Weihnachten – Ziegenbraten am Fluss

23.-26.12.2014
 
Nach zwei Nächten in Oaxaca Stadt fahren wir weiter zur Familie von Jorge. In Putla Villa de Guerrero leben zwei Brüder von Veronica (der Mutti von Jorge) mit ihren Familien. Gegen Ende der mehrstündigen Fahrt durch die Berge sind wir „Topeskrank“. Mit Topes, auch schlafende Polizisten genannt, haben wir natürlich vorher schon Bekanntschaft gemacht. Auch mit den Motorrädern sollte man diese zumeist steinernen Geschwindigkeitsbegrenzer nicht mit zu viel Schwung erwischen. Hinten im Auto in Kombination mit kurvenreicher Straße und dem ständigen Abbremsen und Beschleunigen für die Topes kündigt sich uns ein flaues Gefühl im Magen an. Glücklicherweise lenkt uns die immer tropischer anmutende, in Nebelschwaden gehüllte Berglandschaft etwas davon ab.
 
Wir werden von Daniel und seiner Frau sehr freundlich empfangen und kaum dass wir sitzen steht auch schon ein Abendbrot auf dem Tisch. Als Appetizer probieren wir Ameisen. Mit einer Körperlänge von fast 1 cm sind sie etwas dicker als das was wir aus deutschen Wäldern kennen. Sie werden hier einmalig im Jahr gesammelt und werden unter anderem in Tacos gereicht. Ich hätte die Ameise nicht zerkauen sollen, geschmacklich finde ich sie nicht so besonders. Müsste ich mich entscheiden, würde ich die Grashüpfer vorziehen.
Das 2-Etagen Haus der Familie sieht von innen und außen aus wie ein Rohbau in Deutschland. Kein Putz, keine Farbe, die Möbel, soweit vorhanden, stehen vor der nackten Steinwand. Fensterscheiben gibt es keine, und die sind auch nicht nötig. Wahrscheinlich wären geschlossene Fenster in der ganzjährig feuchten Luft hier eher dem Schimmel zuträglich. Die wenigsten Räume haben Türen. Im Vorraum ist eine Hängematte angebracht, sehr sympathisch. Im Hinterhof befindet sich ein wichtiger Teil der Küche: die Feuerecke. Das Badezimmer ist ein circa 2 Quadratmeter großer Raum, in dem es eine Toilette, ein Waschbecken und ein aus der Wand ragendes Wasserrohr als Duschkopf gibt. Aus diesem kommt nur kaltes Wasser. Möchte man warm duschen, wird im Hinterhof über dem Feuer Wasser erhitzt und dieses dann in einem Eimer im Badezimmer zum Schöpfen bereitgestellt. In den Sommermonaten möchte man hier wahrscheinlich ohnehin nur kalt duschen.
 
Am 23.12. sind wir zu einer Taufe in einem Dorf weiter südlich in Oaxaca (San Miguel Tlacamama) eingeladen. Während der dreistündigen Anfahrt über Topes und Bergstraße, hören wir unsere Musik, die wir auf dem Smartphone mitgebracht haben, welche auch Roxana und Jorge gut gefällt.
Für die Feier machen die Dorffrauen vor Ort in Handarbeit Tortillas, eine von den älteren Frauen mit freiem Oberkörper. Der frisch zubereitete Teig wird zunächst in Bällchen geformt, dann in einer Handpresse zwischen Folie zu einem dünnen Fladen geformt welcher dann gekonnt in einer Handbewegung und ohne zu zerreißen auf die Feuerplatte gelegt wird. Der ersten spaßhaften Einladung mitzumachen, lehne ich zunächst ab. Später, entscheide ich mich dazu, es doch mal zu versuchen. So lerne ich Sylvia kennen, scheinbar die Chefin, die mich direkt mit ernster Miene und forschen Anweisungen instruiert. Damit ich den gut eingespielten Ablauf der Tortilla Herstellung nicht unterbreche, hatten sie mir etwas Teig zum Üben übrig gelassen. Mit meiner Lehrlingstunde stehe ich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der gesamten Partygesellschaft. Natürlich ist es interessant, wie sich Blondie bei der traditionellen Tortilla Herstellung anstellt. Und natürlich bleibt mir der Teigfladen an den Händen kleben, sodass mehrere Einzelstücke auf der Feuerplatte landen. Was soll’s, so ist wenigstens für Unterhaltung gesorgt. Nachdem ich dann einige Tortillas hergestellt habe, darf ich sie in einem Körbchen meinem Mann reichen, welcher sie dann verspeisen „muss“. Nun kann ich mit Sylvia auf ein Bier anstoßen und wir sind nun „beste Freundinnen“.
 
Ein Höhepunkt der Feier wird besonders von den Kindern herbeigesehnt: Piñatas zerschlagen (eine vorweihnachtliche Tradition in Mexiko). Heutzutage sind Piñatas Pappmachefiguren von Comic-helden, die mit Süßigkeiten gefüllt sind. Die Kinder versuchen der Reihe nach, die an einem Seil ausgehangene Figur mit einem Stock zu zerschlagen, sodass alle Süßigkeiten herausfallen. Sobald dies passiert ist, stürzen sich alle Kinder auf den Boden, um so viele Bonbons wie möglich zu ergattern. Ursprünglich hatten die Piñatas die Form einer Kugel mit sieben kegelförmigen Spitzen, welche die sieben Todsünden darstellen sollen. Man wollte sich also symbolisch von den Sünden befreien, indem man sie zerschlägt. Mittlerweile finden selbst die Mexikaner diese Ausweitung der Tradition fragwürdig, da die Kinder auf Figuren schlagen sollen, die sie eigentlich mögen. An diesem Tag jedenfalls werden einige dieser Figuren von den vielen anwesenden Kindern auseinandergenommen.
 
