen wir wie verabredet Joey und Daniel wieder. Die Wiedersehensfreude ist groß und es gibt viel zu erzählen. Das letzte Mal, als wir uns alle fünf gesehen haben war in Guatemala. Am Äquatordenkmal „Mitad del Mundo“ (Mitte der Welt) machen wir einige Fotos und Daniel bringt gleich seine Drohne zum Einsatz, mit der er ein paar Aufnahmen mit uns und den Bikes auf der Äquatorlinie von oben macht. Da Papallacta zu teuer war, entscheiden wir uns nach einigen Überlegungen dazu, noch ein paar gemeinsame Tage in Mindo zu verbringen, bevor sich Ingo wieder auf den Rückweg nach Kolumbien macht. Er hat sich dazu entschieden seine Motorradreise nach mehr als vier Jahren zu beenden und doch nicht nach Ushuaia hinunter zu fahren. Wieder zurück in Mindo schlagen wir diesmal unsere Zelte auf der Nachbarwiese vom Jacuzzi auf. Mithilfe eines warmen Whirlpools lässt sich der traurige Abschied wenigstens gebührend feiern. Wir versuchen noch einige Male Ingo zur Weiterfahrt zu überreden, doch letztendlich hat er, wenn auch schweren Herzens, seine Entscheidung bereits getroffen. Er will sich erstmal auf berufliche Projekte konzentrieren und wird wahrscheinlich nach Südostasien gehen.
 
Wieder zurück in Mindo machen wir eine Großräumaktion unseres Ausrüstungsbestandes. Unsere Koffer sind eigentlich viel zu groß und wir haben zu viel Zeug dabei, was das Rangieren und Fahren im Gelände unnötig schwer macht. Mit der Hilfe von Daniel, der schon einige Motorradreisekilometer mehr als wir auf dem Buckel hat, sortieren wir nach dem Motto „was wir nicht brauchen, um aus der Wüste heraus und zurück in die Zivilisation zu kommen, brauchen wir nicht“, unser überflüssiges Gepäck aus. Als wir alles auf eine Plane legen, bemerken wir, dass wir zwei Zangen zu viel haben, den Wasserfilter brauchen wir hier in Amerika eigentlich auch nicht wirklich und anstelle der Ersatz-Zeltstangenhülsen kann man behelfsmäßig für ein paar Nächte auch etwas anderes nehmen. Im Prinzip geht es darum nur das mitzunehmen, was man täglich braucht oder um sich aus einer Notsituation zu retten. Das ist allerdings gar nicht so einfach abzugrenzen, denn man könnte theoretisch auch mit einem Messer und einem Feuerstein auskommen, um zumindest ein paar Tage zu überleben. Kamera und Laptop mit allen dazu nötigen Ladegeräten, Akkus und Speichermedien sind auch nicht überlebensnotwenig, aber weglassen wollen wir das natürlich nicht. Auch bei Werkzeugen ist es schwer abzuschätzen was man bei einer Reparatur benötigt, da es immer vom Schadensfall abhängt. Es ist auch besser 3 Paar Socken zu haben und vielleicht noch ein Paar extrawarme für kalte Nächte im Schlafsack, da wir nicht jeden zweiten Tag Wäsche waschen können. Etwaige Geschenke von Einheimischen können wir auch nicht entsorgen. Nach einigen Überlegungen haben wir dennoch 3-4 Kilo aussortieren können und wertvollere Dinge wie den Wasserfilter nach Hause geschickt oder brauchbare Gegenstände verschenkt. Dazu gehen wir nochmal Camilo in der Pura Vida Climb Lodge besuchen, um zu fragen ob er die Sachen gebrauchen kann. Dort findet gerade ein kleines Bikertreffen statt und wir lernen Andrés kennen, der uns dazu einlädt ihn in seiner Heimatstadt Santo Domingo zu besuchen, wo wir auch den dort noch lebenden Indianerstamm der Tsachilas besuchen könnten. Mehr dazu in einem späteren Beitrag.
 
Wir verabschieden uns schweren Herzens von Ingo, der nun wieder gen Norden fährt und machen uns gemeinsam mit Joey und Daniel auf den Weg nach Quito. Dort wollen wir eine Tour in das Amazonasbecken organisieren, da wir mit den Motorrädern nicht in den Wald beziehungsweise das Flusssystem hineinkommen. Wir finden mitten in der Hauptstadt durch einen Tipp anderer Reisender eine Möglichkeit zum Zelten im „Hostal Zentrum“, welches einem Deutschen gehört. Neben der vielbefahrenen Straße ist es zwar nicht der schönste Ort zum Zelten, aber dafür preisgünstig, praktisch und sauber. Übrigens bricht beim Aufbau eine der Zeltstangen, gerade einen Tag nachdem wir die Ersatzhülsen, 100km von hier, abgegeben haben. Es gibt manchmal komische Zufälle. Hier auf dem Hinterhof-Zeltplatz können wir unsere Bikes und das Zelt stehen lassen, während wir auf „Kurzurlaub“ in den Amazonas gehen. In einem örtlichen Reisebüro finden wir auch gleich das passende Angebot: eine 5-Tagestour mit 3 Tagen paddeln auf dem Rio Agua Rico. Zwei Tage später sitzen wir abends um 19:30Uhr mit Joey im Bus und fahren über Nacht bis hinter Nueva Loja (Lago Agrio) zum Cuyabeno Reservat.
 


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Ecuador – Leben im Bambushaus

09.09.-25.09.2015

Das erste Erlebnis in Ecuador ist nicht so schön: In einer kleinen Stadt hinter der Grenze passiert etwas, worauf ich gerne verzichtet hätte. Wie überall in Lateinamerika gibt es hier viele Hunde die auf den Straßen herum laufen. Schon oft haben wir entsprechende Unfallopfer mehr oder weniger erkenntlich am Wegesrand liegen sehen. Kurz vor mir läuft ein größerer Hund auf die Straße. Ich bremse ab und hupe, er schaut mich noch an, gerät dann in Panik, wechselt zweimal die Richtung bis er schließlich über die Gegenspur rennen will. In dem Moment kommt ein Taxi und rammt den Hund mit circa 40 km/h genau vor meinen Augen in voller Breite. Ich höre einen furchtbaren Knall, ein kurzes Jaulen, und sehe wie der Körper des Hundes an der Stoßstange aufprallt und sich sein Körper verformt. Er ist sofort tot und bleibt am Straßenrand liegen, während das Taxi langsam weiterfährt. Den ganzen Tag kann ich an nichts anderes mehr denken.
 
Von der kolumbianischen Grenze aus fahren wir über die E10 gen Westen. Der Weg führt uns zunächst durch einen Canyon und bergiges Gebiet mit spärlicher Vegetation, bis wir plötzlich durch dichten Regenwald fahren. Die Straße ist bestens asphaltiert und schlängelt sich mit sanften Kurven durch den Wald. Auch der frische Waldgeruch und der wenige Verkehr tragen zu einem schönen Fahrerlebnis bei. Immer wieder kommen wir an kleinen Holzhütten, die wegen den vielen Regenfällen hier oftmals auf Stelzen stehen, vorbei. Sie wirken zum Teil sehr ärmlich was den baulichen Zustand des Hauses angeht. Die Nähe zur Natur, die Ruhe und der Freiraum sind Dinge, die die Bewohner jedoch vermissen könnten, wenn sie in die Stadt ziehen. Die feuchte Hitze ist für uns allerdings erdrückend, umso besser schmeckt der frische Obstsalat den wir am Straßenrand kaufen können. Wir probieren auch verschiedene Riegel aus einer Kokosmasse, die extrem gut schmecken und uns neue Energie bringen.
 
Unser erstes Ziel in Ecuador ist ein Bambushaus in dem kleinen verschlafenen Surfer-Örtchen Mompiche. Wir haben es über „Workaway“ gefunden, einer Plattform für Freiwilligenarbeit. Wir bieten also unsere Arbeitskraft für ein paar Stunden in der Woche an und bekommen dafür die Unterkunft gestellt. Es ist ein Volltreffer. Nancy ist unsere Gastgeberin, von den Dorfbewohnern wird sie „Sirena“ genannt, was auf Deutsch „Meerjungfrau“ bedeutet. Die 60-jährige Kalifornierin hat sich hier in Mompiche ihren Traum erfüllt: Sie hat sich ein Bambushaus nach ihrem eigenen Entwurf bauen lassen und wohnt nun darin. Das Haus ist aufgebaut wie eine Hochzeitstorte: 5 Ebenen bauen immer kleiner werdend aufeinander auf. Bis auf ein Fundament aus Stahlbeton und den Böden aus Holzbrettern, ist die komplette Konstruktion aus Bambusrohren gebaut.
Im Erdgeschoss liegen die restlichen Bambusrohre auf dem Sandboden, neben denen wir unsere Motorräder zum Parken halb im Sand versenken. Die erste Etage ist eine große Fläche, die noch ungenutzt ist und die sie später zur Veranstaltung von Workshops und Tanzstunden nutzen möchte. Darüber findet sich der Wohnbereich mit Küche, Bad und Hängematten. Wir dürfen in die dritte Etage einziehen, welche aus einem Zimmer mit einem Doppelbett besteht. Ganz oben, in der vierten Etage befindet sich die sogenannte „Honeymoon“ Suite – ein circa 15 Quadratmeter großes Zimmer, mit 360 Grad Ausblick, welches Sirena als Schlafzimmer benutzt. Von hier kann sie sowohl über den Regenwald blicken als auch über das Dorf und das Meer. Dies ist ein einzigartiger Wohnort.
 
Das Haus ist ab der ersten Etage nach allen Seiten hin offen, es gibt keine Außenwände, nur ein paar Fensterläden, die man als Regenschutz herunterklappen kann, um das Hausinnere vor Regen zu schützen. Es ist hier im ganzen Jahr in der Gegend immer ausreichend warm, sodass hier niemand frieren muss. Der Begriff „Heizung“ dürfte den Einwohnern hier ein Fremdwort sein. Sowie das Haus selbst, ist auch der Großteil der Inneneinrichtung aus dem Riesengras gefertigt: Innenwände, Betten, Kleinmöbel, Spiegel, Treppen, Regale etc. Türen gibt es nicht. Es ist definitiv ein inspirierender Wohlfühlort. Ein paar kleine Schattenseiten gibt es dennoch: Im Haus gibt es so gut wie keine Privatsphäre. Da es keine Räume mit vier Wänden und Fenstern gibt, gibt es auch keine Schalldämmung. Man bekommt immer mit, was der andere macht. Das Bad befindet sich in einer Nische um die Ecke, jedoch ebenfalls ohne abschließbare Tür. Sobald sich jemand im Haus bewegt, spürt man dies durch Schwingungen. Selbst als wir abends im Bett liegen, spüren wir es, wenn die Katze eine Etage tiefer von der Bank auf den Boden springt. Bei einem Erdbeben hat dies allerdings Vorteile. Die Energie wird durch die Schwingungen abgebaut, Bambushäuser gelten bei richtiger Konstruktion als sehr erdbebensicher.
 
Gleich am ersten Abend hat uns allen der alte Gaskocher einen kleinen Schrecken eingejagt. Wir saßen in gemütlicher Runde, als es plötzlich knallt und blitzt und wir das Gerät in Flammen aufgehen sehen. Ähnlich wie beim Holzhaus ist Feuer ein natürlicher Feind des Bambushauses. Mit Decken versuchen wir es zu ersticken, doch es hört nicht auf. Erst als es jemand schafft die Gasflasche zuzudrehen, können wir das Feuer besiegen. Nun sehen wir auch den geschmolzenen Gasschlauch, der am halb verrosteten Gaskocher klemmt und aus dem die Stichflamme herausgeschossen kam. Das sieht alles wenig vertrauenserweckend aus, vor allem wenn man von deutschen Standards verwöhnt ist. Unserer Gastgeberin wurde vor ein paar Tagen die Gasflasche geklaut. Daher hat sie sich neben einer neuen Gasflasche auch ein neues Ventil und einen Schlauch kaufen müssen. Wir verdächtigen zunächst den Schlauch, doch in dem kleinen Eisenwarenladen des Dorfes stellt sich am nächsten Tag heraus, dass sie ein Ventil für den Industriegebrauch gekauft hatte. Bei dem viel zu hohen Druck hat sich dann der Schlauch verabschiedet. Nachdem wir das Ventil getauscht haben, gab es zumindest während unseres Aufenthaltes keine weiteren Zwischenfälle mehr. Ein großer schwarzbrauner Fleck über dem Herd wird allerdings noch länger an diesen Vorfall erinnern.
 
