Südmexiko – Mayadorf und Umlenkhebel

13.-21.03. 2015
 
Am Abend möchte uns Vera noch etwas zeigen. Zum einen die Ruinen von Aké und ein Mayadorf. Viel interessanter als die Ruinen war jedoch eine Spinnfabrik direkt daneben. Leider konnten wir ohne eine circa 10€ teure „Fotoerlaubnis“ keine Fotos machen, doch einen Blick durften wir riskieren. Ich fühlte mich wie ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Auf der einen Seite im Gebäude liegt der Rohstoff: Fasern der Sisal-Agave, die hier in der Gegend auf Feldern angebaut wird (aus Agaven wird auch Tequila hergestellt). Am anderen Ende wird das Endprodukt, ein mitteldicker Strick auf große Rollen gewickelt. Dazwischen befinden sich zahlreiche Maschinen, welche Fasern und Fäden in einer Geschwindigkeit verarbeiten, dass man kaum erkennen kann was da genau passiert. Die ganze Anlage sieht jedenfalls aus wie ein Museumsstück, welches aus den alten Zeiten der Industrialisierung in Europa stammt. Nur, das es hier noch läuft, rotiert und klappert. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig, dass wir nicht einfach die Erlaubnis gekauft haben. Es wären sicherlich einige sehr interessante Fotos und Filmchen dabei herausgekommen.
 
Zum Schluss bleibt noch das Maya-Dorf San José Oriente, welches uns Vera zeigen will. Es ist früher Abend und scheinbar alle Dorfbewohner sind auf der Straße. Die Frauen tragen alle traditionelle Kleidung. Einige schauen uns skeptisch an, andere lächeln freundlich. Am Hauptplatz sitzen und stehen sowohl alte als auch junge Männer gesellig beisammen. Als wir mit unseren drei Bikes dort ankommen, sind wir natürlich das Zentrum der Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass alle gleich auf uns zustürmen, aber aus sicherer Entfernung wird geschaut und getuschelt. So, was machen wir nun hier? Wir fühlen uns etwas unbeholfen und wissen nicht so richtig wie wir auf sie zugehen sollen, erscheint es uns doch komisch einfach zu fragen, „na, wie geht’s so?“. Vera kennt einige der Leute, da er auch hier regelmäßig seine Backwaren vertreibt. Auf seinen Vorschlag hin fahren wir eine kleine Runde durchs Dorf. Da es schon halb dunkel ist lohnt es sich nicht mehr die Kamera auszupacken und wir überlegen uns, am nächsten Tag wiederzukommen. So tauchen wir am Folgetag nochmals in San José Oriente auf, diesmal ohne unseren „Guide“, was uns die Kontaktaufnahme nicht gerade erleichtert. Wir wollten gerne ein paar indigene Mayas fotografieren. Vielleicht ist das auch ein fragwürdiges Anliegen, wenn man es aus der Perspektive der Dorfbewohner betrachtet. Sie wohnen dort ihr Leben lang und plötzlich kommen Fremde mit ihren Kameras. Wie würde sich ein Deutscher fühlen, wenn ein Fremder über die Gartenhecke schaut und fragt ob er ein Foto machen dürfe? So kommen wir uns auch etwas komisch vor und wissen nicht so recht ob wir nun jemanden fragen sollen oder nicht. Die Mayas sind zudem sehr schüchtern, besonders was Fotos angeht.
 
Die typischen Häuser hier sind einfache Lehmbauten mit ovalem Grundriss und einer Öffnung jeweils auf den langen Seiten. Man kann also quer hindurchschauen und in der Mitte sehen wir häufig jemanden in der Hängematte liegen. Die Dächer sind aus Wellblech oder getrockneten Blättern errichtet, der Boden ist einfache Erde. Ab und an gibt es aber auch Massivhäuser aus Stein. Auf den Straßen laufen Schweine, Hunde, Truthähne und Hühner umher. Kinder erspähen uns und verstecken sich kichernd wieder, manche winken. Ein paar Kinder spielen auf der Straße und als sie uns erblicken werden sie neugierig. Ein kleiner Junge fragt uns ob wir ein Foto von ihm machen wollen, er hat uns wohl unser Anliegen von den Augen gelesen. Erfreut über das Angebot machen wir einige Fotos von ihm und seinem kleinen Cousin und bald sind auch die anderen Kinder dabei. So kommen wir etwas ins Gespräch und bekommen auch noch eine tropische Frucht angeboten, welche die Kinder gerade vom Baum geschlagen haben.
 
Eigentlich sollte die weitere Route nach Tulum, zu den Maya Ruinen am Meer gehen, denn zur Touristenhochburg Cancun wollten wir gar nicht erst in den Norden fahren. Allerdings sind die beiden anderen Motorradreisenden Joey (Josephine) und Daniel gerade in Cancun. Die beiden wollten wir gerne wiedertreffen und da unser Kontakt in Tulum auch noch abgesagt hatte, haben wir die Route kurzerhand umgelegt. Es gibt natürlich viel zu erzählen, haben wir doch während unseren Reisen jeweils viel erlebt. Uns gefällt jedenfalls die neue Gesellschaft und es ist schön sich mit Gleichgesinnten auf Deutsch zu unterhalten. Zudem haben wir einen ähnlichen Humor und daher gibt es immer etwas zu lachen.
 
Das Lachen vergeht uns jedoch kurzzeitig, als wir feststellen, dass beim tiefergelegten Bike der Ausgleichsbehälter des neuen Öhlins Federbein offensichtlich auf die Schwinge durchgeschlagen ist. Was nun? So darf es nicht bleiben, ist doch die Gefahr zu groß, dass der Ausgleichgehälter, in dem sich das Gas unter Hochdruck befindet, beschädigt wird. Sch…ße, denken wir uns, gerade 6 Wochen festgehangen und nun schon wieder so ein Problem mit der Federung. Eine Möglichkeit wäre massiv Gepäck loszuwerden. Ein bis zwei Kilo sind vielleicht drin, doch für wesentlich mehr Gewichtseinsparung müssten wir Campingausrüstung und Werkzeuge abwerfen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Federbeine der beiden Motorräder zu tauschen, da in dem anderen das Original Federbein sitzt und der Behälter etwas kleiner ausfällt. Die langwierige Prozedur haben wir ja erst durch… . Eine andere Idee ist, das Bike wieder auf seine ursprüngliche Höhe zu legen, nur fehlen uns dazu die Originalen Umlenkhebel, die natürlich zu Hause in einer Kiste liegen. Die rettende Idee ist nun, die Umlenkhebel der beiden Maschinen temporär zu tauschen, bis wir die Originalteile haben. Gesagt getan, auf dem Zeltplatz errichten wir mithilfe von Holz- und Steinblöcken unsere eigenen Motorradheber, da wir bei beiden Maschinen gleichzeitig die Hebel für den Kreuztausch ausbauen müssen und dummerweise der Hauptständer zur Entnahme der Bolzen im Weg ist. Ab und an kommt uns ein Leguan besuchen und schaut uns neugierig bei der Arbeit zu. Nun muss sich Stephan mit einer tiefergelegten Maschine vergnügen, während ich feststelle, dass es sich mit der Originalhöhe eigentlich viel besser fährt, abgesehen von den Situationen, in denen ich mit den Füßen den Boden berühren muss, um zu rangieren. Parallel dazu sind zu Hause die originalen Umlenkhebel schnell gefunden und werden im Paket nach Guatemala vorausgeschickt.
 
Von Cancun selbst haben wir gar nicht so viel gesehen, worüber wir aber auch nicht böse sind. Naja Stephan vielleicht ein wenig, da wir gar nichts von den Spring Break Ritualen mitbekommen haben, welche hier gerade von den US-Teenies gefeiert werden.
An den Höhlen von Loltun hatten wir auch die beiden jungen Deutschen Patrick und Matthias kennengelernt, welche eine dreiwöchige Rundreise über die Halbinsel gemacht haben. Wir haben uns recht gut verstanden, es gab viel zu besprechen und so kommt es, dass wir uns mit den beiden nochmal in Cancun wiedertreffen. Sie erklären sich auch bereit mein Objektiv mit nach Deutschland zurück zunehmen, welches kürzlich seinen Geist aufgegeben hat. Das 70-200mm Teleobjektiv macht nur noch matschige und detaillose Fotos, womit es nur noch unnötiger Ballast geworden ist. Wahrscheinlich hat sich während der ganzen Motorradfahrten etwas losgerappelt, obwohl wir es extra gepolstert hatten. Schade, es war mein Lieblingsobjektiv und nun muss ich erstmal auf lange Brennweiten verzichten.
 
Beim Playa de Akumal sind Joey und Daniel zu einer Party eingeladen, zu der wir auch mitkommen dürfen und es stellt sich heraus, dass es die Abschiedsfeier von einem mexikanischen Pärchen ist, welches sich auch mit dem Motorrad auf eine lange Reise begibt. So treffen wir viele andere Motorradreisende, darunter auch Simon und Lisa, die beiden Engländer, die seit 11 Jahren mit ihren beiden BMWs durch die Welt fahren. Sie haben ihre Reise schon halb zum Beruf gemacht und verdienen mit Texten, Präsentationen und dem Verkauf von Fotos und Merchandise-Produkten Geld für ihre Reisekasse. Das hört sich vielleicht erstmal interessant an, doch muss man auch dafür bereit sein, seine eigene Reise entsprechend zu vermarkten. Dementsprechend wäre man wohl immer auf der Suche nach „den“ Stories, die sich meistens aber nicht ergeben indem man sie gezielt sucht.
 
Bevor wir uns nach 3,5 Monaten endgültig von Mexiko verabschieden, vertreiben wir uns noch ein wenig die Zeit an der Laguna de Bacalar mit Paddelborad fahren und entsprechenden Wasserschlachten.
Unsere Zeit in Mexiko war sehr erlebnisreich und wir haben viele Menschen hier sehr lieb gewonnen. Wie oft haben wir in den USA gehört „isn’t it dangerous down there?“. Mexiko hat uns gelehrt, dass die ganze Angstmacherei unsinnig ist, vor allem wenn sie von Leuten betrieben wird, die noch nie dort gewesen sind oder von Regierungen, die wirtschaftliches Interesse daran haben, andere Länder in Armut zu halten. Leider mussten wir in den USA auch von schießgeilen texanischen Rentnern erfahren, welche private „Grenzpatrouillen“ fahren und denken, sie dürfen über Leben und Tod illegaler mexikanischer Einwanderer entscheiden. Solche Dinge machen uns nun noch trauriger, da wir die andere Seite nun kennen. Läge nicht das Mittelmeer als natürliche Grenze zwischen Europa und Afrika, hätte die EU sicherlich auch mehr Stacheldrahtzäune und Munition bereit liegen.
Ja, es gibt den Drogenkrieg, Korruption und viel Armut in Mexiko und man darf dies keinesfalls herunterspielen. Doch das heißt andererseits auch nicht, dass an jeder Straßenecke jemand lauert und einen umbringen will. Das alltägliche Leben findet hier ganz normal statt. Ich spaziere auch nicht gerne nachts allein in Frankfurt am Hauptbahnhof, in der Münchener U-Bahn, in Köln-Chorweiler oder in Berlin-Neukölln herum. So gibt es auch in Mexiko Gebiete die man meiden sollte. Viele Geschichten von ausgeraubten Touristen enttarnen sich bei näherem Hinsehen als Geschichten von Leuten die nachts allein oder betrunken zum Hotel zurück laufen und damit leichte Opfer sind. Wenn man sich vorher informiert wo die Brennpunkte sind und ansonsten gesunden Menschenverstand walten lässt, kann man Mexiko sehr gut bereisen und wird von seiner Vielfalt und den herzlichen Menschen begeistert sein. Wir hatten geplant das Land in 2 Wochen zu durchfahren, geworden sind es 16.
 
Wir wurden doch tatsächlich von einer Mexikanerin gefragt, ob es in Deutschland nicht gefährlich sei, sich als Ausländer aufzuhalten. Sie hatte ernsthafte Bedenken bezüglich ihrer zukünftigen Reise in unser Heimatland. In einer Dokumentation hatte sie gesehen, welche Verbrechen Rechtsradikale in unserem Land an Ausländern verüben. Als Deutsche können wir uns dafür nur schämen und sind betrübt über dieses Bild, welches in der Außenwelt kursiert. Genauso betrübt sind die Mexikaner, wenn sie erfahren, wie sie von der westlichen Welt gesehen werden. Liest man die Sicherheitsinformationen zu Mexiko auf der Seite des ausländischen Amtes, würde man wahrscheinlich ebenso von einer Reise in das Land absehen. Woher sollte man es auch besser wissen? Wir sind angewiesen auf die Informationen, die uns andere bereitstellen. Doch es gibt scheinbar immer mehrere Wahrheiten und die Negativberichte der Medien sind vielleicht eine davon. Ein weiterer Grund für diese Reise: es gibt uns die Gelegenheit das, was uns die Medien weismachen wollen, mit dem zu vergleichen was in der Realität passiert.
 


