Stahlratte

17.-20.07.2015
 
Ein neuer Kontinent wartet auf uns. Der Urwald zwischen Panama und Kolumbien ist für Motorradfahrer nahezu undurchdringlich, da es nicht einmal eine Schotterpiste hindurch gibt. Dessen Durchquerung mit dem Motorrad ist zwar schon Leuten geglückt, doch gleicht dieses Unterfangen eher einer extremen Expedition, auf der man sich auf die Begegnung mit bewaffneten Guerillas einstellen müsste. Vor zweieinhalb Monaten, in San Salvador, hatten wir bereits unsere Mitfahrt auf dem Segelboot gebucht. Nun sind wir soweit, um Zentralamerika zu verlassen und machen uns auf den Weg zum Ankerplatz der Stahlratte.
 
Wir quälen uns durch den Stau in Panama City. Die letzten 35 km fahren wir über die bisher beste Achterbahnstraße, die wir je gefahren sind. Die mittlerweile fast vollständig asphaltierte Straße durch den Regenwald, ist zum Teil so steil, das man diese Abschnitte nur mit einem Allradfahrzeug oder eben einem Motorrad bewältigen kann. Auf dem Bike hoffen wir nur, das wir bei der Steigung nicht wegen Gegenverkehr anhalten müssen.
 
Am Eingang des Reservates der Kuna-Indianer müssen wir die Kuna Tax (Steuer) bezahlen: stolze $23 werden pro Person verlangt. Dann endlich, nach weiterer Fahrt durch den Dschungel, erreichen wir das Meer und da liegt sie, die Stahlratte.
Sie ist ein mehr als 100 Jahre altes Segelboot und wird noch als „echtes Piratenschiff“ anerkannt. 1903 wurde der Zweimaster in einer holländischen Werft erbaut. Der Rumpf besteht aus genietetem Stahl, ist 38,5m lang, 6,6m breit und hat 2,8m Tiefgang. Betrieben wird die Stahlratte heute vom Verein zur Förderung der Segelschifffahrt, hat ihren Heimathafen in Bremerhaven und derzeit einen deutschen Kapitän namens Ludwig (genannt Lulu). Das Schiff hat schon viel von der Welt gesehen. Derzeit konzentrieren sich die Törns auf die Karibik mit Überfahrten zwischen Panama und Cartagena, Kuba, Jamaika und Belize. Kurze Zeit vor unserem Trip gab es einen Schaden am Zylinder, der jedoch in Kuba vorübergehend behoben werden konnte. Wir freuen uns schon seit dem Tag der Buchung auf dieses Abenteuer.
 
Wir sind die ersten der 12 Biker die mitfahren und warten am Steg auf die anderen. Les und Catharine, die beiden Kanadier, die wir bei Cancun zum ersten Mal getroffen hatten (NoAgendaWorldTour), begrüßen wir als erstes. Mit Mitte 50 und Mitte 60 sind sie auf eine Motorradweltreise aufgebrochen, Respekt! Bis auf Joey und Daniel, die auch mitfahren, kennen wir die anderen noch nicht. Es kommen noch Ben, Eli und Patrick aus den USA, Thomas mit seinem Elektrobike aus Polen, sowie Matt und Heather aus Australien und Kanada hinzu. Den beiden sind wir sogar schon einmal kurz in El Salvador über den Weg gelaufen, damals ohne Motorräder. Sie sind beide leidenschaftliche Surfer und transportieren ihre Surfboards seitlich am Motorrad. Das ist natürlich ein Hingucker und wir rätseln schon wie gut man damit fahren kann. Matt hat zusätzlich noch einen Anhänger hinten dran, um die Neoprenanzüge und weitere Ausrüstung zu transportieren. Es ist interessant zu sehen, wie andere Leute reisen und was es für verrückte Ideen gibt.
 
Nun aber zum Boarding: es gibt weder eine schöne Anlegestelle am Ufer noch eine Rampe an Board, um mit den Bikes auf das Schiff fahren zu können. Die Stahlratte legt also seitlich am Steg an und jedes Motorrad wird mit einem Seilzug von der Stahlratte an Deck gehoben. Das geht mit vereinten Kräften überraschend schnell und bald stehen neun Bikes sicher an Board. Es fehlen noch Joey und Daniel sowie Thomas mit dem Elektrobike. Wir machen uns langsam Sorgen um unsere Freunde, als sie mit fast zwei Stunden Verspätung doch noch ankommen. Gerade heute wurden sie von einer Polizeikontrolle aufgehalten.
 