Wir fragen Sirena wobei wir ihr in den nächsten Tagen helfen können, um uns unsere besondere Unterkunft auch zu verdienen. Sie sagt wir sollen uns erstmal entspannen von der Fahrt mit unseren „Raumschiffen“ und lädt uns zu einer Partie Domino ein. Domino ist ihr Lieblingsspiel, welches sie mit jedem Freiwilligenarbeiter hier spielt. Nun wird uns auch klar, nach welchem Prinzip die Herrenrunden auf Kuba gespielt haben. Während man das einfache Domino aus den eigenen Kindertagen nur als Aneinanderreihen gleicher Augenzahlen kennt, muss man sich bei hiesiger Spielweise mit taktischem Überlegen etwas mehr anstrengen. Das Spiel will ich nun hier nicht erklären, es sei nur gesagt, dass in den nächsten zwei Wochen so einige Runden folgen, da Sirena besonders morgens nach dem Frühstück nach spielwilligen Opfern sucht. Stephan hat sich meistens erbarmt, während ich im Hängesessel ein Buch nach dem anderen verschlungen habe. Manchmal war es dann plötzlich schon mittags. Aber das stört ja auch keinen hier.
 
Eigentlich wollten wir bei dem Projekt lernen, wie man mit Bambus bauen kann, doch derzeit steht kein brauchbares Werkzeug zur Verfügung. Nachdem sich das Kreissägeblatt der alten Maschine beim ersten Verschnitt eines Bambusrohres im Rahmen verkeilt, suchen wir uns lieber Tätigkeiten, bei denen wir keine Gliedmaßen verlieren können. Sirena hat ohnehin eine andere Aufgabe für uns. In naher Zukunft muss der Bambus des ganzen Hauses imprägniert werden. Es wurde leider versäumt vor dem Hausbau die Rohre entsprechend zu behandeln, da alles schnell gehen musste. Die günstigste Variante ist nun die Behandlung mit Diesel. Jawohl, Diesel. Die berühmte andere Seite der Medaille kommt ans Licht. Damit das Mittel gut einziehen kann, muss der Bambus von seiner rauen Oberfläche befreit werden. Mit feiner Stahlwolle bewaffnet, eine Schleifscheibe gibt es leider nicht, machen wir uns ans Werk. Das was wir von der Oberfläche entfernen sind fiese, auf der Haut Juckreiz erzeugende feine Partikel, die auch noch schön in der Kleidung hängen bleiben. Stephan zieht sich einen tiefen Schnitt in den Finger, als er versucht, die gröbere Stahlwollknolle in kleinere Portionen zu zerlegen. Zum ersten Mal kommt nun unser Erste Hilfe Paket zum Einsatz. Mit zwei Pflastern ist das erstmal erledigt und die Wunde heilt zum Glück schnell wieder zu. Ein sauberer Schnitt. Nach der Reinigung kommt jedoch die Belohnung: Der Bambus fühlt sich geschmeidig glatt an und auch optisch merken wir den Unterschied. In den nächsten Tagen schrubben wir also täglich ein paar Stunden das Haus mit Stahlwolle.
 
Mittags verschlägt es uns meistens ins „Kiwis“, einem kleinen Restaurant in dem es jeden Tag ein anderes Mittagsmenü von gesunder Küche mit Suppe, Hauptgericht und Getränk für $3,50 gibt. Typischerweise gibt es in Ecuador Reis mit Hühnchen oder Fisch. Im „Kiwis“ versucht die Köchin jedoch den Speiseplan mit Gemüsegerichten etwas aufzuwerten.
 
Ab und an bekommt Sirena Besuch von Adam. Er ist ein ehemaliger „Flight Officer“ aus Florida und verbringt hier ein paar Monate mit „Housesitting“. Die eigentliche Hauseigentümerin ist längere Zeit verreist, Adam passt auf ihr Haus auf und darf so kostenlos bei ihr wohnen. Auch Pinar und Sophie, die beiden „Zigeuner-Hippie“ Mädchen, wie sie sich selbst in ihrem Reise-Blog nennen, kommen gelegentlich vorbei. Es wird also nie langweilig. Mit Adam und den beiden Mädels unternehmen wir einen Ausflug zum schwarzen Strand. Dieser heißt so, weil der Sand dort nicht wie üblich weiß oder braun ist, sondern tiefschwarz. Der Sand ist extrem fein, sodass er wie Schlamm auf der Haut haftet. Entsprechend sehen wir dann aus.
 
Auf dem Rückweg nach Mompiche kommen wir am Strand an einem kleinen Tierreservat vorbei. Eine Frau nutzt hier ihr Grundstück, um herrenlosen oder ausgestoßenen Haustieren ein zu Hause zu geben. Etliche Hunde und Katzen, die zum Teil sehr verwahrlost aussehen, teilen sich hier den Platz. Die Frau versorgt diese Tiere und lebt dabei selbst sehr einfach. Die Szene erfüllt mich einerseits mit Traurigkeit, andererseits auch mit Ehrfurcht vor solchen Menschen, die sich so um andere Wesen kümmern und dabei selbst zurückstecken.
 
Wir bekommen Besuch von Freunden, die wir unterwegs kennengelernt haben. Da ist zum Beispiel Ingo. Ihn hatten wir bereits in den USA, Guatemala und Kolumbien getroffen. Er ist auch Motorradreisender, kommt aus Potsdam und ist, mit einem längeren Zwischenstopp zum Arbeiten in Australien, schon seit 4 Jahren auf seiner Tenere unterwegs. Einige Tage später kommen uns Les und Catherine besuchen, die beiden Kanadier, die wir schon auf der Stahlratte getroffen haben. Die beiden reisen ebenso langsam wie wir. Trotz ihren Alters (55 & 65), machen sie eine gute Figur auf den beiden Kawasaki KLRs und scheuen sich vor keinem Abenteuer.
 
So verbringen wir einige entspannte Tage in Mompiche, leben im Bambushaus, schrubben Bambusrohre, spielen Domino, lesen Bücher, treffen uns mit unseren Freunden und genießen den Dschungel um uns herum. Bei einem Ausflug sind wir im Dschungel auf Brüllaffen und viele Spinnen getroffen und wissen nun auch wie frische Kokosnüsse schmecken.
 
Bei einer Einheimischen lernen wir, wie man aus Kakaobohnen Schokolade macht. Zunächst rösten wir die frischen Bohnen in einer gusseisernen Pfanne über dem Feuer. Circa eine halbe Stunde lang müssen die Bohnen ständig umgerührt werden, damit sie nicht anbrennen. Dabei müssen wir die Augen zukneifen, da uns der scharfe Rausch des Feuers Tränen in die Augen treibt. Im Anschluss schälen wir die heißen Bohnen per Hand, eine langwierige Arbeit. Es riecht so gut, dass ich doch mal eine kosten muss. Der reine Kakao schmeckt einerseits bitter, doch das Kakaoaroma ist unbeschreiblich gut.
Der letzte Schritt ist das Mahlen der geschälten Bohnen, denen nach Belieben Gewürze wie Vanillestangen oder Zimt beigemengt wird. Das Mahlen erfolgt per Hand mit einer Kakaomühle (das Gerät sieht einem Fleischwolf ähnlich), die mit einer Schraubzwinge am Tisch befestigt wird. Das Gerät ist wahrscheinlich schon Jahrzehnte alt und will nicht mehr so richtig am Tisch klemmen, was die ohnehin schon schweißtreibende Aktion noch erschwert. Doch das Ergebnis lohnt sich. Wir sind erstaunt, was für eine ölige Masse aus den so trocken erscheinenden Bohnen entsteht. Das Ergebnis kann sich sehen und schmecken lassen. Es ist natürlich immer noch purer Kakao und schmeckt im Vergleich zur Tafelschokolade sehr bitter. Doch als Heißgetränk schmeckt es super und unsere Geschmacksnerven haben mal wieder ein ursprüngliches und natürliches Aroma wahrnehmen dürfen.
 
Auf der Hauptstraße des Dorfes befindet sich eine „Open Air“-Möbelwerkstatt. Der Bambus-Handwerker Alejandro baut hier gemeinsam mit seinem argentinischen Praktikanten Betten und Kleinmöbel aus Bambusrohren. Wir verfolgen einige der Arbeitsschritte aus denen die Stücke aus dem Riesengras entstehen. Kreissäge, Stichsäge und Trennschleifer sind wichtige Werkzeuge. Gemessen wird mit dem Metermaßband, angerissen mit Schablone und Bleistift. Das Zusammenfügen der Teile erfolgt nach mehrmaligem Anpassen durch Bearbeitung mit der Stichsäge. Ein deutscher Arbeitsschutzbeauftragter hätte hier seine wahre Freude: spanende Verarbeitung ohne Schutzbrille, die nackten Füße mit Flipflops bekleidet und die Kabel der Elektrowerkzeuge wild durcheinander… Die Produkte jedenfalls können sich sehen lassen: Sie sind einfach aber funktional und sehen ästhetisch aus. Bis auf die verwendeten Schrauben, wächst das Material dazu einfach aus dem Boden.
 
Im Nachbargrundstück von Sirenas Bambushaus wohnt leider ein geistig Verstörter, der stundenlang Musik in Diskothekenlautstärke hört. Die Hütten hier haben weder Fenster noch Türen, das Bambushaus ist ohnehin nach allen Seiten offen, sodass wir die Beschallung ungefiltert ertragen müssen. Leider sogar nachts um eins. Wir fragen Sirena warum sie oder kein anderer der Nachbarn sich beschweren. Scheinbar will niemand Ärger mit diesem Kerl haben und so bleibt uns nichts anderes übrig, als noch ein paar weitere Nächte mit Latino-Mucke in gefühlten 120 Dezibel Lautstärke zum Einschlafen zu hören. In Ecuador gibt es zwar keine Gartenzwerge, aber andere Nachbarschaftsproblemchen.
 
Mompiche lebt von der Fischerei und immer mehr auch vom Tourismus. Einige kleine Cafés, Bars und Hostels sind bereits vorhanden. Es fühlt sich etwas so an, als wäre das Örtchen noch ein Geheimtipp. Sirena meinte jedoch, während der Surfer-Saison ist der Ort schon kaum wiederzuerkennen, da dann abends auch die Nebenstraßen mit partywütigen Urlaubern gefüllt sind. Wir waren glücklicherweise außerhalb der Saison hier. Für uns lag der Charme neben dem tropischen Flair eher in der Einfachheit und Ruhe, aber damit könnte es bald vorbei sein, wenn der Ort ganzjährig gut besucht ist. Man sagt, Mompiche wird in Zukunft zu einem Surfer- und Backpacker-Partyparadies heranwachsen. Für die Einwohner ist dies immer Fluch und Segen zugleich. Mit den Touristen können sie Geld verdienen, allerdings verkaufen sie auch immer ein Stück von sich selbst.
 
Nach zwei Wochen Wohnen im Bambushaus bepacken wir wieder unsere Motorräder und verabschieden uns von Sirena. Wir hatten eine sehr schöne Zeit hier und haben mal wieder eine ganz andere Art zu Leben kennen gelernt.
 


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Kolumbien – Cali (5)

30.08.2015

Unser heutiges Ziel ist Cali. Mit rund 2,4 Millionen Einwohnern ist es die drittgrößte Stadt des Landes. Wir haben hier einen Kontakt, denn wir bereits in Mexiko von Toni aus Puebla bekommen hatten. Jorge Osorio ist noch U30, hat aber schon mit seiner „Milú“, einem kleinen (250ccm) chinesischen Motorrad, ganz Südamerika unsicher gemacht. Selbst der Winter hat ihn dabei nicht von der Fahrt ins eisige Patagonien abgehalten.
Er lebt gemeinsam mit seiner Freundin Katerine bei deren Eltern. Hier werden wir auch untergebracht. Da es für die Teneres über Nacht zu unsicher vor dem Haus ist, parken wir diese im Wohnzimmer zusammen mit Milú und dem Roller von Katerine. Max und Martin, die beiden Hunde von Katerine, übernehmen die Bewachung.