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Südmexiko – Öl, Ruinen, Cenoten und Brot

01.-13.03. 2015
 
In Puebla haben wir über die Dauer von 6 Wochen das Alltagsleben in einer mexikanischen Großstadt kennengelernt und verschiedenste kulturelle Ereignisse miterlebt. Auch wenn wir uns bei Rosy und Tony sehr wohl gefühlt haben, kam nach einiger Zeit der Wunsch auf, weiter zu reisen, wenngleich wir uns kaum mehr vorstellen können, wie es ist, wieder jeden Tag unterwegs zu sein. Der Abschied viel dann doch schwer, vor allem da wir nicht wissen, ob es ein Wiedersehen geben wird. Als sich dann die Familie links und rechts vor der Ausfahrt aufreiht und jeder mit einem weißen Tuch winkt, als wir hinausfahren, wird es nicht leichter. Im Rückspiegel sehen wir sie zum letzten Mal.
 
Der Süden Mexikos bietet uns genau die Abwechslung, die wir uns nach so langem Aufenthalt in ein und derselben Stadt gewünscht haben. In einem Tagesritt düsen wir nach Coatzacoalcaos, einer Stadt an der Ostküste im Bundesstaat Veracruz, in der uns Tonys Schwester einen Kontakt vermittelt hat. Nachdem wir am Pico de Orizaba vorbeigerauscht sind und von 2000 Meter Höhe ins Tal hinab fahren, wechselt das trockene und staubige Wüstenklima schnell in schwülwarme Subtropen.
 
Wir befinden uns nun am Golf von Mexiko, an dem das schwarze Gold gewonnen wird: PEMEX ist der staatliche Mineralölkonzern Mexikos und besitzt ein Monopol für den Verkauf von Diesel und Benzin im ganzen Lande. Auch wir haben ausschließlich bei PEMEX unsere Tanks gefüllt, weil es keinen einzigen Mitbewerber in Mexiko für den Verkauf von Treibstoff gibt. Wenn Wikipedia Recht hat, dann wird die Staatskasse Mexikos zu einem Drittel durch die Gewinne des Ölkonzerns gefüllt. Der Konzern hat in Coatzacoalcos zahlreiche Bohrinseln, Raffinerien, Industrieanlagen und einen großen Hafen für den Öltransport. Zu uns sagte mal ein Mexikaner: „Mexiko hat viele schöne aber auch viele hässliche Orte“. Die Raffinerien an denen wir vorbeifahren gehören zumindest nicht zu den schönen Orten.
 
Der Vater der Familie, die uns sehr herzlich aufgenommen hat, arbeitet seit Jahren bei PEMEX und trägt auch noch beim Abendessen ein Hemd mit dem Emblem seines Brötchengebers. Alfred, der Neffe, studiert Chemie und macht in einer der Anlagen in der Umgebung ein Praktikum. Gemeinsam fahren wir zum Ufer am Stadtrand, wo vor 20 Jahren richtiger Strand mit Sand und Palmen war. Heute steht hier eine lange Mauer und von weitem sehen wir die Lichter der Erdölanlagen. Im Vergleich zu anderen Jobs in Mexiko verdienen die Menschen hier relativ gut. Die Familie beklagt allerdings das Fehlen von kulturellen Einrichtungen wie Kinos oder Theater beziehungsweise anderen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten. Die Stadt sei aufgrund des Ölbooms schnell gewachsen, doch seien kaum Möglichkeiten hinzugekommen, das Geld für Freizeitaktivitäten auszugeben. Unsere Gastgeber waren so freundlich zu uns, dass wir einerseits gerne noch einen weiteren Tag geblieben wären, doch aufgrund der langen Pause wollten wir andererseits weiter.
 
In Chiapas de Corzo besuchen wir den Biker Eduardo. In einer großen Halle hat er drei Motorräder zu stehen, darunter auch eine ältere BMW GS 1200. Zugleich sind auch die beiden Mexikaner „Ghost“ und seine Freundin Mayra Gast, die mit ihrer Harley bei einem Biker Treffen in Belize City waren und nun auf der Rückreise nach Mexiko Stadt sind. Ghost versorgt uns mit Kontakten in Campeche und Yucatan, bei denen wir später tatsächlich vorbeifahren. Mit den beiden machen wir am nächsten Tag eine Tour mit einem der Boote von Eduardos Touristikunternehmen. So bekommen wir ein wenig Rabatt auf den Ausflug. Auf dem Rio Grijalva fahren wir zwischen den steilen, bis zu 1000m hohen Felswänden des Canyon del Sumidero entlang. Dabei bekommen wir am Flussufer sogar einige Krokodile zu Gesicht und in den Bäumen tummeln sich Affen.
 
Stephan hat abends leichtes Fieber und Husten. Da macht sich leichte innere Panik breit: nicht schon wieder, wir haben genug von Krankheiten… . Vorsichtshalber gehen wir gleich zu einer Arztpraxis. Doch wie vermutet will uns die Ärztin direkt ein Antibiotikum verschreiben. Wir kaufen es gar nicht erst, es gab schon genug Antibiotikum für uns in der letzten Zeit. Die Symptome sind zum Glück später von allein wieder verschwunden.
 
Die nächste Tagesetappe führt uns über kurvige Bergstraßen vorbei an Palmen und Nadelbäumen, die oftmals direkt nebeneinander stehen. Eine solche Kombination von Vegetation war mir bisher unbekannt. Direkt vor dem Nationalpark von Palenque finden wir dank einem Tipp von Joey und Daniel, den beiden anderen Motorradreisenden die wir in San Diego getroffen hatten, eine günstige Unterkunft in einem Bungalow-Dorf im Dschungel. Allerdings macht uns der bauliche Zustand dieser Doppelstockhäuschen nachdenklich, als wir in unserem Zimmer die Schwingungen spüren, sobald jemand die Wendeltreppe hinaufkommt. Wir nehmen uns einen Tag Zeit um die Maya Ruinen von Palenque zu besichtigen. Diese im Dschungel liegende alte Stadt lädt sowohl zu Entdeckungstouren in den weiter abseits im Wald gelegenen Anlagen als auch zum Herumklettern auf den größeren Ruinen von Palast und Tempeln ein. Im Gegensatz zu anderen Ruinenstädten ist das hier noch erlaubt. Vom Kreuztempel aus haben wir einen Blick über die ganze Ruinenstadt und weit bis zum Horizont des Dschungeltieflandes.
 
Unsere Route führt uns weiter nach Campeche, wo wir den Biker Ambrosio besuchen. Er wohnt in einer hübschen Gartenanlage, die er gelegentlich für Events wie Hochzeitsfeiern vermietet. Wir dürfen unter dem Carport unser Zelt aufschlagen und auch den großen Pool jederzeit benutzen. Zum Mittagessen werden wir von Ambrosio und seinen Freunden zu Fischtacos eingeladen. Der Fisch kommt direkt vom Grill und die frische Salsa trägt das Übrige zu diesem leckeren Geschmackserlebnis bei. Ambrosio ist Mitglied im Bikerclub „Piratas Campeche“ und ist mit einer Harley Davidson und entsprechenden Aufnähern für seine Bikerklamotten ausgerüstet. Auf einer abendlichen Rundfahrt zeigt er uns die Stadt Campeche, mit ihrer alten Stadtmauer und den zwei Forts, welche der Verteidigung gegen Piraten dienten. Am Sonntag geht’s auf zur gemeinsamen Ausfahrt mit dem Bikerclub. Mit sieben Motorrädern fahren wir nach Hopelchén, wo uns einer der Biker zum Grillen bei seiner Familie einlädt. Auf dem Weg machen wir noch einen kurzen Abstecher nach Edzna, einer der zahlreichen archäologischen Stätten der Halbinsel Yucatan.
 
Zu Gunsten der Grutas von Loltun, einem Höhlensystem, verzichten wir auf einen Besuch der bekannten Ruinen von Uxmal. Die Yucatan Halbinsel ist von einem Netz aus Höhlen und unterirdischen Süßwasserläufen durchzogen. Daraus ergeben sich viele kleine und große Highlights, die man bei einem Besuch der Region nicht verpassen sollte: Cenoten. Cenoten sind Wasserlöcher, die durch den Einsturz der Kalksteinhöhlen entstanden sind. Sie können oben komplett offen sein oder nur ein kleine Öffnung in der Decke haben, durch das die Sonnenstrahlen scheinen. Die üppige Vegetation ringsherum und das meist sehr klare Wasser lassen diese Orte wie kleine Paradiese erscheinen. Voll touristisch erschlossenen und mit Mauern umbaut, bis hin zu im Dschungel versteckten oder sogar noch unentdeckten Cenoten findet sich auf der Halbinsel alles. Für die Maya sind die Cenoten heilig, sie sind der Eingang zur Unterwelt der Toten, aber auch wichtige Süßwasserquelle. Mit circa 6000 Cenoten befindet sich auf der Halbinsel das vermutlich größte Unterwasserhöhlensystem der Erde. Die Höhlen der Grutas von Loltun sind ein System aus ehemaligen Cenoten und Unterwasserhöhlen, die aufgrund einer natürlichen Senkung des Wasserspiegels aber heute trocken und damit begehbar sind. In jeder der Haupthöhlen begegnen uns andere Kalksteinformationen wie Stalagniten und Stalaktiten und wir fühlen uns mal wieder wie in einer anderen Welt.
 
Bis zu unserem Ziel nach Tahmek ist es nicht mehr weit und so machen wir nach dem Besuch der Höhlen noch halt bei einer unbekannteren alten Mayastadt: Mayapan. Sie ist nicht ganz so groß wie die Berühmtheiten von Chichen Itza oder Uxmal, dafür ist hier kaum ein Mensch und wir haben die ganze Anlage für uns allein. Wir müssen sie lediglich mit den vielen Leguanen teilen, die hier ein scheinbar entspanntes Leben führen. Von der Spitze der sehr Steilen Pyramide in der Platzmitte können wir kilometerweit in alle Himmelrichtungen das flache Yucatan überblicken.
 
In Tahmek, einer kleinen Stadt irgendwo zwischen Merida und Valladolid, sind wir mit dem Bäcker Vera verabredet. Wir wissen nur den Namen der Straße in der er wohnen soll, Straßennamen und Hausnummern sind hier Fehlanzeige. Ein Betrunkener auf dem Marktplatz weist uns wohl eher zufällig in die richtige Richtung und so sehen wir Vera, wie er uns vor seinem Haus sitzend zuwinkt. Direkt vor dem Backraum dürfen wir unser Zelt aufschlagen. Vera bäckt Brot, Pizza und süße Teilchen und liefert diese an alle mögliche Läden und auch Schulen in der Umgebung, einen eigenen Verkaufsraum hat er nicht. In der Bäckerei zeigt uns Vera die alten Knetmaschinen, Teigwalzen und den Ofen. Das Brot wird auf einem langen Holztisch geformt. Es wäre interessant wie das deutsche Gesundheitsamt auf diese Backstube reagiert hätte. Was hier in Mexiko völlig normal ist, wäre in Deutschland ein Skandal. Die ganze Familie ist in den Backbetrieb einbezogen. Die Söhne und der Partner der schwangeren 16-jährigen Tochter helfen beim Backen und beim Ausliefern mit dem Motorrad oder Auto. Vera erzählt uns das er so circa 80 Pesos am Tag verdient, was ungefähr 5€ entspricht.
 
Einige Male im Jahr verdient er sich jedoch an der Küste etwas dazu: mit Seegurken kochen. Im Norden von Yucatan ist das Meer reich an Seegurken, welche im asiatischen Raum stark als Potenz- und Heilmittel nachgefragt sind. In China werden zum Teil mehrere Hundert Euro für bestimmte Seegurkenarten bezahlt. Wir hatten uns damals schon in Chinatown in San Francisco über die Preise einiger Seegurken gewundert: $500 pro Pfund waren keine Seltenheit. Das Kochen der Seegurken wird jedenfalls gut bezahlt, da es anstrengende Arbeit verbunden mit Hitze und Gestank ist. Vera erzählt uns auch von den „Seegurken-Baronen“, einige wenige Männer, die die Lizenz zum Seegurkenhandel haben und angeblich Millionen von Dollar damit verdienen. Man könnte auch von einer Art Seegurken-Mafia sprechen, die niemanden von außen ins Geschäft lässt.
 
Die mexikanischen Bundestaaten auf der Yucatanhalbinsel heißen Quintana Roo, Campeche und Yucatan. Diese Regionen sind vom mexikanischen Drogenkrieg, der sich zwischen den Kartellen, Polizei und Militär abspielt nicht betroffen. Laut der Aussage von Vera, liegt es daran, dass dort die Drogenbosse ihre Häuser haben, in denen ihre Frauen und Kinder leben.
 