Damit wir der 3-köpfigen Crew beim Verzurren und Abdecken nicht im Weg rumstehen, werden alle Passagiere mit einem Motorboot auf eine der nahegelegenen Kuna Inseln gefahren. Das ist Teil des ersten Tages und normalerweise hätte genug Zeit sein sollen, um diese kleine Karibikinsel zu erkunden und baden zu gehen. Leider wurden wir erst gegen 16:30 auf die Insel gebracht, sodass wir fast nichts mehr von dem Aufenthalt dort hatten. Dazu kam, dass sich die Kuna den Aufenthalt auf ihrer Insel, die scheinbar als Touristenauffangstation gedacht ist, teuer bezahlen lassen. Wir hatten also keine andere Wahl, als zähneknirschend die $30 pro Person hinzulegen. Das war mit Abstand die teuerste Übernachtung unserer ganzen bisherigen Reise. Auf der kleinen Insel gibt es nichts außer dieser Unterkunft und eine Landebahn. In weiter Entfernung liegen die Inseln, auf denen die Einheimischen tatsächlich wohnen. Wir denken uns unseren Teil und vermuten, dass die Stahlratte diesen Deal eingehen muss, um sich die Anlegestelle im Kunagebiet zu erhalten. Einen Aufenthalt auf einer „Indianerinsel“ haben wir uns jedenfalls anders vorgestellt. Später erfahren wir von Lulu, dem Kapitän des Schiffs, dass man weltweit, nur noch an den Inseln der Kuna ankern kann und die Inseln dann auch betreten darf. Überall anders müsse man Hafengebühren zahlen oder darf an Privatstränden gar nicht erst anlegen. Ein solcher Trip mit der Stahlratte, der einen Aufenthalt auf den San Blas Inseln mit BBQ am Strand beinhaltet, sei nirgends mehr möglich. Daher sei seiner Meinung nach auch die hohe Kuna Tax gerechtfertigt.
 
Am nächsten Morgen werden wir erst gegen Mittag wieder von der Insel abgeholt und zurück zur Stahlratte gebracht. An Deck gibt es ein leckeres Frühstück und dann heißt es Anker los. Es ist nur ganz schwacher Wellengang vorhanden, aber wir denken uns bald, dass die Überfahrt auf offener See heiter werden kann. Mir wird von dem bisschen Schaukeln schon fast übel. Nach circa zwei Stunden erreichen wir die San Blas Inseln, vor denen wir für die nächsten zwei Nächte ankern werden. Es sind mehrere kleine Inseln mit Kokospalmen und feinem Sandstrand im türkisblauen Meer, wie man sie aus Werbefotos kennt. Wir legen direkt die Badesachen an und gehen eine Runde schnorcheln, wobei wir Seesterne und Seeigel zu sehen bekommen. Am frühen Abend gibt es auf der Insel ein BBQ: Auf dem Rost über dem Feuer grillen wir uns Spieße mit Banane, Fleisch, Zwiebeln, Tofu und Paprika. Dazu gibt es Salat mit Brotfrucht. Noch lange sitzen wir alle am Lagerfeuer und tauschen Geschichten aus aller Welt aus. Zum Schlafen gehen wir wieder aufs Schiff und werden noch Zeuge eines schönen Naturschauspiels: das Schiff wird von mehreren Rochen umkreist. Im Taschenlampenlicht leuchten sie gelblich-weiß und wir beobachten, wie diese majestätischen Gestalten durchs Wasser schweben. Gelegentlich springt sogar eines dieser beeindruckenden Tiere aus dem Wasser.
 