„Die Welt ist ein Dorf.“ Das haben wir nun schon des Öfteren mitbekommen und auch hier haben wir wieder mal ein Bespiel, wie klein die Welt ist. Als wir zusammen sitzen, zeigt uns Jorge ein Foto und fragt uns ob wir den Kerl darauf kennen. Es ist Ingo, den wir bereits aus Santiago (USA) kennen und immer mal wieder unterwegs getroffen haben. Die beiden haben sich an einer Ampel auf dem Weg nach Bogota kennengelernt und sind bei der Wartephase ins Gespräch gekommen.

Den folgenden Tag verbringen wir mal wieder mit Homeoffice. Ullis Notebook muss eingerichtet werden und Jorge besorgt uns eine Festplatte, die wir für die kommende Datensicherung benötigen. Schnell ist der Montag dann auch schon wieder verflogen.

Am Dienstag fahren wir zuerst gemeinsam mit Jorge Öl kaufen und dann in die Werkstatt ASTURIAS (www.asturias.com.co), um dort einen Ölwechsel zu machen und die Bikes zu checken. Da an der Gabel meiner Tenere schon seit einiger Zeit Öl austritt, nutzen wir hier die Gelegenheit und bitten Jorge (den Besitzer der Werkstatt) um seine Meinung. Er empfiehlt uns das Öl und die Dichtungen zu tauschen und hilft uns dabei. Zum Mittagessen kommt dann auch (unser) Jorge vorbei und wir lassen es uns nebenan bei „Crepes & Waffles“ schmecken. Am Nachmittag überprüfen und schmieren wir noch das Lenkkopflager, da dies gelegentlich Geräusche von sich gibt und in der Gabelbrücke etwas Spiel zu haben scheint. Trotz der Bereitstellung der Werkzeuge und des Platzes sowie der zeitintensiven Unterstützung durch Jorge (Werkstatt) bezahlen wir nur den Materialwert des Gabelöls und der O-Ringe. Vielen Dank für die tolle Unterstützung!

Nachdem alles wieder fahrbereit ist, holt uns Katerine, die ganz in der Nähe arbeitet, mit ihrem Roller ab und führt uns zu einem Aussichtspunkt in der Stadt, wo wir dann auch Jorge treffen. Hier sehen wir, welche Ausmaße die Stadt hat. Von der Stadt selbst bekommen wir ansonsten nicht allzu viel mit, da wir meist mit uns und den Bikes beschäftigt sind. Städte sind für uns ohnehin nur selten interessant. Jedoch bieten sie meist gute Möglichkeiten um Dinge zu besorgen oder verschiedene Sachen zu erledigen. So lassen wir zum Beispiel die gerissenen Nähte der Packtaschen nähen. Ulli baut Lampenschutzgitter aus Aluminium, um die Scheinwerfer vor möglichen Steinschlägen zu schützen. Der alte Schutz aus Plastik hat sich auf der letzten Schotterpiste zwischen Guatape un Manizales gelöst und verabschiedet. Die Lampenschutzgitter, die man im Zubehörmarkt kaufen kann sind mit mehr als 70 € pro Stück unverschämt teuer. Die handgebastelte Lösung hat uns für beide Teile zusammen umgerechnet circa 6€ kostet, allerdings auch einige Stunden Suche nach den passenden Materialien und den Arbeitsaufwand um das Gitter zurechtzuschneiden und anzupassen. Am Ende haben wir eine solide Lösung, die ihre Funktion erfüllen sollte und unseren Teneres einen „einzigartigen“ Look verpasst. Über Geschmack kann man nicht streiten.

Ehe wir uns versehen, ist schon wieder eine Woche vergangen. Da es nun schon wieder Wochenende ist, nutzen wir die Zeit und machen einen kurzen Campingausflug mit Jorge und Katerine zu einem See in der Nähe von Darien. Für einen Teil des Rückweges tauschen wir die Motorräder. Jorge und Katerine nehmen Platz auf meiner Tenere und ich nehme Milú. Ein paar Meter bin ich bereits vorher schon mit ihr gefahren, aber nun haben wir etwas mehr Zeit uns kennenzulernen. Der gravierendste Unterschied am Anfang sind die Bremsen. Bei dem kleinen Bike aus China muss man rechtzeitig und beherzt in die Eisen langen, damit man die gewünschte Verzögerung erzielt und mit der richtigen Geschwindigkeit die Kurve nimmt. An die Dosierung gewönne ich mich aber recht schnell und merke wie die Begeisterung wächst, dieses Leichtgewicht um die Kurven zu werfen. Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel Spaß machen kann. Nachdem wir wieder zurücktauschen, muss ich mich mit der Bremse etwas zügeln und merke was für eine Masse ich nun bewege, obwohl ich kaum Gepäck dabei habe.

Zehn Tage sind wir nun schon in Cali bei Katerines Familie. Heute fahren wir wieder weiter in den Süden. Jorge begleitet uns mit seinem Motorrad noch ein Stück die Stadt hinaus, mit der Oma von Katerine auf dem Rücksitz. Wir haben uns sehr wohlgefühlt und hoffen, dass wir die Beiden irgendwann mal wiedersehen. Da die Beiden planen eine Weltreise zu machen, stehen die Chancen dafür gut.

430 Kilometer schaffen wir an diesem Tag noch und durchfahren auf dem Weg ein sehr trockenes Gebiet durch einen Canyon mit vielen schönen Kurven. Das Fahren macht hier richtig Spaß, jedoch machen uns die kolumbianischen LKW- und Autofahrer mit ihren Überholmanövern im Kurvenbereich ein wenig Sorgen und lassen uns daher unsere Geschwindigkeit etwas zügeln.
In Pasto haben wir keine so richtige Lust nach einer Unterkunft zu suchen und fahren über die Stadt hinaus, obwohl es schon Abend wird. Wir hoffen auf eine kleine günstige Unterkunft außerhalb der Stadt oder eine Möglichkeit zum Zelten. Es findet sich jedoch eine ganze Weile nichts und es wird schon dunkel. Schließlich finden wir eine Trucker Absteige neben einer Tankstelle und lassen uns dort erleichtert nieder, unser letzter Stopp in Kolumbien. Bevor es am 9. September über die Grenze nach Ecuador geht, machen wir noch einen kurzen Abstecher zu einer besonderen Kirche: Sanctuaire de Las Lajas (deutsch: Heiligtum unserer Dame von Las Lajas). Es handelt sich dabei um eine katholische Basilika, die sich in einem engen Tal befindet und besonders detailreich verziert ist. Da dies ein beliebtes Ausflugsziel für Kolumbianer und Ecuadorianer ist, sorgen die Menschenmassen für genügend Stress, sodass wir uns schnell wieder auf den Weg machen.

Ecuador wir kommen.

 


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Kolumbien – von Guatape bis Pijao (4)

13.-30.08.2015
 
Gemeinsam mit Ingo, Joey und Daniel fahren wir am Mittwoch nach Guatape, einem kleinem hübschen Städtchen, dessen Häuser zum Großteil mit bunten Reliefs an den Wänden verziert sind. Ohne Ingo, denn der ist bereist zurück in Medellin, machen wir uns mit einem Tuk Tuk auf den Weg zu dem großen Monoliten „El Peñón de Guatapé“. Der große Felsen sticht aus der umliegenden Landschaft sprichwörtlich heraus. Auf die Spitze des Felsens führen rund 700 Stufen und von hier aus haben wir einen genialen Panoramablick.   Dieser ist vor allem auch dem umliegenden See zu verdanken der zum Betreiben eines Wasserkraftwerks angelegt wurde. Auf ihm liegen zahlreiche Inseln und Halbinseln, die in ihrer Gesamtheit an ein riesiges Labyrinth erinnern.
 
Zwei weitere Tage hält es uns in diesem idyllischen Städtchen, aber dann müssen wir weiter, da wir mit Peter, dem Besitzer einer Pilzfarm, verabredet sind. Er empfängt Couchsurfer und arbeitswillige Reisende (http://reservalaguneta.com). Auf seiner Pilzfarm wollen wir uns ein wenig nützlich machen und für ihn ein paar Fotos erstellen, die er auf seiner Webseite einbinden kann. Damit wir auch verstehen, was da passiert und wir die Champignons ins rechte Licht rücken können, schließen wir uns zwei Tage den Frauen, die die Ernte übernehmen an und arbeiten mit ihnen. So brechen wir dann auch schon das Eis, was uns beim Fotografieren deutlich zugutekommt.
 
Unsere Unterkunft ist eine Art Holzhütte, in der wir unsere Isomatten und Schlafsäcke ausbreiten. Küche und Bad benutzen wir in Peters Haus. Ich weiß nicht wie lange es her ist, aber diese Dusche ist die beste seit langer Zeit. Wirklich warmes Wasser mit einem herrlich konstanten Druck. Ich wusste gar nicht wie sehr man so etwas vermissen kann. Ebenso die Küche, hier macht es endlich wieder richtig Spaß Essen zuzubereiten. Sauber und gut ausgerüstet. Man braucht also keine Bedenken haben, dass man den Geschmack der letzten zehn Malzeiten mitschmeckt.
 
Fürs Wochenende hat uns Peter eine interessante Runde schmackhaft gemacht, die wir die nächsten zwei Tage erkunden wollen. Es geht in den Nationalpark El Nevado. Peter ist hier selbst schon das eine oder andere Mal mit seinem fast schon historischen Land Rover herumgefahren und kann uns den Zustand der Strecke gut beschreiben. Unser Weg führt uns in das kleine Dorf Murillo. Bunte hölzerne Fassaden schmücken fast jedes der hiesigen Häuser und machen dieses Dörfchen sehr lebendig und sehenswert. Hinzu kommt, dass die Menschen hier Ponchos in unterschiedlichen Farben und Formen tragen. Alles ist sehr natürlich und dennoch sauber. Touristen scheinen sich hier her nur selten zu verirren. Hier fühlen wir uns wohl und wir beschließen über Nacht zu bleiben, so machen wir uns auf den Weg und suchen eine Unterkunft, die wir mit Hilfe der netten Dorfbewohner schnell finden. Schnell bringen wir alle Sachen aufs Zimmer, um dann die Teneres durchs Wohnzimmer in den Hinterhof zuschieben. Nachdem die sicher abgestellt sind, erkunden wir das quirlige Dorf. Pferde und Esel werden auf der Straße für den nächsten Arbeitstag vorbereitet, wir machen Fotos mit den aufgeschlossenen Einwohnern und werden sogar in den Hinterhof eines Hauses gebeten, um dort den Welpen anzusehen der drollig die Hühner hin und her jagt. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Das Abendessen inklusive Getränk kostet uns dann zusammen nur rund 2,50 Euro. Die anstrengende Fahrt und die Höhe (rund 3000m) mit ihrer schnell anziehenden Kälte sorgen dafür, dass wir uns auf den Rückweg zu unserem Quartier machen. Trotz der niedrigen Temperaturen schlafen wir ganz gut.
 
Mit einem Frühstück beim Bäcker am Marktplatz beginnen wir den Tag. Entspannt schauen wir uns bei Kaffee, Tee und Gebäck das Treiben auf dem Marktplatz und im Geschäft an. Es hat den Anschein, dass der Poncho selbst zum Schlafanzug getragen und hier zum morgendlichen Spaziergang umgehängt wird. Sattgesehen haben wir uns leider noch lange nicht, aber die Fahrt geht weiter, weiter zu einem weniger erfreulichen Abschnitt dieser Region. Wir wollen nach Armero Viejo, einer Stadt, die am 13. November 1985 von einer Schlammlawine nach einem Vulkanausbruch des Nevado del Ruiz fast komplett zerstört wurde. Damals kamen fast 25.000 Menschen ums Leben. Wir besuchen ein kleines Museum in dem Fotos von der Katastrophe das kaum Vorstellbare zeigen. Sattelitenbilder verdeutlichen das Ausmaß dieses Unglücks. Besonders tragisch ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, das in einem Loch mit Wasser feststeckt und nicht befreit werden kann, obwohl Hilfskräfte bereits vor Ort sind. Vor laufenden Kameras verabschiedet sich das Mädchen namens Omayra Sánchez von ihren Eltern und stirbt letztendlich an Unterkühlung. Schuld an der hohen Anzahl der Opfer ist eine folgeschwere Fehleinschätzung. Damals war man kurz davor die Stadt zu evakuieren, tat dieses aber nicht, da man glaubte die Region sei in Sicherheit. Die Überreste der Stadt kann man zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Motorrad besichtigen. Dabei fährt man gewissermaßen auf den alten Straßen, die jedoch durch den Schlamm ein bis zwei Meter unter uns liegen. Die gesamte Szenerie stimmt uns sehr nachdenklich.
 