Vera fährt jedenfalls auch Motorrad und daher machen wir eine gemeinsame Tour in die Umgebung und besuchen einige Cenoten. Manche der Eingänge sind nur ein unscheinbares Loch in der Erde. Umso überraschter sind wir, als wir diese bildschönen Unterwelten zu Gesicht bekommen. Gleichzeitig sind wir froh, die Motorradkluft gegen Badesachen einzutauschen und ins kühle Nass zu springen, denn die Hitze draußen ist unerträglich. Allerdings ist es schon fast ein wenig gruselig unterirdisch in dem eigentlich klaren Wasser zu schwimmen. Da zum Teil kein Sonnenlicht auf das Wasser trifft, sieht man nur schwarz wenn man unter sich blickt und man muss aufpassen dass man sich nicht an Felsen und Steinen stößt, oder war es doch ein noch unentdecktes Höhlenmonster?
 
Auf dem Weg zur dritten Cenote werden wir durch den starken Regen fast völlig durchnässt. Kurz nach uns kommen an der Cenote zwei Argentinier mit einem Guide an, denen wir uns kurzerhand anschließen und so in den Genuss einer kostenfreien Führung kommen. Man hätte uns ja vorher sagen können, dass wir für die Begehung lieber direkt Badesachen anziehen sollten. Nachdem wir den glitschigen Abstieg hinunter sind, waten wir bald bis auf Brusthöhe durch das Wasser. Dann, als die Höhle zu Ende sein scheint, macht uns der Guide auf einen kleinen handbreiten Spalt aufmerksam. Das wäre die Stelle, wo wir nun tauchen müssten. Ach so, na gut, dann legen wir eben die Kamera weiter vorne ab, durchnässt waren wir ja eh schon. Mit etwas Überwindung und im Licht der drei Taschenlampen tauchen wir hindurch und finden uns dann in einer Art Tropfsteinhöhle wieder, an deren Decke duzende Fledermäuse hängen. Solche spontanen Erlebnisse sind nicht immer komfortabel, machen aber irgendwie glücklich. Bis auf die Unterwäsche nass, fahren wir erstmal zurück zur Bäckerei, um uns wieder aufzuwärmen.
 


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Zwangspause: Ein Ende ist in Sicht

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Am Samstag, den 7. Februar ist es dann endlich so weit, unser Paket ist zur Abholung bereit. Schnell machen wir uns auf den Weg zur Post und holen das Paket ab. Zum Einbau kommen wir aber an diesem Wochenende nicht mehr, da wir am Sonntag wieder zu einem Ausflug mit Eladio und Mirella verabredet sind. Dieses Mal geht es zum Pico de Orizaba in dessen Nähe auch eines der größten Teleskope seiner Art steht. Dieses wurde in Deutschland in Zusammenarbeit mit der Universität Mainz entwickelt. Bevor es aber zum höchsten Berg Mexikos geht treffen wir noch, Arely und Cristobal, Freunde von Mirela und Eladio. Gemeinsam fahren wir auf der Ladefläche eines Pickups zu einer nahegelegenen „trockenen Lagune“, welche an einen Krater von einem Meteoreinschlag erinnert. Die Entstehung dieser Krater ist aber bisher noch unklar. Bei sengender Hitze steigen wir in den Krater hinab und nachdem wir uns etwas umgesehen haben wieder hinauf. Zum Abschied bekommen wir noch ein Dominospiel aus Onyx und Ulli, den zum Sonnenschutz getragenen Strohhut geschenkt. Dann geht es aber in einer abenteuerlichen Fahrt der Spitze des Orizabas entgegen. Diese liegt in einer Höhe von 5636m. So hoch kommen wir natürlich nicht und für einen kompletten Aufstieg fehlt uns sowohl die Zeit als auch das Equipment, sodass wir auf halber Höhe ein wenig herumwandern und wenig später die Heimreise antreten. In Puebla angekommen, werden wir zum Abendessen bei Freunden eingeladen und schauen uns noch ein Feuerwerk an, welches nicht mit den europäischen Höhenfeuerwerken verglichen werden kann. An einem großen Drahtgestell befestigte Feuerwerkskörper erzeugen beim Verbrennen die unterschiedlichsten Formen und kreischen beziehungsweise heulen dabei so laut, dass das Ansehen fast schon keine Freude mehr bereitet. Besonders Ulli kann den letzten Stunden kaum noch etwas abgewinnen. Schmerzen und Müdigkeit plagen sie zunehmend. Das sieht ganz nach dem Anfang einer Grippe aus. Mir hingegen geht es langsam wieder besser und der Husten ist deutlich zurückgegangen.

Am Montag wechseln wir dann das Federbein an Ullis Tenere. Was leider sehr viel Arbeit bedeutet und deutlich leichter hätte sein könnte. Um an die obere Schraube des Dämpfers zu gelangen muss quasi das halbe Heck zerlegt werden, damit man das Endschaldämpfer entsprechend entfernen kann. Theoretisch wäre die ganze Prozedur auch in rund 10 Minuten möglich, wenn man besagte Schraube von der anderen Seite erreichen würde. Hier ist aber die Airbox. Einige Bastler haben deshalb in die Airbox ein Loch gebohrt, um an die Schraube zu gelangen. Auch wir haben diese Bearbeitung in Betracht gezogen, wollten aber kein Risiko eingehen, dass die Airbox dabei undicht wird. So heißt es auch beim nächsten Mal alles abzubauen. Nachdem der Tausch geglückt war, geht es für Ulli wieder zurück ins Bett. Erschöpfung und Schmerzen sind ihr stark anzusehen. So habe ich sie noch nie erlebt.

Das zweite Federbein ist nun auch endlich eingetroffen und ich mache mich an diesem Dienstag gleich auf es abzuholen. Im Anschluss fahre ich mit Ulli zum Doc, da sie 38°C Fieber hat und dementsprechend aussieht. Die Diagnose lautet: Entzündung des Rachens. So gibt es auch für Ulli eine Packung Antibiotika. Am Mittwoch tauschen wir dann auch den Stoßdämpfer meiner Tenere in rund 2,5 Stunden. Nachdem sich Ullis Befinden immer mehr verschlechtert und das Fieber steigt, fahren wir am Abend zu einem zweiten Doktor. Dieser ändert die Medikamente uns spritzt ein stärkeres Antibiotika, aber das hilft auch nicht. Das Fieber steigt am Donnerstag sogar bis auf 40°C an. Sodass wir erneut einen Doktor aufsuchen. Dieses Mal ist es ein Freund der Familie dessen „Praxisgebühr“ im Verhältnis zu den beiden anderen deutlich höher ist. Nachdem er die verordneten Medikamente sieht, schüttelt er nur mit dem Kopf und klärt uns über die hiesigen Praktiken der Ärzte auf, die meistens Hand in Hand mit den Apotheken oder Pharmakonzernen arbeiten. Ullis Dosis an Antibiotika wird noch einmal aufgestockt und die restlichen Medikamente ausgetauscht. Nachdem mein Husten in den letzten Tagen wieder zugenommen hat, lasse ich mich auch gleich noch mal durchchecken und bekomme, wie sollte es auch anders sein noch mal Antibiotika. So können wir uns die nächsten Tage die Spritzen gegenseitig hin die Hintern jagen. Obwohl unsere Bikes nun wieder funktionstüchtig sind, wollen und können wir unsere Reise so noch nicht fortsetzen. Die nächsten Tage verbringen wir also im Bett und kurieren uns aus. Tag für Tag geht es uns besser. Ullis Temperatur nähert sich nach einigen Tagen wieder der Normaltemperatur an, dennoch brauchen wir beide noch ein paar Tage, um den Husten wirklich los zu werden. Genug Zeit also um ein Paket für die Heimat fertig zu machen, in welchem wir die zahlreichen Geschenke, die uns bisher in Mexiko gemachten, wurden sowie eine Datensicherung unserer Fotos nach Hause schicken können.

Leider blieb der Tot von Rossis Oma nicht der einzige Schicksalsschlag in diesen Tagen. Rossis Neffe Fernando verbrannte sich bei einem Unfall auf Arbeit so schwer, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Trotz anfänglicher Hoffnung erlag er seinen Verletzungen nach einigen Tagen. Aus diesem Grund stellte Rossi nach hiesigem Brauch neun Tage lang ein Kreuz und ein Foto von Fernando, umgeben von vier Kerzen, im Wohnzimmer auf. In den nächsten neun Tagen kommen Verwandte und Bekannte um von ihm Abschied zu nehmen. Am neunten Tag wird das Kreuz in einer feierlichen Zeremonie vom Boden aufgehoben und zum Friedhof gebracht.

Nun sind wir bereits so lange in Mexiko, dass uns Rajiv, der Fahrradfahrer, den wir in Kanada kennengelernt haben, hier wieder eingeholt hat. Mit ihm treffen wir uns dann auch in der Stadt und lassen unsere Erlebnisse auf der Strecke Revue passieren. Mal sehen wann wir uns wiedersehen.

So langsam fühlen wir uns wieder so gut, dass wir an die Weiterreise denken. Bevor es aber so weit ist, schaue ich mir mit Toni noch den Karneval an. Die bunten Umzüge sind mit denen in Deutschland kaum zu vergleichen. Vor allem das Schießen mit den Pulverbüchsen ist nett anzusehen, macht aber auch ein wenig Angst. Die Dinger sind richtig laut und mit Sicherheit auf kurze Distanzen nicht gerade ungefährlich. Wenn es dann noch zu einer Schießpulverexplosion kommt, geht es erst richtig rund. Am Wochenende sind wir alle zum 15. Geburtstag von Tonis Cousine eingeladen. Und eh man sich versieht, ist noch eine Woche rum. Eigentlich wollten wir in den nächsten Tagen wieder die Straßen unsicher, aber es kommt anders. Ulli entdeckt auf ihren Mandeln einen weißen Belag, der nichts Gutes vermuten lässt. Sicher ist sicher und da Ulli schon mal Pfeiffersches Drüsenfieber hatte, gehen wir noch mal zu Arturo, den zuletzt besuchten Arzt. Er diagnostiziert eine erneute Rachenentzündung (Pharyngitis), da wir aber endlich weiter wollen und es Ulli deutlich besser geht, lässt sich Ulli dieses Mal Antibiotika verschreiben, die man nicht spritzen muss, sodass wir auch unterwegs die regelmäßige Einnahme gewährleisten können. Nach drei Tagen sehen die Mandeln schon deutlich besser aus und eine letzte Untersuchung bei Arturo am Montagmorgen gibt uns grünes Licht für eine Weiterfahrt. Nachdem wir nun alle Wehwehchen auskuriert und unsere Bikes wieder in Schuss gebracht haben, soll es nun endlich weiter gehen.
Aus 2 Übernachtungen wurden 6 Wochen. Diese waren dank Toni, Rossi und ihren Familien keinesfalls langweilig. Im Gegenteil, quasi als Teil der Familie haben wir sehr viele private Dinge (Hochzeit, Geburtstag, Taufe und Beerdigung) erlebt, die wir als normale Reisende so nie kennengelernt hätten.

Für all das Erlebte und die grenzenlose Gastfreundschaft möchten wir uns hiermit nochmals bedanken. Es ist alles andere als normal 2 wildfremde Menschen 6 Wochen zu beherbergen.

 


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Zwangspause: Geburtstag oder Hochzeit

Bereits seit Mexiko Stadt plagt mich eine Erkältung, diese hält uns aber nicht davon ab am Donnerstag mit Pepe, den wir bei dem Barbecue mit Tonis Familie kennengelernt haben, Fußball zu spielen. Er ist der Ehemann von Tonis Schwester und arbeitet bei Stanley Black & Decker, einem US-amerikanischen Werkzeughersteller. Auf dem Betriebsgelände spielen wir ein wenig mit der Werks(hobby)mannschaft.

Dann ist es auch schon wieder Wochenende und die zweite Woche in Puebla ist wieder wie im Flug vergangen. Am Samstag helfen wir Antonio und Rossi und fotografieren bei einem 15. Geburtstag gemeinsam mit Rossi, während Toni auf einer anderen Veranstaltung fotografiert. Der 15. Geburtstag (Quinceanos) ist in Mexiko etwas ganz besonderes und wird wie eine Hochzeit, inklusive Kirchenzeremonie, gefeiert. 100 bis 200 Gäste sind keine Seltenheit und das Kleid des Geburtstagskindes erinnert an ein Hochzeitskleid oder manchmal auch an das einer Prinzessin. Eine mehrstöckige Torte darf natürlich nicht fehlen. Für diesen Geburtstag spart die gesamte Familie. Und um eines vorweg zu nehmen: Für Jungs wird dieser Geburtstag nicht annähernd so aufwendig gefeiert. Hier liegt die Vermutung nahe, dass man mit dieser Feier die junge Frau an den Mann bringen will. Alles was die Familienplanung angeht, beginnt in Mexiko schon deutlich eher. Mädchen die mit 14 Jahren ihr erstes Kind haben, sind hier keine Ausnahme. Auch Rossis Oma wurde bereits mit 13 Jahren verheiratet und hatte mit 14 ihr erstes Kind. Das ist zwar schon eine ganze Weile her, aber unüblich ist es dennoch nicht. In Deutschland liegt das Durschnittalter für das erste Kind bei rund 30 Jahren. Für Mexikanerinnen ist es in diesem Alter schwer überhaupt noch ein Kind zu bekommen, hier tickt die biologische Uhr deutlich eher. Ob es deswegen richtig ist mit 14 Jahren ein Kind zu bekommen sei mal dahingestellt. An diesem Beispiel sieht man wie unterschiedlich das Leben der Menschen auf der Welt sein kann.