Die Kuna Indianer
Die San Blas Inseln sind mit Kokospalmen bepflanzt. Eigentlich sind es Kokospalmen-Plantagen, die von den Kuna angelegt worden sind. Früher waren die Inseln mit Mangroven bedeckt, welche die Indianer abgeholzt haben. Die Inseln sind nicht dauerhaft bewohnt, doch kommen die Familien abwechselnd für jeweils 3 Monate zur Ernte auf die Inseln. Die geernteten Kokosnüsse dürfen sie dann verkaufen. Mit Einbäumen fahren sie auf dem Meer von einer Insel zur anderen. Auf unsere Frage hin, wie die Kuna sich mit Trinkwasser versorgen, erzählt uns Lulu, dass sie nur durch das Trinken von Kokosnusswasser und das Essen von Früchten und gekochten Gerichten Flüssigkeit aufnehmen. Er erzählt uns weiterhin, dass die Kuna ein sehr friedvolles Völkchen sind. Sogar mit ihren eigenen Straftätern seien sie sehr geduldig und versuchen diese mit Worten anstatt mit harten Strafen zu belehren. Wenn der Geduldsfaden jedoch reißt, folgt die Verbannung aus dem Stamm. Bei Untreue gibt es allerdings doch eine Strafe: der Betrüger muss einen Tag an einem öffentlichen Platz auf einem Ministuhl sitzend ausharren, ohne umzufallen. Die Kuna dürfen sich zwar mit Fremden verheiraten, doch müssen sie dann den Stamm verlassen, da eine Integration des Nicht-Kuna in den Stamm nicht möglich ist.
 
Ein Unwetter am nächsten Morgen hindert uns daran wieder schnorcheln zu gehen. Dafür sichten wir Delphine und schauen uns geschützt auf dem Boot das Blitzlichtgewitter an. Drei Kuna-Frauen in farbenfroher traditioneller Kleidung kommen an Board und verkaufen ihren Schmuck. Leider sind sie etwas fotoscheu. Wir wollen mit dem Schnorcheln warten bis sie wieder abreisen, um Fotos machen zu können, wenn sie mit ihrem Einbaum abfahren. Am Ende steigen sie leider ins Motorboot und ziehen den Einbaum hinter sich her.
 
LuLu filetiert inzwischen an Deck den bestimmt 1 Meter langen Fisch fürs Abendbrot, den die Kuna vorbeigebracht haben. Die Crew hat in der Zeit das Swing-Rope klargemacht, ein langes Seil, an dem wir uns von der Reling ins Wasser schwingen können. Diese akrobatische Übung kostet doch etwas Überwindung, denn es sieht vom Absprungort am Bug aus, als würde man in die Seite vom Boot knallen, bevor man unten ankommt. Es macht jedoch großen Spaß, auch wenn man ab und an etwas unsanft im Wasser landet. Später fährt uns Juan, eines der Crew-Mitglieder, in kleinen Gruppen hinaus zu einer Mini-Insel, auf der genau eine Palme steht. Um diese Insel herum zieht sich ein Riff, das wir nun erkunden wollen. Gemeinsam mit Joey mache ich mich in Schnorchelausrüstung auf den Weg. Die Korallen sind zwar wenig farbintensiv, aber sie haben sehr interessante Formen. Es tummeln sich einige bunte Fische um uns herum und wir sehen einen Aal und eine Muräne, der wir lieber nicht den Finger hinhalten. Es herrscht guter Wellengang und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von der Insel wegtreiben lassen oder unsanft aufs Riff gedrückt werden.
Am Abend gibt es an Deck ein ausgezeichnetes Dinner mit gebackenen Kartoffeln, paniertem Fisch und Hummer in Sauce. Nach einem schönen Abend an Board, bewundern wir wieder die Rochen, die uns umkreisen.
 
Nun wird es ernst. Gegen 5:30 Uhr heißt es Anker los und wir beginnen die circa 30 Stunden dauernde Überfahrt auf offener See nach Cartagena. Von weitem sehen wir schon die dunkle Wolkenfront und recht bald befinden wir uns in einen Sturm. Bei dem Regen und Wind können wir nicht mehr an Deck bleiben, und gehen unten ans offene Heckfenster. Es dauert nicht lange bis die Seekrankheit einsetzt. Wir haben keine Anti-Seekrankheit Tabletten genommen und müssen uns abwechselnd übergeben, als wäre es ansteckend. Für uns fühlt es sich an wie extrem starker Seegang. Halb über dem Heckfenster hängend, blicken wir auf die Wellenberge, die sich hinter uns aufbäumen. Aus dem Wellental heraus können wir nicht mehr über den Wellenberg hinausschauen und sehen keinen Horizont mehr. Wiederum auf dem Wellenberg sitzend, blicken wir in die Tiefe. Die Wellenberge und -täler von nah und fern ergeben ein einzigartiges Muster, eine riesige wabernde Masse, die fast nicht begreifbar ist. Um uns herum ist nur Wasser, soweit das Auge reicht. Auf einer Seegang-Skala von 1 bis 10 wäre es laut Lulu immer noch eine 1, was wir für etwas untertrieben halten. Seine Crew gibt dem Seegang immerhin eine 3. Wie fühlt sich dann wohl „Seegang 10“ an oder allein schon diese Fahrt auf einem kleineren Segelboot?
 