Wir sind zurück auf der Pilzfarm und widmen uns einer Idee, die wir die letzten Tage hatten. Wir wollen für Peters neue Webseite ein kleines Video, eine sogenannte Zeitraffer-Aufnahme machen, die den Werdegang der Champignons zeigt. An einer Kiste befestigen wir eine GoPro-Actionkamera, die aller drei bis vier Sekunden ein Foto macht. Das vorläufige Ergebnis seht ihr hier:
 

 
Pijao die „Slow-City“
 
Uns führt die Straße nach Pijao in ein Gebiet, dass für den Kaffeeanbau bekannt ist. Pijao selbst ist ein kleines Städtchen, welche sich dem Konzept einer „Slow-City“ verschrieben hat. Kein Fast-Food, kein Stress, dafür ein entspanntes und gesundes Leben. Das ist der Plan. Pijao macht einen netten Eindruck, doch aus meiner Sicht unterscheidet es sich kaum von anderen Städten dieser Größe. Schön ist es trotzdem.
 
Wir haben eine Unterkunft gefunden, stehen aber vor verschlossenen Türen. Zum Glück hat dies auch Lily, die Nachbarin, mitbekommen und gibt uns zu verstehen, dass wir die Besitzerin anrufen müssen. Lily kommt zu uns auf die Straße und gemeinsam geht sie mit Ulli in das kleine Geschäft, direkt neben an. Dort befindet sich ein Telefon mit welchem die Besitzerin angerufen wird. Zu unserer Überraschung übernimmt Lily die entstandenen Kosten und zahlt den Anruf. Das sind zwar keine riesigen Kosten, aber eine verdammt nette Geste. Wenig später kommt auch noch eine weitere Nachbarin und schenkt uns eine Avocado. Langsam kommen wir ins Grübeln und fragen uns was hier nicht stimmt. So viel Gastfreundschaft ist doch nicht normal. Sehen wir so bedürftig aus? Wir haben keine Antwort.
 
Da wir uns hier nicht nur in einer Kaffee-Region sondern auch Bambus-Region befinden, besuchen wir das „Centro Bambu Nacional de Guadua“ und lassen uns von dem vielfältig einsetzbaren Material begeistern. Gemeinsam mit zwei Kanadierinnen bekommen wir eine Tour. Diego, der Guide ist überaus erfreut, dass wir noch zu dieser Führung stoßen, denn die beiden Kanadierinnen sprechen kaum ein Word Spanisch und er kaum Englisch. So fungieren wir als Dolmetscher. Ulli mehr, ich weniger. Unsere Bikes sind während der Tage in Pijao bei der hiesigen Feuerwehr untergestellt, die sich nicht weit von unserer Unterkunft befinden. Dort stehen sie sicher, da die Feuerwehrstation auch als Stützpunkt für die dortige Polizei genutzt wird.
 
Am Samstag machen wir dann noch mal die Gegend unsicher und begeben uns auf eine Wanderung. Entlang eines Weges zwischen Bananenplantagen geht es stets bergauf, bis wir auf eine kleine Lichtung stoßen, auf der Bambus wächst. Dort machen wir es uns gemütlich uns wollen die unterwegs gesammelten Mandarinen essen. Diese sind aber, obwohl sie reif aussehen, viel zu sauer und ich verziehe zur Freude von Ulli mein Gesicht. Auf dem Rückweg, bei einem kurzen Stopp an einem schönen Aussichtspunkt mit einem kleinen Kiosk, lernen wir Christobal und seine Freunde kennen. Er ist ein erfolgreicher Tierarzt und lädt uns auf eine Cola und ein Stück Kuchen ein. Wir kommen ins Plaudern und nach einiger Zeit lädt er uns zu sich auf die Ranch ein. Am Sonntag wollen wir uns mit einem von seinen Arbeitern treffen, der uns dann zu der Ranch bringt. Sonntags packen wir also unsere Sachen und wollen unsere Bikes bei der Feuerwehr abholen. Eigentlich wollten wir dort einige unserer Fotos zeigen und ein wenig über die Reise berichten, aber nachdem man von uns plötzlich Geld für das Abstellen der Teneres haben will, haben wir keine Lust mehr. Denn vorher haben wir diesen Punkt extra besprochen. Wir nehmen unsere Bikes und fahren zur Unterkunft. Dort beladen wir unsere Lastenesel und fahren weiter zu Kirche, wo wir uns mit dem Mitarbeiter von Christobal treffen wollen. Nach dem dort, auch nach fast anderthalb Stunden warten und zahlreichen Gesprächen mit Passanten, niemand auftaucht, machen wir uns auf den Weg. Die lateinamerikanische Pünktlichkeit ist uns bekannt, aber man muss ja nicht jeden Unsinn mitmachen nur weil es in einem Land so üblich ist. Wir geben an dem Kiosk vom Vortag Bescheid, dass wir am vereinbarten Ort gewartet haben und fahren weiter.
 


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Kolumbien – Ange-Eggt in Medellin (3)

Einige Tage später treffen wir uns mit alten Bekannten (Ingo, Joey, Daniel, Catharine, Les und später auch Matt und Heather) und neuen Gesichtern (wie zum Bsp. Moritz) in einem Hostel in Medellin wieder. Da hier am Wochenende ein großes Blumenfest (Feria de las Flores) stattfindet, sind leider viele Hostels voll oder zu teuer. So müssen wir in den sauren Apfel beißen und teilen uns dieses Mal einen Dorm für 16 Personen mit anderen Reisenden. Das ist nicht so unser Fall. Wir haben das Bett in der Mitte des Zimmers zugeteilt bekommen. Ständig rennen Leute um uns herum, wenn wir eigentlich schlafen möchten.

Am Samstag wollen wir uns die Vorbereitungen zu dem Fest in St. Elena ansehen, denn da sollen angeblich weniger Zuschauer dabei sein. Zuvor schauen wir uns aber noch ein paar Konstrukte aus Blumengestecken in der Stadt an. Diese sind allerdings eher enttäuschend. Leider sind wir nun etwas spät dran und schaffen es nicht mehr rechtzeitig nach St. Elena. Dafür haben wir aber eine interessante Fahrt mit der Seilbahn. Wenige Meter übern den Häusern geht es den Berg hinauf. Je höher wir kommen umso ärmlicher werden die Häuser und später die Hütten. Aber der Ausblick über der Stadt und den Rest des Tales wird mit jedem Meter den wir an Höhe gewinnen beeindruckender und zeigt uns die riesigen Ausmaße der Stadt, die sich wie ein Organismus vom Tal ausbreitet und die steilen Hänge hinauf wächst. Den Abend lassen wir im Park mit Bier und leckeren Hot-Dogs ausklingen. Während wir uns unterhalten, bekommen wir laufend Kaugummis angeboten. Wie wir nach kurzer Zeit und einigen versteckten Hinweisen mitbekommen, sind dies spezielle Kaugummis, welche Kokain oder andere berauschende Substanzen enthalten. Nein Danke, wir haben auch so genug Spaß.

Schnell merken wir, dass wir bei den Menschenmassen, welche sich am Sonntag ebenfalls die Parade ansehen wollen, keine Chance haben unsere Gruppe zusammenzuhalten. Einige treten, von der Menschenmasse genervt, schnell den Rückweg an. Der Rest teilt sich in kleinere Grüppchen und schaut sich das Spektakel an. Die Masse an Menschen erinnert ein wenig an die Love Parade. Gemeinsam mit Joey kämpfen wir uns bis an einen Platz direkt hinter der Absperrung an der Straße vor, an der die Parade vorbeizieht. Hier sehen wir, wie sich die Silleteros, die Träger der zum Teil riesigen und kunstvollen Blumengestecke, abmühen müssen um diese Blütenpracht auf ihren Rücken zu tragen. Einige dieser Gestecke sind rund 2 x 2m groß und wiegen mit Gestell bis zu 75kg. Früher haben einfache Arbeiter ihre Herren auf Stühlen, die sie auf den Rücken gebunden bekamen, durch schweres Gelände getragen. Solch einen menschlichen Träger nannte man „Silletero“ (Silla bedeutet Stuhl) und bei diesem Fest soll an die Leiden dieser Vorfahren erinnert werden. Zwischendurch sorgen diverse Tanzgruppen für etwas Abwechslung. Mit selbstgemachten Königsberger Klopsen für 11 Personen beenden wir diesen erlebnisreichen Tag entspannt im Hostel.

Am nächsten Tag wollen wir uns die „Comuna 13“ ansehen. Früher, das heißt bis gerade mal vor vier Jahren, war dieses Stadtviertel alles andere als einen Besuch wert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, hätte man dieses dichtbesiedelte Viertel nicht mehr lebend verlassen. 2011 wurden in Medellín trotz sinkender Mordrate immer noch über 1600 Menschen umgebracht. Arbeitslosigkeit, große Klassenunterschiede, starke soziale Spannungen und der anhaltende Bürgerkrieg waren ein fruchtbarer Boden um diese Gewaltbereitschaft wachsen zu lassen.

Jetzt ist davon allerding nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil! Wir fühlen uns in dem überaus farbenfrohen und mit vielen kunstvollen Graffitis verzierten Stadtteil sehr wohl. Ein besonderes Highlight ist hier eine der wohl längsten Rolltreppen der Welt. 348m, was umgerechnet rund 28 Stockwerken entspricht, welche mit den verschiedenen Segmenten der Rolltreppe bewältigt werden können. Dies ist besonders hier ein enormer Vorteil, denn nur einige Häuser sind bequem mit einem Auto von der Straße aus zu erreichen.

Wie es der Zufall so will, treffen noch weitere Bordmitglieder der Stahlratte in unserem Hostel ein. Etwas verdutzt sieht uns Christine an, als sie ins Hostel hereinkommt. Die Welt ist ein Dorf. Am späten Abend kommen dann auch Eli und Patrick zu uns. Zuvor schlendern wir aber noch mit Christine durch die Stadt und gönnen uns abermals einen der leckeren Hot-Dogs.

Ange-Eggt
Aber was ist das? „Platsch“. Auf dem Rückweg zum Hostel hören wir plötzlich ein sonderbares Geräusch und einige von uns merken, zum Teil schmerzhaft, dass sie etwas berührt hat. Es dauert einige Sekunden bis wir realisieren, dass die Insassen des vorbeifahrenden Pick-Ups Eier auf uns geworfen haben. Ich merke es erst gar nicht, aber auch mich hat es am Hosenbein erwischt. Wir fragen uns weshalb jemand Eier auf uns wirft. Ausländerfeindlichkeit oder einfach nur Langeweile von pubertierenden Jugendlichen. „Platsch“ Bevor wir zu einer Entscheidung kommen, treffen uns bereits die nächsten Eier. Unbemerkt kam der Pick-Up wieder von hinten an uns herangefahren. Und die Insassen hatten abermals ein leichtes Spiel mit uns, denn wer hätte schon gedacht, dass die noch mal wiederkommen. Ein drittes Mal kommen sie leider nicht vorbei…


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Kolumbien – Santander (2)

18.07 – 06.08.2015

Bei bis zu 41°C fahren nun auch wir in den Süden. Die Hitze und die langweilige Strecken machen uns zu schaffen, die Kühlung vom Fahrtwind ist nicht mehr nennenswert. So sind wir froh, dass wir die Stadt Bucaramanga weitestgehend umfahren können und nicht lange in der Hitze beim „Stop and go“ leiden müssen.
 
Kurz nachdem wir den Canyon Chicamocha passiert haben, finden wir auch schon einen netten Campingplatz, wo wir unsere Zelte aufschlagen. Das Ganze erinnert eher an eine kleine Kommune. Hier wird fast alles selbst angebaut, was man zum Leben braucht und mit diversen Bambuskonstrukten, wie Schaukeln oder Wäschespinnen, wird auch noch etwas Geld verdient. Javier, ist ein Mann der hier zu arbeiten scheint. Er lädt uns für den nächsten Tag zum Frühstück ein und zeigt uns die Gegend. Am Ende organisiert er auch noch einen Geländewagen mit dem wir alle gemeinsam zu einem grandiosen Aussichtspunkt fahren. Eigentlich wollte er, dass wir mit den Motorädern und ihm als Sozius dort hinfahren. Zum Glück haben wir das nicht gemacht, denn die Strecke ist so stark zugewuchert, dass wir mit dem Motorrad keinen Spaß gehabt hätten.
 