Aber zurück zu dem Geburtstag, auch hier darf eine große Musikanlage nicht fehlen. Mindestens eine Stunde dauerte es bis alle Boxen auf die Bühne gebracht und angeschlossen werden. Kurz danach kommt unser heiß geliebter Gehörschutz wieder zum Einsatz. Wir machen Fotos mit den Gästen, den Geschenkübergaben und natürlich auch dem Geburtstagskind, welches „Dulce“ heißt, was übersetzt „Süße“ bedeutet. Nach einigen Stunden kommt es dann zum Stromausfall und es ist herrlich ruhig. So wie es aussieht, ist nicht nur das Gebäude betroffen, sondern der gesamte Wohnblock ist dunkel. Die Vermutung, dass die Anlage einfach zu viel Strom verbraucht liegt nahe, da man nachdem der Strom nach zirka einer Stunde wieder fließt, nur noch die Hälfte der Boxen benutzt, was immer noch laut genug ist.

Am Sonntag sind wir mit Tonis Schwester Mirella, ihrem Ehemann Eladio und den Söhnen David und Erik verabredet. Zu sechst fahren wir in einem VW Jetta nach Cuetzalan zu den Pyramiden von Yohulichan. Bei dieser Beladung wird jeder Topes zu einer echten Herausforderung und jedes Mal wenn der Asphalt am Unterboden des Autos kratzt, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter und ich wünsche mir, dass wir doch besser mit den Motorrädern hinterher gefahren wären. Aber mit den vielen Mautstellen auf der Straße wäre dies auch teuer geworden und so haben wir wenigstens die Möglichkeit uns etwas besser kennenzulernen. Nach dem Besuch der Pyramiden schauen wir uns noch das Pueblo Magico Cuetzatlan an. Dort sehen wir wieder einmal die fliegenden Musiker (Voladores), die kopfüber an Seilen hängend und rotierend musizieren. Wenig später essen wir leckere Forellen, was wir hier so nicht erwartet haben. Am Montag ist hier Feiertag und wir treffen uns noch einmal mit Eladio, Mirela und Erik. Gemeinsam schauen wir uns Cholula etwas genauer an und besuchen unter anderem das Kloster San Gabriel, das Museum del Sitio sowie einige andere Kirchen, wie die von Tonantzintla, deren Innenraum so reich verziert ist, dass man bald kein freies Stück Wand mehr sieht. Wenig später laufen wir auch noch durch die Tunnel der Pyramide von Cholula, welche sich unter der Kirche Santa Maria de los Remedios befindet. Zum Abschluss des Tages geht es noch mal weit aus der Stadt hinaus und wir essen wieder Forelle. Dieses Mal in einer leckeren Senfsoße.
Obwohl die Tage alle samt sehr schön waren, hatten sie auch etwas Störendes. Ein ständiger Husten begleitet mich immer und überall. Aus diesem Grund entscheide ich mich am Dienstag dann endlich mal einen Arzt aufzusuchen. Dieser diagnostiziert eine Bronchitis und spritzt mir die erste Spritze des Antibiotikums vor Ort in den Hintern. Leider bleibt es nicht bei der einen Spritze, sodass ich in den nächsten Tagen wiederkommen muss. In den folgenden Tagen kümmern wir uns um unsere Bikes. Wir verstärken die Aufnahme der Gepäckboxen (was vermutlich nicht zwingend notwendig ist, aber uns dennoch ein wenig beruhigt, wenn es mal wieder ins grobe Gelände geht) des Weiteren verlegen wir meine GPS-Halterung etwas höher, damit wird das Ablesen des GPS deutlich erleichtert. In dieser Zeit erscheint auch ein Artikel in der Zeitschrift „metro“ über unsere Reise den unser Freund Jorge aus Mexiko Stadt geschrieben hat.

 


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Zwangspause: Wie alles begann

15. Januar – 2. März

Zwischen Mexiko Stadt und Puebla liegen eigentlich nur rund 140km also quasi eine kurze Tagesetappe. Und eigentlich haben wir vor, nachdem wir bereits circa einen Monat in der Hauptstadt verbracht hatten, nun etwas Strecke zu machen, weshalb wir ursprünglich auch nur zwei Übernachtungen in Puebla einplanen. Aber hier kommt alles anders. Aus zwei Übernachtungen werden sechs Wochen.

Nachdem wir es irgendwie durch den Verkehr geschafft und Puebla erreicht haben, werden wir auch schon von Antonio, Rosy und ihren 3 Hunden in ihrem Haus empfangen. Rosy hat ihren Frisörsalon und Antonio sein Fotostudio direkt am Haus. Das nenne ich mal Optimierung des Arbeitsweges. Nach dem Kennenlernen, was bei den beiden ausschließlich auf Spanisch möglich ist, geht es auch schon in die Stadt zu einer kleinen Sightseeingtour. Im Zentrum der Stadt sieht es noch sehr weihnachtlich aus, obwohl es schon Mitte Januar ist.

Am nächsten Morgen bringen wir die Vorderräder der Bikes zum Zentrieren, da sich meine Felge auf der Baja eine ordentliche Delle eingefangen hat und die Speichen bei Ullis Vorderrad alles andere als harmonisch klingen. Danach widmen wir uns der Pflege der Bikes und versehen sie mit den in Mexiko Stadt angefertigten Aufklebern. Uns wurde bereits oft nahe gelegt, dass es besser ist sich als Deutscher (oder auch Nicht-Amerikaner) erkennen zu geben, da Menschen in vielen Teilen der nun folgenden Länder uns für Gringos, also US-Amerikaner, halten werden, was hier nicht wirklich von Vorteil ist. Aus diesem Grund versehen wir unsere Bikes und die Koffer mit der Deutschlandflagge.
Eigentlich sollen die Räder nach einigen Stunden fertig sein, aber das sind sie nicht und wir werden auf Morgen vertröstet. Am Abend haben wir noch genug Zeit um noch einmal mit Antonio und Rosy die Stadt unsicher zu machen. Neben der interessanten Altstadt sehen wir uns auch ein imposantes Lichtspiel an, welches die Geschichte der Stadt in den nächtlichen Himmel projiziert.

Die Vorderräder sind am Folgetag bereit zum Abholen, aber was ist das – plötzlich will man 820 (rund 48 Euro) statt der ausgemachten 700 Peso (rund 41 Euro). Nicht mit uns! Bereits die 700 Peso sind für mexikanische Verhältnisse ein stolzer Preis und so lässt Ulli den Mexikaner mit seiner Idee gnadenlos abblitzen. Bereits im Vorfeld wurden wir mehrmals darauf hingewiesen Preise im Voraus auszumachen, damit es dann nicht zu Überraschungen kommt. Allzu gern versucht man auf diesem Weg den vermeintlich reichen Touristen so das Geld abzunehmen. Und wenn man im Voraus nichts ausgemacht hat, hat man dann schlechte Karten. Trotz allem oder vielleicht auch gerade deswegen will man uns auch bei einem anderen Problem behilflich sein und vermutlich dort mit einem entsprechenden Preisaufschlag die entgangenen Peso kompensieren. Da bereits seit etlichen Kilometern das Federbein von Ullis Tenere zu soft ist und in einer Gefahrensituation nicht mehr die notwendigen Reserven bietet, wollten wir versuchen dem altersschwachen Federbein etwas Druck zu machen und fragen nach, ob die Mechaniker den Druck des Federbeins auf 12 bar erhöhen können. Auch nach mehrmaligem Nachfragen, ob sie fähig sind einen solchen Druck zu liefern, antworteten sie uns mit „Ja“. Wir freuen uns bereits eine sogar preiswerte, wenn auch vorrübergehende Lösung für dieses Problem gefunden zu haben, da man für diesen Service nur 150 Peso pro Bike veranschlagte. Wir also mit den Vorderrädern schnell zurück zu Antonio und bauen diese ein, um dann wieder schnell bei dem besagten Suzuki Händler zu sein. Gemeinsam mit zwei Mechanikern gehen wir also zu einem nahegelegenen Reifenhändler bei dem der eine Mechaniker diese Prozedur bereits das ein oder andere Mal durchgeführt haben will. Nach längerer Suche und Fragerei in verschiedenen anderen Werkstätten hat er dann auch einen passenden Adapter für das Ventil gefunden und versuch den Stickstoff in den Stoßdämpfer zu füllen. Als wir dem anderen Mitarbeiter noch einmal bestätigen, dass er an der Maschine 12 bar einstellen soll, was er uns kaum glauben kann, geht es dann endlich los. Allzeit den Daumen nach oben lächelt uns der Mechaniker an und meint es funktioniert, bis er dann irgendwann feststellt, dass er wohl Stickstoff abgepumpt hat statt es einzufüllen. Nun ja, ist ja auch ganz schön schwer zwischen rein und raus zu unterscheiden, vor allem wenn man dies schon mehrfach gemacht hat. Guten Gewissens versichert er uns, dass es nun aber geht und der Druck langsam aufgebaut wird und erklärt uns, dass dies ein sehr hoher Druck ist. Es sind mittlerweile 2-3 Stunden vergangen, in denen zwei Personen versuchen einen Stoßdämpfer mit Stickstoff zu befüllen und wir spendieren den Beiden eine Dose Cola, da sie sich schon echt bemühen. Aber irgendwann wird es uns auch zu bunt und wir testen den Stoßdämpfer nachdem die beiden uns versichert haben, dass es schon deutlich besser ist als vorher. Pustekuchen, wie eine Luftpumpe lässt sich das Heck der Tenere auf und nieder bewegen und als sich Ulli dann auch noch drauf setzt, federt es fast bis zum Anschlag ein. So können wir kaum weiterfahren und schon gar nicht mit all unserem Gepäck. Extrem enttäuscht treten wir den Heimweg an. Zum Glück mussten wir für die Prozedur nichts bezahlen. Zum Glück für die Beiden…

Am nächsten Tag machen wir uns auf die Suche nach dem Yamaha-Händler. Dieser kann auf die Schnelle auch nicht helfen, würde uns aber den Dämpfer „kostengünstig“ tauschen, wenn wir einen neuen haben. Leider ist die Tenere hier nicht so verbreitet wie erhofft, sodass die Beschaffung eines Stoßdämpfers auch mehrere Wochen dauern kann.

Nach langem hin und her überlegen entschieden wir uns nun neue Stoßdämpfer in Deutschland zu bestellen. Dies war eigentlich erst für Guatemala geplant, um einen gewissen Vorlauf bei der Paketzustellung zu haben, aber nun mussten wir in den sauren Apfel beißen und hier auf die Teile warten. Toni und Rosy sagten uns gleich, dass es für sie kein Problem ist, wenn wir so lange bei ihnen bleiben, auch auf die Gefahr hin, dass es einige Wochen sind.

Jetzt heißt es abwarten und Tee trinken.


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Wochenendausflug nach Morelia

02.-06.01.2015
 
Veronica und Sergio, Jorges Eltern, haben uns zu einem Wochenendausflug nach Morelia, circa 300km nord-westlich von D.F. eingeladen. Auch Laura kommt mit und so verbringen wir vier Tage im Bundestaat Michoacan. Die Innenstadt von Morelia beeindruckt mit guterhaltenen Bauten aus der Kolonialzeit. Wir wohnen die Tage in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand. Am Samstag sind wir wieder zu einer Taufe eingeladen, welche dieses Mal in noch größerem Stil gefeiert wird. Die Taufzeremonie in der Kirche haben wir verpasst, da wir uns am Frühstückstisch zu lange mit gegenseitigem Spanisch- und Deutschunterricht aufgehalten haben.
 