Nachdem wir um die Wette gekotzt haben, versuchen wir es damit uns unter Deck hinzulegen und die Augen zu zumachen. Das funktioniert sogar einigermaßen. Ich entscheide mich dann doch eine dieser Anti-Seekrankheits-Tabletten zu nehmen, damit es später auch im Stand besser geht, doch nach 2 Minuten kommt sie wieder raus. Das ist das übliche Problem, wenn man sie nicht schon mehrere Stunden vor Abfahrt genommen hat. Sie bleiben nicht lange genug drin um ihre Wirkung zu entfalten. Nachdem ich einige Zeit geschlummert habe, ruft uns Daniel ans Deck: Delphine! Etwas widerwillig quälen wir uns aus unserer Koje, haben wir doch gerade einen Zustand erreicht, indem uns nicht dauerhaft schlecht ist. Entgehen lassen können wir uns es aber auch nicht und als wir schließlich am Bug stehen, sind wir überwältigt. Unter uns am Bug fliegen die Delphine nur so durchs Wasser. Man sieht kaum ihre Schwimmbewegung, sie scheinen wie Torpedos mühelos durchs Wasser zu schießen. Es ist ein unglaublicher Anblick. Der Kapitän erklärt uns später, dass die Delphine beim Schwimmen vor dem Bug leichter Nahrung fangen können. Die Fische können aufgrund der veränderten Lichtverhältnisse ihre Jäger nicht mehr rechtzeitig erkennen und sind somit leichte Beute.
 
Zum Abendessen gibt es sehr leckere Pasta mit zwei verschieden Saucen, von der wir leider nicht viel runter bekommen. Für den Notfall in der Nacht mache ich mich an Board auf die Suche nach Müllbeuteln. Von dem Herumgetorkel wird mir wieder schlecht und die Pasta verschwindet im nächtlichen Ozean. Beim Herüberlehnen über den Rand erblicke ich unter mir das Funkeln von Leuchtbakterien. Wer hat schon den Luxus sich in ein solch glitzerndes Spektakel übergeben zu dürfen? Nachdem ich fertig bin, bewundere ich noch einige Zeit dieses Naturschauspiel, welches man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Die Nacht können wir ohne weitere Zwischenfälle durchschlafen und erwachen morgens, als wir uns auf spiegelglatter See befinden. Die Seekrankheit ist wie weggeblasen, was zum Zuschlagen beim ausgiebigen Frühstücksangebot verleitet. Später gibt es wieder etwas mehr Wellen und ich bereue das ausgiebige Frühstück schon fast wieder, aber es geht alles gut.
 
Land in Sicht: zum ersten Mal erblicken wir Kolumbien. Wir fahren zwischen zwei alten spanischen Festungen hindurch in eine Bucht und bewegen uns immer weiter auf Cartagena zu. Die letzte Stunde verbringe ich im Bugnetz und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Die Skyline Cartagenas überrascht zunächst, hätten wir nicht mit einer solch modernen Stadt gerechnet. Im Hafen vor Anker liegend, warten wir auf die „Immigration Officer“ um unsere Einreisestempel in die Pässe zu erhalten. Zunächst kommt jedoch die Armada Nacional und durchsucht unser Gepäck. Die Bikes bleiben noch für eine Nacht an Board. Wir verlassen das Schiff nur mit den nötigsten Klamotten und suchen ein Hostel auf.
 