Heute trennen sich auch vorerst unsere Wege. Less und Catharine fahren eine andere Route als wir. Unser Ziel ist Villa de Leyva ein kleines Städtchen, welches besonders schön sein soll. Die Fahrt dorthin ist nicht besonders schön, da nerviger Verkehr und haarstäubende Überholmanöver der Trucks jederzeit zu besonderer Vorsicht veranlassen und an ein entspanntes Vorrankommen nicht zu denken ist. Eigentlich wollten wir hier eine Wanderung im nahegelegenen Nationalpark machen, aber dort will man umgerechnet rund $30 für den Eintritt und das Parken der Bikes haben. Das ist definitiv zu viel für eine Wanderung.
 
Da wir die gesamte Strecke nach Medellín, die uns durch die Berge von Santander führt, an einem Tag nicht schaffen, machen wir einen Stopp auf halber Strecke. Da wir an Höhe verloren haben, macht uns die Hitze hier wieder mehr zu schaffen. Bei der Zimmersuche handelt Ulli die geschäftstüchtige Frau, namens Flor, von 40.000 auf 20.000 Kolumbianische Pesos runter, was etwas mehr als 6 Euro sind. Für den Preis bekommen wir 2 Zimmer mit je einem Bett. Ein wenig wundert sie sich, dass wir ausgerechnet hier anhalten. Normalerweise stoppen hier nur Trucker, wenn sie es wegen der hereinbrechenden Nacht nicht mehr weiter schaffen. Das Gespräch vertieft sich und sie fragt uns, ob sie uns ein wenig das Dorf zeigen soll. Gern nehmen wir ihr Angebot an und besuchen unteranderem ihre Nichte auf einem Bauernhof mit Truthähnen und Pferden. Dort erzählt sie uns auch, dass es nicht allzu weit von hier einen schönen Wasserfall gibt. Deshalb beschließen wir noch einen Tag länger zu bleiben und den Wasserfall am nächsten Tag zu suchen. Hierbei schließen sich Flor und zwei Nachbarskinder mit an, da es für uns unmöglich ist den Wasserfall alleine zu finden. Wanderwege und Wegmarkierungen gibt es hier nicht. Wir verbringen einen sehr interessanten Tag mit den dreien, baden unter zwei Wasserfällen, schlagen uns durch dichtbewachsenen Dschungel, besuchen eine Finka, auf der Flor 35 Jahre lang gelebt hat (keine Straße nur ein kleiner Pfad führt zu diesem Ort) und finden große versteinerte Fossilien. Ein rundum gelungener Tag. Das hätten wir gestern nicht gedacht, als wir hier für eine Übernachtung angehalten sind.
 
Wieder zurück kochen wir für Flor und uns Pasta zum Abendessen. Flor zeigt auf die Oliven die wir für die Soße verwenden und fragt ob das Fleisch sei. Ulli versucht ihr zu erklären, dass es sich hierbei um die „Frucht“ handelt, mit der James Bond seine Drinks verfeinert. James Bond kennt sie auch nicht. Da uns der letzte Tag sehr gefallen hat, denken wir uns, dass wir ihr etwas mehr geben, als sie ursprünglich für die Übernachtungen und das Essen veranschlagt hatte. Zu unserer Überraschung kommt sie aber kurz darauf zu uns zurück und fragt, ob wir nicht noch freiwillig etwas mehr Geld für den letzten Tag geben wollen. Ihr ist dies sichtlich unangenehm und wir gehen davon aus, dass diese Aktion von ihrem mürrischen Ehemann ausgeht. Wir zücken noch einmal die Geldtasche, warum wissen wir selbst nicht und sind etwas enttäuscht, dass es am Ende wieder auf so etwas hinausläuft.
 


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Kolumbien und seine Überraschungen (1)

20.07.2015

Nachdem wir uns langsam wieder an den festen Boden unter unseren Füßen gewöhnt haben, müssen wir uns auch schon eine neue Unterkunft suchen. Zum Glück hat Ulli bereits in Panama ein nettes Hostel ausfindig gemacht und gebucht. Hostels findet man in Cartagena zwar viele, aber der Extraplatz für die Bikes stellt sich oftmals als eine Herausforderung heraus. Und da nicht nur wir dieses Problem haben, sondern auch einige andere Mitreisende, fahren wir quasi im Konvoi zum „Casa Torices Real“, dem bereits im Voraus gebuchten Hostel. Vorerst im Taxi, da wir die Bikes erst am nächsten Tag abholen können.

Diana, die Chefin des Hauses, empfängt uns in ihrem Hostel äußerst herzlich und sorgt dafür, dass es uns an nichts fehlt. So etwas sind wir schon lange nicht mehr gewöhnt. Es wurde oftmals nur erwartet, dass Touristen viel bezahlen, möglichst ohne etwas dafür tun zu müssen. Am nächsten Tag schleusen wir die Motorräder durch den Zoll und versichern sie anschließend. Dies klingt hier einfacher als es war, wir sind schließlich immer noch in Lateinamerika. Das heißt also 2 Stunden warten auf unseren Versicherungsagenten (hätte er nicht unsere Dokumente, hätten wir alles schon selbst erledigt, bevor er ankam und wie sollte es anders sein, die Dokumente waren meistens auch noch fehlerhaft ausgestellt). Nachdem aber alles irgendwann geschafft ist, finden nun nicht wie geplant vier Bikes sondern insgesamt neun (später 11) Motorräder im Hostel Platz. Allerdings mussten wir ein wenig auf Eli warten, da wir ihn während der Fahrt zum Hostel verloren haben und er dann einige Stunden umhergeirrt ist.

In den einladenden Gemeinschaftsraum des Hostels lassen wir die Zeit auf der Stahlratte Revue passieren und unterhalten uns über unsere Reisen und Erfahrungen.
Da wir uns hier in einer geschichtsträchtigen Stadt befinden, welche 1533 gegründet wurde, gehört ein kleiner Stadtbummel auch zu unserem Tagesprogramm. Viele Reisende sagten uns bereits im Vorfeld, dass Kolumbien zu ihren liebsten Reisezielen gehört. Dies liegt vermutlich auch daran, dass sich das Land gerade erst im „Aufbruch“ befindet, was den Tourismus angeht. Vermutlich ist es die bisher noch erhaltene Natürlichkeit, was dieses Land wohl sehr liebenswert macht. Nicht vergessen sollte man auch den Umstand, dass bis vor wenigen Jahren der Kampf zwischen der Regierung und der FARC (eigentlich F.A.R.C.-E.P. (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo – Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee)) in vielen Teilen des Landes den Tourismus unmöglich machte. Entführungen und Kampfhandlungen waren an der Tagesordnung. Die Situation hat sich deutlich verbessert und dies merkt man auch den Einwohnern Kolumbiens an, die nun erkennen welche Möglichkeiten ihnen jetzt offenstehen. Es ist wie im Frühling kurz vor dem Erblühen eines ganzen Landes.

Zu acht verlassen wir am Donnerstag unser Hostel. Heather und Matt begleiten uns ein Stück auf dem Weg nach Barranquilla. Sie besuchen einen Matschvulkan in dem man sitzen und entspannen kann. Wir (Joey, Daniel, Catharine und Less, die beiden Kanadier) fahren weiter nach Barranquilla, denn dort wartet Post auf uns. Joey und Daniel sollen ein paar Ersatzteile und wir unsere neue Kreditkarte bekommen, als Ersatz für die in Nicaragua gestohlene. Auf dem Weg dahin fängt es so stark an zu regnen, dass wir auch unsere Regensachen überziehen. Je näher wir der Stadt kommen umso mehr regnet es, aber die Regenkleidung hält uns zum Glück halbwegs trocken. Beim Warten an roten Ampeln versucht mir ein Taxifahrer etwas zu erklären, was mit dem Regen zu tun hat. Leider verstehe ich ihn aufgrund meiner mangelnden Spanischkenntnisse, dem Geräuschpegel der Straße und dem Regen nur sehr schlecht. Es hat irgendwas mit dem Regen zu tun. Ich meine nur, dass wir bei dem Regen ohne Probleme fahren können und dann ist die Ampel auch schon grün und wir fahren weiter.
Es hat den Anschein, dass mit jedem Meter den wir weiter ins Innere der Stadt fahren, der Regen zunimmt und das Regenwasser auf der Straße höher wird. Die paar Zentimeter sind zwar noch lange kein Problem, aber mit jedem Stopp an einer Ampel und dem damit verbundenen Fuß abstellen, hat man das Gefühl, dass der Wasserpegel rasant ansteigt.

Irgendwann ist es dann so weit. Joeys BMW kommt nicht weiter. Das Wasser auf der Kreuzung ist mittlerweile so hoch, dass wir nicht mehr sehen können ob etwas vor uns liegt oder z.B. Gullideckel offen sind. Daniel konnte sein Bike abstellen und kommt ihr schon zu Hilfe. Auch wir versuchen unsere Motorräder abzustellen, dies ist jedoch schwieriger als gedacht. Das Wasser schießt nun förmlich von der Nebenstraße auf die Kreuzung und macht das Lenken unmöglich. Deutlich höher als die Motorradstiefel ist das Wasser nun schon. Zum Glück unterstützen mich zwei Anwohner und später auch Daniel dabei, meine Tenere auf die andere Seite der Straße zu bekommen. Es ist kaum möglich den Lenker gerade zu halten, so stark drück das Wasser gegen das Vorderrad. Ich bin froh, dass mich die Wassermassen nicht komplett zur Seite drücken. Geschafft! Mit vereinten Kräften bringen wir nun Bike für Bike auf den „trockenen“ Fußweg. Alle Bikes sind in Ordnung und niemand ist zu Schaden gekommen. Nachdem wir später im Internet einige Videos sehen, in denen unter anderem Autos und sogar Busse von den Wassermassen weggeschwemmt werden, merken wir wie viel Glück wir in dieser Situation hatten. Erst recht als wir später erfahren, dass in der Stadt ein Jugendlicher von der Strömung mitgerissen wurde und verstarb.

„Arroyos“ wird das Problem mit den Wassermassen genannt und dieses ist auf ein schlechtes bzw. fehlendes Abwassersystem zurückzuführen. Jedes Jahr in der Regenzeit wird durch die Niederschläge die gesamte Stadt lahmgelegt. Das war es wohl, was der Taxifahrer mir versucht hat zu erklären.

Wir bleiben einen Tag länger als geplant, um unsere Sachen zu trocknen. Daniel und Joey brechen trotzdem auf, kommen aber nach ein paar Stunden wieder, da sie nicht aus der Stadt herauskommen. Das Verkehrschaos und die lateinamerikanische Art Probleme zu lösen, machen eine Abreise selbst mit Motorrädern unmöglich, da sich Autos auch in die kleinste Lücke zwängen und glauben so schneller voranzukommen.

Wir brechen am nächsten Morgen nach Minca auf. Hier hoffen wir auf eine Abkühlung, denn in Küstennähe auf Meereshöhe wird es uns langsam zu warm. Da kommt uns das ein wenig höher gelegene Örtchen gerade recht. Da es auch hier leider nicht sonderlich kühler ist, brechen Joey und Daniel am nächsten Tag wieder auf und versuchen im Süden noch weiter an Höhe zu gewinnen. Wir hingegen erkunden mit Less und Catharine die Gegend, besuchen einen Wasserfall, trinken in einer „alternativen“ Kaffeestube Tee und Kaffee, und beobachten dabei Kolibris. Den Rest des Tages lassen wir entspannt in der Hängematte ausklingen.


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666 teuflisch gute Tage

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Stahlratte

17.-20.07.2015
 
Ein neuer Kontinent wartet auf uns. Der Urwald zwischen Panama und Kolumbien ist für Motorradfahrer nahezu undurchdringlich, da es nicht einmal eine Schotterpiste hindurch gibt. Dessen Durchquerung mit dem Motorrad ist zwar schon Leuten geglückt, doch gleicht dieses Unterfangen eher einer extremen Expedition, auf der man sich auf die Begegnung mit bewaffneten Guerillas einstellen müsste. Vor zweieinhalb Monaten, in San Salvador, hatten wir bereits unsere Mitfahrt auf dem Segelboot gebucht. Nun sind wir soweit, um Zentralamerika zu verlassen und machen uns auf den Weg zum Ankerplatz der Stahlratte.
 