Dafür sind wir dann direkt zur anschließenden Party gefahren, die etwas außerhalb der Stadt im Garten eines Eventlokals stattfand. Zu unserer Überraschung ist unter dem großen Partyzelt ist für 200 Personen sehr festlich gedeckt, krasse Fete für eine Taufe. Nebenan stehen zwei (!) Hüpfburgen für die Kinder (kurz vor Einbruch der Dunkelheit muss ich diese dann noch ausprobieren). Als Appetizer gibt es einen Fleischsaft, den ich dankend ablehnen muss. Alternativ gibt es zum Glück noch Schafskäse. Die Hauptspeise ist ein typisch mexikanisches Festtagsessen: Reis, Fleisch, Salsa und dazu werden Tortillas gereicht. Insgeheim freut sich jeder schon auf den „Pastel“ – den Kuchen. Auf den müssen wir noch bis zum Abend warten. In Mexiko verhalten sich Kaffeetrinken und Abendbrot umgekehrt zu deutschen Gewohnheiten: 15 Uhr gab es das Fleisch, um 20Uhr Kaffee und Kuchen. Am frühen Abend rückt eine circa 10-köpfige Band an, die man schon fast Blaskapelle nennen könnte. Blasmusik ist in Mexiko der absolute Hit. So lauschen wir zwei Stunden lang der ohrenbetäubenden Trompetenmusik, bei der man sich kaum mehr unterhalten kann. Da hilft es nicht, dass die Konversationen in Spanisch stattfinden. Wir können schon nach dem zweiten Lied keine „Melodie“ mehr unterscheiden, doch die Mexikaner rocken von Anfang an auf der Tanzfläche ab. Die Tanzfläche ist fast immer voll, auch schon bevor es Tequila gibt, schwer vorstellbar auf deutschen Familienfeiern. Die Mexikaner wissen wie man Feste feiert und so ist hier eine Taufe ein ausgewachsenes Fest, welches manche Hochzeitsfeier bei uns blass erscheinen lassen würde. Nur der Getaufte hat nicht viel davon, er ist so klein dass er noch nicht einmal laufen kann.
 
Am Sonntag fahren wir von Morelia nach Pátzcuaro, einem „Pueblo Magico“. Wer Mexiko besucht, sollte nach diesen „Pueblo Magicos“, was so viel bedeutet wie „magisches Dorf“ Ausschau halten. Diese Dörfer oder Kleinstädte zeichnen sich durch besonders schöne bzw. historisch bedeutungsvolle Gebäude uns Stätten aus. Sie sind im ganzen Land verteilt. Mit einem Boot fahren wir auf dem Lago de Pátzcuaro zur Insel Janitzio. Fischreiher säumen das noch natürliche Ufer, während wir auf die Insel zusteuern. Schon von weitem können wir die Fischerkanus sehen. Als wir näher kommen formieren sich die Fischer mit ihren Booten zu einem Kreis und präsentieren ihre traditionellen schmetterlingsförmigen Netze. Natürlich ist dies abgesprochen und nach der „Show“, der man sich vom Boot aus nicht entziehen kann, kommt einer der Fischer herüber und sammelt Geld ein. Die Schmetterlingsfischer gehören zur mexikanischen Kultur und sind auf der Rückseite des 50 Pesos Schein abgebildet. Heute sieht man sie allerdings nur noch als Touristenattraktion, fischen geht so niemand mehr. Die Insel ist eine Anhöhe in deren Mitte die Staute von José Maria Morelos thront, Denkmal eines Helden der mexikanischen Unabhängigkeit. Wir erklimmen die Statue und blicken auf den See und die Umgebung. Von hier können wir beobachten, wie sich die Fischer für das nächste Touristen-Boot bereit machen. Die Insel wirkt durch die aneinander gereihten Souvenirgeschäfte, mit fragwürdigen Gegenständen wie afrikanischen Masken (?) leider nicht sehr authentisch und wie eigens für den Tourismus erschaffen.
Zum Mittagessen wollen unsere Freunde eine ihrer Leibspeisen zu sich nehmen. Dafür fahren wir ins nahegelegene Quiroga, wo es die angeblich besten „Carnitas“ des Landes gibt. Es handelt sich hierbei um speziell gekochtes Schweinefleisch. Was für mich aussieht wie eine Mischung aus Fett, Haut und matschigem Fleisch, von deren Verzehr sogar Stephan absieht, ist für unsere mexikanischen Freunde ein Hochgenuss.
 
Am Abend machen wir wieder die Innenstadt von Morelia unsicher, schlendern durch die Gassen und essen Eis. Der 6. Januar, der Tag der Heiligen Drei Könige, der in Mexiko von größerer Bedeutung ist, steht vor der Tür. Entsprechend voll sind die Straßen und die Spielzeugwarenstände platzen aus allen Nähten.
 
Wir hatten ein sehr schönes Wochenende mit Sergio, Veronica und Laura. Wir haben viel gelacht und uns gegenseitig spanisch und deutsch beigebracht. Sie planen in zwei Jahren nach Deutschland zu kommen und wir hoffen, dass wir ihnen dann etwas von unserem Land zeigen können.
 


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Zurück in Mexiko-Stadt

27.12.2014-14.01.2015
 
Was wollen wir noch von Mexiko-Stadt sehen? Ein kurzer Blick ins Internet offenbart uns, das wir bei ausreichend Zeit einen Besuch von Teotihuacan nicht versäumen sollten.
50 km nordöstlich von D.F. liegt eine der bedeutendsten Ruinenstädte Mesoamerikas. Seit 200 v.Chr. wurde dieser Ort ungefähr tausend Jahre lang bewohnt und war mit bis zu 200.000 Einwohnern zu ihrer Glanzzeit ein dominierendes Zentrum und gilt als damals größte Stadt Amerikas. Wer die ursprünglichen Erbauer und Bewohner waren ist bis heute nicht geklärt. Die Azteken fanden die Stadt bereits verlassen vor.
 
Wir schlendern den 2,5km langen und 40m breiten Hauptweg entlang und lauschen dem Gebrüll der Jaguare. Das Fauchen, welches aus diesen Tonfiguren kommt, wenn man hineinbläst, wird zu allgegenwärtigem Geräusch. Jedes zweite Kind hat solch ein Ding. Die Verkäufer sind aufdringlich genug und nerven die Eltern wohl mehr als es die Kinder später mit ihren Jaguarfiguren können. Für uns wird es zum Dauerwitz und Roxana beweist uns das es auch mit den bloßen Händen geht. Da wir nun hier sind, können wir unmöglich nicht die 60m hohe Sonnenpyramide besteigen. Bei gefühlten 40 Grad im Schatten, den es aber hier leider nicht gibt, stellen wir uns an die Schlange, die sich vom Pyramidenboden über mehrere Windungen bis auf die Spitze zieht, an. Nach 45 Minuten haben wir schneller als erwartet (unter Auslassung einer Windung an der man sich theoretisch hätte anstellen müssen), die oberste Plattform erreicht. Nach dem obligatorischem Genuss der fantastischen Aussicht auf die Ruinenstadt und dem Schießen einiger Fotos begeben wir uns auf den 6-minütigen Abstieg.
 
Wieder versuchen wir uns vor dem inneren Auge vorzustellen was sich hier wohl vor 2000 Jahren abgespielt hat. Kurzzeitig gelingt es: Bauern verkaufen ihre Ernte, Töpfer stellen Tongefäße her, Tiere und Menschen laufen im Gedränge umher, bunt geschmückte Herrscher stehen auf den Pyramiden und sehen auf ihr Volk herab, auf den Tempel-Altären liegen die Reste der Blutopfer, … , nein manches will man sich doch nicht vorstellen. Man würde so gerne wissen wie es „wirklich“ ausgesehen hat und wird es doch nie erfahren. Das macht wohl die Faszination an solchen Orten aus. Sie sind da und begehbar, man stellt sich etwas vor, wird es aber nie bestätigt bekommen und so denkt sich der Geist immer neue Szenarien und Möglichkeiten aus. Man schaut sich immer mehr Relikte und Ausgrabungsgegenstände an, liest etwas darüber und fragt sich dann am Ende, warum es einen eigentlich interessiert, was irgendjemand am anderen Ende der Welt vor 2000 Jahren dort gemacht hat. Und trotzdem kann ich es kaum erwarten, später die Ruinen der Maya im Urwald von Guatemala zu sehen oder die der Inka in den Bergen von Peru.
 
Sylvester wird in Mexiko relativ unspektakulär gefeiert. Feuerwerk haben wir so gut wie keines gesehen. Wir verbringen den Abend mit Roxanas Familie, die ein großes Zusammentreffen geplant haben. Es gibt scharf gewürzte Tamales und später Garnelensuppe. Kurz nach 12 Uhr isst jeder seine 12 Weintrauben, von denen jede einen glücksbringenden Monat symbolisiert. Danach gratuliert jeder jedem mit einer Umarmung zum neuen Jahr, was in unserem Fall bei rund 40 Leuten einige Zeit in Anspruch nimmt.
Am das ersten Wochenende des Jahres fahren wir mit der Veronica, Sergio und Laura nach Morelia, doch dazu später mehr in einem anderen Beitrag.
 
Für den Abend des 8. Januar sind wir mit den Organisatoren des Projektes „amigos de los ninos“ verabredet, Venancio und Felipe. Bereits im Vorfeld unserer Reise standen wir mit „Der Stiftung für Helfer“ in Kontakt, die es Reisenden vereinfachen will, unterwegs an sozialen Projekten mitzuwirken beziehungsweise Spendengelder zu übergeben. Die „Amigos de los ninos“ sind eines dieser Projekte der weltweiten Datenbank, welches wir anfahren wollten. Im Verein werden Kinder aus sozial schwachen Familien unterstützt, damit sie am regulären Schulunterricht teilhaben können. Unsere aus Deutschland gesammelten Spenden investieren wir an diesem Abend in 11 neue Schulrucksäcke. Von dem Rest der 350€ kaufen Venancio und Felipe später Turnschuhe für die Kinder, da wir an diesem Abend die Größen noch nicht kennen. Einen ausführlicheren Bericht dazu gibt es hier.
 

 
Wir haben noch einen Tag, den wir gemeinsam mit Jorge und Roxana in der Stadt verbringen wollen, da wir aus Sightseeing-Sicht noch gar nicht viel von D.F. gesehen haben. Das Nationalmuseum für Anthropologie ist für seine umfangreiche Dauerausstellung über die indigenen Völker Mexikos bekannt und erscheint uns daher als guter Ausgangspunkt. Wir lernen einige erstaunliche Fakten über die Maya und Azteken (welche sich selbst als Mexica bezeichneten). Zuvor hatte ich zumindest noch nicht gewusst, dass die Maya ihre Schädel seit dem frühkindlichen Alter mit Hilfe von Holzklemmen zu einer konischen Form zwangen. Das „Juego de pelota mesoamericano“ war ein viel gespieltes Ballspiel, welches sowohl Sportveranstaltung als auch Ritual war. Nur durch Berührung mit Hüfte oder Oberarm musste versucht werden, einen Ball durch Zielringe oder an Markiersteine zu spielen. Der Ball war sehr schwer und hart, sodass gelegentlich Spieler an einer gebrochenen Hüfte oder anderen Verletzungen gestorben sind. Das Spiel wird auch oft mit Menschenopfern in Verbindung gebracht. Aus verschiedenen Quellen haben wir gehört das Verlierer oder Gewinner geopfert wurden, wobei es im zweiten Fall eine Ehre war. Mehr als 1000 solcher Ballspielplätze wurden bei den alten Ruinenstädten identifiziert. Ebenso sehen wir Opfersteine der Mexica (Azteken), auf denen Kinder im Alter von 6-7 Jahren geopfert wurden, um die Götter um Regen zu bitten. Kinder, die viel weinen, bringen nach der Opferung das Wasser vom Himmel.
 
Hier noch eine kurze Geschichte: Inmitten eines Sees im Tal von Mexiko, sahen die aztekischen Ankömmlinge einen Adler der auf einem Kaktus sitzend eine Schlange verschlingt. Dies sahen die Azteken als göttliches Zeichen und gründeten an dieser Stelle ihre Hauptstadt Tenochtitlán. Die Stadt wurde auf mehreren Inseln dieses Sees mit Dammwegen zum Festland hin erbaut. Heute befindet sich hier Mexiko-Stadt, den See gibt es bis auf kleine Überreste nicht mehr, da er von den Spaniern trocken gelegt wurde. Der Adler und die Schlange auf dem Kaktus bilden heute das Nationalwappen und finden sich auf der mexikanischen Nationalflagge wieder.
Im Anschluss an den Museumsbesuch schlendern wir zum Schloss Chapultepec und weiter durch die Stadt. Das Denkmal El Angel de la Independencia erinnert uns sofort an die Siegessäule in Berlin. Die umliegenden Hochhäuser in ihren Glasfassaden lassen das Stadtzentrum sehr modern erscheinen. Im Restaurantviertel gönnen wir uns einen amerikanischen Burger bevor wir zum Monumento Revolucion Mexicana weiter laufen. Man kann mit einem Fahrstuhl auf die Plattform unter der 67m hohem Kuppel fahren. Im Rundgang haben wir einen Blick nach allen Seiten auf die Stadt. Wir warten hier den Sonnenuntergang ab, auch wenn der kühle Wind uns hier oben zu schaffen macht.
 