Am nächsten Morgen sind wir um 6:15 Uhr am Hafen um die Bikes abzuladen und das restliche Gepäck zu holen. Je vier Bikes werden auf ein schwimmendes Ponton geladen, welches dann zum Ufer gefahren wird. Die kurze Fahrt mit den Bikes zum Zoll ist quasi illegal, da wir noch keine Einfuhrerlaubnis fürs Fahrzeug haben. Diese bekommen wir allerdings nur, wenn wir das Fahrzeug dem Zoll vorführen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Einheimischer leitet uns auf der Suche nach dem Eingangstor zum Zoll fehl und so drehen wir eine illegale Extrarunde durch den morgendlichen Berufsverkehr im Einbahnstraßensystem. Nun warten zwölf Bikes auf ihre Abfertigung. Die Stahlratte hat einen Agenten organisiert, da der Einfuhrprozess in Kolumbien nicht trivial ist. Dieser kommt zwei Stunden zu spät, sodass wir zusätzliche Wartezeit in Kauf nehmen müssen, da nun viele andere Fahrzeuge vor uns dran sind. Erst um 14:30 könnten wir unsere Papiere abholen, was für den heutigen Tag zu spät ist, um eine Versicherung für das Motorrad abzuschließen. Die Zwischenzeit nutzen wir, um das Gepäck vom Schiff zu holen.
 
Nun heißt es endgültig Abschied zu nehmen von der Stahlratte und ihrer Crew. Etwas wehmütig blicken wir zurück. Es war ein sehr schönes Abenteuer und hätte gerne noch etwas länger andauern können. Kaum war die Seekrankheit überstanden, war es schon wieder vorbei. Auch schweißt das enge Zusammenleben an Board zusammen, ob man will oder nicht. Mit den meisten haben wir uns gut verstanden und neue Bekanntschaften geschlossen.
Insgesamt war es immer entspannt und locker. Der Kapitän und die Crew (Juan aus Spanien und Christina aus Deutschland) waren sehr hilfsbereit und haben für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das Essen übertraf alles, was wir seit langem in Zentralamerika bekommen haben. Das ist vielleicht auch keine Kunst, aber sagen wir es war einfach gut und sehr zufriedenstellend.
 
Wäre die Fähre noch gefahren, hätten wir aus Kostengründen diese genommen. Die Stahlratte hat uns das Dreifache gekostet, war aber letztendlich ein unvergessliches und einzigartiges Erlebnis. Das Freiheitsgefühl auf See welches man plötzlich empfinden kann, ist unglaublich. Gleichzeitig fühlt man sich der Naturgewalt völlig ausgeliefert. Das Meer ist so riesig, dass man es kaum begreifen kann. Wenn man in alle Richtungen nur noch Wasser sieht, fühlt es sich plötzlich so an, als könnte man sich auf einem anderen Planeten befinden. Sind wir gerade wirklich noch in der realen Welt? Diese, von oben manchmal so bedrohlich wirkende Masse, beherbergt unter ihrer Oberfläche doch so viel Leben und so viel Schönheit.
Die Meeresbewohner, die man nur aus dem Film oder Aquarien kennt, in echt zu sehen, war sehr ergreifend. Besonders die Rochen und Delphine wirken majestätisch und das Meeresfunkeln fast schon magisch. Solche Erlebnisse führen wieder zu dem Bewusstsein, dass es für uns wichtigere Dinge gibt, als die Auswahl der passenden Ledersitzbezüge zum Edelholzarmaturenbrett.
 


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Panama

16.06. – 25.06.2015

Es ist wieder einmal so weit, es ist Zeit für ein neues Land und unseren zehnten Grenzübergang. Panama wir kommen.
An der Grenze läuft es wie immer. Wir brauchen gute zwei Stunden um unsere Papiere abstempeln und die Teneres mit Pestiziden besprühen zu lassen. Da uns die Hitze in den letzten Wochen zugesetzt hat, sind wir froh, dass wir ein kleines Hostal in Boquete gefunden haben, welches rund 1000m über dem Meeresspiegel liegt und somit für eine Abkühlung sorgt.

Hier treffen wir auch auf Tobi aus Luckenwalde. Er ist in Panama, Nicaragua und anderen Kaffee-Ländern unterwegs um seine leidenschaftliche Verbindung zu Kaffee zu intensivieren. Wenn wir uns mit ihm über Kaffee unterhalten, sprüht das Interesse für dieses Gewächs auch auf uns über. Und dies obwohl wir beide keine „großen“ Kaffeetrinker sind. In seinem Blog „Mit dem Kaffeestrauch per Du“ (http://tobisguterkaffee.blogspot.com) schreibt er über seine hier gemachten Erfahrungen.