Wir quälen uns durch den Stau in Panama City. Die letzten 35 km fahren wir über die bisher beste Achterbahnstraße, die wir je gefahren sind. Die mittlerweile fast vollständig asphaltierte Straße durch den Regenwald, ist zum Teil so steil, das man diese Abschnitte nur mit einem Allradfahrzeug oder eben einem Motorrad bewältigen kann. Auf dem Bike hoffen wir nur, das wir bei der Steigung nicht wegen Gegenverkehr anhalten müssen.
 
Am Eingang des Reservates der Kuna-Indianer müssen wir die Kuna Tax (Steuer) bezahlen: stolze $23 werden pro Person verlangt. Dann endlich, nach weiterer Fahrt durch den Dschungel, erreichen wir das Meer und da liegt sie, die Stahlratte.
Sie ist ein mehr als 100 Jahre altes Segelboot und wird noch als „echtes Piratenschiff“ anerkannt. 1903 wurde der Zweimaster in einer holländischen Werft erbaut. Der Rumpf besteht aus genietetem Stahl, ist 38,5m lang, 6,6m breit und hat 2,8m Tiefgang. Betrieben wird die Stahlratte heute vom Verein zur Förderung der Segelschifffahrt, hat ihren Heimathafen in Bremerhaven und derzeit einen deutschen Kapitän namens Ludwig (genannt Lulu). Das Schiff hat schon viel von der Welt gesehen. Derzeit konzentrieren sich die Törns auf die Karibik mit Überfahrten zwischen Panama und Cartagena, Kuba, Jamaika und Belize. Kurze Zeit vor unserem Trip gab es einen Schaden am Zylinder, der jedoch in Kuba vorübergehend behoben werden konnte. Wir freuen uns schon seit dem Tag der Buchung auf dieses Abenteuer.
 
Wir sind die ersten der 12 Biker die mitfahren und warten am Steg auf die anderen. Les und Catharine, die beiden Kanadier, die wir bei Cancun zum ersten Mal getroffen hatten (NoAgendaWorldTour), begrüßen wir als erstes. Mit Mitte 50 und Mitte 60 sind sie auf eine Motorradweltreise aufgebrochen, Respekt! Bis auf Joey und Daniel, die auch mitfahren, kennen wir die anderen noch nicht. Es kommen noch Ben, Eli und Patrick aus den USA, Thomas mit seinem Elektrobike aus Polen, sowie Matt und Heather aus Australien und Kanada hinzu. Den beiden sind wir sogar schon einmal kurz in El Salvador über den Weg gelaufen, damals ohne Motorräder. Sie sind beide leidenschaftliche Surfer und transportieren ihre Surfboards seitlich am Motorrad. Das ist natürlich ein Hingucker und wir rätseln schon wie gut man damit fahren kann. Matt hat zusätzlich noch einen Anhänger hinten dran, um die Neoprenanzüge und weitere Ausrüstung zu transportieren. Es ist interessant zu sehen, wie andere Leute reisen und was es für verrückte Ideen gibt.
 
Nun aber zum Boarding: es gibt weder eine schöne Anlegestelle am Ufer noch eine Rampe an Board, um mit den Bikes auf das Schiff fahren zu können. Die Stahlratte legt also seitlich am Steg an und jedes Motorrad wird mit einem Seilzug von der Stahlratte an Deck gehoben. Das geht mit vereinten Kräften überraschend schnell und bald stehen neun Bikes sicher an Board. Es fehlen noch Joey und Daniel sowie Thomas mit dem Elektrobike. Wir machen uns langsam Sorgen um unsere Freunde, als sie mit fast zwei Stunden Verspätung doch noch ankommen. Gerade heute wurden sie von einer Polizeikontrolle aufgehalten.
 
Damit wir der 3-köpfigen Crew beim Verzurren und Abdecken nicht im Weg rumstehen, werden alle Passagiere mit einem Motorboot auf eine der nahegelegenen Kuna Inseln gefahren. Das ist Teil des ersten Tages und normalerweise hätte genug Zeit sein sollen, um diese kleine Karibikinsel zu erkunden und baden zu gehen. Leider wurden wir erst gegen 16:30 auf die Insel gebracht, sodass wir fast nichts mehr von dem Aufenthalt dort hatten. Dazu kam, dass sich die Kuna den Aufenthalt auf ihrer Insel, die scheinbar als Touristenauffangstation gedacht ist, teuer bezahlen lassen. Wir hatten also keine andere Wahl, als zähneknirschend die $30 pro Person hinzulegen. Das war mit Abstand die teuerste Übernachtung unserer ganzen bisherigen Reise. Auf der kleinen Insel gibt es nichts außer dieser Unterkunft und eine Landebahn. In weiter Entfernung liegen die Inseln, auf denen die Einheimischen tatsächlich wohnen. Wir denken uns unseren Teil und vermuten, dass die Stahlratte diesen Deal eingehen muss, um sich die Anlegestelle im Kunagebiet zu erhalten. Einen Aufenthalt auf einer „Indianerinsel“ haben wir uns jedenfalls anders vorgestellt. Später erfahren wir von Lulu, dem Kapitän des Schiffs, dass man weltweit, nur noch an den Inseln der Kuna ankern kann und die Inseln dann auch betreten darf. Überall anders müsse man Hafengebühren zahlen oder darf an Privatstränden gar nicht erst anlegen. Ein solcher Trip mit der Stahlratte, der einen Aufenthalt auf den San Blas Inseln mit BBQ am Strand beinhaltet, sei nirgends mehr möglich. Daher sei seiner Meinung nach auch die hohe Kuna Tax gerechtfertigt.
 
Am nächsten Morgen werden wir erst gegen Mittag wieder von der Insel abgeholt und zurück zur Stahlratte gebracht. An Deck gibt es ein leckeres Frühstück und dann heißt es Anker los. Es ist nur ganz schwacher Wellengang vorhanden, aber wir denken uns bald, dass die Überfahrt auf offener See heiter werden kann. Mir wird von dem bisschen Schaukeln schon fast übel. Nach circa zwei Stunden erreichen wir die San Blas Inseln, vor denen wir für die nächsten zwei Nächte ankern werden. Es sind mehrere kleine Inseln mit Kokospalmen und feinem Sandstrand im türkisblauen Meer, wie man sie aus Werbefotos kennt. Wir legen direkt die Badesachen an und gehen eine Runde schnorcheln, wobei wir Seesterne und Seeigel zu sehen bekommen. Am frühen Abend gibt es auf der Insel ein BBQ: Auf dem Rost über dem Feuer grillen wir uns Spieße mit Banane, Fleisch, Zwiebeln, Tofu und Paprika. Dazu gibt es Salat mit Brotfrucht. Noch lange sitzen wir alle am Lagerfeuer und tauschen Geschichten aus aller Welt aus. Zum Schlafen gehen wir wieder aufs Schiff und werden noch Zeuge eines schönen Naturschauspiels: das Schiff wird von mehreren Rochen umkreist. Im Taschenlampenlicht leuchten sie gelblich-weiß und wir beobachten, wie diese majestätischen Gestalten durchs Wasser schweben. Gelegentlich springt sogar eines dieser beeindruckenden Tiere aus dem Wasser.
 
Die Kuna Indianer
Die San Blas Inseln sind mit Kokospalmen bepflanzt. Eigentlich sind es Kokospalmen-Plantagen, die von den Kuna angelegt worden sind. Früher waren die Inseln mit Mangroven bedeckt, welche die Indianer abgeholzt haben. Die Inseln sind nicht dauerhaft bewohnt, doch kommen die Familien abwechselnd für jeweils 3 Monate zur Ernte auf die Inseln. Die geernteten Kokosnüsse dürfen sie dann verkaufen. Mit Einbäumen fahren sie auf dem Meer von einer Insel zur anderen. Auf unsere Frage hin, wie die Kuna sich mit Trinkwasser versorgen, erzählt uns Lulu, dass sie nur durch das Trinken von Kokosnusswasser und das Essen von Früchten und gekochten Gerichten Flüssigkeit aufnehmen. Er erzählt uns weiterhin, dass die Kuna ein sehr friedvolles Völkchen sind. Sogar mit ihren eigenen Straftätern seien sie sehr geduldig und versuchen diese mit Worten anstatt mit harten Strafen zu belehren. Wenn der Geduldsfaden jedoch reißt, folgt die Verbannung aus dem Stamm. Bei Untreue gibt es allerdings doch eine Strafe: der Betrüger muss einen Tag an einem öffentlichen Platz auf einem Ministuhl sitzend ausharren, ohne umzufallen. Die Kuna dürfen sich zwar mit Fremden verheiraten, doch müssen sie dann den Stamm verlassen, da eine Integration des Nicht-Kuna in den Stamm nicht möglich ist.
 
Ein Unwetter am nächsten Morgen hindert uns daran wieder schnorcheln zu gehen. Dafür sichten wir Delphine und schauen uns geschützt auf dem Boot das Blitzlichtgewitter an. Drei Kuna-Frauen in farbenfroher traditioneller Kleidung kommen an Board und verkaufen ihren Schmuck. Leider sind sie etwas fotoscheu. Wir wollen mit dem Schnorcheln warten bis sie wieder abreisen, um Fotos machen zu können, wenn sie mit ihrem Einbaum abfahren. Am Ende steigen sie leider ins Motorboot und ziehen den Einbaum hinter sich her.
 
LuLu filetiert inzwischen an Deck den bestimmt 1 Meter langen Fisch fürs Abendbrot, den die Kuna vorbeigebracht haben. Die Crew hat in der Zeit das Swing-Rope klargemacht, ein langes Seil, an dem wir uns von der Reling ins Wasser schwingen können. Diese akrobatische Übung kostet doch etwas Überwindung, denn es sieht vom Absprungort am Bug aus, als würde man in die Seite vom Boot knallen, bevor man unten ankommt. Es macht jedoch großen Spaß, auch wenn man ab und an etwas unsanft im Wasser landet. Später fährt uns Juan, eines der Crew-Mitglieder, in kleinen Gruppen hinaus zu einer Mini-Insel, auf der genau eine Palme steht. Um diese Insel herum zieht sich ein Riff, das wir nun erkunden wollen. Gemeinsam mit Joey mache ich mich in Schnorchelausrüstung auf den Weg. Die Korallen sind zwar wenig farbintensiv, aber sie haben sehr interessante Formen. Es tummeln sich einige bunte Fische um uns herum und wir sehen einen Aal und eine Muräne, der wir lieber nicht den Finger hinhalten. Es herrscht guter Wellengang und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von der Insel wegtreiben lassen oder unsanft aufs Riff gedrückt werden.
Am Abend gibt es an Deck ein ausgezeichnetes Dinner mit gebackenen Kartoffeln, paniertem Fisch und Hummer in Sauce. Nach einem schönen Abend an Board, bewundern wir wieder die Rochen, die uns umkreisen.
 
Nun wird es ernst. Gegen 5:30 Uhr heißt es Anker los und wir beginnen die circa 30 Stunden dauernde Überfahrt auf offener See nach Cartagena. Von weitem sehen wir schon die dunkle Wolkenfront und recht bald befinden wir uns in einen Sturm. Bei dem Regen und Wind können wir nicht mehr an Deck bleiben, und gehen unten ans offene Heckfenster. Es dauert nicht lange bis die Seekrankheit einsetzt. Wir haben keine Anti-Seekrankheit Tabletten genommen und müssen uns abwechselnd übergeben, als wäre es ansteckend. Für uns fühlt es sich an wie extrem starker Seegang. Halb über dem Heckfenster hängend, blicken wir auf die Wellenberge, die sich hinter uns aufbäumen. Aus dem Wellental heraus können wir nicht mehr über den Wellenberg hinausschauen und sehen keinen Horizont mehr. Wiederum auf dem Wellenberg sitzend, blicken wir in die Tiefe. Die Wellenberge und -täler von nah und fern ergeben ein einzigartiges Muster, eine riesige wabernde Masse, die fast nicht begreifbar ist. Um uns herum ist nur Wasser, soweit das Auge reicht. Auf einer Seegang-Skala von 1 bis 10 wäre es laut Lulu immer noch eine 1, was wir für etwas untertrieben halten. Seine Crew gibt dem Seegang immerhin eine 3. Wie fühlt sich dann wohl „Seegang 10“ an oder allein schon diese Fahrt auf einem kleineren Segelboot?
 