Unsere letzenTage in D.F. verbringen wir mit Blog schreiben, Emails beantworten, einigen organisatorischen Dingen, Essen kochen, Motorölwechsel und verlieren uns ab und an im Internet. Das Internet hat natürlich auf solch einer Reise viele Vorteile, doch manchmal denke ich mir, dass ich ja meine Zeit eigentlich mit Reisen und nicht mehr mit dem Computer verschwenden wollte. Ansonsten geben wir bei Jorges Schwester Laura noch einen Vanillekipferl-Backkurs und lernen später im Gegenzug Salsa zu kochen (grüne Salsa besteht aus grünen Tomaten und grünem Chili, rote Salsa aus roten Tomaten und rotem Chili). Außerdem waren wir mit unseren Freunden im Kino, beim Billard spielen, haben Schokoladenfondue gemacht, waren Essen gehen usw., eben ganz normale Dinge, nur im „Mexican Style“. Nicht zu vergessen die abendliche Gesprächsrunde beim Tee, bei denen alle möglichen Gesprächsthemen aufkommen, wie zum Beispiel Bräuche in Deutschland. Besonders amüsant für Jorge und Roxana waren dabei das Maibaum stellen zum 1. Mai, Zuckertüten zum Schulanfang und der Männertag an Christi Himmelfahrt. Zur Geburtstagsfeier von Veronica sehen wir nochmal alle wieder und können mit unserem selbstgebackenen russischen Zupfkuchen eine kleine Freude bereiten.
 
Unsere Zeit in Mexiko-Stadt neigt sich nun dem Ende zu. Die Stadt hat besonders unseren Seh-, Riech- und Hörsinn gefordert, daher folgt hier nur eine kurze Zusammenfassung. Die Stadt ist so vielfältig, das man sie schwer beschreiben kann, am besten man hat sie selbst erlebt. Für das Auge gab es solch eine Vielfalt, das einem schon schlecht werden konnte: Moderne, verglaste Hochhäuser stehen im Kontrast zu heruntergekommenen Slums und Wellblechhütten. Monumente in Form von Statuen und Plattenbauten erinnern mich an Fotos aus der ehemaligen Sowjetunion. Archäologische Ausgrabungsstätten, Kirchen und Kathedralen, hübsche Plazas und Parks (z.B. Coyoacan), Bars, Clubs, Museen und Schlösser sind die Anziehungsmagnete für Touristen. Einzeln aneinandergereihte Geschäfte, kleine Verkaufsstände, Krimskramsläden, unglaublich viele Essbuden und Snack-Kioske aber auch schicke Einkaufsmalls sorgen für belebte Straßen. Werkstätten, einfache Hand-Autowaschanlagen und Bretterbuden aller Art formen ebenfalls das Stadtbild.
 
Sowohl kleine verschlafene Gassen als auch zwölfspurige oder mehr-etagige Straßen bilden das Verkehrsnetz. Ein Metrobus- und U-Bahnnetz sorgt für schnelle und relativ preiswerte Mobilität innerhalb der Stadt. Die Straßen werden befahren von ganz normalen Klein-, Mittel- und Oberklasse- Fahrzeugen, welche auch in Europa oder den USA zu finden sind, einigen Autos die scheinbar dem Schrottplatz entkommen sind, überdurchschnittlich viel gepanzerten Pickups, Taxis, unendlich vielen Bussen verschiedener Größen und vielen Roller- und Motorradfahrern ohne Helm. Straßenhindernisse sind unter anderem ungesicherte Baustellen, fehlende Gullideckel, vereinzelt liegengelassen Fahrzeuge, streunende Hunde, Händler auf Rädern oder einfach nur Stau. Offen herumliegender Müll jeglicher Art, selbstgemalte Werbeschilder, Plakate, Wand- und Bodenmalereien sowie Graffitis, welche die Kritik des Volkes an der Regierung zum Ausdruck bringen, runden das Stadtbild ab. So verschieden wie das äußere der Stadt sind auch die Menschen in dem unendlich großen Gewusel. Frauen tragen ihre Kinder in Decken gewickelt auf dem Arm (man sieht hier kaum Kinderwagen), Schuheputzer , Straßenkünstler an Ampeln, U-Bahnverkäufer (illegal), Geschäftsleute, Schulkinder, Studenten, Bauarbeiter, Bettler, Mariachis, Verkäufer aller Art und meistens ganz normale Leute… .
 
Für die Ohren sind besonders die Autos mit auf dem Dach angebrachten Lautsprechern auffällig, welche mit Melodien und Bandansagen auf ihre Ware (z.B. Wasser, Brot, Gasflaschen) auf sich aufmerksam machen. Wer keinen Lautsprecher hat schreit einfach seine Botschaft in die Gegend.
Die Nase hat mit Smog und Staub zu kämpfen. Aufgrund der Höhenlage von circa 2200m und dem ständigen Smog welcher die Stadt umhüllt, war uns öfter etwas schummrig. Der süße Duft von Churros ist verlockend, Fahrräder mit dampfenden Töpfen (Tamales usw.) fahren an uns vorbei. Die zahlreichen Comedores (Essbuden) verbreiten den Geruch von Fleisch, Tortilla und Salsa. Tote Hunde am Straßenrand, Müllberge und stinkende Gossen sind dann die weniger erfreulichen Geruchsquellen.
Die Liste an Eindrücken ließe sich unendlich fortsetzen und auch die Fotos können diese Welt nicht annähernd wiedergeben. Am besten man erlebt die Stadt selbst mit allen Sinnen.
 
Mit Unterbrechung durch die Ausflüge nach Oaxaca und Morelia, machen wir uns einen Monat nach unserer Ankunft in D.F. auf den Weg zu unserem nächsten Zwischenziel Puebla.
 
Ein großes Dankeschön an Jorge und Roxana und ihre Familien für diese einzigartige Zeit. Es hat uns großen Spaß gemacht mit Euch!
 


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Weihnachten – Ziegenbraten am Fluss

23.-26.12.2014
 
Nach zwei Nächten in Oaxaca Stadt fahren wir weiter zur Familie von Jorge. In Putla Villa de Guerrero leben zwei Brüder von Veronica (der Mutti von Jorge) mit ihren Familien. Gegen Ende der mehrstündigen Fahrt durch die Berge sind wir „Topeskrank“. Mit Topes, auch schlafende Polizisten genannt, haben wir natürlich vorher schon Bekanntschaft gemacht. Auch mit den Motorrädern sollte man diese zumeist steinernen Geschwindigkeitsbegrenzer nicht mit zu viel Schwung erwischen. Hinten im Auto in Kombination mit kurvenreicher Straße und dem ständigen Abbremsen und Beschleunigen für die Topes kündigt sich uns ein flaues Gefühl im Magen an. Glücklicherweise lenkt uns die immer tropischer anmutende, in Nebelschwaden gehüllte Berglandschaft etwas davon ab.
 
Wir werden von Daniel und seiner Frau sehr freundlich empfangen und kaum dass wir sitzen steht auch schon ein Abendbrot auf dem Tisch. Als Appetizer probieren wir Ameisen. Mit einer Körperlänge von fast 1 cm sind sie etwas dicker als das was wir aus deutschen Wäldern kennen. Sie werden hier einmalig im Jahr gesammelt und werden unter anderem in Tacos gereicht. Ich hätte die Ameise nicht zerkauen sollen, geschmacklich finde ich sie nicht so besonders. Müsste ich mich entscheiden, würde ich die Grashüpfer vorziehen.
Das 2-Etagen Haus der Familie sieht von innen und außen aus wie ein Rohbau in Deutschland. Kein Putz, keine Farbe, die Möbel, soweit vorhanden, stehen vor der nackten Steinwand. Fensterscheiben gibt es keine, und die sind auch nicht nötig. Wahrscheinlich wären geschlossene Fenster in der ganzjährig feuchten Luft hier eher dem Schimmel zuträglich. Die wenigsten Räume haben Türen. Im Vorraum ist eine Hängematte angebracht, sehr sympathisch. Im Hinterhof befindet sich ein wichtiger Teil der Küche: die Feuerecke. Das Badezimmer ist ein circa 2 Quadratmeter großer Raum, in dem es eine Toilette, ein Waschbecken und ein aus der Wand ragendes Wasserrohr als Duschkopf gibt. Aus diesem kommt nur kaltes Wasser. Möchte man warm duschen, wird im Hinterhof über dem Feuer Wasser erhitzt und dieses dann in einem Eimer im Badezimmer zum Schöpfen bereitgestellt. In den Sommermonaten möchte man hier wahrscheinlich ohnehin nur kalt duschen.
 
Am 23.12. sind wir zu einer Taufe in einem Dorf weiter südlich in Oaxaca (San Miguel Tlacamama) eingeladen. Während der dreistündigen Anfahrt über Topes und Bergstraße, hören wir unsere Musik, die wir auf dem Smartphone mitgebracht haben, welche auch Roxana und Jorge gut gefällt.
Für die Feier machen die Dorffrauen vor Ort in Handarbeit Tortillas, eine von den älteren Frauen mit freiem Oberkörper. Der frisch zubereitete Teig wird zunächst in Bällchen geformt, dann in einer Handpresse zwischen Folie zu einem dünnen Fladen geformt welcher dann gekonnt in einer Handbewegung und ohne zu zerreißen auf die Feuerplatte gelegt wird. Der ersten spaßhaften Einladung mitzumachen, lehne ich zunächst ab. Später, entscheide ich mich dazu, es doch mal zu versuchen. So lerne ich Sylvia kennen, scheinbar die Chefin, die mich direkt mit ernster Miene und forschen Anweisungen instruiert. Damit ich den gut eingespielten Ablauf der Tortilla Herstellung nicht unterbreche, hatten sie mir etwas Teig zum Üben übrig gelassen. Mit meiner Lehrlingstunde stehe ich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der gesamten Partygesellschaft. Natürlich ist es interessant, wie sich Blondie bei der traditionellen Tortilla Herstellung anstellt. Und natürlich bleibt mir der Teigfladen an den Händen kleben, sodass mehrere Einzelstücke auf der Feuerplatte landen. Was soll’s, so ist wenigstens für Unterhaltung gesorgt. Nachdem ich dann einige Tortillas hergestellt habe, darf ich sie in einem Körbchen meinem Mann reichen, welcher sie dann verspeisen „muss“. Nun kann ich mit Sylvia auf ein Bier anstoßen und wir sind nun „beste Freundinnen“.
 
Ein Höhepunkt der Feier wird besonders von den Kindern herbeigesehnt: Piñatas zerschlagen (eine vorweihnachtliche Tradition in Mexiko). Heutzutage sind Piñatas Pappmachefiguren von Comic-helden, die mit Süßigkeiten gefüllt sind. Die Kinder versuchen der Reihe nach, die an einem Seil ausgehangene Figur mit einem Stock zu zerschlagen, sodass alle Süßigkeiten herausfallen. Sobald dies passiert ist, stürzen sich alle Kinder auf den Boden, um so viele Bonbons wie möglich zu ergattern. Ursprünglich hatten die Piñatas die Form einer Kugel mit sieben kegelförmigen Spitzen, welche die sieben Todsünden darstellen sollen. Man wollte sich also symbolisch von den Sünden befreien, indem man sie zerschlägt. Mittlerweile finden selbst die Mexikaner diese Ausweitung der Tradition fragwürdig, da die Kinder auf Figuren schlagen sollen, die sie eigentlich mögen. An diesem Tag jedenfalls werden einige dieser Figuren von den vielen anwesenden Kindern auseinandergenommen.
 
An Heiligabend gehen wir vormittags mit der ganzen Familie im Fluss baden. So sind wir eine Weile mit Springen und Wasserball beschäftigt. Am Flussufer gibt es auch gleich noch Mittagessen: Tortillas mit Käse und Avocados. Nach einigen Spielrunden Loteria im Gras fahren wir zurück zum Haus. Daniel nimmt uns später mit, um die Ziege abzuholen. Diese hatten wir zwei Tage zuvor noch lebend kennengelernt, nun fahren wir los, um sie im Topf wieder nach Hause zu bringen. Freunde von ihm hatten das Garen der Ziege bei ihrem Haus vorgenommen. Dazu wird ein Erdloch mit glühender Kohle ausgelegt und das Ziegenfleisch auf einem Holzgitter darübergelegt. Das ablaufende Fett und die Fleischsäfte bereichern eine Maissuppe, die in Töpfen darunter köchelt. Das Ganze ist mit Bananenblättern abgedeckt unter denen das Fleisch circa 3-4 Stunden gart. Als wir an der Hütte im „Dschungel“ ankommen, ist es noch nicht ganz fertig und wir müssen noch etwa eine Dreiviertelstunde warten. Die alte Frau die uns in Empfang nimmt, ist für mich so etwas wie ein Weihnachtsengel. Sie strahlte eine Freundlichkeit, Zufriedenheit und Glückseligkeit aus, die ich selten bei Menschen gesehen habe. In der ärmlich ausgestatteten Hütte leuchten ein paar Lichterketten und zwei kleinere Mädchen betrachten uns aus einer Distanz die sowohl eine gewisse Neugier als auch Scheu vermuten lässt. Inzwischen ist es dunkel und es hat angefangen stark zu regnen. Dem uns mehrmals angebotenen Dosenbier konnten wir uns schließlich nicht erwehren und so muss ich doch nach einiger Zeit nach der Toilette fragen. Kurzerhand bekomme ich eine Art Grubenlampe umgehangen und soll dem Jungen folgen. Es ist dunkel wie im Bärenarsch, regnet in Strömen und ich krieche durch das Unterholz, um ein ominöses Plumpsklo zu finden. Zum Glück kenne ich das noch vom Hof meiner Urgroßeltern, nur ohne den Teil mit dem Unterholz. Als mich Stephan später fragt wo nun das Klo sei kann ich mir das Lachen kaum verkneifen und schicke ihn in den Busch.
 