Am nächsten Tag lernen wir zwei weitere Deutsche kennen, es sind Stella und Andi (http://travelling.healthyfish.de), die mit dem Rucksack die Welt bereisen und auf der Suche nach seltenen Tieren sind. Ebenso wie mit Tobi verstehen wir uns auf Anhieb sehr gut und können Stunden lang über unsere Reiseeindrücke reden und austauschen.
Neben einer kleinen Wanderung in eine nahegelegene Kaffee-Plantage nutzen wir die verbleibende Zeit um einige Sachen zu reparieren. Der Verschleiß an Reißverschlüssen und anderen Gegenständen macht sich langsam bemerkbar. Nichts ist für die Ewigkeit.

Viele Kilometer wollten wir eigentlich am nächsten Tag zurücklegen, aber eine rund 200km lange Baustelle mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf meistens 30km/h, ist da alles andere als hilfreich. Bei dem Tempo würde man rund 6 Stunden und 40 Minuten für die Strecke brauchen. Zum Glück hält sich so gut wie niemand an die Geschwindigkeitsbegrenzung und so kommen wir noch relativ flott voran. Bei den oftmals verschmutzten Fahrbahnen ist jedoch besondere Vorsicht geboten. Gerade dann wenn wir von einer Spur auf die andere wechseln müssen. Aber als wäre die Baustelle nicht schon genug, schaffen wir es selbst uns gute zwei Stunden unsinnig auszubremsen.
Bei einem Tankstopp betanken wir unsere Teneres selbst, was in Zentral- und Südamerika eher unüblich ist, da es hierfür meist Personal an den Tankstellen gibt. Der Tankwart hier scheint aber schwer beschäftigt und wir haben es eilig, sodass wir das Tanken, wie in Deutschland üblich, selbst in die Hand nehmen. Was sich aber als folge schwerer Fahler herausstellt.

Nachdem ich mit dem Betanken meiner Maschine fertig bin, kommt der Tankwart zu uns herüber und meint es wäre Diesel. Schade, dass ich mein Gesicht in diesem Augenblick nicht sehen konnte. Das ist ein schlechter Scherz. Auf der Zapfsäule steht eindeutig „Regular“, was hier bisher immer für Normalbenzin stand. Wir wissen immer noch nicht ob wir dem Kerl glauben sollen. Warum kommt der erst jetzt zu uns als wir quasi fertig sind und nicht schon eher, wenn er schon registriert, dass wir Diesel in das Motorrad tanken. Kopfschüttelnd stehen wir da und wollen das Ganze nicht wahr haben. Wir schauen ungläubig die Zapfsäule an und fragen uns: „Sind wir so dumm, oder ist das hier bescheiden ausgeschildert?“ Egal eine Lösung muss her! Eine Angestellte ruft einen Mechaniker an der in „ein paar Minuten“ da sein soll. Ich bin mir aber sicher, dass dieser völlig unvorbereitet hier ankommen wird, was heißt, dass er keine Pumpe zum Absaugen des Diesels dabei haben wird. Und so war es dann auch.

Wir schicken den „Mechaniker“ wieder weg und kümmern uns selbst. Zum Glück haben wir einen Schlauch und können den Diesel in einen großen Kanister abfüllen, den wir ein einem Geschäft neben der Tankstelle erstanden haben. Da wir uns aber nicht sicher sind, wie viel Diesel am Boden des Tanks übriggeblieben ist und wir nicht abschätzen können was ein Benzin-Diesel-Gemisch dem Motor oder der Einspritzung antun kann, entscheiden wir uns den kompletten Tank zu demontieren, um auch den verbleibenden Diesel zu entfernen. Das Risiko für einen Defekt ist uns einfach zu groß, zumal in einigen Tagen auch noch ein Flugzeug und später die Überfahrt nach Kolumbien mit der Stahlratte auf uns warten. Nach gut zweieinhalb Stunden können wir beruhigt weiterfahren. Auf der einen Seite sind wir froh, dass dem Bike nichts passiert ist. Auf der anderen Seite ärgern wir uns über die verlorene Zeit und den Aufwand. Aber so lange es bei solchen „Lappalien“ bleibt, sollten wir wohl eher froh sein, dass sie so glimpflich ausgehen. Wir möchten uns gar nicht vorzustellen was passiert wäre, wenn wir beide Bikes vollgetankt hätten und losgefahren wären …