Nachdem wir um die Wette gekotzt haben, versuchen wir es damit uns unter Deck hinzulegen und die Augen zu zumachen. Das funktioniert sogar einigermaßen. Ich entscheide mich dann doch eine dieser Anti-Seekrankheits-Tabletten zu nehmen, damit es später auch im Stand besser geht, doch nach 2 Minuten kommt sie wieder raus. Das ist das übliche Problem, wenn man sie nicht schon mehrere Stunden vor Abfahrt genommen hat. Sie bleiben nicht lange genug drin um ihre Wirkung zu entfalten. Nachdem ich einige Zeit geschlummert habe, ruft uns Daniel ans Deck: Delphine! Etwas widerwillig quälen wir uns aus unserer Koje, haben wir doch gerade einen Zustand erreicht, indem uns nicht dauerhaft schlecht ist. Entgehen lassen können wir uns es aber auch nicht und als wir schließlich am Bug stehen, sind wir überwältigt. Unter uns am Bug fliegen die Delphine nur so durchs Wasser. Man sieht kaum ihre Schwimmbewegung, sie scheinen wie Torpedos mühelos durchs Wasser zu schießen. Es ist ein unglaublicher Anblick. Der Kapitän erklärt uns später, dass die Delphine beim Schwimmen vor dem Bug leichter Nahrung fangen können. Die Fische können aufgrund der veränderten Lichtverhältnisse ihre Jäger nicht mehr rechtzeitig erkennen und sind somit leichte Beute.
 
Zum Abendessen gibt es sehr leckere Pasta mit zwei verschieden Saucen, von der wir leider nicht viel runter bekommen. Für den Notfall in der Nacht mache ich mich an Board auf die Suche nach Müllbeuteln. Von dem Herumgetorkel wird mir wieder schlecht und die Pasta verschwindet im nächtlichen Ozean. Beim Herüberlehnen über den Rand erblicke ich unter mir das Funkeln von Leuchtbakterien. Wer hat schon den Luxus sich in ein solch glitzerndes Spektakel übergeben zu dürfen? Nachdem ich fertig bin, bewundere ich noch einige Zeit dieses Naturschauspiel, welches man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Die Nacht können wir ohne weitere Zwischenfälle durchschlafen und erwachen morgens, als wir uns auf spiegelglatter See befinden. Die Seekrankheit ist wie weggeblasen, was zum Zuschlagen beim ausgiebigen Frühstücksangebot verleitet. Später gibt es wieder etwas mehr Wellen und ich bereue das ausgiebige Frühstück schon fast wieder, aber es geht alles gut.
 
Land in Sicht: zum ersten Mal erblicken wir Kolumbien. Wir fahren zwischen zwei alten spanischen Festungen hindurch in eine Bucht und bewegen uns immer weiter auf Cartagena zu. Die letzte Stunde verbringe ich im Bugnetz und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Die Skyline Cartagenas überrascht zunächst, hätten wir nicht mit einer solch modernen Stadt gerechnet. Im Hafen vor Anker liegend, warten wir auf die „Immigration Officer“ um unsere Einreisestempel in die Pässe zu erhalten. Zunächst kommt jedoch die Armada Nacional und durchsucht unser Gepäck. Die Bikes bleiben noch für eine Nacht an Board. Wir verlassen das Schiff nur mit den nötigsten Klamotten und suchen ein Hostel auf.
 
Am nächsten Morgen sind wir um 6:15 Uhr am Hafen um die Bikes abzuladen und das restliche Gepäck zu holen. Je vier Bikes werden auf ein schwimmendes Ponton geladen, welches dann zum Ufer gefahren wird. Die kurze Fahrt mit den Bikes zum Zoll ist quasi illegal, da wir noch keine Einfuhrerlaubnis fürs Fahrzeug haben. Diese bekommen wir allerdings nur, wenn wir das Fahrzeug dem Zoll vorführen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Einheimischer leitet uns auf der Suche nach dem Eingangstor zum Zoll fehl und so drehen wir eine illegale Extrarunde durch den morgendlichen Berufsverkehr im Einbahnstraßensystem. Nun warten zwölf Bikes auf ihre Abfertigung. Die Stahlratte hat einen Agenten organisiert, da der Einfuhrprozess in Kolumbien nicht trivial ist. Dieser kommt zwei Stunden zu spät, sodass wir zusätzliche Wartezeit in Kauf nehmen müssen, da nun viele andere Fahrzeuge vor uns dran sind. Erst um 14:30 könnten wir unsere Papiere abholen, was für den heutigen Tag zu spät ist, um eine Versicherung für das Motorrad abzuschließen. Die Zwischenzeit nutzen wir, um das Gepäck vom Schiff zu holen.
 
Nun heißt es endgültig Abschied zu nehmen von der Stahlratte und ihrer Crew. Etwas wehmütig blicken wir zurück. Es war ein sehr schönes Abenteuer und hätte gerne noch etwas länger andauern können. Kaum war die Seekrankheit überstanden, war es schon wieder vorbei. Auch schweißt das enge Zusammenleben an Board zusammen, ob man will oder nicht. Mit den meisten haben wir uns gut verstanden und neue Bekanntschaften geschlossen.
Insgesamt war es immer entspannt und locker. Der Kapitän und die Crew (Juan aus Spanien und Christina aus Deutschland) waren sehr hilfsbereit und haben für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das Essen übertraf alles, was wir seit langem in Zentralamerika bekommen haben. Das ist vielleicht auch keine Kunst, aber sagen wir es war einfach gut und sehr zufriedenstellend.
 
Wäre die Fähre noch gefahren, hätten wir aus Kostengründen diese genommen. Die Stahlratte hat uns das Dreifache gekostet, war aber letztendlich ein unvergessliches und einzigartiges Erlebnis. Das Freiheitsgefühl auf See welches man plötzlich empfinden kann, ist unglaublich. Gleichzeitig fühlt man sich der Naturgewalt völlig ausgeliefert. Das Meer ist so riesig, dass man es kaum begreifen kann. Wenn man in alle Richtungen nur noch Wasser sieht, fühlt es sich plötzlich so an, als könnte man sich auf einem anderen Planeten befinden. Sind wir gerade wirklich noch in der realen Welt? Diese, von oben manchmal so bedrohlich wirkende Masse, beherbergt unter ihrer Oberfläche doch so viel Leben und so viel Schönheit.
Die Meeresbewohner, die man nur aus dem Film oder Aquarien kennt, in echt zu sehen, war sehr ergreifend. Besonders die Rochen und Delphine wirken majestätisch und das Meeresfunkeln fast schon magisch. Solche Erlebnisse führen wieder zu dem Bewusstsein, dass es für uns wichtigere Dinge gibt, als die Auswahl der passenden Ledersitzbezüge zum Edelholzarmaturenbrett.
 


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Kuba Teil III – zurück in Havanna

05.-08.07.2015
 
Wieder zurück in Havanna wollen wir die Zeit nutzen um noch mehr Eindrücke dieser lebhaften Stadt aufzusaugen. Ein Muss für jeden Havanna Besuch ist der Plaza de la Revolución José Martí. Dessen Fläche ist so riesig, dass dort mehr als eine Million Menschen Platz finden können. In der Umgebung finden sich viele Regierungsgebäude und Ministerien. Das Innenministerium trägt das bekannte hausgroße Bildnis von „Che“, während am Informationsministerium Camilo Cienfuegos in gleicher Größe zu sehen ist. Das Areal des Denkmalturmes von Jose Marti, einem kubanischen Schriftsteller und Nationalhelden, dürfen wir zur der Zeit nicht betreten, obwohl es normalerweise öffentlicher Raum ist. Als wir östlich um den Platz herum gehen wollen und dabei noch unsere Kameras in der Hand haben, machen uns Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass wir hier nicht mehr fotografieren dürfen. Später ist uns dann klar warum, wir stehen dem Verteidigungsministerium gegenüber.
 
Weiter die Straße hinunter kommen wir an einem großen Plakat vorbei, welches die Aufschrift „Bloqueo el Genicidio mas largo de la historia“ trägt. Das bedeutet so viel wie „Stoppt den längsten Völkermord der Geschichte“. Damit appelliert die kubanische Regierung hauptsächlich an die USA, die seit 1959 bestehende Handelsblockade aufzuheben. Seit dem Jahr ist Kuba im Im- und Export stark eingegrenzt, hat sich aber auch zusätzlich selbst Limitierungen geschaffen, indem zum Beispiel keine Waren eingeführt werden dürfen, die zu mehr als 10% in den USA gefertigten Teilen bestehen. Handelsbeziehungen werden verstärkt zu Ländern mit ähnlicher Ideologie gepflegt, wie zum Beispiel Venezuela, der VR China, Nordkorea, Vietnam und damals auch der DDR.
 
Während in den zentralamerikanischen Ländern die Läden voll von Plastikwaren, billigen Elektrogeräten und vielem unnötigem Krimskrams sind, findet sich in Kuba, nur wenige hundert Kilometer entfernt, nichts dergleichen. Aufgrund des Mangels bestimmter Waren und Ersatzteile sind die Menschen auf Improvisationen angewiesen. Im Großen und im Kleinen kann man das beobachten, zum Beispiel wenn wieder ein Obsthändler seinen Wagen auf Kugellagern anstelle von bereiften Rädern durch die Gegend schiebt, Toilettenpapierrollen als Lockenwickler herhalten oder ein Besenstiel die Motorhaube offen hält.
 
Ein interessantes Erlebnis war der Besuch des Eiscafes Coppelia. Hier macht sich besonders das Zweiwährungssystem Kubas bemerkbar. Eine riesige Schlange Einheimischer wartet vor dem Park, indem sich die Eisdiele befindet, um nach und nach hereingerufen zu werden. Sie können nur mit dem nationalen Pesos (CUP) bezahlen. Wir, die glücklichen Touristen, sind in Besitz der Touristenwährung Pesos Convertibles (CUC), welche im Jahr 2004 eingeführt wurde und dürfen direkt ohne anstehen zu müssen am Nachbarstand unsere Eiswaffel kaufen. Für uns ist es zwar mit einem Preis von einem CUC, was einem US Dollar entspricht, immer noch günstig, doch mit der nationalen Währung hätten wir einen Bruchteil bezahlt. Dieses Zweiwährungssystem spaltet die Gesellschaft. Für einen CUC bekommt man je nach Kurs 20-25 nationale Pesos. Alle staatlich ausgezahlten Gehälter (also fast alle) werden in der Nationalwährung CUP ausgezahlt. Die kubanischen Bürger haben in der Regel keinen Zugang zur Touristenwährung. Glück hat, wer im Tourismussektor arbeitet oder wer Verwandtschaft in den USA hat, sogenannte Exil-Kubaner, von denen viele in Florida leben. Im Gegensatz zu den staatlichen Kaufhäusern und Lebensmittelläden, in denen es fast nichts gibt, haben wir inzwischen auch Läden gesehen, in denen es westliche Markenartikel (z.B. Adidas Sportsachen) oder auch Elektrogeräte gibt. Doch in diesen Läden kann man nur mit CUC, bezahlen, das heißt für den Großteil der Bevölkerung sind diese Dinge unerreichbar. Das Eis jedenfalls schmeckt laut Stephan genauso wie zu DDR-Zeiten, was ihm auch schon bei den Nudeln mit Tomatensauce aufgefallen ist, von denen wir uns hier auf der Insel hauptsächlich ernährt haben. Von dem sonst für Einheimische gültigen Preisen profitieren wir beim Kinobesuch, den wir uns an einem Abend gönnen: 10 Cent kostet der Eintritt, sogar auch für uns.
 
Viele Kubaner die uns auf der Straße sehen, sprechen uns direkt auf eine kleine Geldspende an. Manchmal endeten sogar anfangs eigentlich ganz nette Gespräche mit der Bitte um Geld. Mehrmals ist es auch vorgekommen, dass uns Mütter ihre Babys oder Kleinkinder unter die Nase hielten und erwarteten, dass wir Geld für Saft und Süßigkeiten geben. Ein paar Mal kann man etwas geben, aber auf Dauer geht das nicht. Es ist andererseits verständlich, dass die Leute fragen, denn es ist für sie das einfachste Mittel um an Geld zu kommen.
Trotz der nicht zu übersehenden Armut ist die Kriminalitätsrate in Kuba sehr gering. Im Gegensatz zu Zentralamerika können wir uns auf der Insel relativ sorglos bewegen, auch nachts mit umgehängter Kamera. Es gibt kaum Stacheldrahtzaun und die Wohnungstüren, wenn vorhanden, stehen oftmals offen. Auch sehen wir kein bewaffnetes Sicherheitspersonal vor Banken oder Kaufhäusern. Dies mag mehrere Gründe haben: der Bildungsstand ist hoch und von den Einheimischen gibt es nicht viel zu klauen. Wenn man Touristen beklaut, dürfte der Verkauf, zum Beispiel einer Kamera, die es auf dem kubanischen Markt nicht gibt, schwer werden. Für die eigene Nutzung wäre Diebesgut viel zu auffällig, zum lohnenden Verkauf finden sich im Inland keine Abnehmer und das Zeug ins Ausland zu bekommen dürfte auch schwer werden. Auch die mentale Einstellung der Kubaner spielt sicherlich eine große Rolle. Im Land hat sich noch nicht die in der westlichen Welt geförderte Habgier so sehr ausgebreitet. Mit der derzeitigen Annäherung an die USA und Europa und der vermehrten Einfuhr von Waren wird auch hier, wie in anderen Ländern, wo viel Armut anzutreffen ist, die Kriminalitätsrate steigen. Das ist leider menschlich.
 