Nun ist es soweit und die Ziege wird aus ihrem letzten Loch geholt. Stück für Stück wird sie in einen großen Topf gelegt und neben die Suppe in den Kofferraum gestellt. Auf der holprigen Heimfahrt kriecht uns der Geruch in die Nase. Ich kann es kaum erwarten bis das Abendbrot vorbei ist. Gekochtes Tier esse ich nicht gerne und schon gar nicht Körperteile wie Luftröhre, Blutmagen und andere Innereien, auch wenn ich wenigstens aus Höflichkeit etwas probieren würde. Überwinden kann ich mich dennoch nicht und zum Glück wird man hier nicht gezwungen etwas zu essen was man nicht mag.
Es regnet fast den ganzen Weihnachtsabend lang und so wird die für draußen geplante Feier nach innen verlagert. Wir spielen mehrere Spiele, darunter Steinewandern, ein weiteres Spiel ähnlich wie Activity und später Stuhltanz. Als Mitbringsel hatten wir in D.F. Vanillekipferl nach deutschem Rezept gebacken, die innerhalb kurzer Zeit verschwunden sind. Geschenke werden an Weihnachten nicht ausgetauscht, das erfolgt später am 6. Januar, dem Tag der Heiligen drei Könige.
Am nächsten Tag gehen wir an einem anderen Fluss baden und picknicken, wobei nach der Mandarinenschalenschlacht die Reste der Ziege bis auf die Knochen verspeist werden.
 
Den letzten Abend verbringen wir auf dem Zocalo, dem Platz vor dem Rathaus. Die Mexikaner haben ihre eigene Art mit politischer Unzufriedenheit umzugehen. So sind das Rathaus und der Platz mit Aufschriften wie „Monica la Rata“ verziert. Monica ist der Nachname des Bürgermeisters der der Geldscheffelei (la rata = die Ratte) bezichtigt wird. Er wurde vor einiger Zeit aus der Stadt vertrieben. Die Polizei hat nichts unternommen, da sie es im Prinzip genauso sieht.
Wir schlendern noch ein wenig über die Kirmes, die unseren Volkswiesen in nichts nachsteht: jede Menge Essen, Spielbuden und Fahrgeschäfte. Nur das man bei uns wahrscheinlich nicht im laufendem Betrieb Schweißarbeiten am Gestell durchführen würde und um das kleine Riesenrad eine Sperrzone gezogen hätte, damit niemand von den rotierenden Gondeln am Kopf getroffen wird. Die warmen Churros jedenfalls versüßen uns den Abend nachdem wir an einer Schießbude ein paar Puppen zum Tanzen gebracht haben.
 
Am nächsten Morgen müssen wir mal wieder von lieben Menschen Abschied nehmen. Wir werden dazu eingeladen, wiederzukommen und wissen im gleichen Moment dass es wie so oft ein Abschied für immer sein könnte. Die Rückfahrt nach D.F. zieht sich in die Länge und für das letzte kurze Stück in die Stadt brauchen wir 2 Stunden. Da hilft es dann doch wenn einem die Straßenverkäufer die Süßigkeiten beim Ampelstopp ans Auto bringen. Als Schokoriegelverkäufer an der Dauerstaustrecke an der Leverkusener Brücke auf der A1 wäre es bestimmt einen Versuch wert.
 


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Oaxaca – Feste und Proteste

20.-26.12.2014
 
Bereits im Vorfeld, als wir Jorge und Roxana nur über Email und Facebook kannten, boten sie uns an uns über Weihnachten mit zu ihrer Familie nach Oaxaca zu nehmen. Das kam für uns etwas überraschend oder könnt ihr euch vorstellen, jemanden aus einem fremden Land, den ihr nicht kennt, über Weihnachten zu Eurer Familie einzuladen?
 
Wir fahren also am 20.12. in zwei Autos mit Jorge, Roxana, Jorges Mutti Veronica und seiner jüngeren Schwester Laura in den Weihnachtsurlaub. Die Bikes haben wir in Mexiko-Stadt bei Jorges Elternhaus unterbringen können. Unser erstes Ziel ist die Hauptstadt Oaxaca des gleichnamigen Bundeslandes. Am Nachmittag kommen wir an und checken in ein Hotel ein.
Wir machen uns auf zur Stadterkundung und stoßen bald an einer Straßenecke auf gepanzerte Landes- und Kommunalpolizei. Jorge zuckt nur mit den Schultern als ich ihn frage wofür sie hier sind. Er vermutet die Gegenwart von wichtigen Regierungsmitgliedern. Wir beschäftigen uns also erstmal auf dem anliegenden Markt mit dem Verspeisen von gerösteten Grashüpfern. Da es unser erstes Insekt ist, was wir gleich zerkauen werden, kostet es schon ein wenig Überwindung es in den Mund zu stecken. Mit dem Chili Gewürz ist es geschmacklich eigentlich in Ordnung, es ist eher der Kopf der sich bei dem Gedanken „Insekt“ querstellt, weil es so ungewohnt ist. In einer lauten, engen und überfüllten Markthalle essen wir zum Abendbrot ein Gericht mit Mole. Mole ist eine mexikanische Soße, die aus ungesüßter Schokolade, Chilis, Nüssen und weiteren Zutaten hergestellt wird und zu herzhaften Gerichten wie Fleisch und Gemüse gereicht wird.
 
Auf der Plaza im Stadtzentrum (dem Zocalo) stehen mehrere Campingzelte. Zuerst dachten wir hier wohnen Obdachlose, doch als wir immer mehr Zelte und dann auch die Plakate sehen wird es uns klar: der Platz ist von Demonstranten belagert, die auf die Ereignisse von Ayotzinapa aufmerksam machen und Handeln sowie Aufklärung seitens der Regierung fordern. Im September 2014 waren in der Kleinstadt im Bundesstaat Guerrero 43 Studenten von den Narcos (Drogenkartell) unter Mitwirkung der Kommunalpolizei entführt worden. Vermutlich sind sie ermordet worden und werden in ein paar Jahren in einem der Massengräber gefunden, die gelegentlich in Mexiko entdeckt werden. Hier in Oaxaca stehen nun Bürger, ausgestattet mit Holzlatten und wollen wissen, wo ihre Studenten, ihre Kinder, ihre Geschwister oder ihre Mitbürger sind. Auf Plakaten steht „Ayotzinapa, Crimen de Estado“ – „Ayotzinapa, Verbrechen des Staates“, an einer Leine hängen Fotos mit Namen und Alter jeder der 43 Studenten „Vivos los Queremos“ – „Wir wollen sie lebend“. Jetzt wissen wir auch warum die Polizei um die Ecke steht. Heute bleibt jedoch alles friedlich. Auf dem Platz tummeln sich Familien mit Kindern, Hochzeitsgesellschaften, Ballonverkäufer und viele andere Menschen.
 
Später am Abend werden wir Zeugen von lokalen Hochzeitsfeier-Traditionen. Nach der Trauung in der Kirche tanzen auf dem Vorplatz große Pappmaché Figuren, welche das Hochzeitspaar symbolisieren, und alle Gäste sowie natürlich die frisch Getrauten tanzen mit. Unter lauter Begleitung von Livemusik einer Kapelle ziehen sie weiter durch die Straßen. Davon sehen wir heute Abend gleich drei Züge. Bei einer der Hochzeiten bekommen wir vor der Kirche Santo Domingo (eine der Hauptattraktionen der Stadt) ein Feuerwerk geliefert, welches ein Ausschnitt von „Rhein in Flammen“ hätte sein können. Immer wieder werden neue Raketen in die Abschussvorrichtung gestopft. Die Abschussvorrichtung steht dabei nur unweit von der Menschenmenge entfernt, was in Deutschland mit Sicherheit so nicht erlaubt wäre. Angeheitert durch die fröhliche Stimmung schlendern wir weiter durch die Straßen Oaxacas, vorbei an Kunstwerkstätten, Tanzveranstaltungen, einem Opernfestival und einem katholischen Menschenzug. Wir sind überrascht von der Vielfältigkeit der Ereignisse die sich hier abspielen.
 
Den Abend lassen wir im Hotel mit einem traditionellen mexikanischen Spiel ausklingen, welches Veronica mitgebracht hat. Es nennt sich „Loteria“, funktioniert ähnlich wie Bingo, nur mit Bildern anstelle von Zahlen und ist somit für uns eine gute Möglichkeit unseren spanischen Wortschatz zu erweitern. Da unsere mexikanischen Freunde auch gerade Deutsch lernen, ist für einen lustigen Abend gesorgt.
Endlich ist es soweit, wir besuchen zum ersten Mal eine der zahlreichen Zonas Arqueológicos, damit werden in Mexiko die Ausgrabungsstätten der Ruinen von Pyramiden oder ganzen Städten aus präkolumbianischer Zeit bezeichnet. Nahe Oaxaca liegt auf einem Berg in 2000m Höhe die alte Zapoteken Hauptstadt Monte Albán, welche religiöses, politisches und wirtschaftliches Zentrum der Zapoteken war. Auf der 200x300m großen, von ihren Erbauern künstlich angelegten Plattform, stehen die fast 2000 Jahre alten Bauten, darunter Pyramiden, Wohnanlagen, Grabkammern, ein Observatorium, Tempel, ein Ballspielplatz und Skulpturen. Wir steigen auf eine der Bauten und haben von oben einen Überblick auf die alte Stadt, in der nach Erkenntnissen der Archäologen während des Höhepunktes der Macht im 5. und 6. Jhd. n.Chr. bis zu 30.000 Menschen lebten. Da wir uns auf einer Bergkuppe befinden, haben wir nicht nur Aussicht auf die Stadt, sondern auch auf die umliegenden Täler, was das Erlebnis für uns noch imposanter macht.
Auffallend ist eine Reihe von Steinen mit eingemeißelten Figuren. Diese Steine heißen Danzantes, was so viel bedeutet wie Tänzer, da man die Figuren anfangs als diese interpretierte. Nach neuer Auffassung stellen die Strukturen jedoch nackte Kriegsgefangene dar, die zum Teil entmannt wurden. Das was als Bewegung im Tanz gedeutet wurde, sind sich vor Schmerz krümmende Häuptlinge anderer Stämme, die hier während diverser Zeremonien gefoltert wurden.
Im angrenzenden Museum kann man Fundstücke von Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenständen dieser heutigen Weltkulturerbe-Stätte anschauen. Der Eintritt zur Anlage ist für mexikanische Staatsangehörige frei, Ausländer zahlen 59 Pesos (ca 3,50€).
 
Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel, statten wir einem besonderen Baum, dem „El árbol del Tule“ einen Besuch ab. Haben wir im Sequoia NP in Kalifornien schon die größten Bäume der Welt gesehen, stehen wir nun vor einem weiteren der Größten: nämlich dem Dicksten. Die mehr als 2000 Jahre alte Mexikanische Sumpfzypresse misst 11,42 Meter im Durchmesser und hat einen Umfang von 54 Metern. Der Baum ist eingezäunt, kleine Kinder laufen als „Baumguides“ herum und zeigen den Touristen gegen Bezahlung bestimmte Figuren in Rinde und Baumstruktur. Wir lauschen nebenbei mit und bemühen uns den Hirschkopf, die Delfine oder sogar Angelina Jolies Knie zu identifizieren. Die zum Teil weit hergeholten Fantasien, für welche die Leute hier bezahlen, lassen schon fast Geschäftsideen für unsere Zeit nach der Reise aufkommen. Vielleicht können wir ja auch begeisterten Touristen einen Zeh von Madonna oder eine Augenbraue von Theo Waigel im Kreidefelsen auf Rügen zeigen.
 