An Heiligabend gehen wir vormittags mit der ganzen Familie im Fluss baden. So sind wir eine Weile mit Springen und Wasserball beschäftigt. Am Flussufer gibt es auch gleich noch Mittagessen: Tortillas mit Käse und Avocados. Nach einigen Spielrunden Loteria im Gras fahren wir zurück zum Haus. Daniel nimmt uns später mit, um die Ziege abzuholen. Diese hatten wir zwei Tage zuvor noch lebend kennengelernt, nun fahren wir los, um sie im Topf wieder nach Hause zu bringen. Freunde von ihm hatten das Garen der Ziege bei ihrem Haus vorgenommen. Dazu wird ein Erdloch mit glühender Kohle ausgelegt und das Ziegenfleisch auf einem Holzgitter darübergelegt. Das ablaufende Fett und die Fleischsäfte bereichern eine Maissuppe, die in Töpfen darunter köchelt. Das Ganze ist mit Bananenblättern abgedeckt unter denen das Fleisch circa 3-4 Stunden gart. Als wir an der Hütte im „Dschungel“ ankommen, ist es noch nicht ganz fertig und wir müssen noch etwa eine Dreiviertelstunde warten. Die alte Frau die uns in Empfang nimmt, ist für mich so etwas wie ein Weihnachtsengel. Sie strahlte eine Freundlichkeit, Zufriedenheit und Glückseligkeit aus, die ich selten bei Menschen gesehen habe. In der ärmlich ausgestatteten Hütte leuchten ein paar Lichterketten und zwei kleinere Mädchen betrachten uns aus einer Distanz die sowohl eine gewisse Neugier als auch Scheu vermuten lässt. Inzwischen ist es dunkel und es hat angefangen stark zu regnen. Dem uns mehrmals angebotenen Dosenbier konnten wir uns schließlich nicht erwehren und so muss ich doch nach einiger Zeit nach der Toilette fragen. Kurzerhand bekomme ich eine Art Grubenlampe umgehangen und soll dem Jungen folgen. Es ist dunkel wie im Bärenarsch, regnet in Strömen und ich krieche durch das Unterholz, um ein ominöses Plumpsklo zu finden. Zum Glück kenne ich das noch vom Hof meiner Urgroßeltern, nur ohne den Teil mit dem Unterholz. Als mich Stephan später fragt wo nun das Klo sei kann ich mir das Lachen kaum verkneifen und schicke ihn in den Busch.
 
Nun ist es soweit und die Ziege wird aus ihrem letzten Loch geholt. Stück für Stück wird sie in einen großen Topf gelegt und neben die Suppe in den Kofferraum gestellt. Auf der holprigen Heimfahrt kriecht uns der Geruch in die Nase. Ich kann es kaum erwarten bis das Abendbrot vorbei ist. Gekochtes Tier esse ich nicht gerne und schon gar nicht Körperteile wie Luftröhre, Blutmagen und andere Innereien, auch wenn ich wenigstens aus Höflichkeit etwas probieren würde. Überwinden kann ich mich dennoch nicht und zum Glück wird man hier nicht gezwungen etwas zu essen was man nicht mag.
Es regnet fast den ganzen Weihnachtsabend lang und so wird die für draußen geplante Feier nach innen verlagert. Wir spielen mehrere Spiele, darunter Steinewandern, ein weiteres Spiel ähnlich wie Activity und später Stuhltanz. Als Mitbringsel hatten wir in D.F. Vanillekipferl nach deutschem Rezept gebacken, die innerhalb kurzer Zeit verschwunden sind. Geschenke werden an Weihnachten nicht ausgetauscht, das erfolgt später am 6. Januar, dem Tag der Heiligen drei Könige.
Am nächsten Tag gehen wir an einem anderen Fluss baden und picknicken, wobei nach der Mandarinenschalenschlacht die Reste der Ziege bis auf die Knochen verspeist werden.
 
Den letzten Abend verbringen wir auf dem Zocalo, dem Platz vor dem Rathaus. Die Mexikaner haben ihre eigene Art mit politischer Unzufriedenheit umzugehen. So sind das Rathaus und der Platz mit Aufschriften wie „Monica la Rata“ verziert. Monica ist der Nachname des Bürgermeisters der der Geldscheffelei (la rata = die Ratte) bezichtigt wird. Er wurde vor einiger Zeit aus der Stadt vertrieben. Die Polizei hat nichts unternommen, da sie es im Prinzip genauso sieht.
Wir schlendern noch ein wenig über die Kirmes, die unseren Volkswiesen in nichts nachsteht: jede Menge Essen, Spielbuden und Fahrgeschäfte. Nur das man bei uns wahrscheinlich nicht im laufendem Betrieb Schweißarbeiten am Gestell durchführen würde und um das kleine Riesenrad eine Sperrzone gezogen hätte, damit niemand von den rotierenden Gondeln am Kopf getroffen wird. Die warmen Churros jedenfalls versüßen uns den Abend nachdem wir an einer Schießbude ein paar Puppen zum Tanzen gebracht haben.
 
Am nächsten Morgen müssen wir mal wieder von lieben Menschen Abschied nehmen. Wir werden dazu eingeladen, wiederzukommen und wissen im gleichen Moment dass es wie so oft ein Abschied für immer sein könnte. Die Rückfahrt nach D.F. zieht sich in die Länge und für das letzte kurze Stück in die Stadt brauchen wir 2 Stunden. Da hilft es dann doch wenn einem die Straßenverkäufer die Süßigkeiten beim Ampelstopp ans Auto bringen. Als Schokoriegelverkäufer an der Dauerstaustrecke an der Leverkusener Brücke auf der A1 wäre es bestimmt einen Versuch wert.
 


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