Ein ähnliches Reizthema wie das ungerechte Währungssystem dürfte für die Kubaner der schlechte Internetzugang sein. Selbst für die Touristen wird es schwer, wenn man nicht in einem der teureren Hotels untergekommen ist. In Vinales hatten wir uns mal erkundigt und die Kosten lagen bei circa 8 CUC pro Stunde. Das war es uns dann nicht Wert. Für die Kubaner ist es problematischer, denn sie haben keinen Zugang zu unabhängigen Informationen über Geschehnisse im In- und Ausland. Die nationalen Print- und TV-Medien sind natürlich der Partei verpflichtet. Wir hatten gehört, dass in Kuba USB-Sticks im Umlauf sein sollen, auf denen aktuelle Informationen und Webseiten aus aller Welt abgespeichert sind, die von Leuten mit Internetzugang zusammengetragen wurden. Rings um Kuba herum findet sich zwar ein Netz von Unterseekabeln, an die Kuba aufgrund des Embargos allerdings bisher nicht angeschlossen werden durfte. Erst in 2013 wurde daher eine eigene Unterseeleitung nach Venezuela fertiggestellt, was die verfügbare Bandbreite gegenüber dem Satelliten-Internet schon deutlich erhöhte. An der Ausweitung der inländischen Kommunikations- Infrastruktur wird momentan gearbeitet, sodass sich die Lage schon verbessert und immer mehr Menschen Zugang zu Information bekommen. Inwieweit Webinhalte von der Regierung zensiert werden, können wir nicht beurteilen.
Ein positiver Effekt des nicht dauerhaft zur Verfügung stehenden Internets war jedoch zu beobachten: in Kuba haben wir kaum Smartphone-Zombies gesehen, wie wir sie aus Europa, den USA und inzwischen auch verstärkt aus Lateinamerika kennen. Die Menschen hier reden noch miteinander, anstatt Nachrichten an entfernte Freunde zu schicken, obwohl sie gerade mit physikalisch Anwesenden am Tisch sitzen.
 
In Havanna ist es spannend abends im Dunkeln durch die Wohnviertel zu laufen. Viele Fenster und Türen stehen offen, sodass man in die erleuchteten Wohnstuben blicken kann. Die Einrichtungen sind spärlich und die Möbel erinnern oftmals an DDR Zeiten. Als wir durch eine dunklere Straße gehen, winkt uns jemand zu sich herüber. Wir erwarten schon, dass er uns nach einem kurzen Gespräch nach Geld fragt. Doch darauf „warten wir vergeblich“. Der Mann heißt Thomas, ist zwischen 55 und 60 Jahren alt und er ist Musiker. Er möchte uns ein paar seiner Lieder vorspielen und mit uns zusammen singen. Nachdem wir unsere Schüchternheit was das Singen im öffentlichen Raum betrifft überwunden haben, stimmen wir zu seiner Gitarrenmusik ein. Thomas ist total begeistert und stimmt immer weitere Lieder an. So verbringen wir einen schönen Abend auf der Straße vor seiner Wohnungstür. Er bittet uns darum einen Brief mitzunehmen, der an eine Freundin von ihm aus Deutschland adressiert ist. Vorherige Post ist nicht angekommen und die Chance ist höher, wenn wir es aus Panama City absenden. Auch möchte er, dass wir ihm Fotos vom heutigen Abend aus Deutschland zukommen lassen. Später überlegen wir uns, dass es wohl besser ist, wenn wir hier die Fotos ausdrucken lassen und ihm vorbeibringen.
 
Also machen wir uns am nächsten Morgen auf die Suche nach einem Fotoladen, der uns einige Fotos ausdrucken kann. In der Nähe des Habana Libre Hotels findet sich eine höhere Dichte solcher Läden. Einziges Problem: im Laden kann man unsere RAW-Dateien von der Speicherkarte nicht lesen. Nach einiger Suche finden wir endlich jemanden, der uns die Dateien konvertieren kann. Wir gehen mit den Fotos zu der Straße, die wir uns gemerkt haben und schauen ob wir Thomas wiederfinden können. Die Haustür ist zu, doch eine Nachbarin bemerkt, dass wir ihn suchen und ruft mehrmals laut seinen Namen durch die Straße. Tatsächlich, er ist doch da. Er freut sich sehr uns wiederzusehen. Diesmal betreten wir seine Wohnung oder besser gesagt Kammer. Wir sind leicht über deren Zustand schockiert. Die Bude ist ranzig. Die Wände sind grau-braun vor Dreck und auf dem Boden steht nicht-identifizierbares Gerümpel. In einer Ecke hockt eine zerzauste Katze die gerade irgendwas vom Boden leckt. Die Kleidung des Kubaners sieht aus, als wäre sie mehrere Monate nicht gewaschen worden. Es müffelt im Raum so sehr, dass uns in der heißen stickigen Luft fast schlecht wird, zumal wir gerade riesigen Hunger haben. Thomas scheint gerade dabei zu sein Mittagessen zu kochen. Irgendwie muss er Stephan den Hunger angesehen haben und fragt ihn ob er nicht gekochte Zwiebeln essen möchte. Ich muss mir das Lachen verkneifen, denn Zwiebeln sind nicht gerade Stephans Leibspeise und so wie es hier aussieht, mag ich mir nicht vorstellen unter welchen hygienischen Bedingungen die Speise zubereitet und gereicht wird. Stephan kann es gerade so dankend ablehnen. Wir verbringen noch etwas Zeit mit Thomas und singen gemeinsam einige der Lieder vom gestrigen Abend. Die Lebensfreude, die Thomas trotz seiner Lebensumstände ausstrahlt ist unbeschreiblich und sehr inspirierend. Wir sind froh, dass wir ihn getroffen haben. Dann heißt es nochmal Abschied nehmen und wir bekommen eine dicke Umarmung von unserem neu gewonnen Freund.
 
Es ist unser letzter von 12 Tagen auf Kuba und wir gehen in unsere Unterkunft um unsere Sachen zu packen. Gegenüber von Alejandros Haus feiert sein Nachbar auf der Straße gerade seinen 50. Geburtstag. Wir hatten ihn schon öfter in den letzten Tagen gesehen und immer gegenseitig sehr freundlich gegrüßt. Die Partygesellschaft feiert ausgelassen und Alexis, das Geburtstagskind winkt uns zu sich herüber und lädt uns zur Party ein. Gleich wird uns ein Becher mit Wodka gereicht und dazu gibt es Fleisch-Eintopf aus einem großen Eimer, der direkt auf der Straße gekocht wird. Alexis ist sehr herzlich und freut sich über unsere Anwesenheit. Auch seine Gäste fragen uns regelrecht über unsere Reise aus. Sie bieten uns ihre Hilfe an und Alexis lädt uns zu einer Tour zum Strand mit seinem Gespann am nächsten Morgen ein. So sehr wir uns über diese Einladung freuen, ärgern wir uns dass wir am nächsten Tag zeitig abreisen müssen und dass wir diesen netten Haufen nicht schon eher kennengelernt haben. Auch er ist etwas traurig, dass wir sein Angebot nicht annehmen können und bietet uns an gleich eine Runde um den Block zu drehen. Dafür haben wir noch Zeit und knattern mit ihm durch die Straßen. Das sollte das letzte Highlight unseres Aufenthaltes auf Kuba gewesen sein.
 
Morgens um vier klingelt der Wecker. Schon halb sechs sind wir am Flughafen und stellen uns am Schalter an, um einzuchecken. Der Mitarbeiter der Copa Airline fragt uns nach unserer „final destination“, unserem Endziel. Für uns ist das in dem Fall Panama City, denn vor dort aus fahren wir mit dem Motorrad weiter. Nein, das geht aber nicht, die Einreisebestimmungen von Panama verlangen, dass man ein Weiterflugticket aus Panama heraus braucht. Das haben wir natürlich nicht, denn wir sind ja in Panama über Land mit dem Motorrad eingereist und dort brauchte man auch kein Rückflugticket vorweisen. Wir versuchen dem Airline-Mitarbeiter unsere Situation zu erklären. Wir zeigen ihm die Passstempel von uns und von den Motorrädern. Er fragt uns wie wir denn Panama verlassen würden. Wir sagen mit einem Boot nach Kolumbien. Und wie verlassen wir Kolumbien? Über Land nach Ecuador. Als wir bei dieser stumpfsinnigen Diskussion endlich in Argentinien angekommen sind, erklärt er uns, dass wir irgendwie nachweisen müssen dass wir Amerika (!) verlassen. Das ginge ja nur mit einem Flugticket. Wir sind innerlich schon auf hundertachtzig. Wie soll man dem Typen klarmachen, dass wir solange im Voraus noch kein Rückflugticket haben können, abgesehen davon, dass wir dies mit der Verschiffung der Bikes abstimmen müssen und es insgesamt ein größerer logistischer Aufwand ist. Er schickt uns zu seiner Chefin, die genauso auf stur schaltet. Im Computersystem könne man diese erforderliche Eingabe nicht umgehen und daher können wir nicht nach Panama fliegen, solange wir kein Weiterflugticket haben. Uff. Jetzt eben mit dem lahmen Internet hier auf die Schnelle irgendein Ticket kaufen, das nicht billig sein wird und für uns völlig nutzlos ist, kommt für uns nicht in Frage. Andererseits können wir hier nicht hängen bleiben, denn wir haben ja die Überfahrt mit der Stahlratte, dem Segelschiff von Panama nach Kolumbien gebucht, welches in einer Woche ablegt. Wir bleiben also auch stur, blockieren den Schalter und reden weiterhin auf den armen Mitarbeiter ein (er kann ja auch nichts für das System und die Bestimmungen von Panama). Wir versuchen zu argumentieren, dass die Immigration von Panama ja erst am Flughafen in Panama City ist und man uns doch bitte zumindest von der Insel runter lassen soll. Mit den Grenzbeamten könnten wir uns schließlich dann vor Ort auseinander setzten. Die Vorgesetzte erbarmt sich nun, die Immigration in Panama anzurufen und dort nachzufragen, ob das so ginge. Schließlich checken sie uns doch ein, mit dem Hinweis, dass wir uns darauf gefasst machen sollen, in Panama am Flughafen ein Ticket kaufen müssen. Zutiefst erleichtert steigen wir in den Flieger. Vor der Reise nach Kuba hatte ich mir Gedanken gemacht, ob wir ohne weiteres aus Panama ausreisen können, obwohl unsere Motorräder noch im Land sind. Da hätte es unter Umständen Probleme mit dem Zoll geben können. An solch ein Problem bei der Rückreise haben wir im Traum nicht gedacht. Man kann sich eben nicht auf alles vorbereiten. Für die Airlines ist unsere Situation auch zu selten, als dass sie im System vorgesehen wäre.
 
Ein letztes Mal sehen wir den Karibikstaat von oben, der zugleich bunt und voller Leben als auch grau und dem Zerfall nicht fern ist. Der Besuch Kubas war definitiv ein Highlight unserer bisherigen Reise. In den derzeitigen Tagen findet eine Annäherung von Kuba und den USA statt. Nur wenige Tage nach unserem Besuch wird erstmals seit langer Zeit die US-Botschaft auf Kuba wieder eröffnet, welches ein großer Schritt in Richtung Lockerung des Embargos oder vielleicht sogar seiner Aufhebung ist. Ergo wird sich in naher Zukunft voraussichtlich viel im Land ändern. Wir hoffen sehr zu Gunsten der Bevölkerung aber nicht zum Leid seines Charmes und seiner Lebensfreude.
 


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