Am Nachmittag fahren wir weiter nach Hierve el Agua. Dies ist ein Ort, der durch seine Naturschönheit verzaubert: zwei riesige versteinerte Wasserfälle stürzen in ein grünes Tal. Kohlensäure- und mineralhaltiges Wasser, welches mit 24°C aus einer warmen Quelle am Berg entspringt, hat über Jahrtausende diese beindruckenden Strukturen geschaffen, ein Effekt ähnlich dem der Entstehung von Stalaktiten. Oben auf der Plattform hat man etwas nachgeholfen und zwei kleine Schwimmbecken angelegt, die beinahe natürlich aussehen. Darin tummeln sich Liebespaare und Familien mit Kindern. Hinter einem der Planschbeckenränder, geht es steil hinab ins Tal, sodass die Badenden direkt aus dem Wasser einen herrlichen Fernblick haben. Von hier oben sehen wir auch einige Agavenfelder. Aus den Agavenpflanzen wird Mezcal, eine mexikanische hochprozentige Spirituose, zu der auch der in Deutschland beliebte Tequila gehört, hergestellt. Oaxaca ist die Ursprungsregion des Mezcal und seit Beginn der Kolonialzeit Zentrum für dessen Produktion. Während der Fahrt über das Land passieren wir zahlreiche kleine Mezcal Brennereien und Verkaufsläden, die verschiedenste Geschmacksrichtungen wie Kaffee, Ananas, Mango, Tamarinde und vielen weiteren anbieten.


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Mexiko-Stadt

17.-20.12.2014
 
Was wussten wir schon über Mexiko-Stadt? Vielleicht das es die Hauptstadt Mexikos ist, zu den größten Städten der Welt gehört und in der Nähe des Vulkanes Popocatepetl liegt. Als erstes lernen wir schon lange bevor wir die Stadt erreichen hinzu, dass die Mexikaner ihre Hauptstadt einfach nur „Mexico“ oder D.F. (Distrito Federal) nennen. Aus dem Norden kommend nähern wir uns dem riesigen Moloch in dem 8,8 Millionen Menschen leben, zählt man auch die umliegende Metropolregion hinzu, sind es 20 Millionen.
 
Die Caseta (Kassenhäuschen zum Bezahlen der Cuota = Mautgebühr) ist von halbmaskierten Jugendlichen besetzt. Im ersten Moment denkt man natürlich Schlimmeres, doch wir dürfen einfach ohne zu bezahlen durchfahren. Später erfahren wir, dass solche Aktionen gegen die Regierung gerichtet sind und eine Art Demonstration darstellen. Wir brauchen circa 1,5h durch die Stadt bis zu unseren mexikanischen Freunden. Die Autopista ist wie erwartet voll, dennoch haben wir Glück und können große Teile der Strecke im relativ flüssigen Verkehr fahren. Über uns kreuzen Straßen in bis zu 3 Etagen und von rechts und links fließt ständig neuer Verkehr hinzu. Mein Navigationsgerät ist mittlerweile desorientiert, denn die Autobahn die genau über unserer Fahrspur verläuft, versperrt dem GPS-Signal den Weg. Dazu fällt mir nichts Besseres ein als ruhig zu bleiben und mich daran zu erinnern, dass wir lange auf dieser Straße bleiben sollten und irgendwann mal nach links müssen. Nachdem wir von der Autopista runter sind, geht es auch schon direkt zur Sache. Auf einer dreispurigen Straße sind vier Spuren oder mehr eröffnet, auf denen man sich als Motorradfahrer sein Recht gegenüber den zahlreichen Bussen schon erkämpfen muss. In dem Fall bin ich erstmal froh, dass es nur langsam voran geht, denn dann wird man nicht so schnell über den Haufen gefahren.
 
Kurz vor dem Ziel begehen wir unsere erste bewusste Verkehrswidrigkeit in Mexico: wir nutzen die Spur, die exklusiv für den Metrobus gedacht ist. Wir stecken in einem langen Stau auf der Hauptstraße und müssten eigentlich nach links abbiegen. Doch das ist nirgendwo auf dieser Straße erlaubt, sodass wir uns auf der Suche nach einer Umkehrmöglichkeit immer weiter in die Falsche Richtung durch den Stau quälen. Auf der exklusiven linken Spur rauschen die Metrobusse an uns vorbei. Als nach einiger Zeit ein Motorrad hinterherdüst, entschließe ich mich das selbige zu tun. Wir fahren also auf der Metrobusspur vor bis zur nächsten Kreuzung, machen einen U-Turn auf die Gegenspur des Metrobusses und da wir schon mal auf der „freien“ Spur sind, mogeln wir uns zügig am Stau vorbei. Nur als dann wirklich ein Metrobus angedüst kommt, sind wir froh, als endlich die Ampel grün wird und wir gerade noch zurück auf die „normale“ Spur kommen.
 
Jorge und Roxana wohnen in einem Hochhaus im Norden von Coyoacán in einem 3-Zimmer Apartment. Jorge arbeitet bei einer mexikanischen Zeitung, Roxana ist Kunstlehrerin an einer öffentlichen Schule. Nicht zu vergessen „la Rata“ die alte Meerschweinchendame, welche die beiden vor kurzem adoptiert haben. An unserem ersten Abend in D.F. gehen wir mit Roxana und ihrer besten Freundin Denise im Zentrum von Coyoacan essen. Wir sind überrascht von dem schönen Hauptplatz (in Lateinamerika “Zocalo“ genannt): in der Mitte des schön angelegten und gut gepflegten Parks steht ein hübscher Pavillon, umgeben von vielen Bänken, die zum Sitzen und Verweilen einladen. Auf dem gesamten Platz tummeln sich Menschen: Familien mit Kindern, Liebespaare, Rentner, Jugendliche, Verkäufer von Süßigkeiten und Kleinwaren… Nach dem Essen gehen wir in eine Cocktailbar und machen erste Bekanntschaft mit dem mexikanischen Nationalgetränk: Pulque. Es ist ein durch Bakterien fermentierter Saft aus Agaven und kann zwischen 2 und 6 Vol.-% Alkohol enthalten. Da das Getränk schnell verderblich ist, findet man es kaum außerhalb Mexikos. Wenn mich die Mexikaner fragen, wie mir Pulque schmeckt, sage ich meist „mas o menos“, was so viel bedeutet wie „mehr oder weniger“. Es schmeckt eigentlich gar nicht so übel, nur die leicht schleimige Konsistenz ist mir zuwider. Zum Abschluss gibt es noch Churros: frittierte Teigstangen mit diversen Füllungen wie Karamell, Schokolade, Ananas und vielen anderen Geschmacksrichtungen, die wir noch nicht kennen.
 
Direkt am Folgetag unserer Ankunft hat Stephan einen Zahnarzttermin. Er verspürt seit einiger Zeit Druck auf einen Backenzahn und da wir es nicht auf eine Wurzelbehandlung in Guatemala oder Honduras ankommen lassen wollen, lassen wir es vorsorglich checken. Die mexikanischen Zahnärzte sind sehr gut ausgebildet, meistens haben sie in den USA studiert. Viele Amerikaner reisen für umfangreichere Zahnbehandlungen nach Mexiko, da die Behandlung hier mindestens gleich gut ist, aber nur halb so teuer. Im Behandlungszimmer ist alles vorhanden: Patientenstuhl, Lampe, diverse Bohrer und Schleifer, ein analoges Kleinbildröntgengerät, Mundschutz, Handschuhe, Waschbecken, Watteröllchen… . Dennoch wirkt es im Gesamtbild nicht so modern wie in Deutschland und abseits des Behandlungsstuhles nicht besonders klinisch rein. Daher bezeichnen wir die Ausstattungsvariante als „Basic“. Jorge begleitet uns und so sitzt Stephan im Behandlungsstuhl und wir diskutieren zu viert in dem kleinen Zimmer auf spanisch, englisch und deutsch über seinen Zahn. Die Anfertigung des Röntgenbildes ohne die für uns übliche Strahlenschutzweste kommt uns zunächst komisch vor. Doch nach späterer Recherche stellen wir fest, dass ähnliche Geräte auch in Europa genutzt werden und die Strahlendosis so gering ist, dass das Tragen einer Weste bei diesen Geräten eigentlich nicht nötig ist. Zur besseren Kommunikation und Übersetzung der Fachsprache zieht der Zahnarzt später seine englischsprechende Kollegin hinzu. Es diskutieren nun fünf Leute im Büro des Zahnarztes. Die finale Diagnose: Es ist eine Entzündung des Zahnes wegen zu viel Druckbelastung und sollte daher von allein wieder verschwinden. Es ist also keine Infektion die sich ausbreiten und schlimmer werden könnte. Durch Abschleifen des gegenüberliegenden Zahnes nimmt der Arzt Druck vom belasteten Zahn. Der insgesamt einstündige Zahnarztbesuch inklusive Röntgenbild und Beratung mit zwei Zahnärzten kostet uns 600 Pesos, also circa 35€.
 
Am Freitag hat Jorge frei (dafür arbeitet er sonntags) und so verbringen wir einen Tag mit ihm zum Sightseeing im Zentrum von Mexiko-Stadt. Wir beginnen mit der Plaza de la Constitucion, dem zentralen Platz der Stadt, einem der größten Stadtplätze der Welt. Hier findet sich der Sitz des Präsidenten von Mexiko im Nationalpalast, das Rathaus mit Sitz des Gouverneurs und des Stadtparlamentes von D.F. und die Kathedrale von Mexiko-Stadt, welche die größte Barockkirche der Welt ist. Wie an anderen Orten der Welt, zeigt sich auch hier der überflüssige Reichtum der Kirchen: das Innere der Kathedrale strotzt nur so von Blattgold, prunkvoller Verzierung und aller möglicher Handwerkskunst, sodass man Wochen damit verbringen könnte diese zu studieren. Die Spanier liebten es, als Zeichen ihrer Überlegenheit und zur Verankerung des Katholizismus im neu eroberten Land, ihre Kirchen und Paläste auf den eigens von ihnen zerstörten Städten der alten Hochkulturen aufzubauen. So geschah es auch hier mit der alten aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan, zur Zeit ihrer Entdeckung durch die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert, eine der größten Städte der Welt. Glasfenster im Boden auf dem Vorplatz der Kathedrale mit Blick auf die Ruinenreste des alten Aztekenpalastes erinnern daran.
 
Auf dem Hauptplatz sind im Rahmen der Weihnachtszeit eine große Schlittschuhbahn und eine Eisrutsche aufgebaut, auf der man mit Gummireifen hinunterrutschen kann. Das ist kostenfrei und entsprechend lang ist die Menschenschlange davor. Wir laufen durch Downtown vorbei am Tower Latinoamerika, der eine ganze Zeit lang das höchste Gebäude Lateinamerikas war. Menschen in Kostümen von Comic- und Filmfiguren wie Spiderman und Transformer-Robotern stehen ähnlich wie auf dem Sunset Boulevard in LA herum und verdienen als Fotomotiv ihr Geld. Ansonsten ist das Downtown Viertel genauso spannend wie die Hohe Straße in Köln: ein Geschäft neben dem anderen, ohne besonderen Charme.
 
Vorbei am Palacio de Bellas Artes und dem Tequila Museum, vor dem sich zahlreiche Mariachis (traditionelle Musiker) tummeln und auf Aufträge warten, bewegen wir uns in Richtung des Stadtteiles Tlatelolco. Auf der Plaza de las Tres Culturas wurden hier im Jahre 1968, kurz vor Eröffnung der olympischen Sommerspiele in Mexiko-Stadt, zahlreiche Studenten während einer Demonstration von Polizei und Militär getötet. Die Opferzahl dieses Massakers wurde nie endgültig bestätigt, meistens wird die Zahl 300 genannt. Jorge erzählt uns etwas mehr über das Geschehen. Demnach hätten sich Polizisten unter die friedliche Studentendemonstration gemischt und das Feuer auf die Militärs und Präsidentengarde auf dem Hochhausdach eröffnet. Dabei haben sie als Erkennungszeichen weiße Handschuhe getragen, um nicht selbst erschossen zu werden. Darauf hin wurde zur „Gegenwehr“ von oben gezielt auf die Studenten geschossen. Viele der Anwohner des Hochhauses haben den Studenten Zuflucht in ihrer Wohnung gewährt und wurden somit bei der Razzia im Anschluss selbst Opfer von Verschleppung und Mord. Heute erinnern einige Graffitibilder an dem Hochhaus vor dem Platz szenenhaft an das Geschehen. Im nahegelegenen Museo de Sitio Tlatelolco besuchen wir eine Ausstellung und Gedenkstätte zu Geschehnissen. Schon länger gab es zu jener Zeit Studentenproteste gegen den Terror der Regierung und für bessere Studienbedingungen. Der Präsident Gustavo Díaz Ordaz ordnete den brutalen Niederschlag an, um für Ruhe während der Olympischen Spiele zu sorgen und somit ein friedliches Bild für Mexiko-Stadt nach außen tragen zu können. Dass auch heute noch Regierungen nicht davor zurückschrecken, ihre eigene Bevölkerung zum Wohle von internationalen Großevents zu unterdrücken oder sogar Tote in Kauf nehmen, haben die Olympischen Spiele in China und die FIFA Weltmeisterschaft in Brasilien gezeigt.
 


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