Nach einer Nacht im Hostel machen wir uns nun auf den Weg nach Panama City zu Endy und seiner Familie, die etwas außerhalb der Stadt wohnen und werden dort warmherzig in Empfang genommen. Hier werden wir die nächsten Tage bleiben und die Stadt erkunden. Der eigentliche Plan war es hier zwei bis drei Tage zu bleiben um ein Gefühl für dir Stadt zu bekommen und später ein Hostel in der Nähe des Flughafen zu finden, aber schnell wird uns angeboten hier zu bleiben. Sogar die Bikes können wir während der Zeit in Kuba hier stehen lassen. Das ist für uns eine enorme Erleichterung.

Im Laufe der Zeit lernen wir auch noch einige andere Familienmitglieder, wie Endys Schwester kennen, die gleich um die Ecke wohnt. Bei einer Sightseeing-Tour mit Endy erkunden wir die Stadt, dabei darf der weltbekannte Panamakanal natürlich nicht fehlen. Wir haben Glück und können ohne lange warten zu müssen an den Miraflores-Schleusen die zentimetergenaue Durchfahrt einiger großer Frachter beobachten. Es ist wirklich sehr beeindruckend wie diese Riesen durch die enge Passage durchgeschleust werden.
Panama-Stadt ist ein international bedeutendes Banken-Zentrum. Das sieht man auch an der beeindruckenden Skyline, die man in anderen zentralamerikanischen Ländern nicht annähernd findet. 104 überwiegend internationale Banken haben ihren Sitz in Panama-Stadt oder haben dort eine Niederlassung. In kaum einem anderen Ort der Welt gibt es mehr Bankfilialen. Neben dem modernen Erscheinungsbild, gibt es auch noch einen älteren Stadtteil. Casco Viejo ist das alte Viertel der Stadt mit Kolonialbauten, verschiedenen Kirchen und dem Präsidentenpalast. Auch hier führt uns unser Gastgeber herum und hält viele interessante Informationen zu den Gebäuden und Plätzen für uns bereit.
Nachdem der Versuch meine Kamera in Guatemala reinigen zu lassen nicht klappte, bin ich froh hier endlich einen Canon-Store gefunden zu haben, der dies dann endlich, wenn auch zu einem stolzen Preis, zu meiner Zufriedenheit bewerkstelligen kann. Endlich ist die Zeit der dunklen Punkte im blauen Himmel zu Ende.

Auch die Zeit mit Endy und Marisol neigt sich vorerst dem Ende zu. Morgen geht unser Flug nach Kuba. Von Endy perfekt instruiert finden wir im Wirrwarr der vielen Busse unseren Weg zum Flughafen und starten zu einer Reise in der Reise.

 

Kuba

08.07 – 17.07.2015

Nach dem Stress am Flughafen in Kuba, werden wir in Panama-Stadt nach der Angabe der Adresse unserer Gastgeber ohne weitere Nachfragen durchgewunken und brauchen uns keine Gedanken mehr zu den absurden Vorstellungen/Vorgaben der Fluggesellschaft machen. Puhhh! Man hört ja öfters mal von solchen Storys, aber man zweifelt dann schon ein wenig über so viel Schwachsinn. Bis man eines besseren belehrt wird.

Die verbleibende Zeit in Panama nutzen wir wieder einmal für organisatorische Dinge (Datensicherung, Paket in die Heimat (auf dieses wurden übrigens 38US$ in 30 Cent-Briefmarken geklebt), …) und bereiten uns auf die Überfahrt von Panama nach Kolumbien vor.

Am Wochenende besuchen wir auch die Oma von Endy auf dem Land, weit außerhalb von Panama-Stadt. Marisol und ihre Geschwister treffen sich mit ihrer Mutter fast jedes Wochenende hier und entfliehen so dem Trubel der Stadt. Das Grundstück ist fast wie ein kleiner Bauernhof und wir ernten dort Mangos und Yuca (Maniok), die wir auch gleich zum Mittagessen verputzen.

Nach einem leckeren Frühstück bei Endys Schwester Milena geht unsere Reise weiter und wir machen uns auf den hügeligen Weg zur Atlantikküste Panamas. Denn dort wartet die Stahlratte auf uns.


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